IM LICHTE DER OFFENBARUNG

- 31.05.2019

Koranexegese (tafsīr) der Sure al-qadr (die Bestimmung) – Teil 2

Dies ist der zweite Teil einer Artikelreihe, in der eine detaillierte grammatikalische Untersuchung der Sure al-qadr (die Bestimmung), sowie eine ausführliche Interpretation der Verse dieser Sure vorgenommen wird. Im Rahmen dessen sollte auch derjenige, der der arabischen Sprache nicht mächtig ist, die Erhabenheit dieser Verse verstehen können.

 

Die Bedeutung des zweiten Verses der Sure al-qadr

Was nun den zweiten Vers der Sure anlangt, in dem Allah (t) sagt:

﴿وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ

Und was lässt sich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? (97:2)

So bezieht sich dieser gänzlich auf den Ausdruck „lailat al-qadr“ im vorherigen Vers und betont eben diesen. Dadurch zeigt Allah (t) auf, dass dieser Nacht zusätzliche Verehrung zusteht. Ein ähnlicher Stil lässt sich in den ersten drei Versen der Sure al-qāriʿa wiederfinden. So sagt Allah (t):

﴿الْقَارِعَةُ مَا الْقَارِعَةُ وَمَا أَدْرَاكَ مَا الْقَارِعَةُ

Das Verhängnis! Was ist das Verhängnis? Und was lässt sich wissen, was das Verhängnis ist? (101:1-3)

Mit anderen Worten ausgedrückt lässt uns Allah (t) mit dieser Formulierung wissen, dass die Wichtigkeit dieser Dinge nur schwer zu erkennen und zu begreifen ist.

Weiterhin heißt es in „Al-Kaššāf ʿan ḥaqāʾiqi at-tanzīl“:

„Heißt: Du wirst niemals wirklich begreifen können welch gewaltigen Wert sie (die Nacht der Bestimmung) besitzt. Um uns eine grobe Vorstellung darüber zu geben, beschrieb Allah (t) ihren Wert mit den folgenden Worten:

﴿لَيْلَةُ الْقَدْرِ خَيْرٌ مِّنْ أَلْفِ شَهْرٍ

Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate. (97:3)

Und in „Rūḥ al-Maʿānī“:

„Dies indiziert, dass sich das wahre Ausmaß an Wichtigkeit der Kenntnis aller Schöpfungen entzieht. Niemand außer dem Allwissenden weiß darüber Bescheid.“

Wenn Allah (t) also (rhetorisch) fragt:

﴿وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ

Und was lässt sich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? (97:2)

dann zeigt er uns damit auf, dass wir unfähig sind zu begreifen, wie wichtig die Nacht der Bestimmung wirklich ist.

Überdies hätte Allah (t) das Personalpronomen für weibliche Nomen (hiya) verwenden können, um sich erneut auf die Nacht der Bestimmung zu beziehen, da diese bereits im vorherigen Vers Erwähnung findet. Statt dies zu tun, wiederholte Allah (t) den Ausdruck

﴿لَيْلَةُ الْقَدْرِ

Nacht der Bestimmung (97:2)

Auf diese Weise hebt Er (t) den Begriff erneut hervor. Es gehört zu den grundlegenden Prinzipien der arabischen Sprache, dass der Bedeutung eines Ausdrucks mehr Nachdruck verliehen wird, wenn man das Nomen statt dem zugehörigen Personalpronomen verwendet.

Zum Vergleich sei an dieser Stelle auf ähnliche Formulierungen in anderen Suren, nämlich beispielsweise der Sure al-qāriʿa und der Sure al-humaza verwiesen. Dabei ist im direkten Kontrast zu dem Vers aus der Sure al-qadr bemerkenswerter weise festzustellen, dass Allah (t) ein gänzlich anderes Gefühl vermittelt, wenn er in den beiden genannten Suren vom Höllenfeuer spricht.

