IM LICHTE DER OFFENBARUNG

- 26.05.2019

Koranexegese (tafsīr) der Sure al-qadr (die Bestimmung) – Teil 1

Dies ist der erste Teil einer Artikelreihe, in der eine detaillierte grammatikalische Untersuchung der Sure al-qadr (die Bestimmung), sowie eine ausführliche Interpretation der Verse dieser Sure vorgenommen wird. Im Rahmen dessen sollte auch derjenige, der der arabischen Sprache nicht mächtig ist, die Erhabenheit dieser Verse verstehen können.

﴿إِنَّا أَنزَلْنَاهُ فِي لَيْلَةِ الْقَدْرِ وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ لَيْلَةُ الْقَدْرِ خَيْرٌ مِّنْ أَلْفِ شَهْرٍ تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم مِّن كُلِّ أَمْرٍ سَلَامٌ هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

Wir haben ihn ja in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. Und was lässt sich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate. Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn mit jeder Angelegenheit herab. Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung. (97:1-5)

 

Einleitung

Die Sure wird al-qadr (die Bestimmung) oder lailat al-qadr (die Nacht der Bestimmung) genannt. Während nur einige Gelehrte sagen, dass diese Sure in Medina offenbart wurde, sind sich die meisten Gelehrten darüber einig, dass es sich bei ihr um eine mekkanische Sure handelt.

Die Sure hat viele Ziele, darunter: all jene zu widerlegen, die leugnen, dass der Koran eine Offenbarung von Allah (t) ist, auf den hohen Stellenwert der Nacht der Bestimmung und das Hinabsenden der Engel in ihr aufmerksam zu machen, sowie die Gläubigen zu inspirieren, in dieser Nacht besonders viele Gottesdienste zu verrichten.

In diesem Artikel soll es darum gehen, die sprachlichen Wunder dieser wundervollen Sure aufzuzeigen. Die Sure al-qadr (die Bestimmung) ist ein besonderes Geschenk von Allah (t), welches er den Gläubigen im Monat ramaḍān hat zukommen lassen.

 

Die Zusammenhänge zwischen den Suren al-qadr, al-ʿalaq und al-bayyina

Der Sure al-qadr geht der folgende Vers voraus:

﴿كَلَّا لَا تُطِعْهُ وَاسْجُدْ وَاقْتَرِب

Keineswegs! Gehorche ihm nicht, sondern wirf dich nieder und sei (Allah) nah! (96:19)

Dass dieser Vers zur Sure al-qadr in einer gewissen Relation steht, ist daran erkennbar, dass die Nacht der Bestimmung zugleich die Nacht der Niederwerfung und Annäherung an Allah (t) ist.

Auch ist ein direkter Zusammenhang zum ersten Vers der Sure al-ʿalaq zu erkennen. Die Sure beginnt nämlich mit den Worten:

﴿اقْرَأْ بِاسْمِ رَبِّكَ الَّذِي خَلَقَ

Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat (96:1)

So heißt es in der berühmten Koranexegese von Abū Ḥayyān al-Ġarnāṭī „al-Baḥr al-Muḥīṭ“: „Dies ist, als hätte Allah (t) gesagt hätte: „Lies, was wir dir an Rede offenbart haben.““

Innerhalb der Sure wird durch die Verwendung von Pronomen Derjenige (t) erkenntlich gemacht, Der die Sure offenbart hat, sowie auch das von Ihm offenbarte:

﴿إِنَّا أَنزَلْنَاهُ فِي لَيْلَةِ الْقَدْرِ

Wir haben ihn ja in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. (97:1)

Das Possessivpronomen „-nā“ bezieht sich dabei auf Denjenigen, Der hinabsandte, also Allah (t). Ferner deutet das dem Wort „hinabgesandt“ (anzalnāhu) angehängte Suffix „-hu“ auf jenes Objekt hin, welches hinabgesandt wurde: den Koran.

In der darauffolgenden Sure, al-bayyina, wird neben Dem Hinabsendenden (al-munzal) und dem Hinabgesandten (al-munzil) auch derjenige erwähnt, dem das Hinabgesandte galt (al-munzil ʿalaih). So sagt Allah (t):

﴿رَسُولٌ مِّنَ اللَّـهِ يَتْلُو صُحُفًا مُّطَهَّرَةً فِيهَا كُتُبٌ قَيِّمَةٌ

ein Gesandter von Allah, der gereinigte Blätter verliest, in denen rechte Schriften sind. (98:2-3)

Der Gesandte Allahs (s) ist derjenige, dem das Hinabgesandte galt (al-munzil ʿalaih). So sagt Allah (t):

﴿رَسُولٌ مِّنَ اللَّـهِ

ein Gesandter von Allah (98:2)

Dabei deutet die Präposition „min“ grammatikalisch darauf hin, dass Allah (t) der Hinabsendende (al-munzal) ist:

﴿مِّنَ اللَّـهِ

von Allah (98:2)

Diese beiden Satzteile beziehen sich direkt auf das Possessivpronomen „-nā“ und das Wort „hinabgesandt“ (anzalnāhu). Was nun das angehängte Suffix „-hu“ anlangt, so geben die Worte des Erhabenen,

﴿صُحُفًا مُّطَهَّرَةً فِيهَا كُتُبٌ قَيِّمَةٌ

gereinigte Blätter, in denen rechte Schriften sind. (98:2-3)

Aufschluss darüber, was hinabgesandt worden ist (al-munzil).

