ANALYSE

- 07.11.2013

Wertewandel? Eine Auseinandersetzung mit den Begriffen „gut“ und „schlecht“ aus islamischer Sicht

Wir sind Zeugen einer Zeit, in der die gesamte Welt einen Umbruch erlebt.

So haben wir als Zeugen die Wahl als Beobachter die Resultate dieses Umbruches abzuwarten und dahin zu gehen, wohin der Wind weht oder uns am Umbruch zu beteiligen und die Windrichtung zu bestimmen. Dabei soll unsere Entscheidung vom Ziel, das Wohlgefallen Allahs zu erlangen, gesteuert werden. Ein Ziel, das wir nur durch das Einhalten der Ge- und Verbote Allahs erreichen können, unabhängig davon, ob sie uns gefallen oder nicht. Allah sagt:

„Doch mag es sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch wäre, und es mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch wäre. Und Allah weiß es, doch ihr wisst es nicht." (Sura 2: Aya 216)

Das Auseinandersetzen mit dem Guten und dem Schlechten hat nicht nur unter Muslimen eine lange Tradition und stellt in der heutigen, reformreichen Zeit wieder eins der aktuellen Themen dar. Dabei herrscht in der westlichen Welt die Vorstellung, dass das Gute und das Schlechte wandelbare Größen sind, die zeit-, orts- und subjektabhängig sind. Betrachtet man die Realität dieser Gesellschaften, scheint diese Vorstellung zweifelsohne richtig zu sein.

In seinem, auch wenn kritisch zu betrachtenden Buch, „Tage des Zorns. Die arabische Revolution verändert die Welt" stellt Michael Lüders dar, wie der arabische Frühling die Werturteile über Muslime zu verändern vermochte. Lüders behauptet, dass nach dem 11. September 2001 der Islam in den USA und Europa als neues Feindbild und der Nahe Osten als Brutstätte von Terrorismus und Gewalt angesehen wurde. Zu einer sich verbreitenden Angst vor dem Islam habe es nicht gepasst, dass Muslime für Freiheit und Demokratie auf die Straßen gingen, noch dazu Hand in Hand mit Christen, wie es in Ägypten geschah (S. 51-55).

Dass die Feinde des Islams mit einem derartigen Wertewandel über die Muslimen nicht umgehen können, kann deutlich an der Zurückhaltung des Westens, zu Beginn der Proteste eine klare Position einzunehmen, erkannt werden, sowie daran, dass sie es für nötig hielten, die Muslime mit dem zu provozieren, was ihnen lieber ist, als alles andere – die Ehre des Propheten Muhammad (s)! Und so geschah es, dass die Muslime wieder als gewalttätig und terrorbereit gegenüber Unschuldigen galten.

Betrachtet man tiefgründig die Lage der Umma bzw. die Werturteilung über sie (mal Opfer, mal Täter), erscheint der sogenannte Wertewandel als eine selbstverständliche Größe im globalen Diskurs. Dies liegt in der falschen Denkmethode der Menschen, die ihre Vorinformationen einerseits allein aus der Realität gewinnen und andererseits nur ihren subjektiven Verstand als Richter erheben. Und so kommt es, dass eine Gruppe von Menschen etwas als gut ansieht, während eine andere dasselbe als schlecht einstuft. Oder, dass ein und dieselbe Sache zu einer Zeit als gut und zu einer anderen Zeit als schlecht gilt.

Der Islam kennt jedoch keinen Wertewandel. Die Eigenschaft des Islams als die ewige, universale Ideologie erfordert eine Beurteilung, die für alle Menschen auf der Welt und für alle Zeiten festgelegt wird.

Allah beschreibt im Qur'an der Mensch folgendermaßen:

„Wahrlich der Mensch ist aus Ungeduld erschaffen. Wenn ihn Unheil trifft, so gerät er in Panik, doch wenn ihm Gutes zukommt, ist er geizig." (Sura 70: Ayat 19-21)

Allah spricht hier den subjektiven Faktor an, nachdem der Mensch alles, was ihm missfällt, als schlecht (arab.: scharr) und alles, was ihm behagt, als gut (arab.: khair) beurteilt. Der Mensch mag jedoch eine Sache als gut einstufen, obwohl sie in Wirklichkeit schlecht ist und andersrum.