So sagt Allah (t):

﴿فَأُمُّهُۥ هَاوِيَةٌ وَمَآ أَدْرَىٰكَ مَا هِيَهْ نَارٌ حَامِيَةٌۢ

Dessen Stätte wird ein Abgrund sein. Und was lässt dich wissen, was das ist? Ein sehr heißes Feuer. (101:9-11)

Im zweiten Vers (101:10) verwendet Allah (t) das Personalpronomen hiya, um auf den zuvor erwähnten Abgrund (al-hāwiya) zu verweisen, statt den Ausdruck al-hāwiya erneut zu verwenden.

So hätte Er (t) auch sagen können: „Dessen Stätte wird ein Abgrund sein. Und was lässt sich wissen, was der Abgrund ist?“ (faʾummuhu hāwiya. wa mā adrāka mā l-hāwiya).

Demgegenüber wiederholte Er (t) das zuvor verwendete Nomen in Sure al-humaza, statt wie in der Sure al-qāriʿa das Personalpronomen zum Einsatz zu bringen, welches das Nomen anzeigt:

﴿كَلَّا ۖ لَيُنبَذَنَّ فِي الْحُطَمَةِ وَمَا أَدْرَاكَ مَا الْحُطَمَةُ

Keineswegs! Er wird ganz gewiss in al-ḥutama geworfen werden. Was lässt dich wissen, was al-ḥutama ist? (104:4-5)

Auf diese Weise betont Allah (t) das Ausmaß der Ungeheuerlichkeit dieses Ortes. Im weiteren Verlauf der Sure beschreibt Er (t) diesen Ort mit den folgenden Worten:

﴿نَارُ ٱللَّـهِ ٱلْمُوقَدَةُ ٱلَّتِى تَطَّلِعُ عَلَى ٱلْأَفْـِٔدَةِ إِنَّهَا عَلَيْهِم مُّؤْصَدَةٌ فِى عَمَدٍ مُّمَدَّدَةٍۭ

(Sie ist) Allahs entfachtes Feuer, das Einblick in die Herzen gewinnt. Gewiss, es wird sie einschließen in langgestreckten Säulen. (104:6-9)

Verglichen dazu beschreibt Allah (t) den Abgrund im weiteren Verlauf der Sure al-qāriʿa nicht ansatzweise so schrecklich:

﴿نَارٌ حَامِيَةٌۢ

Ein sehr heißes Feuer. (101:11)

 

Die Bedeutung des dritten Verses der Sure al-qadr

﴿لَيْلَةُ الْقَدْرِ خَيْرٌ مِّنْ أَلْفِ شَهْرٍ

Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate. (97:3)

Allah (t) erklärt uns in diesem Vers, dass die Nacht der Bestimmung besser ist als tausend Monate, d.h. besser als mehr als dreiundachtzig Jahre.

Im vorherigen Vers:

﴿وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ

Und was lässt sich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? (97:2)

verwendet Allah (t) das Verb „wissen / realisieren“ (dark) in der Vergangenheitsform und beantwortet die gestellte Frage im darauffolgenden Vers unverzüglich. Im Vergleich dazu lässt Er (t) Fragen, die er mit Verben in der Gegenwartsform stellt, unbeantwortet. So sagt Allah (t):

﴿وَمَا يُدْرِيكَ لَعَلَّهُ يَزَّكَّىٰ

Was lässt dich wissen, vielleicht läutert er sich? (80:3)

In diesem Vers verwendet Allah (t) die Vergangenheitsform (yudrīka) desselben Stammverbs „wissen / realisieren“ (dark), beantwortet die gestellte Frage im Verlauf der Sure jedoch nicht.

Was den Vers

﴿وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ

Und was lässt sich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? (97:2)

anlangt, zeigt sich, dass Allah (t) auf die darin gestellte Frage antwortet, indem er durch das Nomen (lailat al-qadr) selbst auf die Frage verweist. Das zusammengesetzte Nomen (ism murakkab) kommt also sowohl in der Frage, als auch in der dazugehörigen Antwort vor.