Aus der Sure al-bayyina geht also hervor, wer Hinabsandte, wem das Hinabgesandte galt und was hinabgesandt worden ist. Ein direkter Zusammenhang zwischen der Sure al-qadr und der Sure al-bayyina ist damit nicht von der Hand zu weisen.

Die Sure al-qadr umfasst fünf Verse, was womöglich eine Bezugnahme auf die fünf ungeraden Nächte zwischen den letzten zehn Tagen des Monats ramaḍān ist. Interessanterweise erwähnte Imam ar-Rāzī in Bezug auf den Ausdruck „lailat al-qadr“, dass dieser aus insgesamt neun Buchstaben besteht und im Laufe der Sure drei Mal Erwähnung findet, was seiner Auffassung nach womöglich auf die 27. Nacht hindeute.

Von Ibn ʿAbbās wird berichtet, dass das Personalpronomen hiya, welches im folgenden Vers von Allah (t) erwähnt wird:

﴿سَلَامٌ هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung. (97:1-5)

Das 27. Wort der Sure ist, wobei die Sure selbst aus insgesamt 30 Wörtern besteht. Dies deute seiner (r) Auffassung nach darauf hin, dass die Nacht der Bestimmung die 27. Nacht des Monats ramaḍān ist. Da die Aussage eines Prophetengefährten islamrechtlich jedoch keinen Beleg darstellt, beziehen wir uns bei der Frage nach der Nacht der Bestimmung stets auf den folgenden ḥadīṯ, den al-Buḫārī über Ibn ʿAbbās tradiert. Es sprach der Gesandte Allahs (s):

«الْتَمِسُوهَا فِي الْعَشْرِ الْأَوَاخِرِ مِنْ رَمَضَانَ فِي تَاسِعَةٍ تَبْقَى، فِي سَابِعَةٍ تَبْقَى، فِي خَامِسَةٍ تَبْقَى»

„Sucht sie (die Nacht der Bestimmung) in den letzten zehn Nächten des ramaḍān. In der neunten (Nacht) verweilt sie noch immer (unter euch), in der siebten (Nacht) verweilt sie noch immer (unter euch), in der fünften (Nacht) verweilt sie noch immer (unter euch).“

 

Die Erhabenheit des Koran

Allah (t) sagte:

﴿إِنَّا أَنزَلْنَاهُ فِي لَيْلَةِ الْقَدْرِ

Wir haben ihn ja in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. (97:1)

Dabei verwendet Er (t) den Pluralis majestatis

﴿إِنَّا

Wir (97:1)

und betont die Aussage des Verbalsatzes (al-ǧumlat al-fiʿliyya) durch Voranstellen des Partikels „inna“. Der Pluralis majestatis findet sich auch im flektierten Verb „anzalnāhu“ (hinabgesandt, Konjugation des Stammverbs „anzala“, zu Deutsch „hinabsenden“) wieder, nämlich in Form des Possessivpronomens „-nā“ (unser). Damit ist das flektierte Verb „anzalnāhu“ auch alleinstehend schon ein einfacher Verbalsatz, der mit „Wir haben ihn herabgesandt“ zu übersetzen wäre.

Wenn Allah (t) den Pluralis majestatis in Form des Partikels „inna“ verwendet, so verweist Er (t) danach oder davor zumeist auf Sich selbst als Einzigen, um jeglichen Zweifel in Bezug auf den Polytheismus auszuräumen und deutlich zu machen, dass er den Pluralis majestatis lediglich anwendet, um Seine Erhabenheit auszudrücken.

So folgt dem Vers

﴿إِنَّا أَنزَلْنَاهُ فِي لَيْلَةِ الْقَدْرِ

Wir haben ihn ja in der Nacht der Bestimmung hinabgesandt. (97:1)

im späteren Verlauf der Sure der Vers

﴿تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم مِّن كُلِّ أَمْرٍ

Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn mit jeder Angelegenheit herab. (97:4).

In diesem stellt Allah (t) mit den Worten

﴿بِإِذْنِ رَبِّهِم

mit der Erlaubnis ihres Herrn (97:4).

klar, dass mit „Wir“ (inna) nur Er (t) allein gemeint ist.

Die Wichtigkeit der Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) wird weiterhin zum Ausdruck gebracht, indem Allah (t) uns darüber informiert, dass der Koran in dieser Nacht hinabgesandt wurde. Dabei ergibt sich dieses Verständnis ebenfalls aus dem flektierten Verb

﴿أَنزَلْنَاهُ

hinabgesandt. (97:1).

