ANALYSE

- 03.12.2013

Eintausend und ein Islam - Ein säkulares Märchen

Nicht erst in der jüngeren Vergangenheit werden Muslime mit Aussagen und Aktionen der Ungläubigen und ihrer Lakaien konfrontiert, die das Ziel haben, das Licht, das uns von Allah (swt) über seinen Gesandten (sas) in Form der göttlichen Botschaft überbracht worden ist derart zu manipulieren, dass es im westlich-säkularen Kontext in einer entarteten und verkrüppelten Form weiterexistieren kann. Das erklärte Ziel ist die Formierung eines westlich geprägten Islam, der hierzulande als "deutscher Islam" oder als "Euro-Islam" mit seinen zweifelhaften Forderungen zu gleichermaßen zweifelhaftem Ruhm gelangt ist.

Der Islam soll so weit deformiert werden, dass er mit den Gesetzen des Unglaubens in Einklang gebracht werden kann. Die Ablehnung von Allah (swt) als Gesetzgeber und die säkulare Idee sollen von den Muslimen nicht nur anerkannt, sondern auch als islamisch akzeptiert werden. Von der einst glorreichen und umfassenden Idee einer islamischen Lebensordnung, die den Anspruch erhebt zu allen Zeiten und an jedem Ort für jedes Problem der Menschen eine korrekte Problemlösung anzubieten, verbleibt lediglich eine bloße Religion, die einige ethische Vorstellungen transportiert und sich lediglich auf Glaubensrituale beschränkt.

Obwohl dieser Prozess mit einer offenkundigen Erniedrigung der Muslime seitens der Ungläubigen einhergeht – man denke an die zahlreichen Kopftuch-Gerichtsurteile, staatliche Zwangsmaßnahmen wie dem Schwimmunterricht, an die Karikaturen und an die verbalen Angriffe (z.B. die Regensburger Rede) - erklären sich bedauerlicherweise immer wieder auch Muslime bereit, diesen Weg der Entfremdung zu begleiten oder gar mitzugestalten, um ihn dann als Erfolg im Dienste des Fortschritts zu verkaufen. Dabei bedeutet er aber nicht weniger als den Verrat am Islam und an den Muslimen, an der göttlichen Botschaft sowie die Abkehr vom Wege desjenigen, der diese Botschaft überbracht hat (sas).

Die klassische Sichtweise eines demontierten und nach westlich-säkularem Muster wieder zusammengefügten "Islam" kann eindrucksvoll anhand eines am 02.09.2013 im Deutschlandradio geführten Interviews mit dem Leiter des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Mouhanad Khorchide, gezeigt werden. Mit jenem also, der genau diejenigen Lehrkräfte ausbilden soll, die dann auf unsere Kinder losgelassen werden und der für sich in Anspruch nimmt, für den deutschsprachigen Raum eine zeitgenössische islamische Theologie geschaffen zu haben, die im Wesentlichen folgende Vorstellungen umfasst:

Gott trete in einen Dialog mit den Menschen, denn Gott sei an einer Beziehung zu den Menschen interessiert, was der Qur'an beweise, in dem Er beschreibe, dass Er Menschen erschaffen wolle, die Er liebt und die Ihn lieben.
Das Ergebnis dieser Betrachtung führe zum Ausschluss einer Herr-Knecht-Beziehung. Die Position Allahs als Befehlshaber sei kategorisch auszuschließen. Vielmehr handele es sich bei der Beziehung zu Seinen Geschöpfen um eine Liebesbeziehung und eine Kooperation, mit deren Hilfe der Schöpfer aller Dinge seine Barmherzigkeit in der Welt manifestiere.
Die Vorstellung von Hölle und Paradies oder das Konzept von Bestrafung und Belohnung sei als Maßstab für die Handlungen der Menschen ungeeignet und entspringe vielmehr einem kindlichen Verhaltensmuster. Der Mensch solle Gutes tun, nicht etwa um etwas dafür zu bekommen oder einer Strafe zu entgehen, sondern aus gutem Willen heraus. Ansonsten sei die Handlung moralisch unsauber. Motivation für die eigene Handlung sei eine Selbstverpflichtung und nicht etwa Furcht.