So sagt Allah (t):

﴿وَمَا أَدْرَاكَ مَا لَيْلَةُ الْقَدْرِ

Und was lässt sich wissen, was die Nacht der Bestimmung ist? (97:2)

Und beantwortet die gestellte Frage im darauffolgenden Vers mit:

﴿لَيْلَةُ الْقَدْرِ خَيْرٌ مِّنْ أَلْفِ شَهْرٍ

Die Nacht der Bestimmung ist besser als tausend Monate. (97:3)

Er (t) hätte die gestellte Frage aber auch mit folgendem Wortlaut, unter Verwendung des Personalpronomens beantworten können: „Sie ist besser als tausend Monate.“ (hiya ḫairun min alfi šahrin).

Weder in der arabischen Sprache, noch im Koran ist es allgemein üblich das in der Fragestellung verwendete Nomen in der darauffolgenden Antwort zu wiederholen. Allah (t) betont damit erneut die Wichtigkeit der Nacht der Bestimmung.

So sagt Allah (t):

﴿وَمَا أَدْرَاكَ مَا الْحُطَمَةُ نَارُ ٱللَّـهِ ٱلْمُوقَدَةُ ٱلَّتِى تَطَّلِعُ عَلَى ٱلْأَفْـِٔدَةِ

Was lässt dich wissen, was al-ḥutama ist? (Sie ist) Allahs entfachtes Feuer, das Einblick in die Herzen gewinnt. (104:5-7)

Stattdessen hätte Er (t) sagen können: „Was lässt dich wissen, was al-ḥutama ist? al-ḥutama ist Allahs entfachtes Feuer, das Einblick in die Herzen gewinnt.“ (wa mā adrāka mā l-ḥutama? al-ḥutama nāru allahi l-mūqada allatī taṭaliʿu ʿalā l-afʾida). Doch tat Er dies nicht.

Ein weiteres Beispiel dafür findet sich in der Sure aṭ-ṭāriq. Dort sagt Allah (t):

﴿وَمَآ أَدْرَىٰكَ مَا ٱلطَّارِقُ ٱلنَّجْمُ ٱلثَّاقِبُ

Und was lässt dich wissen, was der Pochende ist? (Es ist) der durchbohrende helle Stern. (86:2-3)

Doch stattdessen hätte Allah (t) auch „Und was lässt sich wissen, was der Pochende ist? Der Pochende ist der durchbohrende helle Stern.“ (wa mā adrāka mā ṭ-ṭāriq? A

ṭ-ṭāriq an-naǧmu ṯ-ṯāqibu) sagen können.

Selbiges finden wir in der Sure al-qāriʿa vor. Dort sagt Allah (t):

﴿وَمَآ أَدْرَىٰكَ مَا ٱلْقَارِعَةُ يَوْمَ يَكُونُ ٱلنَّاسُ كَٱلْفَرَاشِ ٱلْمَبْثُوثِ وَتَكُونُ ٱلْجِبَالُ كَٱلْعِهْنِ ٱلْمَنفُوشِ

Und was lässt sich wissen, was das Verhängnis ist? Am Tag, da die Menschen wie flatternde Motten sein werden und die Berge wie zerflockte gefärbte Wolle sein werden. (101:3-5)

Auch in dieser Sure hätte Allah (t) sagen können: „Und was lässt sich wissen, was das Verhängnis ist? Das Verhängnis ist am Tag, da die Menschen wie flatternde Motten sein werden (…)“ (wa mā adrāka mā l-qāriʿa? al-qāriʿa n-naǧmu ṯ-ṯāqibu)

In „Rūḥ al-Maʿānī“ heißt es:

„An beiden Stellen, wo das Wort „lailat al-qadr“ in der Sure erwähnt wird, stellt dies eine Betonung der Erhabenheit und Wichtigkeit dieser Nacht dar, die keinesfalls unerwähnt bleiben darf.“

Eine weitere Besonderheit der Nacht der Bestimmung ist, dass sie besser ist, als tausend andere Nächte.

 

Die Bedeutung des vierten Verses der Sure al-qadr

 ﴿تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم مِّن كُلِّ أَمْرٍ

Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn mit jeder Angelegenheit herab. (97:4)

Allah (t) verwendet in diesem Vers das Wort „herabkommen / herabsteigen“ (tanazzalu), statt der eigentlichen Form des Wortes „tatanazzalu“. Der Grund dafür ist, dass die Seltenheit dieses Ereignisses deutlich gemacht werden soll. Da die Engel wie im Vers erwähnt nur einmal im Jahr, nämlich in der Nacht der Bestimmung herabkommen, lässt Allah (t) einen Buchstaben wegfallen.

