ANALYSE

- 19.07.2013

Viel Lärm um nichts: der Gezi-Park

In Syrien begeht Bashar al-Assad die schlimmsten Verbrechen gegen das syrische Volk. Der Einsatz von Chemiewaffen stellt hierbei den Gipfel der Menschenrechtsverletzungen gegen die Bevölkerung dar, die so genannte "rote Linie", die nicht überschritten werden dürfe, die Assad jedoch nachweislich längst durchbrochen hat.

Ein Aufschrei der Medien, wie er sonst üblich ist, blieb aber aus. Der Westen druckst trotz eindeutiger Fakten herum, weil er noch keine weitreichenden politischen Konsequenzen ziehen möchte, ohne dass diese Hinhaltetaktik von den Medien als solche angeprangert wird. Für Journalisten gäbe es, was den Fall Syrien angeht, also genug zu berichten, ohne in das berühmte Sommerloch zu fallen. Trotz dieser ungeheuerlichen politischen Ereignisse fehlt aber die adäquate mediale Aufmerksamkeit in Deutschland, die dem Ausmaß der Verbrechen des syrischen Diktators auch nur annähernd gerecht wird. Viel lieber widmen sich die deutschen Medien ausgiebig ein paar Bäumen in Istanbul, die einem Bauprojekt zum Opfer fallen sollen.

In Anlehnung an den Arabischen Frühling hier von einem türkischen Frühling zu sprechen, macht aus den Ereignissen in Istanbul mehr als sie tatsächlich sind. Auch wenn die Demonstranten von Freiheit sprechen und den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan als islamistischen Diktator bezeichnen, stellen ihre Proteste letztendlich nichts anderes dar als Aktionen für den Erhalt eines Parks. Von einer Revolution, wie sie in der arabischen Welt stattgefunden hat, kann hier keine Rede sein. Dies käme dem Umstand gleich, die Proteste gegen Stuttgart 21 mit der Französischen Revolution zu vergleichen und auf eine Stufe zu stellen. Die Ereignisse um den Gezi-Park wurden von Anfang an von den Medien aufgegriffen und aufgebauscht sowie politisch instrumentalisiert, so dass aus der anfänglichen Mücke der sprichwörtliche Elefant wurde und Erdogan vor einem Problem stand.

Die Reaktion Erdogans auf die Proteste und die ergriffenen Maßnahmen unterscheiden sich kaum von denen westlicher Staaten auf Demonstranten. So hat die Polizei in Deutschland seinerzeit gegen die Gegner von Stuttgart 21 ebenfalls Wasserwerfer, Tränengas und Schlagstöcke eingesetzt. Auch die Gegner des G-8-Gipfels erfahren in der Regel die gleiche Behandlung. So wurde im Jahr 2001 ein Gegner des G-8-Gipfels in Genua während der Proteste von der Polizei erschossen. Es ist also die übliche Vorgehensweise eines demokratischen Staates bei Ausschreitungen wie auf dem Taksim-Platz. Hierbei geht es nicht um die Frage, ob das Vorgehen der türkischen Regierung richtig oder falsch ist, sondern ob sie westlichen Standards widerspricht oder nicht.

