KOMMENTAR

- 01.04.2019

Christchurch: Wenn Muslime die Opfer sind

Der Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch am 15. März geht in die Geschichte Neuseelands ein. Ein Land, in dem nicht einmal die Premierministerin Personenschutz benötigt. Es war ein Attentat im Livestream, das man im ersten Moment für einen Ego-Shooter hielt, bis man schließlich realisierte, dass es keine virtuellen Figuren, sondern reale Menschen waren, die tot zusammenbrachen. Die Opfer waren durchweg Muslime aller Altersgruppen, Kinder inbegriffen.

Wie würde nun die westliche Welt angesichts dieses menschenverachtenden Terroranschlags reagieren, der nicht nur einen rassistischen, sondern einen tief verwurzelten islamfeindlichen Hintergrund hat? Dies fragten sich viele Muslime. Bei Anschlägen, die von Muslimen verübt werden, läuft es in der Regel nach folgendem Muster ab: Der Täter wird erschossen und westliche Politiker verurteilen das Attentat als einen Anschlag auf die Demokratie und die westlichen Werte. Sie sprechen dann für gewöhnlich in der ersten Person Plural, um sich zu solidarisieren. Man projiziert Lichter auf irgendwelche Wahrzeichen und marschiert Hand in Hand durch die Straßen. Gleichzeitig schlachten die Medien das Thema Islam aus und nutzen die Gelegenheit, das von ihnen verbreitete negative Bild von Muslimen in noch dunkleren Farben zu zeichnen. Diesmal sollte es aber anders sein, denn der Täter war kein Muslim. Die Muslime waren diesmal die Opfer.

Die Ernüchterung kam schnell, dass Muslime selbst als Opfer keine Gleichbehandlung erfahren. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte auf den Anschlag mit folgenden Worten: „Das ist ein Anschlag, der gegen Muslime gerichtet ist. Er ist damit auch ein Anschlag auf die neuseeländische Demokratie und auf die offene und tolerante Gesellschaft.“ Seit wann erfährt Demokratie eine nationale Zuordnung? Terroranschläge waren bisher immer Anschläge auf die Demokratie im Allgemeinen und nicht etwa auf die deutsche, die französische oder aber die amerikanische Demokratie. Merkel vermied bewusst die Formulierung, dass es ein Angriff auf ihre Demokratie und auf ihre Werte sei. Sie sagte nicht „unsere Werte“, sondern sprach aus Kalkül von den Werten Neuseelands, die sie lediglich teile: „Wir teilen diese Werte mit Neuseeland. Und damit teilen wir auch das Entsetzen und die Verurteilung dieser schrecklichen Tat.“ Merkel hätte auch sagen können: „Wenn x=2 ist, dann ist 5+x=7.“ Sie schafft eine Distanz zu den muslimischen Opfern und verhindert eine Identifikation der Menschen mit ihnen. Deutschland ist nur insofern betroffen, als man die Werte Neuseelands teilt. Die „Verurteilung dieser schrecklichen Tat“ erfolgt somit nicht, weil 50 Muslime starben.

Merkel verdrehte zudem die Tatsachen. Denn die Demokratie und die Werte Neuseelands waren nicht Ziel des Anschlags. Es war ein gezielter Anschlag auf Muslime. Der Attentäter wählte seine Opfer aufgrund ihres islamischen Glaubens aus und nicht wegen irgendwelcher demokratischen Werte. Es war auch nicht die Absicht des Täters, Neuseeland anzugreifen und dem neuseeländischen Staat zu schaden. Im Gegenteil: mit seiner Tat wollte er die westliche Wertegemeinschaft, zu der ja auch Neuseeland gehört, vor einer vermeintlichen Islamisierung schützen. Weshalb sollte man sich als Muslim also anbiedern und den Neuseeländern mit den Worten kondolieren „Heute sind wir alle Neuseeländer“?

Der Anschlag in Christchurch wurde offiziell als Tat eines Einzeltäters abgehakt. Tatsächlich hat der Attentäter aber ideologische Komplizen und diese sitzen in Europa und entziehen sich ihrer Verantwortung für die Tat, als hätte ihre Hetze gegen den Islam und die Muslime nichts damit zu tun. Sie sind sogar mehr als Komplizen, ja Mittäter, weil sie den Hass gegen den Islam und die Muslime gesät haben. Im Grunde fiel das Todesurteil gegen diese muslimischen Opfer in Europa und wurde in Neuseeland nur vollstreckt.

