KOMMENTAR

- 09.04.2019

Diktatur & Demokratie: Zwei Seiten derselben Medaille

Einige Muslime rufen blindlings zur Umsetzung der Demokratie auf. Dabei werden sie von einem religiösen Eifer angetrieben, den kein „Extremist“ je vorweisen könnte. Jedoch bedenken sie nicht die praktischen Folgen ihres Handelns. Ermutigt werden sie vom Westen, sei es durch die Regierungen des Westens oder westliche Denkfabriken (sogenannte „Thinktanks“). So wird die gesamte muslimische Welt kontinuierlich dazu verleitet und teils auch gedrängt, die Demokratie einzuführen. Es ist trotz dessen zu beobachten, dass die Umsetzung der Demokratie einen Fehlschlag nach dem Anderen nach sich zieht. Ein Paradebeispiel dafür ist Pakistan.

Zwar beklagen sich viele darüber, dass die Demokratie in Pakistan „nie wirklich etabliert werden“ und „daher auch nicht aufblühen konnte“, doch vergessen sie dabei, welches philosophisch-ideologische Fundament der Demokratie zugrunde liegt. Auch vergessen sie die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe Pakistans in ihre Betrachtungsweise mit einfließen zu lassen. Allein die Betrachtung dieser Hintergründe wäre ausreichend, um aufzuzeigen, weshalb die Demokratie in unseren Ländern zum Scheitern verurteilt ist.

Die Demokratie wird als Mittel des Fortschritts angepriesen. Gleichzeitig versucht man unter den Teppich zu kehren, dass alle westlichen Staaten Diktatoren, Tyrannen und Despoten wie al-Gaddafi in Libyen, Mubarak in Ägypten, Abdullah in Saudi-Arabien, Abdullah in Jordanien, Musharraf in Pakistan und Islam Karimov in Usbekistan unterstützten oder noch immer unterstützen. Man versucht die Zusammenarbeit mit solchen Personen geschickt zu vertuschen. Die politische Herrscherklasse Pakistans, die gewisser Weise Opfer eines Minderwertigkeitskomplexes wegen des technologischen Fortschritts, der kulturellen Tiefe und der wirtschaftlichen Vorherrschaft des Westens ist, versucht unaufhörlich zu einem Konsens zu kommen.

Das Land Pakistan wird von superreichen Industriellen, feudalen Grundbesitzern und der pakistanischen Armee dominiert. Diese drei Interessensgruppen haben die Machthebel Pakistans faktisch in ihrer Hand. Manchmal ziehen sie an einem Strang, während sie in anderen Situationen gegeneinander ankämpfen – je nachdem, auf welchem Wege sie den Status quo beibehalten können. Wenn jemand meint, die Allgemeinheit hätte unter solchen Bedingungen durch die Wahlurne ein Mitspracherecht, so ist diese Auffassung bestenfalls als naiv zu bezeichnen. Viele Grundbesitzer unterstützen einander, statt auf einen bestimmten Wahlkandidaten zu setzen. Demgegenüber haben Industrielle ausreichend finanzielle Mittel, um sich Machtpositionen erkaufen zu können. Die Armee setzt ihren Willen durch pure Waffengewalt durch. In Anbetracht dessen hat die Wahlurne lediglich einen symbolischen Wert. Praktisch gesehen führen Wahlen zu keinerlei Veränderung.

Ferner bleibt noch die Tatsache zu erwähnen, dass das Land wirtschaftlich stagniert, weshalb es auf externe Finanzquellen angewiesen ist. Dies wiederum macht Pakistan von ausländischen Mächten abhängig. Infolgedessen wird eine der drei zuvor genannten Interessensgruppen mächtiger, da sich ausländische Mächte wie beispielsweise die Vereinigten Staaten von Amerika direkt an eine der drei Interessengruppen wenden, um ihre Interessen durchzusetzen. Welche der drei Interessensgruppen sie in ihrem Interesse nutzen, ist davon abhängig, welche von ihnen ihrer politischen Agenda zu einem bestimmten Zeitpunkt am ehesten dienlich wäre. Man hält dem Esel die sprichwörtliche Karotte vor, damit dieser international anerkannt auf der politischen Weltbühne als Retter gefeiert wird. Gleichwohl wird die inländische Korruption gänzlich ignoriert. Man gewährt dem vermeintlichen Retter finanzielle Mittel als Gegenleistung für die Umsetzung der eigenen Agenda und die Stärkung des ausländischen Einflusses auf das Land. Bei diesen Geldern handelt es sich faktisch um Bestechungsgelder.

