KONZEPTION

- 25.01.2019

Die Existenz der Hölle ist von der Rechenschaftspflicht nicht loszulösen

 

Ein italienischer Journalist sorgte für ein großes Durcheinander als er behauptete, dass Papst Franziskus ihm gegenüber in einem Interview angeblich gesagt hätte, dass „die Hölle nicht existieren“ und „sündige Seelen lediglich ausgelöscht werden würden.“ Diese Behauptung wurde später vom Vatikan dementiert. Der genaue Wortlaut des Papstes soll wie folgt gewesen sein: „Jene, die bereuen, erhalten die Vergebung Gottes und reihen sich unter die Seelen, die Seiner gedenken. Aber jene, die nicht bereuen, denen kann nicht vergeben werden, und sie werden ausgelöscht. Es gibt keine Hölle. Es gibt lediglich die Auslöschung sündiger Seelen.

Dabei handelt es sich um ein bemerkenswertes Zitat, sofern es sich dabei tatsächlich um die Aussage des Papstes handelt. Dies, weil die Lehre der Kirche die Existenz der Hölle sowie ihre Ewigkeit bestätigt.

Der Islam hat einen klaren Standpunkt in Hinblick auf diese Angelegenheit. Er lehrt uns, dass die Menschen am Tag des Gerichts für ihre Handlungen von Allah (t) zur Rechenschaft gezogen und mit Seiner Weisheit und Gerechtigkeit entweder ins Höllenfeuer geworfen werden, oder aber in das Paradies eintreten dürfen. Die Existenz dieser beiden Orte ist zweifelsfrei gesichert, auch wenn sich die Eigenschaften der Hölle und des Paradieses unserer Wahrnehmung entziehen. Die einzige Möglichkeit für uns, über die Eigenschaften der Hölle und des Paradieses nachsinnen zu können, besteht darin, den Koran und die ahādīth zu studieren. In den Offenbarungstexten wird die Hölle als ein Ort unvorstellbarer Qualen von ewiger Dauer beschrieben. Der Glaube an die Existenz der Hölle ist ein Teil des islamischen Überzeugungsfundaments (ʿaqīda) und damit ein wesentlicher Teil des Muslimseins.

Wir werden in Abhängigkeit davon von Allah (t) zur Rechenschaft gezogen, ob unsere Taten im Einklang mit Seiner Offenbarung standen. Infolgedessen hat sich ein jeder von uns dafür zu verantworten, ob seine Handlung mit dem jeweiligen islamischen Rechtsspruch (ḥukm šarʿī) konform ging.

Die eingangs erwähnte Aussage des Papstes passt – ob sie nun tatsächlich von ihm geäußert wurde oder nicht – in das aktuelle Denkmodell der westlichen Gesellschaften. So ist zu erkennen, dass Begriffe wie „Hölle“ und „Rechenschaftspflicht“ mehr und mehr von der Denkweise des Menschen losgelöst werden. Dies äußert sich darin, dass sich der Papst vage zur Hölle äußert und die Existenz einer Rechenschaftspflicht relativiert. Diese Entwicklung wird letztendlich zu einer Veränderung unseres Verhaltens führen. Die individualistisch-säkulare Natur der westlichen Gesellschaften zielt darauf ab, dass der Mensch sein Verantwortungsbewusstsein Gott und als Folge daraus auch allen anderen gegenüber verliert. In erster Linie befassen sich diese Gesellschaften mit den Rechten des Individuums, insbesondere natürlich um das Recht des Individuums auf maximalen Genuss zu sichern.

Der Rechenschaftspflicht und Verantwortbarkeit wird vom Islam ein hoher Stellenwert beigemessen. Es sprach der Gesandte Allahs (s) in einem von ʿAbdallāh ibn ʿUmar tradierten Bericht:

«أَلاَ كُلُّكُمْ رَاعٍ، وَكُلُّكُمْ مَسْئُولٌ عَنْ رَعِيَّتِهِ، فَالإِمَامُ الَّذِي عَلَى النَّاسِ رَاعٍ وَهْوَ مَسْئُولٌ عَنْ رَعِيَّتِهِ، وَالرَّجُلُ رَاعٍ عَلَى أَهْلِ بَيْتِهِ وَهْوَ مَسْئُولٌ عَنْ رَعِيَّتِهِ، وَالْمَرْأَةُ رَاعِيَةٌ عَلَى أَهْلِ بَيْتِ زَوْجِهَا وَوَلَدِهِ وَهِيَ مَسْئُولَةٌ عَنْهُمْ، وَعَبْدُ الرَّجُلِ رَاعٍ عَلَى مَالِ سَيِّدِهِ وَهْوَ مَسْئُولٌ عَنْهُ، أَلاَ فَكُلُّكُمْ رَاعٍ وَكُلُّكُمْ مَسْئُولٌ عَنْ رَعِيَّتِهِ»