Der vorgestellte Thesenkomplex ist ein ausgezeichnetes Beispiel für den Versuch einer Säkularisierung der umfassenden islamischen Lebensordnung, die bei der Betreuung aller Angelegenheiten des Lebens die Verknüpfung zu ihrem Schöpfer vorsieht. Die Trennung zum allmächtigen Schöpfer von den Angelegenheiten des Lebens vollzieht sich in besorgniserregender Weise beginnend mit der Deklaration der Bedeutungslosigkeit der göttlichen Gesetzgebung bis hin zur erklärten Ungültigkeit eines der wichtigsten Konzepte des Islams, nämlich das der Gottesfurcht (Taqwa). An ihrer Stelle solle das Konzept einer nebulösen Selbstverpflichtung treten, was sofort die Frage aufwirft, welchem Zweck eine göttliche Ordnung eigentlich noch dienen soll. Schließlich können nur zwei Erscheinungsformen einer Verpflichtung existieren. Entweder entscheidet der Mensch über seine Pflichten oder sein Schöpfer urteilt darüber. Welche Rolle nimmt Gott ein, nachdem wir uns bereits selbst verpflichtet haben, etwas auszuführen oder zu unterlassen? Die hier gemeinte Selbstverpflichtung bedeutet also zwingend die Trennung Allahs (swt) von den Entscheidungen über die Angelegenheiten des menschlichen Lebens (Säkularismus).

Diesem pervertierten Verständnis steht das reine Bild der Gottesfurcht in Qur'an und Sunnah gegenüber. Taqwa wird dort als ein Konzept vorgestellt, das die Muslime vor dem Höllenfeuer bewahrt, indem sie die Befehle Allahs, des Erhabenen, befolgen, seine Anweisungen ausführen und sich von dem fernhalten, was Er uns untersagt hat. Denn Allah, der Erhabene, sagt:

„Und Allahs ist, was in den Himmeln und was auf Erden ist. Und wir haben jenen, denen vor euch die Schrift gegeben wurde, und euch selbst auferlegt, Allah zu fürchten. Wenn ihr jedoch ungläubig werdet, dann ist Allahs, was in den Himmeln und was auf Erden ist; und Allah ist auf keinen angewiesen und des Lobes würdig." (Sura 4, Aya 131)

Zudem sprach unser Prophet (saw) in seiner letzten Ansprache:

"Ich befehle euch Ihn zu fürchten, hört Ihm zu und gehorcht."

Sowohl die Aussage Allahs, des Erhabenen, im Qur'an als auch die Ansprache des Propheten (saw) beinhalten den Befehl an die Muslime, gottesfürchtig zu sein. Der Muslim verinnerlicht die Gottesfurcht und errichtet damit eine Barriere, die sich zwischen dem Menschen und dem Zorn und dem Missfallen seines Schöpfers manifestiert. Gottesfurcht, Taqwa, führt zum Streben nach Gehorsam seinem Gebieter gegenüber und hält den Menschen von den Restriktionen seines Herrn fern.

Was die Rolle der Liebe im Islam betrifft, so hätte man sich gewünscht, dass der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie seinem eigenen Ratschlag nachgekommen wäre, sich bei der Einordnung von islamischen Konzepten doch bitte auf die islamischen Quellen zu besinnnen, um menschliche Projektionen zu vermeiden.

Al-Azhari sagt dazu folgendes: „Die Liebe des Dieners zu Allah und Seinem Gesandten bedeutet der Gehorsam ihnen gegenüber und ihrem Befehl zu folgen".

Al-Baidawi sagte: „Die Liebe ist der Wille zum Gehorsam".

Al-Zaggag führte seinerseits dazu aus: „Die Liebe des Menschen zu Allah und Seinem Gesandten ist der ihnen geltende Gehorsam und seine Zufriedenheit mit den Befehlen Allahs und mit dem, was der Gesandte Allahs brachte."

Die Liebe Allahs zum Diener bedeutet die Vergebung, das Wohlgefallen und der Lohn.

Al- Baidawi sagte dazu: „'Allah liebt euch' d.h. Er vergibt euch, mit anderen Worten hat Er Wohlgefallen mit euch."

Al-Azhari sagte: „Die Liebe Allahs zu seinen Dienern ist die Vergebung, die Er ihnen schenkt.

Und Allah, der Erhabene, sagt:

„Wahrlich, Allah liebt die Ungläubigen nicht." (Sura 2, Aya 32)

Das heißt, Er vergibt ihnen nicht.