Der Ruf nach Freiheit wird im Westen natürlich besonders gern gehört – in diesem Fall in Europa –, wenn er in einem islamischen Land ertönt und sich gegen den Islam richtet. Um welche Freiheit geht es den Demonstranten auf dem Taksim-Platz aber? Die Frauen unterliegen weder einem Kopftuchzwang oder einer strengen Kleiderordnung, noch herrscht in der Türkei ein Alkoholverbot. Das geplante Verkaufsverbot nach 22 Uhr ist alles andere als ein Alkoholverbot, wie es die deutschen Medien gerne bezeichnen. Gewisse Einschränkungen diesbezüglich findet man auch in westlichen Staaten wie etwa in den USA, wo das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit verboten ist. Am Wochenende wird in manchen Staaten sogar gar kein Alkohol verkauft, ohne dass die USA dafür international an den Pranger gestellt werden. In der Türkei herrschen diesbezüglich viel lockerere Gesetze, obwohl es ein islamisches Land ist. Da es sich hier um einen klassischen laizistischen Staat handelt, dessen Gesetzgebung nicht vom Islam bestimmt wird, leben jene, die sich vom Islam abgewandt haben, ein westliches Leben, ohne dass der Staat sich einmischt oder dagegen vorgeht. Der islamische Wirbel, den Erdogan hin und wieder macht, soll lediglich darüber hinwegtäuschen, dass er eigentlich den laizistischen Vorgaben unterliegt. Darüber hinaus wurde er auf demokratischem Wege gewählt und hat durchaus großen Zuspruch in der Bevölkerung. Seine Tage an der Macht wären gezählt, hätte er wirklich vor – darüber wachen die USA –, die Scharia einzuführen. Vielmehr ist Erdogan die Garantie für die Nichtpraktizierung des Islam in der Türkei. Nur deshalb hat er die Wahlen gewinnen dürfen. Es ist also kaum vorstellbar, dass Unterdrückung und mangelnde Freiheit die Menschen auf den Taksim-Platz – nicht zu verwechseln mit dem Tahrir-Platz – getrieben haben.

Die Freiheit als Motiv für die Ausschreitungen erscheint unglaubwürdig. In der Türkei herrschen nicht die syrischen Zustände einer Diktatur. Sind es also vielleicht doch die Bäume im Gezi-Park, um die es geht? Angesichts der Proteste und der Ausmaße, die sie angenommen haben, könnte man meinen, der Gezi-Park sei der einzige Park in ganz Istanbul. Auch ist er von keinem historischen Wert, dessen Erhalt von besonderer Bedeutung für die Geschichte Istanbuls wäre. Vielmehr hat an seiner Stelle die Topçu-Kaserne gestanden, deren erstes Gebäude bereits 1780 gebaut wurde. In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Gelände dann zu einem Fußballstadion umfunktioniert. Erst nachdem das ganze Kasernengebäude 1940 abgerissen wurde, kam dort der Gezi-Park hin, der von dem Franzosen Henri Prost gestaltet wurde und 1951 fertig gestellt war. Das Bauprojekt Erdogans zerstört demnach kein historisches Wahrzeichen Istanbuls, sondern möchte ein kulturelles Erbe wieder entstehen lassen, nämlich die alte osmanische Kaserne. Geplant ist der originalgetreue Aufbau des Kasernengebäudes, das zum Teil als Einkaufszentrum genutzt werden soll. Dieser Plan, dessen Umsetzung nicht mehr sicher ist, macht nicht den Eindruck, als wollte die türkische Regierung die Freiheit ihrer Bürger beschneiden.

Gerne verschweigen die Medien, dass der Gezi-Park einen äußerst schlechten Ruf hat. Nachts tummeln sich dort Drogendealer, Prostituierte, Betrunkene und Liebespaare. Vielleicht ist es bei den Gegnern des Bauprojekts gerade die Sorge um den Verlust eines solchen Ortes, der sie auf den Taksim-Platz treibt.

Die Medien, die ausgiebig über die Ausschreitungen auf dem Taksim-Platz berichtet haben, möchten die Ereignisse als Volksaufstand gegen einen Diktator und gegen eine vermeintliche Islamisierung der Türkei verstanden wissen, während sie die landesweite Revolution in Syrien gegen den Diktator Assad zunehmend als islamistische Verschwörung diffamieren. Ihre Berichterstattung kann Krawalle zu einer Revolution aufbauschen, während sie die syrischen Widerstandskämpfer zu Terroristen herabsetzt. Der Einsatz für den Erhalt eines unbedeutenden Parks in Istanbul ist den deutschen Medien eher einen Bericht wert als die Massaker in Syrien, die Assad begehen lässt, so dass die breite Öffentlichkeit den völlig falschen Eindruck erhält, in Istanbul werde gerade Geschichte geschrieben, während in Syrien ein gewöhnlicher Bürgerkrieg herrsche.