Ihr seid alle Hirten, und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde: der Imam ist ein Hirte, und er ist verantwortlich für seine Herde. Und der Mann ist in seiner Familie ein Hirte, und er ist verantwortlich für seine Herde. Und die Frau ist im Hause ihres Mannes eine Hirtin, und sie ist verantwortlich für ihre Herde. Und der Diener ist ein Hirte in Bezug auf den Besitz seines Herrn, und er ist verantwortlich für seine Herde. Und ihr seid alle Hirten, und jeder von euch ist verantwortlich für seine Herde.“

Dieser ḥadīṯ zeigt deutlich auf, dass der Islam eine klare Sichtweise in Hinblick auf die Verantwortlichkeit hat. Es gibt zahlreiche andere Verse und ahādīth, die allesamt an die Verantwortung des Menschen anderen gegenüber erinnern. Ein Muslim mit einer islamischen Denkweise (ʿaqliya) wird seine Verantwortung anderen gegenüber ernst nehmen, da er verinnerlicht hat, dass er von Allah (t) dafür zur Rechenschaft gezogen wird.

Der ḥadīṯ beginnt mit der Erwähnung der Rechenschaftspflicht des Herrschers in Hinblick auf seine Verantwortung dem Volk gegenüber. Der Herrscher einer islamischen Gesellschaft (Kalif) wird wie jeder andere Muslim auch nach dem Wohlgefallen Allahs (t) streben und daher das islamische Regierungssystem über die Menschen anwenden. Der Kalif wird für viele verschiedene Angelegenheiten von Allah (t) zur Verantwortung gezogen:

«‏ما من أمير يلى أمور المسلمين، ثم لا يجهد لهم وينصح لهم، إلا لم يدخل معهم الجنة‏»

„Ein Herrscher der mit den Angelegenheiten der Muslime betraut wurde, sich aber nicht eifrig um ihre Verbesserung bemüht und nicht aufrichtig in ihrem Sinn handelt, der wird nicht gemeinsam mit ihnen ins Paradies eintreten.“ (Muslim)

Am Wortlaut dieser Überlieferung ist zu erkennen, dass der Regent des Islamischen Staates nicht nur die Aufgabe hat, Allahs (t) Wort zum Höchsten zu erheben, sondern darüber hinaus auch die Bedürfnisse seiner Staatsbürger zu befriedigen hat.  So muss der Kalif die ihm auferlegten Pflichten erfüllen, da er nicht nur in seiner Rolle als Muslim, sondern auch in seiner Rolle als Staatsoberhaupt von Allah (t) zur Verantwortung gezogen wird.

Davon abgesehen wird das islamische System die Staatsbürger als Kollektiv zu einer islamischen Denkweise ausbilden, sodass die Wahrung der Gesellschaft und der islamischen Gesetze als höchstes Ziel der Gesellschaft betrachtet wird. So wird sich die Gesellschaft nicht länger nur mit den Rechten des Individuums, sondern auch mit den Rechten und Pflichten der Gesellschaft befassen. Auf diese Weise werden die Rechte und Pflichten der Individuen und der Gesellschaft eingehalten und gewahrt. Die Lebensziele und Träume des Individuums stehen mit den Zielsetzungen der Gesellschaft untrennbar in Verbindung. Strebt die Gesellschaft als Kollektiv danach, das Wohlgefallen Allahs (t) zu erlangen, so wird dies auch zum Hauptziel der einzelnen Individuen werden. Beispielsweise sind die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich, während die Kinder im Erwachsenenalter dazu angehalten sind, ihre alternden Eltern zu betreuen. Das islamische System wird dafür sorgetragen, dass der Einzelne an seine Verantwortungen erinnert wird. Dadurch unterstützt der Staat seine Staatsbürger dabei, dass diese ihre Handlungen gemäß den Ge- und Verboten Allahs (t) ausrichten.

Wenn Begrifflichkeiten wie Hölle, Verantwortung und Rechenschaftspflicht in den Köpfen der Menschen an Bedeutung verlieren, führt dies zu großen Problemen innerhalb der Gesellschaft. Eine solche Entwicklung liegt in mangelndem Bewusstsein begründet. Dies lässt sich an den gravierenden Problemen erkennen, unter denen die muslimischen Länder heute zu leiden haben. All unsere Handlungen sollten mit unserer Überzeugungsgrundlage im Einklang stehen. Diese Überzeugungsgrundlage sagt aus, dass uns nach dem Tod ein ewiges Leben erwartet, wobei wir von Allah (t) für unser Handeln zur Rechenschaft gezogen und entweder mit ewiger Glückseligkeit im Paradies, oder aber der Schmach des Höllenfeuers bestraft werden. Das islamische Regierungssystem wird uns stets an unsere Verantwortung erinnern, sodass die islamische Gesellschaft als Kollektiv dazu angehalten ist, die Ge- und Verbote Allahs (t) einzuhalten.

 

Yasmin Malik

Mitglied des zentralen Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir