KOMMENTAR

- 26.12.2018

Der Untergang des christlichen Abendlandes

 

Wer assoziiert mit der Überschrift nicht die sogenannte Islamisierung des christlichen Abendlandes? Welcher Nichtmuslim denkt hierbei nicht an die Muslime, denen er unterstellt, das christliche Abendland zu unterwandern und den boshaften Plan zu verfolgen, die christliche Prägung Europas durch eine islamische zu ersetzen? Wer von ihnen ertappt sich nicht bei genau diesem Gedanken, der letztlich die AfD groß machte, deren Aushängeschild es ist, das christlich-jüdische Abendland vor der „Invasion“ der Muslime zu retten?

Was die AfD und alle Rechtspopulisten scheinbar nicht realisiert haben, ist die Tatsache, dass es da nichts mehr zu retten gibt, weil das christliche Abendland schon längst Geschichte ist und ein christlich-jüdisches Abendland niemals Teil der Geschichte war und nur ein Ausdruck historischer Reinwaschung ist, den genau jene gerne verwenden, die in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wahrscheinlich selbst Schaufenster eingeschlagen oder Hauswände mit judenfeindlichen Sprüchen beschmiert und noch Schlimmeres getan hätten. Zudem – das muss die Retter des christlichen Abendlandes ziemlich schockieren – haben die Muslime nichts damit zu tun, dass das christliche Abendland gar nicht existiert. All die Sorge um das vermeintlich „christliche Abendland“ zeigt, dass der besorgte Bürger das System, in dem er lebt, im Grunde nicht verstanden hat. Wo der Kapitalismus herrscht, kann es kein christliches Abendland geben. Selbst wenn man alle Muslime des Landes verwiese, ihre Moscheen abrisse und nicht ein Kopftuch mehr zu sehen wäre, könnte man nicht von einem christlichen Abendland sprechen. Deutschland ist mit und ohne Muslime kein christliches, sondern ein kapitalistisches Land, und zwar als Resultat der Aufklärung, die das christliche Abendland eliminiert hat.

Die Menschen, die noch an einem christlichen Abendland festhalten, wissen so gut wie nichts mehr über christliche Werte und christliches Leben. Mit einem heidnischen Fest wie Halloween haben sie kein Problem, Feuerbestattungen sind inzwischen die Regel und die Geschenke bringt nicht mehr das Christkind, sondern der Weihnachtsmann, den viele mit dem Nikolaus verwechseln. Weihnachten zelebrieren sie als wichtigstes christliches Fest, obwohl Ostern und Pfingsten von weitaus größerer Bedeutung sind. Die besorgten Abendländer sind also äußerst tolerant, was die Praktizierung unchristlicher Dinge angeht, die im Widerspruch zu ihrem Glauben stehen. Das sehen sie nicht so eng. Aber wehe, ihnen läuft eine Muslima mit Kopftuch über den Weg; dann ist gleich die ganze Christenheit in Gefahr. Jene, die aus den neuen Bundesländern stammen und sich als besonders besorgte Bürger in den Vordergrund stellen, kannten zu DDR-Zeiten überhaupt keine Religion. Schon vergessen, dass Religion Opium für das Volk sei? Chemnitz hieß Karl-Marx-Stadt und das System war kommunistisch. Das christliche Bewusstsein erwachte bei diesen „Abendlandrettern“ erst in ihrem Bestreben nach Abgrenzung zum Islam und den Muslimen. Ihre Verbindung untereinander stellt nicht das Christentum her, sondern ihre Islamfeindlichkeit.

„Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte“, hieß es schon in der Europa-Rede des deutschen Dichters der Romantik Novalis. Dies war eine Reaktion auf politische und gesellschaftliche Veränderungen durch die Französische Revolution und die Aufklärung, die bei den Menschen unter anderem eine Untergangsstimmung verbreiteten. Die Sehnsucht nach einem christlichen (Abend-)Land ist also nicht neu. Bei Novalis war es das christliche Europa des Mittelalters, das er idealisierte und das mit der Realität des christlichen Mittelalters nichts tun hatte. Nach welchem christlichen Abendland sich die AfD sehnt, weiß sie wahrscheinlich selbst nicht.

Die Trennung der Religion vom öffentlichen Leben durch die Aufklärung und ihre Verbannung ins Private war unter anderem eine Folge der Unterdrückung der Menschen durch die Kirche. Abgeschafft wurde das christliche Abendland demnach bereits vor Jahrhunderten von der Aufklärung. Ist man nicht genau darauf stolz und hält man es nicht immer und immer wieder den Muslimen vor, keine Aufklärung gehabt zu haben? Wo also kein christliches Abendland existiert, kann auch nichts islamisiert werden. Die Aufklärung hat die Kirchen geleert und christliche Werte entwertet. Genau deshalb klingt es sehr altertümlich, wenn man vom christlichen Abendland oder nur vom Abendland spricht. Es handelt sich um einen Ausdruck, der ohnehin keine feste Definition hat und je nach Zeit Unterschiedliches bezeichnete.

Der Ausdruck, der nur eine Illusion wiedergibt, lenkt ab von den wahren Problemen der Menschen im „Abendland“. Die Probleme, die die Menschen im Alltag haben, rühren mit Sicherheit nicht daher, dass in Deutschland Muslime leben, die sich entsprechend ihrem Glauben kleiden, in die Moschee gehen oder fasten. In der Erörterung der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht, finden sich keine Problemlösungen für Menschen, die vollkommen andere Sorgen plagen. Stellt es vielleicht die Lösung eines Problems dar, wenn der Staat ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen verhängt und muslimische Lehrerinnen deshalb an Schulen abgelehnt werden, während ein extremer Lehrermangel herrscht und das Bildungssystem in Deutschland zu einem Bildungssystem von Quereinsteigern zu werden droht? Man lässt lieber Unterricht ausfallen oder stellt nichtausgebildete Pädagogen ein, die den Lehrerberuf nicht erlernt haben, statt muslimische Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichten zu lassen. Das ist die Politik jener, die mit dem Rücken zur Realität ihre Islamfeindlichkeit über die Sorgen und Nöte der Bürger stellen. Sie sind bereit, der Allgemeinheit zu schaden und Nachteile in Kauf zu nehmen, nur um die Muslime an der Praktizierung ihres Glaubens zu hindern.

Wenn die Politik nicht in der Lage ist, die Probleme der Bürger zu lösen, braucht es eine Strategie, damit der einzelne Bürger die Priorität seiner Probleme nicht wahrnimmt. Man verstellt ihm einfach die Sicht auf die Realität, suggeriert ihm, dass das christliche Abendland durch die Muslime bedroht sei, und verspricht ihm, sich dieses Scheinproblems anzunehmen.

 

Um Ahmad