ANALYSE

- 16.10.2013

Entscheidungsschlacht in Oslo

Die Friedensnobelpreisverleihung vom 11.10.2013 an die „Organisation für das Verbot Chemischer Waffen" belegt, dass der Chemiewaffeneinsatz Assads auch den Sachverstand der Mitglieder des Preiskomitees vollends vernichtet hat. Mit dieser Entscheidung liefert das Komitee traditionsbewusst politischen Sprengstoff und ehrt damit den Erfinder des Dynamits Alfred Nobel, welcher durch sein Testament im Jahre 1896 verfügte, den größten Teil seines Privatvermögens dafür zu nutzen, die besagte Stiftung ins Leben zu rufen.

Bereits im Jahre 2009 kamen erste Zweifel über den Geisteszustand der Komiteemitglieder auf, nachdem ihnen der große Friedensengel Barack Obama in einer Glaskugel erschien. Schließlich wurde dieser schon vor seinem Amtsantritt für die Revolutionierung amerikanischer Kriegsführung mit dem Preis geehrt. Sein Verdienst bestand offensichtlich darin, der westlichen Öffentlichkeit durch seine verdeckten Drohnenangriffe die schrecklichen Bilder toter Zivilisten zu ersparen und so rettete er damit die gemütlichen Abende so manch fernsehsüchtiger US- Amerikaner. Wohlwissend, dass geteiltes Leid halbes Leid ist, weitete der Friedensengel den Afghanistankrieg auf pakistanisches Territorium aus und gestand auf diese Weise auch den Paschtunen jenseits der Grenze ein Recht auf Freiheit und Demokratie zu. Auch mit dem Versprechen durch die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo-Bay den eigenen Geheimdienstoffizieren die Pein zu ersparen, an solch einem malerischen Ort stundenlange Verhöre samt Folter durchführen zu müssen, hinterließ er in Oslo einen bleibenden Eindruck. Das von ihm vertretene Motto „Surfboarding statt Waterboarding" an einem sonnigen Ort, erhellte die Gemüter der skandinavischen Jurymitglieder, deren geistige Umnachtung nicht allein auf die heimischen Polarnächte zurückzuführen ist. Da das angestrebte Resozialisierungsprogramm an der Unbeugsamkeit der Inhaftierten scheiterte, wird die idyllische Landschaft zum Unmut der Skandinavier noch heute von schwedischen Gardinen getrübt. Obama wollte jedoch unter keinen Umständen als Holidaycrasher in die Geschichte eingehen und schickte daher 10.000 US-Soldaten auf Staatskosten nach Afghanistan, wo sie von heimischen Kämpfern freudig mit Salutschüssen in Empfang genommen wurden. Abenteuerurlaube dieser Art gehören seit eh und je zum American Way of Life. Schon die Band „Status Quo" beschrieb dies in ihrem 80er-Jahre Hit „In the Army now": „A vacation in a foreign land, Uncle Sam does the best he can...". Angesichts all dessen kann nur bedauert werden, dass das Nobelpreiskomitee diese seherischen Fähigkeiten im Jahre 1939 noch nicht besaß und der NSDAP trotz ihrer Förderung der europäischen Integration die Auszeichnung vorenthielt, obwohl durch ihren intensiven Einsatz von Landminen und Sprengbomben dem Stifter des Preises sechs Jahre lang gedacht wurde. Wahrscheinlich störten sich die Mitglieder des Komitees an der durch den Luftkrieg beeinträchtigten Ästhetik europäischer Architekturkunst und bewunderten die Vereinigten Staaten, die es schafften Kriege ohne den Verlust eines einzigen ihrer Gebäude zu führen.

Dies sollte 73 Jahre später auch Schule in Europa machen. Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union, würdigte das Komitee die Erhaltung der eigenen Lebensqualität bei Kriegseinsätzen. Oder anders ausgedrückt, beeindruckten die europäischen Staaten durch ihre Erkenntnis Kriege nur noch gegen Staaten zu führen, von denen kein Gegenschlag zu erwarten ist. So können die Einwohner Dresdens beruhigt in der Frauenkirche für die erfolgreiche Verteidigung Deutschlands am Hindukusch beten, ohne befürchten zu müssen, dass die sakralen Glockenschläge von warnendem Fliegeralarm übertönt werden. Auch die Angelsachsen können unbekümmert von ihren Pubs nach Hause torkeln, fernab der Sorge von einer V2-Rakete erschlagen zu werden. Frankreich kann trotz seiner Afrikaeinsätze seine Truppenparaden auf der Champs-Élysées abhalten, mit der Gewissheit keine ungebetenen Gäste aus Deutschland zu bekommen. Besonders beeindruckten die Europäer auch durch ihren Sprachwandel, in dessen Zuge Begriffe wie „Krieg" und „Vernichtung" durch „Frieden" und „Aufbau" ersetzt wurden. Während Deutschland der Welt früher noch den Krieg erklärte, erklärt Deutschland der Welt nunmehr den Frieden. Mit diesem genialen Clou ist die EU selbst ihrem amerikanischen Vorbild eine Gewehrlänge voraus.