Die Demokratie wird als universelles Mittel für den Fortschritt der Menschheit verkauft, ungeachtet der kulturellen Hintergründe der Völker. Dies, weil das demokratische System „lediglich darüber entscheidet, wer regiert“. Diese Demokratie soll mit dem Islam vereinbar sein, wobei einige Muslime die Demokratie mit der Beratung im Islam (šūrā) gleichsetzen. Einige gehen sogar soweit zu behaupten, dass der Westen die Demokratie dem Islam entnommen hätte.

Das Wesen der Demokratie widerspricht dem Wesen des Islam fundamental. Der Demokratie liegt das Konzept zugrunde, dass der Mensch über einen anderen Menschen regieren darf, sofern er die Zustimmung der Bevölkerung dafür erhält. Die Frage nach der Durchführung dieses Konzepts ist zweitrangig und ändert nichts an diesem Kernaspekt der Demokratie.

Ob eine parlamentarische Demokratie oder das Präsidialsystem umgesetzt wird, ändert nichts an der Tatsache, dass die Demokratie den Menschen dazu befähigt, Gesetze zu erlassen, mithilfe derer die Gesellschaft regiert wird.

Gesetze werden grundsätzlich erlassen, um die Werte einer Gesellschaft durchzusetzen. Jedoch unterliegen die Gesetze einer Demokratie der Veränderung, was abhängig vom Willen des Volkes ist. Was zu einem Zeitpunkt legal ist, kann zu einem anderen Zeitpunkt illegal sein und umgekehrt. Beispielsweise wurde Homosexualität noch vor wenigen Jahrzehnten in vielen Ländern der westlichen Welt als illegal angesehen und geahndet. Heute wird Homosexualität nicht nur als legal betrachtet, vielmehr akzeptiert man mittlerweile sogar die gleichgeschlechtliche Ehe.

Aus Sicht des Islams ist ein solcher Regierungsansatz strikt abzulehnen. Dem Islam liegt das Konzept des Monotheismus (tauḥīd) zugrunde, welches besagt, dass einzig und allein Allah (t) angebetet und verehrt werden darf. Der Islam betrachtet jedoch nicht nur alle spirituellen Handlungen wie z.B. das Gebet oder das Fasten als Akt der Anbetung, sondern darüber hinaus auch die Gehorsamkeit gegenüber den Ge- und Verboten Allahs (t). Allah der Allmächtige sprach:

﴿أَفَتُؤْمِنُونَ بِبَعْضِ الْكِتَابِ وَتَكْفُرُونَ بِبَعْضٍ ۚ فَمَا جَزَاءُ مَن يَفْعَلُ ذَٰلِكَ مِنكُمْ إِلَّا خِزْيٌ فِي الْحَيَاةِ الدُّنْيَا ۖ وَيَوْمَ الْقِيَامَةِ يُرَدُّونَ إِلَىٰ أَشَدِّ الْعَذَابِ ۗ وَمَا اللَّهُ بِغَافِلٍ عَمَّا تَعْمَلُونَ

Glaubt ihr denn an einen Teil der Schrift und verleugnet einen anderen? Wer von euch aber solches tut, dessen Lohn ist nur Schande im diesseitigen Leben. Und am Tag der Auferstehung werden sie der schwersten Strafe zugeführt werden. Und Allah ist nicht unachtsam dessen, was ihr tut. (2:85)

Ferner sprach Er (t):

﴿وَمَا كَانَ لِمُؤْمِنٍ وَلَا مُؤْمِنَةٍ إِذَا قَضَى اللَّهُ وَرَسُولُهُ أَمْرًا أَن يَكُونَ لَهُمُ الْخِيَرَةُ مِنْ أَمْرِهِمْ ۗ وَمَن يَعْصِ اللَّهَ وَرَسُولَهُ فَقَدْ ضَلَّ ضَلَالًا مُّبِينًا

Weder für einen gläubigen Mann noch für eine gläubige Frau gibt es, wenn Allah und Sein Gesandter eine Angelegenheit entschieden haben, die Möglichkeit, in ihrer Angelegenheit zu wählen. Und wer sich Allah und Seinem Gesandten widersetzt, der befindet sich ja in deutlichem Irrtum. (33:36)

Und:

﴿اتَّخَذُوا أَحْبَارَهُمْ وَرُهْبَانَهُمْ أَرْبَابًا مِّن دُونِ اللَّهِ وَالْمَسِيحَ ابْنَ مَرْيَمَ وَمَا أُمِرُوا إِلَّا لِيَعْبُدُوا إِلَٰهًا وَاحِدًا ۖ لَّا إِلَٰهَ إِلَّا هُوَ ۚ سُبْحَانَهُ عَمَّا يُشْرِكُونَ

Sie haben ihre Gelehrten und ihre Mönche zu Herren genommen außer Allah, sowie al-Masih ibn Maryam, wo ihnen doch nur befohlen worden ist, einem einzigen Gott zu dienen. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Preis sei Ihm! (Erhaben ist Er) über das, was sie (Ihm) beigesellen. (9:31)

Als der Gesandte Allahs (s) den Vers

﴿اتَّخَذُوا أَحْبَارَهُمْ وَرُهْبَانَهُمْ أَرْبَابًا مِّن دُونِ اللَّهِ وَالْمَسِيحَ ابْنَ مَرْيَمَ وَمَا أُمِرُوا إِلَّا لِيَعْبُدُوا إِلَٰهًا وَاحِدًا ۖ لَّا إِلَٰهَ إِلَّا هُوَ ۚ سُبْحَانَهُ عَمَّا يُشْرِكُونَ

Sie haben ihre Gelehrten und ihre Mönche zu Herren genommen außer Allah, sowie al-Masih ibn Maryam, wo ihnen doch nur befohlen worden ist, einem einzigen Gott zu dienen. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Preis sei Ihm! (Erhaben ist Er) über das, was sie (Ihm) beigesellen. (9:31)

rezitierte, sprach ʿAdī bin Ḥātim: „O Gesandter Allahs! Aber wir beten sie nicht an!“ Da sprach der Gesandte (s): Mit Sicherheit tut ihr dies! Verbieten sie nicht, was Allah erlaubte, woraufhin ihr es verbietet, und erlauben sie nicht, was Allah verbietet, woraufhin ihr es erlaubt? Da sprach ʿAdī: „Doch“, woraufhin der Gesandte sprach: Genau das bedeutet, sie anzubeten.“ (Aḥmad; at-Tirmiḏī; aṭ-Ṭabarī)

Diese Überlieferung zeigt deutlich, dass die Befolgung des islamischen Rechts in allen Lebensbereichen untrennbar mit dem Konzept der Anbetung verbunden ist. Ein vom Islam festgelegtes Gesetz zu verändern, zu leugnen oder gänzlich abzulehnen ist gleichbedeutend mit dem Unglauben (kufr). Die Demokratie befugt die Volksvertreter im Namen des Volkes Gesetze zu erlassen, die dem Islam widersprechen, und unterwerfen diese Gesetze dem sich ständig ändernden Willen des Volkes.

Die Gelehrten und Mönche der Moderne sind die Mitglieder der Nationalversammlungen, die Senatoren und die Abgeordneten.

Selbst in Zeiten der Militärdiktatur liegt das Recht zur Gesetzgebung beim Menschen, wobei sich der Mensch sogar zum Islam bekennen kann, in Sachen der Gesetzgebung jedoch vom Koran und der Sunna unseres Propheten (s) abweicht. Ein perfektes Beispiel dafür ist das sogenannte „Bundesverwaltungsgericht von Pakistan“ zur Zeit von General Zia-ul-Haq, das letztlich dem Obersten Gerichtshof Pakistans unterstellt war, welches wiederrum auf Gesetzen basierte, die uns von den Briten hinterlassen und vom Parlament erlassen wurden.

Es sollte jedem klar sein, dass nicht nur der Akt der Niederwerfung vor einem physischen Götzen als Beigesellung zu betrachten ist, sondern auch die Gehorsamkeit gegenüber Einzelpersonen und Gruppen, sofern diese Gehorsamkeit den Ge- und Verboten Allahs (t) widerspricht oder über diese hinaus geht. Daher widerspricht die Demokratie dem Monotheismus (tauḥīd). Die Anwendung der Demokratie ist als Beigesellung (širk) zu betrachten – die schwerste Sünde im Islam.