Der gegen die Muslime gerichtete und um sich greifende Populismus in Europa konnte nicht folgenlos bleiben. Der Zusammenhang zwischen der Antiislampolitik Europas und dem Motiv des Täters, Muslime hinzurichten, muss selbst dem Politikverdrossenen direkt ins Auge stechen, wird aber von Politikern wie Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) geleugnet. Seehofer, der einen wesentlichen Beitrag zum islamfeindlichen Klima in Deutschland geleistet hat, sieht kein islamfeindliches Klima in Deutschland, wie er nach dem Anschlag in Christchurch betonte. Auch Merkel-Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) will den Zusammenhang zwischen der Islamfeindlichkeit und dem Attentat auf Muslime unterschlagen, indem sie auf Twitter schreibt: „Egal gegen wen sich Hass, Gewalt und Terror richten, am Ende sterben Menschen, verlieren Kinder ihre Eltern und Eltern ihre Kinder.“ Kramp-Karrenbauer stellt den islamischen Glauben als irrelevant für die Tat dar, obwohl er das einzige Motiv des Täters darstellt. In diesem Fall ist es ganz und gar nicht egal, „gegen wen sich Hass, Gewalt und Terror richten“. Die einzige Verbindung zwischen den Opfern war ihre islamische Identität und nichts anderes. Indem Politiker wie Kramp-Karrenbauer und Seehofer den islamfeindlichen Aspekt dieser Tat einfach ausblenden und übergehen, demonstrieren sie, wie schlimm es um die Islamfeindlichkeit in Europa tatsächlich steht. Es fehlt jedes Unrechtsbewusstsein, dass die eigene Islamhetze einen Anschlag auf Muslime provoziert hat.

Die zentrale Frage bei muslimischen Attentätern war immer, wo sie sich radikalisiert hätten. An diese Frage traut sich jedoch niemand im Falle des australischen Attentäters heran, weil die Antwort darauf mit einem Leuchtpfeil direkt auf Europa zeigt. Der Titel seines Manifests, das er veröffentlichte, lautet „Der große Austausch“ und geht zurück auf das Buch des rechten französischen Publizisten Renaud Camus, dessen Titel „Le grand remplacement“ lautet. Camus, der als Vordenker des Front National gilt, verbreitet in seinem Buch die Idee der Machtübernahme von Muslimen in Frankreich durch die Einwanderung. Brenton Tarrant, der Attentäter von Christchurch, übernahm die Idee, dass Muslime das christlich geprägte Europa beherrschen werden. Zudem bereiste er Europa auf den Spuren der Kreuzritter. Wie groß der Einfluss der europäischen Islamfeindlichkeit auf Tarrant ist und wie stark seine Bindung an Europa ist, zeigt zudem seine große Geldspende an die „Identitäre Bewegung“ in Österreich im Jahr 2018.

Die Politiker leugnen. Und die Medien, die das antiislamische Klima zu einem Großteil mit zu verschulden haben, hüllen sich in Schweigen. Die sehr dürftige Berichterstattung über das Attentat steht in keinem Verhältnis zu der Schwere und dem Ausmaß des Anschlags. Anschläge, die von muslimischen Attentätern verübt wurden, wurden bis ins Kleinste ausgeschlachtet und analysiert, während das Thema des Anschlags auf Muslime ziemlich schnell aus den Medien verschwand. Keine einzige Polit-Talkshow thematisierte die Islamfeindlichkeit und ihre Folgen. Die Medien konzentrierten sich schnell auf die Solidaritätsbekundungen und Blumenniederlegungen der Neuseeländer und weniger bis gar nicht auf die Ursachen und Hintergründe des Anschlags.

Die muslimischen Opfer gerieten in den Hintergrund, und plötzlich stand Jacinda Ardern, die Premierministerin Neuseelands, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ihr Verhalten wurde heroisiert, obwohl es doch selbstverständlich sein muss, dass ein Staat seinen Bürgern, die Opfer eines Anschlags wurden, Respekt zollt und das Attentat verurteilt. Aber immerhin brachte Ardern den muslimischen Opfern Respekt und Achtung entgegen, die ihnen von den Regenten in der islamischen Welt verwehrt wurden. Statt die muslimischen Opfer in der islamischen Welt zu ehren, projizierte Dubai ein Bild der neuseeländischen Premierministerin auf Burj Khalifa, dem höchsten Gebäude der Welt. Bilder der Opfer zu projizieren, hielt man nicht für nötig. Auf die wahren Helden vom 15. März, die versucht hatten, sich dem Attentäter entgegenzustellen, um ihn aufzuhalten, geht niemand ein. Denn das widerspricht dem gängigen Denkschema, das die Politik vorgibt und Muslime immer nur zu Tätern erklärt, aber niemals Opfer sein lässt. Deshalb hat sich in Europa auch niemand mit den muslimischen Opfern symbolisch solidarisiert.

 

(Um Ahmad)