Al-Bagawiy sagte dazu: „Die Liebe Allahs zu Seinen Dienern ist Sein ihnen geltendes Lob, Sein Lohn und Seine Vergebung".

Al-Zaggag meinte: „Die Liebe Allahs zu Seinen Geschöpfen besteht in Seiner Vergebung für sie, Seiner Barmherzigkeit, Seiner Gnade und Seinem schönen Lob ihnen gegenüber." {1}

Die Sichtweise des Islams auf das Konzept der Liebe steht also diametral dem propagierten Modell entgegen, das seinerseits nur die menschliche Projektion sein kann, vor der der Vertreter dieser Idee eigentlich warnen wollte. Denn um die Art der Liebe des Dieners zum Schöpfer und die Liebe des Schöpfers, die Er seinen Geschöpfen entgegenbringt selbständig zu definieren, ist die Wahrnehmung und das Begreifen desjenigen, der geliebt werden soll und von dem die Liebe seinen Geschöpfen gegenüber ausgeht unabdingbar. Der Mensch kann jedoch seinen Schöpfer nicht wahrnehmen und daher auch nicht sein Wesen begreifen, sodass jeder Versuch, selbsttätig ein Urteil über das Wesen einer wie auch immer gearteten Beziehung unmöglich ist. Jeder Versuch bleibt damit haltlose Philosophie oder eben menschliche Projektion. Der Mensch weiß nicht, wie er etwas lieben soll, das er nicht kennt. Ebenso wenig weiß der Mensch, wie sich die Liebe des Schöpfers ihm gegenüber ausdrückt, weil er Ihn nicht kennt. Also muss jede Information darüber, wie die Liebe von und zu Allah (swt) in das Leben der Menschen Eingang findet, von Allah (swt) selbst stammen. Sie ist verbindlich und bedeutet den Gehorsam dem Schöpfer gegenüber sowie Seine Vergebung und das Gewähren Seiner Nähe. Gleichwohl stellt der aufmerksame Leser fest, dass aus dieser Beziehung auch die für die Menschen angedachte Rolle definiert worden ist. Sie umfasst den Gehorsam Allah (swt) gegenüber und das Befolgen Seines Befehls, also kurzum die Dienerschaft zum Herrn aller Dinge oder die Herr-Knecht-Beziehung, die Professor Khorchide geflissentlich geleugnet hat.

Für das Denken und Handeln der Muslime ist demzufolge die korrekte Beziehung und die enge Verbindung zum Schöpfer sowie die Treue zum Weg des Gesandten maßgeblich und eben nicht die Trennung, die der säkularen Idee entspringt und den Muslimen eingeimpft werden soll.

Aus der korrekten Beziehung des Menschen zum Schöpfer ergeben sich die korrekten Problemlösungen und ihre angegliederten Systeme zu ihrer Umsetzung. Diese sehen keine zeitgenössische Theologie für deutsche Muslime vor. Genauso wenig, wie es auch keinen syrischen, türkischen oder afghanischen Islam geben kann, denn die islamische Lebensordnung ist universell und spricht alle Menschen an jedem Ort und zu allen Zeiten an.

Es ist an der Zeit, dass wir, die Umma, endlich begreifen, dass durch die Implementierung eines wie auch immer gearteten nationalen Islams unsere Gefühle und unser Denken von jenen unserer weltweit leidenden Geschwistern gegenüber entkoppelt werden sollen. Nur so können die Feinde des Islams ihre grausamen Verbrechen an der Gemeinschaft der Muslime ausführen, ohne mit einer Reaktion der Muslime rechnen zu müssen. Kein Wunder also, dass die westlichen Regierungen Lehrkräfte unterstützen, die unseren Kindern in Europa flächendeckend eine säkulare Version des Islams indoktrinieren sollen.

„Wer aber als Lebensordnung etwas anderes als den Islam begehrt, so wird es von ihm nicht angenommen werden, und im Jenseits wird er zu den Verlierern gehören." (Sura 2, Aya 85)

(Abu Bakr)

Literatur

{1} Wesenszüge Islamischen Charakters, Dar al-Umma-Verlag, Beirut-Libanon (unter der Kategorie „Bücher" steht das Werk zum Download auf dieser Webseite bereit)