KOMMENTAR

- 28.04.2019

Die Weltwirtschaft im Wandel

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Strategic Estimate 2019. Bei dem Strategic Estimate handelt es sich um die jährliche Einschätzung der politischen Weltlage von Adnan Khan. Kurzgefasst geht es in dem Bericht um den Status globaler Kraftverhältnisse, ihn beeinflussende Schlüsselthemen und sich abzeichnende Tendenzen. Der gesamte Bericht wurde im Januar 2019 in englischer Sprache veröffentlicht. Die Weltwirtschaft verändert sich, da sich auch das Wirtschaftsgefüge, welches sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, im Wandel befindet. Abweichende Interessen zwischen Ländern und Blöcken, die das System der Nachkriegszeit bewahrten, rütteln den internationalen Handel auf.

Infolge des Zweiten Weltkriegs versammelten die Vereinigten Staaten die kapitalistischen Nationen in Bretton Woods im Bundesstaat New Hampshire und legten die Grundsteine der ökonomischen Welt der Nachkriegszeit. In den folgenden Jahrzehnten richteten die USA ein System ein, in dem liberale Marktwirtschaften, allen voran die USA, vom freien Handel profitierten. Europa schloss sich diesem System an und Japan schließlich ebenfalls. Grenzen und Zölle entfielen stufenweise mit dem General Agreement on Taxes and Tariffs (GATT), das zur Gründung der Welthandelsorganisation (WHO) führte. Die Globalisierung resultierte aus dem Fall der Sowjetunion 1991, womit auch der Kommunismus von der internationalen Weltbühne verschwand. Die Globalisierung bot Ländern wie China die Fundamente für ein schnelles, durch Herstellung und Fertigung getriebenes Wirtschaftswachstum. Letztlich trat China jenen von den Vereinigten Staaten angeführten Institutionen bei.

Mit steigender Mitgliederzahl und Diversität kam die WHO ins stocken und verlor die Fähigkeit, einen Konsens in Hinblick auf die Zukunft des globalen Handels zu erzielen. Die Handelsliberalisierung konnte mit der Entwicklung der modernen Wirtschaft nicht Schritt halten.  Die westlichen Wirtschaften entwickelten sich im Dienstleistungssektor und im Bereich des digitalen Handels stark weiter. Damit ließen sie die Regeln der WTO, die einen Fokus auf Güter und Waren statt auf Dienstleistungen vorgaben, hinter sich. Unfähig auf multiliteraler Ebene voranzuschreiten, begannen gleichgesinnte Länder Handelsverträge in kleineren Gruppen auszuhandeln, wie etwa der Trans Pacific Partnership (TPP), welches als Modell für ein umfassendes modernes Freihandelsabkommen dienen sollte und dem jungen Trade in Services Agreement (TISA), das darauf abzielte, diesen Sektor unter Mitgliedsländern zu liberalisieren. Die WHO bleibt lediglich ein Vollstrecker von Regelungen bzgl. des Warenhandels.

Die erste Herausforderung des Handelssystems kam von seinem Gründer selbst – den USA. Die größte Volkswirtschaft der Welt wehrt sich gegen die sie bindenden Fesseln, indem sie das System direkt in Frage stellt. Sie fordert die WHO selbst heraus, indem sie ablehnt die Richter des Berufungsgremiums, das Handelsstreitigkeiten regelt, anzuerkennen. Währenddessen versuchen sie uniliterale Streitbeilegungsverfahren bzgl. des Handels geltend zu machen, welche seit den 80er-Jahren nicht mehr angewandt wurden. 2017 trat die USA aus dem TTP zurück und begann seine Handelsabkommen mit Kanada und Mexiko durch die NAFTA (North American Free Trade Agreement) und mit Südkorea (US-Korea Free Trade Agreement) neu zu verhandeln.

