KOMMENTAR

- 10.06.2019

Hauptsache kein Kopftuch

Eine Gesellschaft, die im Minirock noch immer ein Symbol der Befreiung der Frau sieht, ihr einredet, sie sei selbstbestimmt, und die ihr altes Rollenbild für überwunden hält, unterliegt dem obsoleten Wunschdenken des Feminismus, dass die Frau über die Idee der Freiheit einen gleichberechtigten Platz neben dem Mann einnehmen kann. Der Emanzipationsdrill hat die Frau nicht von ihrer alten Rolle gelöst, sondern ihr eine Doppelrolle zugewiesen, die Beruf und Familie in sich vereint und eine Doppelbelastung bedeutet. An ihrer Wahrnehmung in der Gesellschaft hat das aber nichts geändert. Nimmt man beispielsweise den Minirock als hochgehaltenes Symbol der Emanzipation, so steht er in Wahrheit für die gesellschaftliche Erwartungshaltung gegenüber der Frau, freizügig zu sein und sich auf das Aussehen zu reduzieren, und die inzwischen emanzipierte Frau hat sich darauf festlegen lassen. Sie bedient bereitwillig diese Erwartung und fördert sie zudem. Und so passt es dann auch zusammen, wenn sich etwa eine Sängerin wie Beyoncé, die ein reines Produkt der Musikindustrie ist und für die Vermarktung der Frau steht, als Feministin bezeichnet. Das Frauenbild, das sie verkörpert, ist kein zufälliges Nebenprodukt des Feminismus, sondern eine logische Folge dessen.

Der Feminismus mit seinem verbissenen Kampf gegen die Männerwelt hat es nicht geschafft, dass die Frau als vollwertiger Mensch anerkannt wird. Er hat die Frau vielmehr nach dem Geschmack westlicher Männerphantasien geformt, allerdings mit dem Unterschied zu früher, dass die heute emanzipierte Frau selbst das Frauenbild entwirft und sich zum Objekt degradiert. Dazu braucht es dank des Feminismus keinen Mann mehr. Es hat nicht den Anschein, dass die Frau mit diesem Frauenbild unzufrieden ist und sie daran etwas ändern möchte, solange ihr nur suggeriert wird, sie sei emanzipiert und selbstbestimmt. Die Selbstdarstellung der Frau in den sozialen Medien bringt dies zutage. Mode, Schminken, Kochen und Backen sind die Themen, mit denen Frauen in den sozialen Medien überwiegend vertreten sind.

Wer hat nicht schon beobachten können, wie junge Mädchen in der Öffentlichkeit posieren, mit der einen Hand das Handy nach oben halten, mit leicht geneigtem Kopf ihre Schokoladenseite in Position bringen, ein Bein vor das andere stellen, um möglichst schlank zu wirken, und einen Schmollmund aufsetzen. Das wird dann mit akribischer Genauigkeit betrieben, bis die optimale Pose erreicht ist und das Bild wie beiläufig aufgenommen wirkt, um es dann auf Plattformen wie Instagram hochzuladen. Vorher wird es mit speziellen Apps bis zur modelreifen Unkenntlichkeit bearbeitet, wenn in der Selbstwahrnehmung die Wangen zu dick, die Nase zu groß, die Stirn zu hoch und die Lippen zu schmal sind. Und wenn man vielleicht noch mit der „falschen“ Augenfarbe auf die Welt gekommen ist, kann man mit der „richtigen“ Farbe nachhelfen. Gerade die weit verbreitete Nutzung von Bildbearbeitungs-Apps spiegelt das selbstzerstörerische Frauenbild wider, das verinnerlicht wurde: Die Frau erwartet von sich selbst ein perfektes Äußeres und propagiert diesen auf das Aussehen fixierten Perfektionismus über die sozialen Medien, wo sie sich auf die Themen Mode und Beauty spezialisiert hat, obwohl die sozialen Medien durchaus viele Möglichkeiten bieten, sich anders zu inszenieren und darzustellen. In den sozialen Medien herrschen jedoch eigene Gesetze, und zwar die der Likes und Follower. Kein junges Mädchen eifert einer Vollblut-Feministin wie Alice Schwarzer nach, sondern erfolgreichen Influencerinnen, die diktieren, wie eine Frau zu sein hat und was sie mitbringen muss: schlanke Figur, lange Beine, volle Lippen, dichte lange Wimpern, glänzendes langes Haar usw. Influencerinnen sind die Vorbilder, denen Frauen heute nacheifern.