Wie bereits zuvor erwähnt bezieht sich das Suffix „-hu“ in diesem Fall auf den Koran. Die Bedeutung des Verses war den Arabern klar, weshalb der Koran von Allah (t) nicht direkt erwähnt werden musste. Es reichte aus durch das angewandte Suffix auf ihn hinzuweisen. Selbiges gilt für die folgenden Worte des Erhabenen:

﴿مَا تَرَكَ عَلَىٰ ظَهْرِهَا مِن دَابَّةٍ

würde Er auf ihrer Oberfläche kein Tier übriglassen. (35:45)

und auch den Vers:

﴿مَّا تَرَكَ عَلَيْهَا مِن دَابَّةٍ

würde Er auf ihr kein Tier übriglassen. (16:61).

Das Possessivpronomen „ihr / ihrer“ (-hā) bezieht sich in diesem Fall auf die Erde.

 

Die Bedeutung von „Nacht der Bestimmung“ (lailat al-qadr)

Diese besondere Nacht wird von Allah (t) als Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) bezeichnet. Zu den Bedeutungen von „qadr“ zählen „Ehre“ (aš-šaraf) und Würde (al-makāna). Wenn Allah (t) also von der Nacht der Bestimmung spricht, dann bezeichnet Er diese Nacht zugleich als ehren- und würdevoll.

Al-Zamaḫšarī erwähnt in seiner Koranexegese „Al-Kaššāf ʿan ḥaqāʾiqi at-tanzīl“ (Die Darlegung der Wahrheiten der Offenbarung), dass Allah (t) den Koran aus drei Gesichtspunkten heraus geehrt hat:

„Er (t) ehrte den Koran, indem er Seine Offenbarung allein in Form koranischer Verse hinabsandte, auf den Koran durch Verwendung des Suffixes hindeutete, statt direkt das Nomen zu verwenden (…) und, indem er den Zeitpunkt der Offenbarung als besonders wichtig deklarierte.“

In seiner Koranexegese „Rūḥ al-Maʿānī“ sagt der bekannte Exeget Maḥmūd al-Alūsī:

„Dass Allah (t) durch ein Suffix auf den Koran hindeutet, ohne den Koran vorher wörtlich zu erwähnen, ist Teil Seiner (t) Ehrerbietung für ihn – welch Ehre! Der Grund dafür ist, dass Allah (t) auf den besonderen Status des Koran hindeutet, indem er von allen erwartet, dass sie zweifelsfrei wissen worüber Er (t) spricht. Dadurch spricht Allah (t) dem Koran nur durch die Art und Weise, wie Er diesen erwähnt, eine hohe Wichtigkeit zu. Dies hat auch mit der zweimaligen Verwendung des Pluralis majestatis (d.h. dem „wir“ (inna) und der Betonung des Satzes (durch Voranstellen des Partikels “inna“) zutun.

Eine weitere Bedeutung von „al-qadr“ ist „Anordnung“ bzw. „Entscheid“ (al-taqdīra). Das richtige Verständnis in Bezug auf diese Bedeutung geht aus den folgenden Versen hervor:

﴿إِنَّا أَنزَلْنَاهُ فِي لَيْلَةٍ مُّبَارَكَةٍ ۚ إِنَّا كُنَّا مُنذِرِينَ فِيهَا يُفْرَقُ كُلُّ أَمْرٍ حَكِيمٍ

Wir haben es wahrlich in einer gesegneten Nacht herabgesandt - Wir haben ja (die Menschen) immer wieder gewarnt -, in der jede weise Angelegenheit einzeln entschieden wird. (44:3-4)

So sagt Al-Zamaḫšarī in seiner Koranexegese:

„Wenn Allah (t) über die Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) spricht, dann spricht Er von jener Nacht, in der alle Dinge und die diesbezüglichen Urteile bestimmt wurden. Dies geht aus der Formulierung des Erhabenen hervor:

﴿فِيهَا يُفْرَقُ كُلُّ أَمْرٍ حَكِيمٍ

in der jede weise Angelegenheit einzeln entschieden wird. (44:4)

Auch wurde sie (die Nacht der Bestimmung) wegen der Gefahren, die sich aus ihr ergeben, und der Ehre, die sie im Vergleich zu anderen Nächten hat, so benannt.“

Ferner erwähnt Abū Ḥayyān al-Ġarnāṭī in „al-Baḥr al-Muḥīṭ“:

„Sie wurde „Nacht der Bestimmung“ genannt, weil in ihr über die Lebensspanne, den Lebensunterhalt und alle anderen Vorschriften entschieden wurde. Gemäß den Ansichten von Ibn ʿAbbās, Qatāda und anderen Prophetengefährten werden die Engel damit beauftragt, diese Bestimmungen durchzusetzen. “ Al-Zuhrī sagte: „Mit ihrem Namen wird Macht, Ehre und Wichtigkeit ausgedrückt. So könnte man sagen: „Ein Mann besitzt Größe“ (raǧulun lahu qadr).“

Aus all dem geht hervor, dass die Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) die Nacht der Ehre, Macht und Anordnungen ist.