Die US-Administration unter Donald Trump möchte zu einer Welt des Bilateralismus zurückkehren, in der Verträge zwischen zwei, statt vieler Länder ausgehandelt werden. Dies ist eine Welt, die großen Wettbewerbern nützt und kleineren Nationen schadet. Amerikas Rolle im globalen System ist heute die Quelle der Unzufriedenheit vieler in den USA. Die Gründung dieses Systems, der Status des US-Dollar als Leitwährung und die Tatsache, dass die Welt heute ohne Grenzen funktioniert, wurden die USA mit Investitionen überflutet, was zu einem Handelsdefizit führte. Heute übersteigen ausländische Investitionen in die USA die US-Investitionen in Übersee.

Die Hauptquelle der Unzufriedenheit Amerikas lag direkt hinter dem Pazifik - China. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt schöpfte die von den USA entwickelte Handelsinfrastruktur vollends aus und nutzte sie als Plattform für ihr astronomisches Wachstum in den letzten drei Jahrzehnten. Die WHO-Mitgliedschaft ermöglichte es China, als globale Fabrik aufzutreten, die Material aus aller Welt nutzt und dieses in Form von Produkten auf entwickelten Märkten verkauft. Ohne Zollbarrieren, hinter denen sich diese Märkte verstecken könnten, haben sie Mühe diesem Zustrom etwas entgegenzusetzen. Fehlende globale Regelungen in Hinblick auf den Dienstleistungssektor kommen China ebenso gelegen wie nichttarifäre Handelshemmnisse. Aufgrund seines historischen Leidens unter ausländischen Kräften, schätzt das Mittelreich Kontrolle und Souveränität über alles und ist besonders wachsam gegenüber Einmischungen in seine Gesetze und seine Führung. Eine Handelsliberalisierung für Güter beinhaltet die Reduktion von Zöllen an der Grenze, während eine Liberalisierung für Dienstleistungen mit Problemen innerhalb der Grenze einhergeht. Eine Welt, in der der Güterhandel liberal ist (und China somit erlaubt seine Produkte zu exportieren), in der der Handel mit Dienstleistungen es aber nicht ist (wodurch China maximale Kontrolle hat), ist deshalb perfekt für die Chinesen. Als Resultat ist China hochmotiviert den Status quo beizubehalten und die WHO zu verteidigen, jedoch wachsam gegenüber Entwicklungen und „modernen umfassenden Handelsverträgen“, wie etwa dem TPP.

Die EU verfolgt weiterhin den Status quo. Mit einer modernen und entwickelten Wirtschaft möchte sie Vereinbarungen mit seinen Haupthandelspartnern, welche Dienstleistungen und digitale Wirtschaft umfassen. Die EU sieht sich als Vorbild für andere Länder und möchte dementsprechend globale Standards setzen, die in der Welt adaptiert werden. Während sie also den Status quo beibehalten möchte, drängt es sie nach Fortschritt.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war Japan der widerwillige Liberalisierer. Es zog den Export von Gütern vor und wehrte sich gegen Versuche zur Reform japanischer Gesetze, um seinen schwachen Dienstleistungssektor zu schützen. Nun ist es jedoch von Südkorea in Schlüsselstellen des Handelsmarktes ersetzt worden und mit dem rapiden Wachstums Chinas, entschied Japan, sich den globalen Gesprächen anzuschließen. Japan und Europa versuchten den Traum vom Freihandel am Leben zu erhalten, indem sie den Abschluss so vieler großer und umfassender Handelsverträge wie möglich anstrebten, einschließlich eines großen Handelsvertrags zwischen ihnen im Jahr 2017. Die EU unterzeichnete weiterhin einen Vertrag mit Vietnam und trieb Verhandlungen mit Australien, Mexiko und einem der südamerikanischen Handelsblöcken Mercosur („Common Market of the South“) voran. Japan war maßgeblich daran beteiligt das TPP (nun CPTPP, oder „Comprehensive and Progressive Agreement for TPP“) nach dem Austritt der USA am Leben zu erhalten, und erhofft sich ihren Wiedereintritt herbeizuführen.

