INTERVIEW

- 05.02.2015

Interview mit einem Sprecher des Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir bezüglich des Angriffes auf „Charlie Hebdo“

Interview mit einem Sprecher

des MedienbürosvonHizb-ut-Tahririm deutschsprachigen Raum

bezüglich des Angriffes auf „Charlie Hebdo"

Kalifat.com: As-salamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuh. Vielen Dank Bruder, dass du dir die Zeit genommen hast, um zu den aktuellen Ereignissen Stellung zu nehmen. Barakallahu feek.

Mediensprecher: Wa aleykum as-salam wa rahmatullahi wa barakatuh. Ich danke dir für die Einladung.

Kalifat.com: Nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo" in Paris war das Entsetzen groß. Auch die vermeintlichen Vertreter der Muslime distanzierten sich umgehend und äußerten lautstark ihr Bedauern. Bedauerst du diesen sogenannten Terroranschlag auf die Meinungs- und Pressefreiheit ebenfalls?

Mediensprecher: Vor allem bedauere ich zutiefst, dass die sogenannten Vertreter der Muslime westliche Maßstäbe für die Beurteilung der Situation herangezogen haben. Ohne die für jeden Muslim obligatorischen Rechtssprüche zu berücksichtigen, übernahmen sie sowohl die Darstellung als auch die Terminologie westlicher Politiker und Medienvertreter. Sie bezeichneten den Vorfall als Akt der Barbarei, als Terror und als Angriff auf westliche Werte, die schon fast als goldenes Kalb gehuldigt werden. Auch beschimpften sie die Brüder Kouachi und ihre Sympathisanten als Hunde, Verbrecher und Wahnsinnige. Was ich ebenso bedauere ist, dass die Verbände auch auf politischer Ebene völlig versagt haben. Denn selbst nach profanen oder sogar weltpolitischen Maßstäben kann das Ereignis und die Schuldfrage nicht losgelöst von den Umständen betrachtet werden. Die Verbände sind ihrer Aufgabe also weder im Din noch in der Dunya gerecht geworden.

Kalifat.com: Wie hätten sie sich stattdessen äußern sollen?

Mediensprecher: Zunächst einmal hätten sie klarstellen müssen, dass es im Islam Positionen gibt, die unverhandelbar sind. Dazu gehört selbstverständlich das Beleidigen, Verunglimpfen und Verschmähen Allahs, seiner Gesandten, seiner Bücher und seiner Shari'a. Dies werden wir niemals und unter keinen Umständen dulden. Auch hätten sie bei den Brüdern Kouachi erst einmal vom Guten ausgehen und das Ereignis auf dieser Grundlage islamrechtlich untersuchen müssen. An dieser Stelle muss ich auch sagen, dass ich mich über die Widersprüchlichkeit dieser Leute wirklich wundere. Sonst sind es doch gerade sie, die uns weismachen wollen, wir müssten stets vom Guten ausgehen – selbst bei den Tyrannen, die in unseren Ländern offen mit dem Kufr regieren und sich mit dem Westen verbünden! Wenn wir die Herrscher aufgrund der islamrechtlichen Pflicht anprangern, heißt es dann, wir könnten nicht in ihre Herzen schauen und dürften nicht in diesem Ton über sie reden. Wenn aber einige Söhne dieser Umma die Beleidigungen gegenüber unserem geliebten Propheten (saw) nicht mehr ertragen können und sich in der Pflicht sehen, unsere Ehre zu verteidigen, sind alle Prinzipien vergessen. Sie werden als Hunde, Idioten und sogar als Ungläubige bezeichnet! Möge Allah (awj) uns vor solch einem Verständnis bewahren.

Kalifat.com: Aber ist es nicht so, dass die islamischen Verbände auch die Karikaturen kritisierten?

Mediensprecher: Genau dort liegt das Problem! Denn die Kritik bezieht sich zunächst einmal nur auf die Zeichnung selbst. Es heißt, man fände die Karikaturen unangebracht oder „nicht schön". Gleichzeitig betonen sie jedoch die Wichtigkeit von Meinungs- und Pressefreiheit und behaupten die Muslime müssten Entgleisungen dieser Art aushalten. Sie erkennen dabei nicht, dass es gerade diese Werte sind, die die Beleidigungen gegenüber unserem Gesandten (saw) erst ermöglicht haben. Wie ich bereits sagte, muss klargestellt werden, dass die Muslime derartige Dinge niemals akzeptieren werden und es muss schonungslos vermittelt werden, wie solche Karikaturen unsererseits eingestuft werden. Als klares Verbrechen nämlich!

