KOMMENTAR

- 29.05.2019

Fasten verboten

Muslimischen Eltern wird grundsätzlich unterstellt, dass sie das Wohl ihrer Kinder gefährden. Die Erziehung muslimischer Kinder auf Basis des islamischen Glaubens der Eltern gilt pauschal als Kindswohlgefährdung. Implizit heißt das, dass muslimische Eltern generell die schlechteren Eltern sind. Um das Kopftuch an Schulen und das Fasten von Schülern wird erstaunlicherweise mehr politischer Wirbel gemacht als um die nicht abreißenden Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. So sieht die Politik bezüglich des Fastens von Schülern akuten Handlungsbedarf durch Androhung von Strafen gegen die Eltern, während sie im Falle der katholischen Kirche halbherzig reagiert, und das auch nur, wenn der öffentliche Druck groß genug ist. Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) vermittelte durch ihre Forderung nach einer Bestrafung der Eltern fastender Kinder den Eindruck, dass hier eine extreme Kindswohlgefährdung vorliegt, die jedoch jeder medizinischen Grundlage entbehrt. Dass muslimische Eltern scheinbar nicht wissen, wo das Wohl ihrer Kinder liegt, wurde auch von Familienministerin Franziska Giffey (SPD) unterstellt: „Kinder müssen regelmäßig trinken und essen, sonst können sie nicht aufmerksam sein, lernen und sich gesund entwickeln. Das gilt generell und natürlich auch im Ramadan.“ Hier werden muslimische Kinder, die einen Monat fasten, mit jenen gleichgesetzt, die über das ganze Jahr hindurch nicht ausreichend ernährt werden, weil der Staat keine effektiven Maßnahmen gegen Kinderarmut ergreift. Während muslimische Eltern vor und während des Ramadan Briefe von den Schulen erhalten, in denen sie aufgefordert werden, das Fasten ihrer Kinder zu unterbinden, erhalten Eltern, die ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule schicken und ihnen auch sonst keine anständige Mahlzeit bieten, kein Schreiben, in dem sie aufgefordert werden, dafür zu sorgen, dass ihr Kind isst.

Es gab Zeiten, da haben Schüler während der Schulzeit gefastet, ohne dass es Lehrern und Mitschülern aufgefallen wäre. Denn es hat schlichtweg niemanden interessiert, dass schon die zweite Generation von Muslimen ihren Glauben praktiziert hat. Muslimische Schüler haben normal am Unterricht teilgenommen, selbst am Sportunterricht, ohne reihenweise umzufallen und ohne dass ihre schulischen Leistungen gelitten hätten. Auch fastende Schüler schaffen einen guten Schulabschluss. Und wenn das nicht muslimische Umfeld doch mitbekam, dass man fastet, dann war das Staunen groß und die wiederkehrenden Fragen oft gewöhnungsbedürftig. Alle Fragen wurden brav beantwortet, und jedes Jahre musste aufs Neue erklärt werden, dass man bis zum Sonnenuntergang keinen Tropfen Flüssigkeit trinken darf.

Damals galt ein fastender muslimischer Schüler noch als Exot, heute wird dem Schüler das Fasten als kriminelle Handlung ausgelegt und soll verboten werden. Der Unterschied zu früher ist der, dass der politische Fokus heute auf dem Islam liegt. Zudem spielt die Erkenntnis eine Rolle, dass die in Deutschland geborenen Muslime selbst nach mehreren Generationen am islamischen Glauben festhalten und diesen praktizieren. Das nicht islamische Umfeld hat hier keinen Einfluss ausüben können, und die politische Hoffnung, der Islam nähme von Generation zu Generation bei den Muslimen ab, hat sich nicht erfüllt. Vielmehr hat das islamische Bewusstsein von Generation zu Generation zugenommen. Dieser Entwicklung will man entgegenwirken, indem man in die Erziehung eingreift und Verbote ausspricht, ob es nun um das Kopftuch oder das Fasten geht.

Damals wie heute fasten muslimische Kinder freiwillig. Muslimische Eltern müssen nicht von Nichtmuslimen darüber belehrt werden, dass das Fasten erst ab der Pubertät eine Pflicht darstellt. Viele muslimische Kinder möchten es jedoch den Erwachsenen gleichtun und fasten. So fremd es für nicht muslimische Ohren klingt, lassen sie sich von ihren Eltern kaum davon abbringen. Deshalb haben sich muslimische Eltern auch das so genannte Vogelfasten ausgedacht, bei welchem die Kinder für einige Stunden nichts essen und trinken und zwischendurch das reguläre Fasten bis Sonnenuntergang unterbrechen. Diese Kinder gehen allerdings mit dem Selbstverständnis in die Schule, dass sie fasten. Aber nicht jedes Kind gibt sich mit dem Vogelfasten zufrieden und fastet daher bis Sonnenuntergang durch, jedoch immer mit der Option, das Fasten jederzeit unterbrechen zu können. Die Möglichkeit, das Fasten zu unterbrechen, gilt im Übrigen für jedes muslimische Kind.

Lehrer haben es sich inzwischen zur Aufgabe gemacht, fastende Schüler zu „enttarnen“ und zu melden. Bekommen Lehrer mit, dass ein Schüler fastet, wird er regelrecht vor den anderen Schülern bloßgestellt und zum Fastenbrechen aufgefordert. Das Resultat wird am Ende sein, dass fastende Schüler nicht mehr offen mit dem Fasten umgehen können und es vor anderen Schülern und vor allem ihren Lehrern verheimlichen müssen.

 

(Autor: Um Ahmad)