KONZEPTION

- 11.01.2019

Empathie aus Sicht des Islams

 

Ein äußerst wichtiger Wesenszug islamischen Charakters ist die Empathie. Das islamische Glaubensfundament (ʿaqīda) hält zur Empathie an und formt diese aus. Empathie bezeichnet die mehr oder weniger stark ausgeprägte Fähigkeit eines Menschen, die Gefühle eines anderen Menschen verstehen und nachempfinden zu können. Dabei versucht man sich so gut wie nur möglich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen.

Der Islam gebietet uns nicht nur, Einfühlsamkeit zu zeigen und die Probleme und Sorgen anderer nachzuvollziehen, sondern darüber hinaus auch zur Tat zu schreiten und sie bei der Bewältigung ihrer Probleme und Sorgen zu unterstützen. Er fordert also von uns, auf die Probleme und Sorgen der Menschen zu reagieren. Dies geht aus einem von Anas ibn Mālik tradierten Bericht hervor, gemäß dem der Gesandte Allahs (s) sprach:

«لا يُؤْمِنُ أَحَدُكُمْ حَتَّى يُحِبَّ لأَخِيهِ مَا يُحِبُّ لِنَفْسِهِ»

„Ihr seid nicht eher gläubig, bis ihr euch für euren Bruder das wünscht, was ihr euch für euch selbst wünscht.“ (al-Buḫārī; Muslim)

Um dies in die Tat umzusetzen reicht es also nicht aus, die Probleme und Sorgen unserer Geschwister zu verstehen und nachzuvollziehen. Vielmehr müssen wir ihnen das wünschen, was wir uns für uns selbst wünschen. Allah (t) erinnert uns an die Wichtigkeit dieses Wesenszugs, indem er den vornehmen Charakter unseres geliebten Propheten (s) wie folgt beschreibt:

﴿لَقَدْ جَاءَكُمْ رَسُولٌ مِّنْ أَنفُسِكُمْ عَزِيزٌ عَلَيْهِ مَا عَنِتُّمْ حَرِيصٌ عَلَيْكُم بِالْمُؤْمِنِينَ رَءُوفٌ رَّحِيمٌ

Zu euch ist nunmehr ein Gesandter aus euren eigenen Reihen gekommen. Bedrückend ist es für ihn, wenn ihr in Bedrängnis seid, (er ist) eifrig um euch bestrebt, zu den Gläubigen gnadenvoll und barmherzig. (9:128)

Allah (t) entsandte den Propheten (s) als vorzügliches Beispiel für uns, dem wir zu folgen haben. Dies geht aus dem folgenden ḥadīṯ hervor, gemäß dem der Gesandte Allahs (s) sprach:

«بُعِثْتُ لأُتَمِّمَ حُسْنَ الأَخْلاَقِ»

„Ich wurde entsandt, um die vornehmen Tugenden zu vervollständigen.“ (Mālik)

Das Einfühlungsvermögen zählt also zu jenen Fähigkeiten, die jeder Muslim anstreben sollte. Auch wird diese Fähigkeit, bzw. die Eigenschaft empathisch zu sein, weltweit geschätzt und als etwas Wichtiges und Gutes betrachtet.

Die Empathie gilt als herausragende und wichtige Fähigkeit, wobei die Gesellschaften versuchen, diese Fähigkeit in den Individuen auszubilden. Lässt man sich jedoch von etwas anderem leiten, als von den islamischen Konzeptionen, kann Empathie zu falschen Schlussfolgerungen und sehr gefährlichen Entscheidungen führen. Dies, weil der Islam über richtig und falsch, sowie erlaubt (ḥalāl) und verboten (ḥarām) entscheidet.

Es gibt zwei Arten der Empathie: die affektive und die kognitive Empathie. Affektive Empathie zeichnet sich beispielsweise dadurch aus, dass man ein Bild von leidenden Menschen sieht und ebenfalls Schmerz verspürt, ohne das Leid der Menschen direkt erfahren zu haben. Bei der kognitiven Empathie hingegen versucht man, die Sichtweise des anderen nachzuvollziehen.

Medien würden beispielsweise, sofern sie nicht vom Islam geleitet würden, stets die Notlage derer hervorheben, mit denen wir ihrer Auffassung nach Mitfühlen sollten. Sind diese Personen zugleich Menschen, denen unser Mitgefühl auch aus islamischer Perspektive zusteht, so kann dies viele gute Folgen nach sich ziehen. Zum Beispiel würde der Muslim die Bedürftigen in so einem Fall entweder finanziell (in Form einer ṣadaqa) oder sogar physisch unterstützen.

Es wäre jedoch problematisch, wenn wir anhand von unislamischen Maßstäben entscheiden würden, wem unser Mitgefühl zukommen sollte. Wann würden wir sagen, ist das Leid einiger, schlimmer als das Leid anderer? Eventuell würde man sogar in Kauf nehmen, dass einige im Elend leben, nur weil man sich daraus einen politischen Nutzen verspricht. Aus diesem Grund gibt man der Misere einen Namen, man benennt die Opfer und verbreitet ihre Geschichten.

Ein Beispiel für diese Art des voreingenommenen Mitgefühls ist die schreckliche Situation der Palästinenser. So hat man das „Leid“ der zionistischen Besatzungsmacht in den Fokus gestellt und versucht auf diese Weise Mitgefühl für die Besatzer zu generieren. Dabei hat man die Geschichten der Besatzer übermäßig hervorgehoben, tief in die Geschichte eingebettet und mit Bildern vom Leid des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs untermauert. In Hinblick auf die kognitive Empathie betont man ständig, dass ein sicherer Hafen für ein Volk nach einer derartigen Zwangslage unabdingbar sei, damit sich etwas wie der Holocaust nicht wiederholen könne. Man sieht ganz deutlich, dass viele Menschen auf diese Rhetorik hereinfallen und tatsächlich mit der Besatzungsmacht sympathisieren, statt sich auf die Seite der echten Opfer zu stellen – den Menschen in Palästina. Man versucht auf unmenschliche Weise zu verhindern, dass irgendjemand mit den unterdrückten Palästinensern Mitgefühl zeigt. Über die Opfer wird kaum gesprochen, geschweige denn, dass man von ihren Namen und Geschichten erfährt. An einem solchen Beispiel ist zu erkennen, dass Empathie auf schlechte Art und Weise genutzt werden kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass auch ein derart wichtiger Charakterzug wie die Empathie bedeutungslos werden oder sogar Schaden anrichten kann, wenn diese Fähigkeit außerhalb eines islamischen Rahmens genutzt wird. Losgelöst vom Islam würde man auch aus falschen Beweggründen Mitgefühl empfinden. Daher müssen wir verstehen, dass die Wesenszüge islamischen Charakters, die von unserem geliebten Propheten (s) vorgelebt wurden, stets vor dem Hintergrund der islamischen Lebensordnung zu verstehen sind, die all unsere Gedanken und Handlungen bestimmten sollte.

Der Gesandte Allahs (s) sprach:

«إِنِّي لأَسْمَعُ بُكَاءَ الصَّبِيِّ فَأَتَجَوَّزُ فِي الصَّلاَةِ»

„Ich höre ein Kind weinen, drum halte ich das Gebet kurz.“

 

Yasmin Malik