Kalifat.com: Als Verbrechen?

Mediensprecher: Jawohl! Die Schmähung des Gesandten Allahs (saw) und unseres Dins ist eine klare Straftat, welche wir als solche verstehen und bezeichnen müssen. Darüber hinaus muss klar sein, dass es sich bei den Getöteten nicht etwa um Unschuldslämmer handelt! Es sind Übeltäter und Scharfmacher, die mit ihrer Hetze eine zentrale Rolle im sogenannten Krieg gegen den Terror spielen. Denn sie übernehmen durch ihre Zeichnungen die perverse Aufgabe, die Muslime zu entmenschlichen und sie im wahrsten Sinne des Wortes als Karikaturen darzustellen. Schon die Nazis wussten Karikaturen sehr wohl einzusetzen, um die Hemmschwelle der verbalen und sogar physischen Gewalt immer weiter herabzusetzen. Doch „Charlie Hebdo" hat mit seiner Hetze neue Maßstäbe gesetzt. Selbst die Nationalsozialisten hatten mehr Anstand, schließlich haben sie nie pornographische Zeichnungen über die Juden und schon gar nicht über ihre Propheten angefertigt. Mit solch einem Bewusstsein müssten die islamischen Verbände jene Vorfälle beurteilen. Stattdessen zogen sie es vor, sich auf Demonstrationen und Veranstaltungen auf die Seite von Politikern zu stellen, die uns die Beleidigungen als Errungenschaft westlicher Kultur verkaufen wollen. Anstatt am Brandenburger Tor ein Tänzchen mit den eigenen Henkern aufzuführen und über den Angriff auf ein billiges Satireblatt zu jammern, dessen Namen einige von ihnen nicht einmal richtig aussprechen können, sollten sie sich fragen, auf welcher Seite sie stehen. Ich empfehle diesen Leuten über die Worte Allahs (swt) in Sure an-Nisa', Aya 140 nachzudenken, in der es sinngemäß heißt: Und er hat euch schon in dem Buch herabgesandt, dass – wenn ihr hört, dass die Zeichen Allahs geleugnet und verspottet werden – ihr nicht bei ihnen sitzt, bis sie zu einem anderen Gespräch übergehen; ihr wäret sonst wie sie. Wahrlich, Allah wird die Heuchler und die Ungläubigen allesamt in Dschahannam versammeln.

Kalifat.com: Ein Tänzchen mit ihren Henkern (lacht)?

Mediensprecher: Natürlich Bruder. Die Verbände haben der Umma mit ihrer Reaktion einen Bärendienst erwiesen. Durch ihr Eingeständnis, dass es sich dabei um einen Terroranschlag auf Unschuldige handle, haben sie die Repressalien gegen die in Europa lebenden Muslime abgesegnet. Die Verhaftungen, Razzien und Erschießungen der letzten Tage haben sie mit ihrer uneingeschränkten Solidarität mit zu verantworten. Besonders demütigend ist auch die Tatsache, dass die europäischen Regierungen sich sowohl schützend vor die eigentlich linksextremistische Zeitung „Charlie Hebdo" als auch vor die rechtsextremistische „Jyllands-Posten" stellten, während „unsere" Verbände beinahe schon darum wetteifern die vermeintlich Radikalen unserer Umma ans Messer zu liefern. Du siehst Bruder, nicht einmal die Kuffar gehen mit ihren eigenen Leuten so um.

Kalifat.com: Also sollte man die Sache nicht als einen Terroranschlag auf Unschuldige bezeichnen?

Mediensprecher: Auf keinen Fall Bruder! Selbst nach westlichen Maßstäben kann man hier von einer gezielten Tötung sprechen. Sind es nicht gerade die westlichen Staaten, die mit deutscher Unterstützung per Drohne weltweit Jagd auf Muslime machen? Dabei sagen sie doch selbst, es gehe dezidiert um die Liquidierung von „Ideologen des radikalen Islamismus". Es geht also um die gezielte Tötung von Personen, die andere zum Kampf inspirieren. Du siehst, die Vorfälle in Paris folgten einem Modus Operandi, der von den westlichen Staaten ansonsten doch zumindest toleriert wird – samt Kollateralschaden im Krieg gegen den Terror.