„Doch mag es sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch wäre, und es mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch wäre. Und Allah weiß es, doch ihr wisst es nicht." (Sura 2: Aya 216)

Die Wörter „gut" und „schlecht" werden sowohl beschreibend als auch wertend verwendet, je nachdem, ob sie sich in einem Urteil auf das Subjekt des Satzes als Prädikat beziehen (guter Dieb, gute Lüge, schlechter Arzt) oder ob sie das Subjekt des Satzes an sich qualifizieren (schlechter Verrat, gute Hilfe). Dabei hängt das Bewerten einer Tat, eines Gegenstandes oder einer Situation als gut oder schlecht in erster Linie von der eigenen Grundüberzeugung (Aqida) ab und den daraus entspringenden Maßstäben und Zielen. Das Ziel jedes Muslims sollte stets das Erlangen des Wohlwollens Allahs sein. Nach der Verinnerlichung dieser Idee, die dem islamischen Überzeugungsfundament entspringt, attribuiert der Muslim alles, was den Zorn Allahs hervorruft, als schlecht, wohingegen er alles, was das Wohlwollen Allahs nach sich zieht, als gut ansieht. Entsprechend kann Diebstahl, Verrat, Zins und Ehebruch niemals gut sein, unabhängig davon, wie die Umstände auch sein mögen.

Selbst der Krieg, ein nach dem materiellen Schaden-Nutzen-Maßstab absolut schlecht geltender Zustand, weil er Menschenleiden mit sich bringt, wertet der Muslim zunächst als neutral. Dieser Zustand wird sogar gut für den Muslim, wenn er vor, während und nach diesem Zustand sich an den dafür bestimmten Ge- und Verboten Allahs hält und stets Allahs Wohlgefallen anstrebt. Hier sei an den Hadith des Gesandten (s) erinnert:

„Der Zustand des Gläubigen ist wahrlich bemerkenswert: wenn ihn Gutes trifft und er (Allah) dafür dankt, so ist es gut für ihn. Wenn ihn Schlechtes trifft und er ist standhaft, dann ist auch das gut für ihn."

Aus diesem Grund ist es falsch zu behaupten, der Krieg in Syrien wäre eine schlechte Folge des arabischen Frühlings, denn die Demonstrationen der Menschen haben nichts anderes als eine islamische Gerechtigkeit gefordert und die Regentschaft eines ungerechten Führers angeprangert, was wiederum eine islamische Pflicht darstellt. Möge Allah die Standhaftigkeit der Opfer im Diesseits und im Jenseits belohnen und sie bald von der schweren Prüfung befreien.

Beurteilungen der Realität im Sinne von gut oder schlecht stellen ein angeworbenes Wissen dar, das man mittels Denken erlangt. Die Quelle, die der Muslim dabei benutzt, ist vom Verstand, der zweifelsfrei in vielerlei Hinsicht beschränkt ist, unabhängig. Es ist die göttliche Quelle, die Offenbarungstexte, die ihrerseits orts-, zeit- und situationsunabhängig sind. Die Aufgabe des Verstandes ist es, das islamische Urteil zu verstehen und nicht etwa, eigene Meinungen unabhängig von Allah (t) zu produzieren. Aus diesem Grund kennt der Muslim bzw. der Islam keinen Wertewandel, sondern weiß zu jeder Zeit und an jedem Ort was gut und was schlecht ist. Der Muslim hat dadurch einen zuverlässigen Maßstab, der ihn bemächtigt, die Realität richtig zu beurteilen und sie im nächsten Schritt entsprechend dieses Maßstabs zum Guten hin zu verändern. Ohne einen solchen Maßstab ist man hingegen zur Orientierungslosigkeit verdammt:

„Doch mag es sein, dass euch etwas widerwärtig ist, was gut für euch wäre, und mag sein, dass euch etwas lieb ist, was übel für euch wäre. Und Allah weiß es, doch ihr wisst es nicht." (Sura 2: Aya 216)