Dies im Gegensatz zu folgendem Vers:

﴿إِنَّ الَّذِينَ قَالُوا رَبُّنَا اللَّهُ ثُمَّ اسْتَقَامُوا تَتَنَزَّلُ عَلَيْهِمُ الْمَلَائِكَةُ أَلَّا تَخَافُوا وَلَا تَحْزَنُوا وَأَبْشِرُوا بِالْجَنَّةِ الَّتِي كُنتُمْ تُوعَدُونَ

Gewiss, diejenigen, die sagen: "Unser Herr ist Allah", und sich hierauf recht verhalten, auf sie kommen die Engel herab: "Fürchtet euch nicht, seid nicht traurig, und vernehmt die frohe Botschaft vom (Paradies)garten', der euch stets versprochen wurde. (41:30)

In diesem verwendet Allah (t) das Wort (tatanazzalu) in der herkömmlichen Form, ohne den Buchstaben Tāʾ wegzulassen. Dies, weil das Ereignis von dem Allah (t) in diesem Vers spricht, nämlich das Herabkommen der Engel, in diesem Fall das ganze Jahr über stattfindet – immer dann, wenn die Gläubigen sagen „Unser Herr ist Allah“ und sich daraufhin recht verhalten. Allah (t) passt also das Wort an das Ereignis an und macht es ebenso besonders.

 

Die Bedeutung von „Geist“ (ar-rūḥ)

„Geist“ (ar-rūḥ) ist der Erzengel Gabriel gemeint, der ebenso von Allah (t) geschaffen wurde, wie alle anderen Geschöpfe.

 

Die Bedeutung von „mit der Erlaubnis ihres Herrn“ (biʾḏni rabbihim)

Was die Aussage des Erhabenen,

﴿بِإِذْنِ رَبِّهِم

mit der Erlaubnis ihres Herrn (97:4)

anlangt, so heißt es in „Rūḥ al-Maʿānī“:

„Dieser Vers deutet darauf hin, dass die Engel für jede ihrer Handlungen die Erlaubnis ihres Herrn erbitten, und diese vollziehen, sobald Er (t) ihnen die Handlung gewährt. So fragen sie Ihn nach der Erlaubnis hinabsteigen zu dürfen, und Er (t) gewährt es ihnen. (…) Weiterhin deutet der Vers darauf hin, dass die Engel das Verlangen haben, die Gläubigen auf der Erde zu besuchen und sich nach ihnen sehnen. Aus diesem Grund erbitten sie die Erlaubnis ihres Herrn, die Gläubigen besuchen zu dürfen.“

 

Die Bedeutung von „mit jeder Angelegenheit“ (min kulli amr)

Dass die Engel „mit jeder Angelegenheit“ herabsteigen bezieht sich auf all die Befehle, die sie von Allah (t) im Laufe des Jahres erhalten. Allah (t) offenbart ihnen diese Befehle während der Nacht der Bestimmung. Die Präposition „min“ wird in diesem Vers verwendet, um den Kausalgrund des Hinabsteigens anzuzeigen, also den Grund dafür, dass die Engel ihren Platz überhaupt verlassen. Die Präposition „min“ nimmt diese Bedeutung immer dann an, wenn der Nebensatz mit dem „grundanzeigenden Lām“ (lām at-taʿlīl) eingeleitet wird. Dieses Lām findet sich in diesem Vers in dem Wort „herabkommen / herabsteigen“ „tanazzalu“ wieder.

Der Ausdruck „mit jeder Angelegenheit“ (min kulli amr) selbst ist mit dem ersten Wort des nächsten Verses, „Sicherheit / Frieden“ (salām) verbunden.

 

Die Bedeutung von „Frieden ist sie“ (salāmun hiya)

Was die Formulierung

﴿سَلَامٌ هِيَ

Frieden ist sie (97:5)

anlangt, so schreibt Al-Zamaḫšarī in „Al-Kaššāf“:

„Die Bedeutung des Wortes „salām“ in diesem Vers ist „Grüße“ – die Engel grüßen einen jeden Gläubigen. Immer dann, wenn ein Engel einen gläubigen Mann oder eine gläubige Frau in dieser Nacht besucht, grüßt er ihn oder sie zuvor. (…) Die zweite Bedeutung, die das Wort „salām“ in diesem Vers trägt, ist „Sicherheit“. Allah (t) ordnet in dieser Nacht nichts an, außer Sicherheit und ḫair. In anderen Nächten würden die gleichen Anordnungen zwar Sicherheit, aber auch Drangsal bedeuten.“ Andere Exegesen sagen auch, dass Allah (t) diese Nacht aufgrund der häufigen Segensgrüße der Engel als „Frieden“ bezeichnet.

Der Vers setzt sich zusammen aus dem Objekt „sie“ (hiya) und dem Prädikat „Frieden“ (salām). In diesem Satzkonstrukt ist das Prädikat (salām) jedoch dem Objekt (hiya) vorangestellt. Wird das Prädikat einem Objekt vorangestellt, zeigt dies eine Art der Einschränkung auf. Gemäß dieser Einschränkung ist diese Nacht nichts anderes als Frieden, wie Allah (t) in diesem Vers sagt. Dass das Wort „Frieden“ (salāmun) in diesem Fall anstelle eines konjugierten Verbs auftaucht, und damit als Verbalsubstantiv (maṣdar), dient in diesem Fall der Übertreibung als rhetorisches Mittel. An der eigentlichen Bedeutung des Verses ändert dies nichts.

 Tatsächlich ergeben sich aus dem grammatikalischen Satzbau drei mögliche Interpretationen dieser (letzten beiden) Verse:

(1) Die Verse lassen sich aufteilen in die Satzteile:

﴿تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم مِّن كُلِّ أَمْرٍ سَلَامٌ

Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn mit jeder (friedlichen) Angelegenheit herab. (97:4-5)

und

﴿هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

Sie ist bis zum Anbruch der Morgendämmerung. (97:5)

Wobei sich das Wort „salām“ in diesem Fall auf die Angelegenheiten, wegen der die Engel herabgesandt werden, bezieht.

(2) Die Verse lassen sich aufteilen in die Satzteile:

﴿تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم مِّن كُلِّ أَمْرٍ

Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn mit jeder Angelegenheit herab. (97:4)

und

﴿سَلَامٌ هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung. (97:5)

(3) Die Verse lassen sich aufteilen in die Satzteile:

﴿تَنَزَّلُ الْمَلَائِكَةُ وَالرُّوحُ فِيهَا بِإِذْنِ رَبِّهِم

Es kommen die Engel und der Geist in ihr mit der Erlaubnis ihres Herrn (97:4)

und

﴿مِّن كُلِّ أَمْرٍ سَلَامٌ هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

In jeder Angelegenheit steckt bis zum Anbruch der Morgendämmerung Frieden. (97:4-5)

All diese Interpretationen sind beabsichtigt und von den grammatikalischen Regeln der arabischen Sprache abgedeckt.

 

Die Bedeutung von „bis zum Anbruch der Morgendämmerung“ (ḥattā maṭlaʿi l-faǧr)

Das Wort „bis“ (ḥattā) dient in diesem Ausdruck dem Zweck, alle Teile der Nacht zu inkludieren. Eine andere Möglichkeit den Frieden und die Sicherheit zeitlich zu begrenzen bestünde in der Formulierung „bis zum Anbruch der Morgendämmerung“ (īlā maṭlaʿi l-faǧr), statt „bis (einschließlich) Anbruch der Morgendämmerung“ (ḥattā maṭlaʿi l-faǧr). Damit umschließt der Frieden und die Sicherheit auch noch den Zeitpunkt der Morgendämmerung selbst. Hätte Allah (t) stattdessen das Wort „īlā“ verwendet, wäre nicht die ganze Nacht vom Frieden und der Sicherheit abgedeckt.