Zwar gibt es Studien, die sich mit dieser Problematik befassen, etwa die der MaLisa-Stiftung, die den Titel „Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien“ trägt, aber niemand attackiert und verurteilt beispielsweise die Influencerinnen, die dieses Frauenbild verbreiten. Man bezeichnet das Phänomen oft sogar als neuen Feminismus, statt es beim Namen zu nennen: weibliche Selbsterniedrigung. Denn einer emanzipierten Frau darf man schließlich nicht vorschreiben, sich anders zu kleiden, sich nicht zu schminken und sich Themen zu widmen, die jenseits von Mode, Beauty und Ernährung liegen.

Feministinnen wie Alice Schwarzer haben ohnehin keine Zeit, sich ernsthaft mit dieser Problematik zu befassen. Dazu nimmt der Kampf gegen die muslimische Frau viel zu viel Zeit in Anspruch. Neben dem Mann steht bei Schwarzer immer auch die Muslimin mit Kopftuch auf der Abschussliste. Statt das eigene fehlerhafte Frauenbild zu reflektieren und zu überdenken, widmet man all seine feministische Energie den Musliminnen und ihrem Kopftuch und diffamiert sie, wo es nur geht. So ließ es sich Schwarzer beispielsweise nicht nehmen, an der Kopftuch-Konferenz, die an der Frankfurter Goethe-Universität stattfand, teilzunehmen und im Zuge dessen die eine oder andere Muslimin zu beleidigen. Auffällig herablassend gebärdete sie sich gegenüber den muslimischen Frauen und redete mit ihnen, wie manch alter Mann in Absicht der Erniedrigung mit jungen Frauen redet, die er nicht ernst nimmt. So wurde die ebenfalls zur Konferenz geladene Journalistin Khola Maryam Hübsch von Schwarzer als süßes „Hübschchen“ tituliert. Hätte ein Mann sich Schwarzer gegenüber auf die gleiche Art verhalten, hätte gleich die ganze „frauenfeindliche“ Männerwelt den Zorn der radikalen Feministin zu spüren bekommen. Es spiegelt die Haltung vieler Feministen wider, wie herablassend sie auf die muslimische Frau blicken. Sie wollen die Schieflage ihres eigenen Frauenbildes nicht sehen und widmen sich mit Hingabe der vermeintlichen Unterdrückung der muslimischen Frau, der sie durch Verbote vorschreiben wollen, wie sie sich zu kleiden hat. Mit Befreiung hat das nichts zu tun. Auch eine Feministin kann Frauen bevormunden und unterdrücken.

Sollen wir tatsächlich glauben, dass all die jungen Mädchen und Frauen, die eine Schubkarre voll Minderwertigkeitskomplexe vor sich herschieben und die irgendwelche Influencerinnen nachahmen, selbstbewusst und emanzipiert sind? Sollen wir gleichzeitig glauben, dass muslimische Mädchen und Frauen, die ihr Kopftuch trotz aller Anfeindungen selbstbewusst in der Öffentlichkeit tragen und verteidigen, unterdrückt sind und kein Selbstbewusstsein besitzen? Natürlich entzieht sich die muslimische Frau dem feministischen Diktat und der Emanzipationspflicht, denn sie ist ihrer islamischen Überzeugung verpflichtet und lässt sich nicht von außen vorschreiben, wie sie zu sein hat und wie sie sich kleiden soll. Das Kopftuch signalisiert ganz unmissverständlich, dass die muslimische Frau nicht konform geht mit dem feministischen Frauenbild und dass sie sich bewusst dagegen entschieden hat. Genau das wird ihr verübelt, denn solange sie das Kopftuch trägt, gibt es ein alternatives Frauenbild, das in Konkurrenz zum feministischen Frauenbild steht. Aus feministischer Sicht darf sich die Frau deshalb jedem Trend und jeder Mode unterwerfen – alles ist erlaubt, nur nicht das Kopftuch.

 

(Autor: Um Ahmad)