Kalifat.com: Und nach islamischen Maßstäben?

Mediensprecher: Ich persönlich werde mich davor hüten, meine Sorgfaltspflicht zu verletzen und meine Kompetenzen zu überschreiten, indem ich hier auf die Schnelle eine Fatwa aus dem Ärmel schüttle. Die Sache bedarf einer genauen Realitätsanalyse und Subsumierung mit den islamischen Texten. Eine Sache ist jedoch klar: Wir gehen davon aus, dass die betroffenen Brüder nach bestem Wissen und Gewissen beziehungsweise entsprechend ihres Rechtsverständnisses gehandelt haben, schließlich waren sie bereit, ihr Leben dafür zu opfern. Diejenigen, die durch ihre islamrechtliche Untersuchung zu einem anderen Ergebnis gelangt sind, müssten zur Kenntnis nehmen, dass die Brüder zumindest eine Shubha, einen Scheinbeweis, hatten.

Kalifat.com: Gibt es denn Texte, die auf diese Weise ausgelegt werden könnten?

Mediensprecher: Bruder, nur um sich einen Eindruck zu verschaffen, wie diese Sache islamrechtlich diskutiert wurde, verweise ich auf „al-Sarim al-Maslul" von ibn Taymiyya, „al-Sayf al-Maslul" von al-Subki, auf „al-Shifaa" von Qadi Iyad und „Tanbih al Walaa'" von ibn Abidin. Abgesehen davon möchte ich klarstellen, dass „Charlie Hebdo" mit seinen widerwärtigen Karikaturen für die Eskalation verantwortlich ist. Außerdem ist es unerträglich, dass eine Nation wie Frankreich ihre Hände in Unschuld zu waschen versucht. Eine Nation, die allein in Algerien über eine Million unschuldiger Muslime ermorden ließ. Frankreich war schon maßgeblich an der Zerstörung des Kalifats und der anschließenden Kolonialisierung der islamischen Welt beteiligt. Die Staaten und Regime des Nahen Ostens, unter denen die Muslime bis heute zu leiden haben, wurden von Großbritannien und Frankreich kreiert. Selbst die Tyrannei Bashar al-Assads wäre ohne die historische Vorarbeit Frankreichs schlichtweg nicht möglich. Darüber hinaus unterhält die „Grande Nation" ganz offiziell die größte staatliche Terrorarmee der Welt. Die weltberühmte Fremdenlegion ist nicht nur für unzählige Massaker und Vergewaltigungen verantwortlich, sondern rekrutiert auch aktiv Kriminelle und Kriegsverbrecher, verschafft ihnen eine neue Identität und lässt sie durch ihre Brutalität Angst und Schrecken verbreiten. Vor allem in Afrika, welches von den Franzosen bis in die 1960er Jahre hinein hochmütig als „Südfrankreich" bezeichnet wurde, gehören französische Militärinterventionen wie in Mali und Darfour beinahe zum politischen Alltag. Selbst ihre Atombombentests vollzog die französische Armee im kolonialisierten und besetzten Algerien. Kannst du dir ein von Muslimen besetztes Deutschland vorstellen, in dem gegen den Willen der Bürger im Schwarzwald Atomsprengköpfe getestet werden? So weit wie die Franzosen sind nicht einmal die Amerikaner oder die Sowjets gegangen.

Kalifat.com: Dennoch gibt es einige Muslime, die behaupten, man müsse den sogenannten Anschlag aufs Schärfste verurteilen. Weiter sagen sie, die Verbrechen der Franzosen haben mit der Sache nichts zu tun und sollten in der Diskussion nicht erwähnt werden. Unrecht lasse sich nicht mit Unrecht aufwiegen.