Ferner verwendet Allah (t) das Verbalsubstantiv „maṭlaʿi“, das von dem Verb „aufgehen“ (ṭalaʿa) abgeleitet wurde. Dieses Wort ist zugleich ein zeitbezogenes Substantiv (ism al-zamān, als auch ein ortsbezogenes Substantiv. Stattdessen hätte Allah (t) das Verbalsubstantiv „ṭulūʿ“ verwenden können, welches nur zeitbezogen zu verstehen ist. Damit enthält die Formulierung

﴿سَلَامٌ هِيَ حَتَّىٰ مَطْلَعِ الْفَجْرِ

Frieden ist sie bis zum Anbruch der Morgendämmerung. (97:5)

eine Ortsangabe, die folgendermaßen zu verstehen ist: Der Frieden ist dort zu finden, wo die Sonne aufgeht.

Möge Allah (t) uns erlauben, aus der gesegneten Nacht der Bestimmung einen Nutzen zu ziehen.

Imam Aḥmad berichtet von Abū Huraira, dass dieser sagte: „Zu Beginn des Monats ramaḍān sprach der Gesandte Allahs für gewöhnlich:

«قَدْ جَاءَكُمْ شَهْرُ رَمَضَانَ، شَهْرٌ مُبَارَكٌ، افْتَرَضَ اللهُ عَلَيْكُمْ صِيَامَهُ، تُفْتَحُ فِيهِ أَبْوَابُ الْجَنَّةِ، وَتُغْلَقُ فِيهِ أَبْوَابُ الْجَحِيمِ، وَتُغَلُّ فِيهِ الشَّيَاطِينُ، فِيهِ لَيْلَةٌ خَيْرٌ مِنْ أَلْفِ شَهْرٍ، مَنْ حُرِمَ خَيْرَهَا فَقَدْ حُرِم»

“Wahrlich der Monat ramaḍān ist zu euch gekommen, in dem Allah euch das Fasten zur Pflicht erklärte. Die Tore des Paradieses sind geöffnet, die Tore der Hölle fest verschlossen und die Teufel gefesselt. In diesem Monat findet sich eine Nacht, die besser ist als tausend Monate. Wem sie verwehrt bleibt, der ist wahrlich gestraft!"

Abgesehen davon, dass eine gottesdienstliche Handlung in diesem Monat so lohnenswert ist, als hätte man sie über eintausend Monate hinweg verrichtet, erreichte uns ein von al-Buḫārī und Muslim tradierter Bericht über Abū Huraira, in dem es heißt, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«مَنْ قَامَ لَيْلَةَ الْقَدْرِ إِيمَانًا وَاحْتِسَابًا غُفِرَ لَهُ مَا تَقَدَّمَ مِنْ ذَنْبِه»

„Wer in der Nacht der Bestimmung (lailat al-qadr) aus reinem Glauben und Aufrichtigkeit heraus betet, dessen vorangegangene Sünden werden ihm vergeben.“

Es gehört zu den empfohlenen Handlungen Allah (t) häufig anzuflehen, besonders während des Monats ramaḍān, in den letzten zehn Nächten des ramaḍān und in den ungeraden Nächten dieser sogar noch mehr. Das folgende Bittgebet ist besonders empfohlen:

اللهمَّ إنَّكَ عَفُوٌ تُحِبُّ العَفْوَ فَاعْفُ عَنَّا

„O Allah! Du bist der Verzeihende und du liebst es zu verzeihen, drum verzeih mir!“

Dies geht aus einem von Aḥmad tradierten Bericht hervor, in dem es heißt, dass ʿĀʾiša sprach: „O Gesandter Allahs! Wenn ich die Nacht der Bestimmung treffen sollte, was rietest du mir zu sagen?“ Da antwortete er (s):

«قُولِي: اللْهُمَّ إِنَّكَ عَفُوٌّ تُحِبُّ الْعَفْوَ فَاعْفُ عَنِّي»

Sprich: O Allah! Du bist der Verzeihende und du liebst es zu verzeihen, drum verzeih mir!“