KOMMENTAR

- 07.06.2019

Mein Kopf gehört mir

 

„Mein Bauch gehört mir“ war der Slogan der Frauenbewegung in den Neunzehnhundertsiebzigerjahren. Man sollte annehmen, dass eine Gesellschaft, in der diese Parole dazu geführt hat, dass Abtreibungen vorgenommen werden dürfen, erst recht akzeptiert, dass muslimische Frauen über ihren Kopf selbst bestimmen wollen. Wem zugestanden wird, über seinen Bauch zu bestimmen, sollte eigentlich davon ausgehen, dass sein Kopf ebenfalls zu seinem Hoheitsgebiet zählt. Als Muslimin muss man jedoch feststellen, dass die Politik es ganz offensichtlich auf unsere Köpfe abgesehen hat, und zwar in Etappen, die zunächst unscheinbar wirken sollen, um nicht den Verdacht zu erwecken, dass es um das Kopftuch im Allgemeinen geht. Die Politik geht sehr subtil vor, um zu einem allgemeinen Kopftuchverbot zu gelangen und die Toleranz für ein solches Verbot vorzubereiten.

Eigentlich sollte es keinen Unterschied machen, ob man über eine Jacke, eine Hose, eine Socke oder ein Kopftuch redet. In der Sprachtheorie würde alles unter das Wortfeld Kleidung fallen. Es sollte also genauso interessant sein, über das Kopftuch zu reden wie über eine Socke. Was muslimische Frauen an den Füßen tragen, interessiert wohl niemanden, dafür aber umso mehr, was sie auf dem Kopf tragen. Das Kopftuch wurde aus seinem Wortfeld herausgerissen und wird längst nicht mehr als einfaches Kleidungsstück wahrgenommen, weil die Politik ihm eine negative Symbolfunktion zugewiesen hat.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte der Staat gar kein Interesse daran, das Kopftuch grundsätzlich zu verbieten. Bislang trifft das Kopftuchverbot nämlich immer nur einen Teil von Musliminnen. Als es um das Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen ging, war man selbstverständlich empört, aber man dachte sich schließlich, solange ich keine Lehrerin bin, betrifft es mich nicht. Bei dem Niqabverbot sah es ähnlich aus, denn wie viele muslimische Frauen tragen schon den Gesichtsschleier in Deutschland. Solange ich den Gesichtsschleier nicht trage, geht mich auch dieses Verbot nichts an. Da ich weder Richterin noch Staatsanwältin werden will, könnte ich das diesbezügliche Kopftuchverbot ebenfalls ignorieren. All diese Verbote betreffen mich persönlich nicht und nötigen mich nicht dazu, eine Entscheidung für oder gegen das Kopftuch treffen zu müssen. Dann ist da noch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, das ein Kopftuchverbot am Arbeitsplatz für zulässig erklärt, wenn der Arbeitgeber für alle Mitarbeiter jede Form weltanschaulicher Symbole verbietet. Damit deckt man einen weitaus größeren Teil muslimischer Frauen ab, die man mit einem Kopftuchverbot trifft, wenn der Arbeitgeber, den das Urteil juristisch anleitet und absichert, das Kopftuch am Arbeitsplatz verbietet. Da wird es dann schon enger für viele muslimische Frauen. Aber auch da könnte man sich mit dem Gedanken beruhigen, dass man sich eine Arbeitsstelle ohne Kopftuchverbot suchen kann. Immerhin ist niemand gezwungen, eine Arbeit anzunehmen, die voraussetzt, dass man das Kopftuch abnimmt. Auf diese Weise werden wir Muslime langsam aber sicher an Kopftuchverbote gewöhnt und unsere Toleranz gegenüber einem solchen Verbot wird auf die Probe gestellt.

Die Reaktion der Muslime auf jegliche Versuche, Musliminnen das Tragen des Kopftuchs zu verbieten, darf niemals davon abhängen, ob sie von einem Kopftuchverbot persönlich betroffen sind, insbesondere dann nicht, wenn es jene trifft, die sich gar nicht wehren können. Nachdem kürzlich in Österreich ein Kopftuchverbot an Grundschulen durchgesetzt wurde, wollen Unionspolitiker mit einer gemeinsamen Erklärung eine Kopftuchdebatte in Deutschland mit dem Argument heraufbeschwören, dass es immer mehr „Hilferufe aus der Lehrerschaft“ gebe. Trotz fehlender Zahlen will man der Öffentlichkeit suggerieren, dass das Kopftuch ein Problem an Schulen darstelle. Hilferufe von Lehrern gibt es tatsächlich, diese beziehen sich jedoch auf reale Probleme, wie etwa auf den maroden Zustand vieler Schulgebäude in Deutschland oder aber auf den akuten Lehrermangel. Es handelt sich um einen weiteren Angriff auf das Kopftuch, der muslimischen Schülerinnen von Anfang an die Möglichkeit nehmen soll, sich für das Tragen des Kopftuchs zu entscheiden. Man gesteht zwar Kindern zu, entscheiden zu können, dass sie im „falschen“ Körper geboren wurden und eine Geschlechtsumwandlung wünschen. Muslimischen Schülerinnen wird hingegen aberkannt, sich für das Kopftuch entscheiden zu können.

Wir müssen uns fragen, welches Verbot nach einem Kopftuchverbot an Schulen käme. Wo endet diese Entwicklung? Wer garantiert, dass der Staat nicht irgendwann auf die Idee kommt, das Kopftuch an Universitäten zu verbieten? Und vielleicht sind es irgendwann die öffentlichen Verkehrsmittel, und am Ende werden vielleicht muslimische Frauen nach dem Beispiel des Iran unter Schah Reza dazu verdammt sein, das Haus nicht mehr zu verlassen, weil es ihnen untersagt wird, das Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen.

Doch das Kopftuch wird auch durch Verbote nicht verschwinden. Die islamische Überzeugung muslimischer Frauen verhindert, dass sie ihr Kopftuch einfach so ablegen, nur weil der Staat es fordert. Es ist ein fester Bestandteil ihrer islamisch vorgegebenen Kleidung und weder ein politisches Statement noch ein Zeichen der Unterdrückung. Wer im Kopftuch eine Gefahr und Provokation sieht, für den wird es am Ende das rote Tuch sein, gegen das der Stier mit immer neuen Anläufen rennt. Der Stier wird in diesem Kampf immer der Unterlegene sein.

 

(Autor: Um Ahmad)