Mediensprecher: Ich rate den Geschwistern, nicht voreilig zu urteilen. Wenn sie nicht in der Lage sind, den Vorfall einer vernünftigen und detaillierten islamrechtlichen Untersuchung zu unterziehen, dann sollten sie schweigen. Der Prophet (saw) sagt in einem bei Bukhari und Muslim überlieferten Hadith: Wer an Allah und den jüngsten Tag glaubt, soll Gutes sprechen oder schweigen. Abgesehen davon ist es absolut lächerlich zu behaupten, die Politik Frankreichs hätte mit der Sache nichts zu tun. Seit wann werden Dinge dekontextualisiert betrachtet und beurteilt? In welcher Rechts- oder Moralphilosophie existieren Handlungen losgelöst von ihren Ursachen? Ich meine, selbst in Fällen, bei denen sich die Gesellschaft einig ist, dass es sich um klare Verbrechen handelt, wird dennoch der Kontext und damit die Ursache jener Handlungen untersucht. Stell dir vor, ein deutscher Jugendlicher stürmt in eine Grundschule und eröffnet das Feuer auf Schüler und Lehrer. Sobald der gesellschaftliche Schock über den Amoklauf abklingt, beginnen allerlei Diskussionen über vermeintliche Ursachen. Von Ego-Shootern, über Gewaltfilme bis hin zu traumatischen Kindheitserlebnissen wird jeder Erklärungsansatz bis ins kleinste Detail ausdiskutiert, geht es doch darum, die Beweggründe jener Tat zu erkennen, um solchen Dingen entgegenwirken zu können. Anders ausgedrückt, man versucht sich produktiv mit dem Ereignis auseinanderzusetzen, um das Problem zu lösen. Niemand würde in diesem Moment auf die Idee kommen, zu sagen, hierdurch würde das Töten unschuldiger Kinder gerechtfertigt, da man angeblich Verständnis für den Täter zeige. Oder stell dir vor, irgendjemand ist angeklagt. Denkst du der Richter interessiert sich nicht für die Motive des vermeintlichen Täters? Oder den Kontext des Tathergangs? Diese Dinge wirken sich auf das Urteil aus, können strafmindernd wirken oder sogar zu einem Freispruch führen. Die Dinge müssen stets im Kontext betrachtet werden und das erst recht, wenn es sich um gesellschaftspolitisch relevante Ereignisse handelt. Gerade die Bundesrepublik sollte das doch bestens nachempfinden können, schließlich werden in Deutschland Terroristen wie Staufenberg und der Freiherr von Gersdorff als Helden verehrt. Da das Ziel ihrer Anschläge Adolf Hitler war, rechtfertigt man selbst das neuerdings so verteufelte Selbstmordattentat und zeichnet die überlebenden Widerstandskämpfer nachträglich noch mit dem Bundesverdienstkreuz aus! Der Kontext spielt also eine überaus wichtige Rolle. Doch wenn Muslime Dinge tun, die dem Westen nicht passen, versuchen die Verbände mit allen Mitteln den soziopolitischen Kontext und die globale Dimension der Auseinandersetzung unter den Teppich zu kehren. Selbstverständlich hängt der Vorfall in Paris mit der Politik dieses Staates und im Speziellen mit den widerlichen Zeichnungen zusammen. Jeder, der etwas anderes behauptet, ist entweder nicht bei Verstand oder ein gewaltiger Heuchler! Und falls Muslime dazu neigen, die Dinge dekontextualisiert zu betrachten, möchte ich sie auf Surah al-Baqara Vers 217 aufmerksam machen. Ich empfehle ihnen auch den diesbezüglichen Tafsir der Gelehrten zu studieren, um ein gesundes Verständnis zu entwickeln.

Kalifat.com: Aus deinen bisherigen Antworten geht hervor, dass du von der offiziellen Darstellung des Vorfalls ausgehst. Viele Muslime behaupten jedoch, es habe sich um eine „False Flag Operation" gehandelt (d. h. „unter falscher Flagge", dass die Tat von dunklen Mächten, wie Geheimdiensten, begangen wurde, um sie dann den Muslimen in die Schuhe zu schieben). Was hältst du von solchen Theorien?