Großbritannien ist dabei, den relativen Komfort der EU zu verlassen, welche 43% seiner Exporte und 54% seiner Importe ausmacht.  Der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt wird es wahrscheinlich nicht schwerfallen, Verträge mit Produktionsexporteuren zu schließen, dies jedoch mit Fokus auf auf Dienstleistungen, da es in diesem Sektor am stärksten ist. Seine heimischen Unternehmen werden im Ausland aufgrund der Gesetze der WHO wenig Schutz vorfinden. Das Post-Brexit Großbritannien, wird sich einer Gruppe von Ländern anschließen müssen, wie im Fall von Japan und der EU, welche energisch umfassende Handelsverträge unterzeichnen und versuchen, die globalen Handelsstandards zu modernisieren, um ihren ökonomischen Interessen gerecht zu werden.

Indien steht vor einer anderen Herausforderung. Jährlich treten dem indischen Arbeitsmarkt eine Million Arbeitnehmer bei, weshalb Indien Arbeitsplätze schaffen muss. Zur Verwirklichung dessen strebt es die Schaffung einer Fertigungsindustrie wie einst China und Japan an. Diesen Hoffnungen stehen jedoch viele infrastrukturelle, politische und geografische Probleme gegenüber. Indiens Stärke liegt im Dienstleistungssektor. Gleichzeitig schwächelt es in Hinblick auf seine Landwirtschaft und den Fertigungssektor. Folglich ist es, zumindest was das derzeit vorherrschende weltweite Handelssystem anlangt, schlecht aufgestellt, da der Güterhandel liberalisiert ist und Dienstleistungen Hindernisse im Wege stehen. Zudem war es lange Zeit ein schwerer und protektionistischer Gesprächspartner in multiliteralen Verhandlungen. Indien wird demzufolge danach streben, Wege zu finden, um die Hindernisse seiner Exporte von Dienstleistungen zu reduzieren, oft durch Verhandlungen bilateraler Verträge. Da die Liberalisierung von Handelsgütern jedoch oft den Beginn jeglicher Verhandlungen ausmacht, wird es Indien durch seinen typischen Protektionismus schwer haben.

Der globale Handel befindet sich im Wandel. Die USA streben ein anderes Welthandelssystem an, als jenes, welches sie einst schufen, da es nicht länger ihren Interessen dient. Sowohl China als auch die EU könnten die Vereinigten Staaten in ihrer Funktion als Gestalter des Welthandelssystems ersetzen. Jedoch haben sie in dieser Hinsicht voneinander abweichende Vorstellungen, was es unwahrscheinlich macht, dass zwei der drei führenden Wirtschaftsmetropolen zu einer Übereinkunft kommen – wie es die Europäische Union und die Vereinigten Staaten zuvor lange taten. Dem einen regionalen Pakt, der Dynamik besitzt - das Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership (CPTPP) - gehören weder die EU noch China an. Chinas äquivalentes Lieblingsprojekt, das Regional Comprehensive Economic Partnership (RCEP), scheint durch die abweichenden Interessen seiner Mitglieder wie gelähmt. Sie beinhaltet China, welches der Liberalisierung von Dienstleistungen abgeneigt ist, Indien, welches ausschließlich über Liberalisierung von Dienstleistungen sprechen will, sowie Japan und Australien, die über umfassende Güter- und Dienstleistungsliberalisierung nach dem Vorbild des CPTPP diskutieren möchten.  Mit dem Unwillen der USA das derzeitige Welthandelssystem anzuführen, entstand ein uneinheitliches Feld mit vielen unterschiedlichen Ländern, welche jeweils ihre eigenen Interessen und Prioritäten verfolgen.

Aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet steht China nun an der Spitze. Es hat die größte Volkswirtschaft der Welt (gemessen auf Kaufkraftbasis), ist der größte Exporteur und gleichzeitig der größte Geldgeber mit Blick auf ausländische Direktinvestitionen. China ist in einer starken Position, um daraus Profit zu schlagen, insbesondere jetzt, da die USA begonnen haben die ökonomische Ordnung aufzugeben, welche sie einst erschufen, um Chinas Wachstum entgegenzutreten. Es bleibt abzuwarten, welche Architektur China hervorzubringen plant und womit die USA ihre Ordnung, welche ihr sieben Jahrzehnte diente, austauschen wird.