Die Demokratie baut auf dem Säkularismus auf. Dieser sieht vor, dass die Religion vom Staat zu trennen ist und die Freiheiten des Menschen gefördert werden müssen. Zu jenen Freiheiten gehört auch die Freiheit des Menschen, Gesetze seinen Wünschen entsprechend erlassen zu dürfen. Die Demokratie weist dem Menschen damit die Rolle des Gesetzgebers zu, wobei nur Allah (t) befugt ist, Gesetzgeber zu sein.

Das Prinzip der Beratung (šūrā) ist ein integraler Bestandteil der islamischen Kultur. Allah (t) erwähnt dieses Prinzip im edlen Koran:

﴿فَاعْفُ عَنْهُمْ وَاسْتَغْفِرْ لَهُمْ وَشَاوِرْهُمْ فِي الْأَمْرِ ۖ فَإِذَا عَزَمْتَ فَتَوَكَّلْ عَلَى اللَّهِ ۚ إِنَّ اللَّهَ يُحِبُّ الْمُتَوَكِّلِينَ

(…) So verzeihe ihnen, bitte für sie um Vergebung und ziehe sie in den Angelegenheiten zu Rate. Und wenn du dich entschlossen hast, dann verlasse dich auf Allah! (3:159)

Dieser Vers befiehlt den Regenten das Volk zu konsultieren, wann immer dies notwendig ist. Fälschlicherweise stellt man diese Praxis mit den administrativen Vorgängen der Demokratie gleich, im Rahmen derer die Abgeordneten, die Parlamentarier oder Kongressmitglieder einander beraten und miteinander debattieren. Daher meinen sie wäre die Demokratie mit dem Islam vereinbar. Diese Unklarheit zeigt sich auch an den Ergebnissen einiger Umfragen, aus denen hervorgeht, dass sich ein großer Prozentsatz der Befragten in den islamischen Ländern die Demokratie wünscht, wobei ein sogar noch höherer Prozentsatz der Befragten die islamische šarīʿa und das Kalifat fordert. Erst bei genauerer Betrachtung der ideellen Grundlagen der Demokratie und des Islams ist festzustellen, dass der Begriff der „islamischen Demokratie“ ein Widerspruch in sich ist. Es kann kein System geben, welches gleichermaßen säkular und monotheistisch ist, da diese beiden Werte einander widersprechen.

Die islamische Welt kann nur einen geistigen Aufstieg erleben, indem sie sich vom Säkularismus lossagt und ihre widersprüchliche Vorstellung von einer „islamischen Demokratie“ ablegt. Die Muslime müssen sich entscheiden, ob sie gemäß dem Islam leben, und dabei alle Bestandteile des Islams übernehmen wollen, oder aber ob sie sich vom Islam entfernen und stattdessen die säkular-liberale Demokratie umsetzen wollen, womit sie den Islam vollständig aufgeben würden.

Es wird nicht länger möglich sein auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen, da das Zaudern zwischen dem Wunsch, im Individuellen ein praktizierender Muslim, in der Öffentlichkeit jedoch säkular zu sein, die muslimische Welt auseinanderreißen wird. All jene, die sich nicht entscheiden können, sollten den edlen Koran zu Rate ziehen, in dem es heißt:

﴿وَلَئِن سَأَلْتَهُم مَّنْ خَلَقَ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ لَيَقُولُنَّ اللَّهُ ۚ قُلْ أَفَرَأَيْتُم مَّا تَدْعُونَ مِن دُونِ اللَّهِ إِنْ أَرَادَنِيَ اللَّهُ بِضُرٍّ هَلْ هُنَّ كَاشِفَاتُ ضُرِّهِ أَوْ أَرَادَنِي بِرَحْمَةٍ هَلْ هُنَّ مُمْسِكَاتُ رَحْمَتِهِ ۚ قُلْ حَسْبِيَ اللَّهُ ۖ عَلَيْهِ يَتَوَكَّلُ الْمُتَوَكِّلُونَ

Und wenn du sie fragst, wer die Himmel und die Erde erschaffen hat, sagen sie ganz gewiss: "Allah." Sag: Was meint ihr wohl zu dem, was ihr anstatt Allahs anruft; wenn Allah für mich Unheil will, können sie (dann) Sein Unheil hinwegnehmen? Oder wenn Er für mich Barmherzigkeit will, können sie (dann) Seine Barmherzigkeit zurückhalten? Sag: Meine Genüge ist Allah. Auf Ihn verlassen sich diejenigen, die sich (überhaupt auf jemanden) verlassen. (39:38)