KALIFAT

- 03.03.2019

Der 3. März 1924 – wieso spielt dieses Datum eine Rolle?

Der 3. März 1924 ist ein bedeutendes Datum, da an diesem Tag das Kalifat offiziell abgeschafft wurde. Seit der Abschaffung des Islamischen Staates werden die Gesetze des Islams nicht mehr umfassend angewandt. Folglich wird der Islam heutzutage auf eine Reihe von spirituellen Ritualen und Moralrichtlinien reduziert. Man betrachtet ihn seltener als umfassende Lebensweise.

Der Gesandte Allahs (s) sagte:

«لَيُنْقَضَنَّ عُرَى الْإِسْلَامِ عُرْوَةً عُرْوَةً فَكُلَّمَا انْتَقَضَتْ عُرْوَةٌ تَشَبَّثَ النَّاسُ بِالَّتِي تَلِيهَا وَأَوَّلُهُنَّ نَقْضًا الْحُكْمُ وَآخِرُهُنَّ الصَّلَاةُ»

 „Die Knoten des Islam werden einer nach dem anderen gelöst und die Menschen werden sich von einem zum anderen festklammern. Der Erste Knoten wird die Herrschaft sein und der letzte das Gebet.“ (al-Ḥākim; Aḥmad)

In diesem ḥadīṯ beschrieb der Gesandte Allahs (s) den Islam als eine Reihe von Knoten, die für die Befehle, Verbote und Grenzen des Islam stehen. Im Folgenden werden wir 5 Knoten des Islams näher beschreiben, die seit der Zerstörung des Kalifats am 03. März 1924 gelöst wurden.

 

Der Knoten der Herrschaft

Gemäß dem zuvor genannten ḥadīṯ ist der erste Knoten, der gelöst werden wird, der Knoten der Herrschaft. Dieser ist von großer Bedeutsamkeit, da das Herrschaftssystem jene Methode ist, durch die alle Gesetze des Islam in der Gesellschaft umgesetzt werden. Das Herrschaftssystem des Islam lässt sich der Sunna des Gesandten Allahs (s) entnehmen. Es wurde von den rechtgeleiteten Kalifen fortgeführt und im Laufe der islamischen Geschichte stets umgesetzt.

Abū Huraira berichtet, dass der Prophet (s) sprach:

«كَانَتْ بَنُو إِسْرَائِيلَ تَسُوسُهُمُ الأَنْبِيَاءُ كُلَّمَا هَلَكَ نَبِيٌّ خَلَفَهُ نَبِيٌّ وَإِنَّهُ لاَ نَبِيَّ بَعْدِي وَسَتَكُونُ خُلَفَاءُ فَتَكْثُرُ ‏”‏‏.‏ قَالُوا فَمَا تَأْمُرُنَا قَالَ”‏ فُوا بِبَيْعَةِ الأَوَّلِ فَالأَوَّلِ وَأَعْطُوهُمْ حَقَّهُمْ فَإِنَّ اللَّهَ سَائِلُهُمْ عَمَّا اسْتَرْعَاهُمْ»

„Das Volk Israel wurde von Propheten betreut. Immer wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer nach. Nach mir wird es aber keinen Propheten mehr geben. Es werden jedoch Kalifen kommen, und sie werden zahlreich sein.“ Sie fragten: „Was befiehlst du uns?“ Er antwortete: „Erfüllt die bai ʿa des jeweils Ersteren und gebt ihnen ihr Recht, denn Allah wird sie darüber zur Rechenschaft ziehen, was Er in ihre Obhut gelegt hat.“ (Ṣaḥīḥ Muslim)

Der Knoten der Herrschaft stellt das Kalifat dar, jenes Regierungssystem, das mit dem regiert, was Allah (t) offenbart hat. Allah (t) sagt:

﴿ فَلَا وَرَبِّكَ لَا يُؤْمِنُونَ حَتَّىٰ يُحَكِّمُوكَ فِيمَا شَجَرَ بَيْنَهُمْ ثُمَّ لَا يَجِدُوا فِي أَنفُسِهِمْ حَرَجًا مِّمَّا قَضَيْتَ وَيُسَلِّمُوا تَسْلِيمًا

Aber nein, bei deinem Herrn! Sie glauben nicht eher, bis sie dich über das richten lassen, was zwischen ihnen umstritten ist, und hierauf in sich selbst keine Bedrängnis finden durch das, was du entschieden hast, und sich in voller Ergebung fügen. (4:65)

﴿وَأَنزَلْنَا إِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ مُصَدِّقًا لِّمَا بَيْنَ يَدَيْهِ مِنَ الْكِتَابِ وَمُهَيْمِنًا عَلَيْهِ ۖ فَاحْكُم بَيْنَهُم بِمَا أَنزَلَ اللَّـهُ ۖ وَلَا تَتَّبِعْ أَهْوَاءَهُمْ عَمَّا جَاءَكَ مِنَ الْحَقِّ ۚ لِكُلٍّ جَعَلْنَا مِنكُمْ شِرْعَةً وَمِنْهَاجًا ۚ

Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist. Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt… (5:48)

Die Gelehrten der islamischen Geschichte waren sich stets der Wichtigkeit und Verpflichtung, einen Kalifen aufzustellen, bewusst. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī schrieb in „Fatḥ al-Bārī fī Šarḥ Ṣaḥīḥ al-Buḫārī“:

An-Nawawī und andere sagten: Sie (die Gelehrten) sind einstimmig darin übereingekommen, dass ein Kalif nach dem Anderen durch die Muslime ernannt werden sollte. Er sollte von jenen erwählt werden, die dafür verantwortlich sind. Es darf nur einen Kalifen (zu jeder Zeit) geben, der auf Basis beidseitiger Absprache ausgewählt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Absprache zwischen einer begrenzten oder unbegrenzten Anzahl von Leuten stattfindet. Sie stimmten auch darin überein, dass die Wahl eines Kalifen verpflichtend ist, und nicht etwas, das irgendein Verstand sich erdichtet hätte.

Ibn Ḥaǧar al-Haitamī beschrieb den Konsens der Prophetengefährten in aṣ-Ṣawāʿiq al-Muḥriqa folgendermaßen:

Es ist bekannt, dass die ṣaḥāba einstig darin übereinkamen, dass die Wahl eines Imams nach Lebzeiten des Propheten (s) eine Verpflichtung darstellte. Tatsächlich sogar war ihnen dies wichtiger als andere Verpflichtungen. So waren sie damit mehr beschäftigt, als mit der Beerdigung des Propheten (s).

 

Der Knoten der Einheit

Der ungläubige Kolonialist bemüht sich Tag und Nacht darum, die politische Einheit der Muslime zu zerstören. Dies, indem sie ohnmächtige Nationalstaaten gründen, die von anderen Regierungen kontrolliert werden. An der Zahl sind es heute 50 dieser (Nationalstaaten). Dieser politischen Uneinigkeit wegen mangelt es den Muslimen an Stärke. Sie werden schwach und von den Kolonialmächten abhängig bleiben.

Die politische Einheit der Muslime manifestiert sich darin, dass ein Führer nach dem Islam regiert und es den Muslimen verboten ist, mehr als einen Führer zu haben. Abū Saʿīd al-Ḫudrī berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«إِذَا بُويِعَ لِخَلِيفَتَـيْنِ فَاقْتُلُوا الآخَرَ مِنْهُمَا»

„Wenn zwei Kalifen die bai ʿa geleistet wird, so tötet den Letzteren von beiden.“ (Muslim)

ʿArfaǧa bin Šuraiḥ (r) berichtet: „Ich hörte den Gesandten Allahs (s) sagen:“

«مَنْ أَتَاكُمْ وَأَمَرَكُمْ جَمِيعٌ, يُرِيدُ أَنْ يُفَرِّقَ جَمَاعَتَكُمْ, فَاقْتُلُوهُ»

„Wer zu euch kommt, wenn ihr vereint hinter einem Manne steht, und versucht, eure Einheit zu spalten oder eure Gemeinschaft zu zerstreuen, so tötet ihn!“ (Muslim)

Abū Bakr (r) sagte:

وَإِنَّهُ لا يَحِلُّ أَنْ يَكُونَ لِلْمُسْلِمِينَ أَمِيرَانِ ، فَإِنَّهُ مَهْمَا يَكُنْ ذَلِكَ يَخْتَلِفْ أَمَرُهُمْ وَأَحْكَامُهُمْ ، وَتَتَفَرَّقُ جَمَاعَتُهُمْ ، وَيَتَنَازَعُوا فِيمَا بَيْنَهُمْ ، هُنَالِكَ تُتْرَكُ السُّنَّةُ ، وَتَظْهَرُ الْبِدْعَةُ ، وَتَعْظُمُ الْفِتْنَةُ ، وَلَيْسَ لأَحَدٍ عَلَى ذَلِكَ صَلاحٌ

„Es ist den Muslimen verboten, zwei Befehlshaber aufzustellen, da dies zu Uneinigkeit in ihren Angelegenheiten und Konzeptionen führen würde. Ihre Einheit würde gespalten werden und Streitigkeiten zwischen ihnen ausbrechen. Dann würde die Sunna nicht länger befolgt werden, die Erneuerungen sich ausbreiten und fitna heranwachsen. Dies ist in niemandes Interesse.“ (aus Kitāb as-Sunan al-Kubrā von al-Baihaqī)

 

Der Knoten des Schutzes

Von Abū Huraira wird berichtet, dass der Prophet (s) sagte:

«إِنَّمَا الإِمَامُ جُنَّةٌ يُقَاتَلُ مِنْ وَرَائِهِ وَيُتَّقَى بِهِ فَإِنْ أَمَرَ بِتَقْوَى اللَّهِ عَزَّ وَجَلَّ وَعَدَلَ كَانَ لَهُ بِذَلِكَ أَجْرٌ وَإِنْ يَأْمُرْ بِغَيْرِهِ كَانَ عَلَيْهِ مِنْهُ»

„Der Imam ist wahrlich ein Schirm; man kämpft hinter ihm und schützt sich durch ihn. Wenn er die Furcht vor Allah, dem Erhabenen und Glorreichen, gebietet und Gerechtigkeit walten lässt, wird ihm großer Lohn zu Teil; und wenn er etwas Anderes gebietet, wird dies negativ auf ihn zurückfallen.“ (Muslim)

Mit „Imam“ ist in diesem ḥadīṯ der Kalif der Muslime gemeint, der als schützender Schild der Muslime vor Aggressoren agiert. Die Abwesenheit eines Kalifen zeigt heute auf schmerzlichste Art und Weise, wie mit ihr das Fehlen dieses Schutzes einhergeht. Die Muslime in Palästina, Syrien, Kaschmir und vielen anderen Orten auf der Welt leiden unter der Abwesenheit eines Kalifen. Dies, obwohl die Muslime über große Armeen und viele Waffen verfügen. Der Grund dafür ist, dass die derzeitigen „Herrscher“ in den Ländern der Muslime kein Interesse daran haben, die Muslime zu schützen. Sie benutzen ihre Armeen nur, um dem ungläubigen Kolonialisten zu Diensten zu sein und seine Vormachtstellung zu sichern.

 

Der Knoten der Fürsorge

Von Ibn ʿUmar wird berichtet, dass er den Gesandten Allahs (s) sagen hörte:

«الإِمَامُ رَاعٍ وَمَسْئُولٌ عَنْ رَعِيَّتِهِ»

"Der Imam ist ein Hüter, und er ist für seine Bürger verantwortlich.“ (Ṣaḥīḥ al-Buḫārī)

Armut, Analphabetentum, mangelnde Entwicklung in Industrie und Wissenschaft – von all diesen Dingen ist die muslimische Welt heutzutage befallen. Dies, obwohl die muslimische Welt reich an Ressourcen, Bevölkerung und Talent ist. Die Geschichte zeigt deutlich auf, dass das Kalifat die Menschheit in Wissenschaft, Technologie und Fürsorglichkeit führte.

 

Der Knoten der daʿwa – das Verkünden der Botschaft des Islams

Mit der Zerstörung des Kalifats brach eine Epoche der Finsternis und Irreführung durch die ungläubigen Ideologien des Kapitalismus und Kommunismus über die Menschheit hinein. Die Welt ist dieser überdrüssig und sehnt sich nach der Führung des Islams in allen Aspekten des menschlichen Lebens. Das Kalifat muss die Menschheit aus der Dunkelheit heraus zum Licht des Islam führen.

Allah (t) sprach:

«الر ۚ كِتَابٌ أَنزَلْنَاهُ إِلَيْكَ لِتُخْرِجَ النَّاسَ مِنَ الظُّلُمَاتِ إِلَى النُّورِ بِإِذْنِ رَبِّهِمْ إِلَىٰ صِرَاطِ الْعَزِيزِ الْحَمِيدِ»

Alif-Lam-Ra. Dies ist ein Buch, das Wir zu dir hinabgesandt haben, damit du die Menschen mit der Erlaubnis ihres Herrn aus den Finsternissen hinaus ins Licht bringst, auf den Weg des Allmächtigen und Lobenswürdigen (14:1)

Aṭ-Ṭabarī berichtet, dass Rabiʿ bin ʿAmr den Hof des persischen Führers Rustum betrat, welcher ihn fragte: „Was brachte dich hierher zu mir?“ Da antwortete Rabiʿ bin ʿAmr:

اللَّهُ ابْتَعَثْنَا لِنُخْرِجَ مَنْ شَاءَ مِنْ عِبَادَةِ الْعِبَادِ إِلَى عِبَادَةِ اللَّهِ ، وَمِنْ ضِيقِ الدُّنْيَا إِلَى سِعَتِهَا ، وَمِنْ جَوْرِ الْأَدْيَانِ إِلَى عَدْلِ الْإِسْلَام

„Allah entsandte uns, damit wir all jene von der Anbetung der Menschen zur alleinigen Anbetung Allahs (t) hinführen, die dies wünschen; von der erdrückenden Enge dieser Welt, hin zur Fülle des Jenseits; von der Ungerechtigkeit anderer Religionen hin zur Gerechtigkeit des Islams.“