Die aktuelle Preisverleihung an die OPCW reiht sich somit in die Tradition abstruser Entscheidungen ein und stellt dabei einen vorläufigen Höhepunkt dar. Sie folgt dem althergebrachten Muster nicht den Sachverstand, sondern die Leidenschaft zum wichtigsten Entscheidungskriterium zu erheben. Da der diesjährige Preisträger keine politische Institution, sondern lediglich eine ausführende Organisation ist, welche sich nur im Rahmen politischer Entscheidungen bewegen kann, wird offensichtlich, dass selbige den Preis stellvertretend für die eigentlichen Initiatoren der Abrüstung Syriens erhielt. Die Preisverleihung ist somit nur Teil eines internationalen Vorstoßes darauf ausgerichtet, den Tyrannen Bashar al-Assad politisch aufzuwerten, der mit der Ratifizierung des Chemiewaffensperrvertrags den Weg für den mit 930.000 Euro dotierten Preis für die Organisation erst frei gemacht hat. Am deutlichsten drückte dies der syrische Diktator selbst in einem Interview mit der libanesischen Zeitung Al-Akhbar aus, in dem er sinngemäß sagte, dass der Preis eigentlich ihm gebühre. Sogar Åke Sellström der Leiter der UN-Untersuchungskommission, welche den Chemiewaffeneinsatz im Syrienkonflikt untersucht, gestand in einem Spiegel-Artikel vom 14.10.2013 den opportunistischen Charakter der Preisverleihung zugunsten Assads ein. Dieser Logik folgend könnte jeder Verbrecher durch die freiwillige Abgabe seiner Tatwaffe ungeachtet der Grausamkeit seiner Schandtaten rehabilitiert werden und hätte darüber hinaus bei entsprechender Dimension seiner Verbrechen die Aussicht darauf, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet zu werden. Hätte Heinrich Himmler rückblickend sein Zyklon-B-Arsenal im richtigen Augenblick medienwirksam ausgehändigt, könnten die Bundesbürger heute Kränze an seiner Gedenkstätte im Bendlerblock niederlegen.

Angesichts derartiger Entscheidungskriterien des Nobelpreiskomitees lassen sich bereits einige der aussichtsreichsten Anwärter für das Jahr 2014 absehen. Da wäre zum Beispiel der italienische Premierminister Enrico Letta, welcher den ertrunkenen Flüchtlingen vor Lampedusa posthum die italienische Staatsbürgerschaft verlieh, während die Überlebenden eingesperrt wurden und sie ein Bußgeld in Höhe von 5000 Euro erwartet. Den Preis verdient Letta, weil er es schaffte selbst Tote Migranten in die italienische Gesellschaft zu integrieren und es gleichzeitig vermochte den Überlebenden dringend benötigtes Geld abzuringen, um das krisengebeutelte Italien vor dem Wirtschaftskollaps zu bewahren. Ein ebenso aussichtsreicher Kandidat scheint auch das Mittelmeer zu sein, ist es doch mit der unverwüstlichen Leidenschaft der Schweden leicht zu vereinbaren, abseits Personen und Körperschaften in Zukunft auch geographische Gefüge auszuzeichnen. Das Gewässer, welches seit tausenden Jahren erfolgreich Europa von Afrika trennt, offenbarte jüngst seine Bereitschaft Flüchtlinge jeder Ethnie unbürokratisch aufzunehmen und zeichnet sich im Gegensatz zur europäischen Festung durch eine äußerst liberale Flüchtlingspolitik aus. Außerdem könnte der positive Effekt des Mittelmeers auf den sozialen Frieden Europas ausschlaggebend für das Entscheidungsgremium in Oslo sein. Ferner ist durch die natürliche Barriere zwischen den beiden Kontinenten auch eine Eindämmung des Treibhauseffekts zu erwarten, da im Jahr 2014 voraussichtlich weniger Asylantenheime in Flammen aufgehen werden. Zuzutrauen wäre den Jurymitgliedern jedoch auch die Verleihung des Preises an die eigene Stiftung. Letztlich sind sie im Besitz der mystischen Zauberformel, mit der sie über Nacht blutrünstige Aasgeier wie Bashar al-Assad in Friedenstauben verwandeln und ihm bereitwillig das Blut von über 120.000 Zivilisten von den Händen waschen können.

(Abu Osama & Malik al-Qudsi)