Mediensprecher: Hizb-ut-Tahrir ist eine politische Partei, deren Ideologie der Islam ist. Wir sind weder an den Ermittlungen in Frankreich beteiligt, noch sind wir Detektive, Kriminologen, Forensiker oder Ballistiker. Wir werden uns nicht an irgendwelchen Spekulationen beteiligen, die ohnehin zu nichts führen. Stattdessen arbeiten wir mit der allgemeinen Faktenlage, betrachten den Vorfall in seinem soziopolitischen Kontext und beurteilen diesen anhand unserer islamischen Maßstäbe. Der Westen startet derzeit einen außerordentlich entschlossenen ideologischen Angriff auf die in Europa lebenden Muslime. Es steht nichts Geringeres als unsere islamische Identität, unsere Lebensweise, unsere Aqida und unser Iman auf dem Spiel. Wir müssen darauf entsprechend reagieren, indem wir einen intellektuellen und politischen Kampf führen. Es gilt unsere Werte zu verteidigen und die ihrigen genau zu untersuchen und zu widerlegen. Das ist die Arbeit unserer Partei und die Aufgabe aller fähigen Muslime, die in Europa leben. Ich möchte unseren Geschwistern dringend davon abraten, ihre Nächte mit Youtube-Videos um die Ohren zu schlagen, in denen irgendwelche Laien zwanghaft versuchen, vermeintliche Verschwörungen aufzudecken. Darin liegt überhaupt kein Nutzen für die Muslime. Anstatt unsere Zeit mit diesen Theorien zu verschwenden, sollten wir uns für die politische, ideologische Auseinandersetzung wappnen, die ja längst begonnen hat und sich in Europa höchstwahrscheinlich noch verschärfen wird.

 

Kalifat.com: Die westlichen Regierungen haben darauf bestanden, dass es sich bei dem Vorfall nicht einfach um einen Terroranschlag handelt, sondern betonten immer wieder, es handle sich um einen Angriff auf die Kerngedanken der westlichen Identität. Auch angesichts deiner Worte frage ich mich nun: Ist der Kulturkampf jetzt vollends entbrannt?

 

Mediensprecher: Von einem militärischen Schlagabtausch im konventionellen Sinne kann hier natürlich keine Rede sein, denn es stehen sich nicht zwei feindliche Armeen oder Staaten gegenüber. Vielmehr handelt es sich bei den Angriffen der Muslime um seltene Verwerfungen, die die ideologische Auseinandersetzung und die damit einhergehende Kollision der verschiedenen Werte mit sich bringt. Auch hier muss klar gesagt werden, dass in erster Linie der Westen die Verantwortung für die Eskalation trägt. Er will kritisieren, beleidigen und hetzen, unterbindet jedoch gleichzeitig jede Form eines sachlichen Diskurses mit den Muslimen. Anstatt eine öffentliche Diskussion mit muslimischen Ideologen zu führen, verbietet man ihre Bewegungen, spioniert ihre Mitglieder aus, sperrt sie ein und weist sie in ihre Heimatländer aus, nachdem die deutschen Behörden in vorausschauender Weitsicht Informationen an die lokalen Folterknechte weiterleiteten, auf dass die muslimischen Denker vor Ort standesgemäß empfangen werden. Bei solch einer Politik müssen sich die europäischen Regierungen nicht wundern, wenn der militante Weg dem einen oder anderen Muslim als einziges Mittel erscheint, um seiner politischen Position Ausdruck zu verleihen.

Kalifat.com: Aber in letzter Zeit habe ich in zahlreichen Talkrunden gehört und auch in vielen Artikeln gelesen, dass die Muslime aufgrund der fehlenden Aufklärung und Reformation nicht die intellektuelle Reife besäßen, um eine sachliche Debatte, wie du sie hier vorschlägst, führen zu können. Daher könnten sie auch nicht vernünftig mit der Meinungsfreiheit umgehen und würden stets aggressiv reagieren. Wie viel Wahrheit steckt in diesem Vorwurf?

Mediensprecher: Ungefähr so viel wie in der Behauptung, Deutschland werde nach 1945 nie wieder einen Krieg führen. Dieser Vorwurf ist eine der größten Lügen der Menschheitsgeschichte! Was glauben diese Leute überhaupt? Denken sie, die Muslime befänden sich in einer Glaskuppel oder kämen von einem anderen Planeten, sodass die Kulturgeschichte spurlos an ihnen vorbeiziehen konnte? Meinen sie wirklich, dass die muslimische Umma die Ideen der Aufklärung nicht kennt? Unsere Gelehrten haben sich zu einer Zeit mit der persischen, indischen und hellenistischen Philosophie beschäftigt, in der die Mitteleuropäer einen Reisigbesen noch für ein diabolisches Fluggerät hielten. Im Gegensatz zu der Christenheit jedoch, konnte der Islam aufgrund seines rationalen Überzeugungsfundamentes, seines stringenten Gottesbildes und seiner Fokussierung auf die vorhandene Realität der Philosophie Paroli bieten. Anscheinend kennen fragwürdige Talkgäste wie Necla Kelek nicht das aus dem frühen vierzehnten Jahrhundert stammende Werk „al-radd ala al-mantiqiyiin" – die Widerlegung der Logiker von ibn Taymiyya. Die Oxford University bezeichnete die besagte Schrift als die „vernichtendste Attacke", die je gegen die aristotelische Logik formuliert wurde. Selbst in der schwächsten Phase des osmanischen Kalifats – also bereits nach der französischen Revolution und zu einer Zeit in der Napoleon bereits Ägypten und andere Teile der islamischen Welt okkupierte – konnte das Weltbild der Muslime und insbesondere ihre Aqida nicht durch das westliche Gedankengut soweit verzerrt werden, dass sie die Idee der menschlichen Selbstbestimmung und die damit einhergehende Säkularisierung des Islam als revolutionären Gedanken akzeptierten. Nicht einmal nach der Zerstörung des Kalifats und der darauffolgenden Zwangssäkularisierung unserer Länder gelang es die islamische Aqida durch die Idee der Selbstbestimmung und der Freiheiten tatsächlich abzulösen. Im letzten Jahrhundert, dem Jahrhundert der Ideologien, waren es die muslimischen Völker, die sich weder dem kapitalistischen Westen, noch dem kommunistischen Osten bereitwillig unterworfen und ihre eigene Identität aufgegeben haben. Während sich die Kulturen aller Völker dieser Erde – von Japan bis nach Chile – in diesen eurozentrischen Ideologien auflösten, waren es die Muslime, die sich ohne Staat, ohne Armee und ohne materielle Möglichkeiten dem entgegenstellten. Es waren muslimische Gelehrte und Denker wie Sheikh Taqiuddin al-Nabhani, die durch die korrekte Definition und richtige Anwendung des Verstandes sowohl den Marxisten als auch den Apologeten westlicher Ideen das Fürchten lehrten. So widerlegte er den dialektischen Materialismus und entlarvte den reaktiven Charakter des Säkularismus und der Freiheiten. Wir Muslime kennen ihre Ideen also sehr wohl und ich bin mir sicher, dass wir den Leuten, die uns diese Vorwürfe machen, sogar Nachhilfe in dem Gedankengut ihrer geistigen Ziehväter geben könnten. Und ich sage hier klar und deutlich: Jawohl, es stimmt, das Christentum ist an der Aufklärung gescheitert - aber die Aufklärung ist am Islam gescheitert!

Kalifat.com: Möchtest du dem abschließend noch irgendetwas hinzufügen?

Mediensprecher: Die Muslime dürfen sich nicht von der materiellen und technischen Überlegenheit des Westens blenden lassen. Nur weil sie ein iPhone bauen können, heißt das noch lange nicht, dass der Westen über ein korrektes Verständnis bezüglich Gerechtigkeit, Moral, Ethik und Menschlichkeit verfügt. Der Islam ist dem westlichen Gedankengut mehr als gewachsen! Die Muslime sollten sich selbstbewusst auf die Denker dieser Umma besinnen und den intellektuellen Kampf aufnehmen. Gleichzeitig fordern wir den Westen auf, seine Hetze und Beleidigungen sowie alle kriegerischen Akte in unseren Ländern einzustellen. Wenn die Intellektuellen und Politiker Europas nicht den Mut besitzen, sich einer offenen und ehrlichen Debatte zu stellen, dann sind sie es, die vorsätzlich das friedliche Zusammenleben in Europa gefährden und militante Reaktionen auf beiden Seiten provozieren. Der Westen sollte aufhören, einerseits von Meinungsfreiheit zu schwadronieren, andererseits aber keine andere Meinung zuzulassen und Maulkörbe zu verteilen. Hizb-ut-Tahrir ist davon überzeugt, dass nur ein ehrlicher und beidseitig respektvoller Umgang sowie eine offene und intellektuelle Auseinandersetzung dieser inzwischen angst- und hasserfüllten Atmosphäre in Europa Einhalt gebieten kann. Wir für unseren Teil sind bereit für diese Debatte.

Kalifat.com: Ich bedanke mich recht herzlich für deine Zeit und freue mich schon jetzt auf unser nächstes Interview. Jazakallahu khairan.

Mediensprecher: Wa iyyaak. Ich habe zu danken Bruder.