KOMMENTAR

- 18.06.2019

Die geopolitische Lage Xinjiangs

China streitet seit Längerem ab, dass es die ethnische Gruppe der Uiguren aus der aufständigen Region Xinjiang in Internierungscamps deportieren will. Doch im vergangenen Jahr gelangten unzählige Berichte und Videos an die Öffentlichkeit, die zeigen, wie muslimische Uiguren überall im Westen Chinas in Camps interniert wurden. Unter ständigem Druck der westlichen Medien, die ihre eigene Agenda verfolgen, räumt das chinesische Regime nun die grausame Wahrheit ein: es wurde eine Insel bestehend aus Internierungscamps geschaffen. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua zitierte am Samstag, dem 13. Oktober 2018, einen Amtsträger, der sagte, dass eine „Sinisierung“ (die Kultivierung der Bevölkerung nach chinesischem Vorbild, nichts anderes als eine Zwangsassimilierung) der Religion durchgeführt werden müsse.

You Quan, Vorsitzender der Abteilung für die Einheitsfrontarbeit der regierenden Kommunistischen Partei, welche die ethnischen und religiösen Angelegenheiten überwacht, sagte: „Die Partei muss in Hinblick auf religiöse Tätigkeiten weiterhin federführend bleiben. Gleichzeitig muss man sich vor der Infiltration (Chinas) durch religiösen Extremismus schützen.“ Trotz des wundersamen Aufschwungs der chinesischen Wirtschaft hat China weiterhin mit der umstrittenen Region zu kämpfen. Diese ist nicht nur wichtig, sondern von existenzieller Bedeutung für China.

Das Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang liegt im Nordwesten Chinas und erstreckt sich über ein Gebiet von etwa 1,6 Millionen Quadratkilometern. Die Region macht somit ein Sechstel des chinesischen Staatsgebietes aus und grenzt an insgesamt acht Länder. Heute leben ungefähr 21 Millionen Menschen aus dreizehn unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Xinjiang. Die größte der dort ansässigen Bevölkerungsgruppen sind die uigurischen Muslime.

Historisch gesehen war dieses Gebiet schon lange ein zentraler Ort des kulturellen Austausches zwischen Ost und West, weshalb Xinjiang zu einem wichtigen Abschnitt der Seidenstraße wurde. Im 19. Jahrhundert expandierten das russische und das britische Reich infolge des europäischen Imperialismus’ bis nach Zentralasien. Das imperialistische Russland erweiterte sein Einflussgebiet entlang der nördlichen Grenzen Chinas. Aufgrund dessen brachte die Qing Dynastie die Region Xinjiang unter ihre Kontrolle und erklärte diese im Jahre 1884 offiziell zu einer chinesischen Provinz. Dennoch erlebte die dortige Verwaltung seit jeher einen starken Widerstand durch die muslimische Bevölkerung. Die Qing Dynastie hatte mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit Opiumkriegen, Aufständen und ausländischen Interventionen zu kämpfen, weshalb sie ihre starke militärische Präsenz in der Region Xinjiang nicht länger aufrechterhalten konnte. Als die Qing Dynastie im Jahr 1911 zu Fall kam, verschwand der Einfluss Chinas auf die Region nahezu gänzlich. Erst 1949 wurde die Unabhängigkeit der Region durch Mao Zedong wieder aufgehoben, sodass Xinjiang von der Chinesischen Republik annektiert wurde. Mao Zedong versuchte das Gebiet von Muslimen zu bereinigen, indem er die Bevölkerung zwangsweise umsiedelte und Han Chinesen in Xinjiang ansiedeln ließ. Diese Methodik, die noch heute verwendet wird, scheiterte größtenteils, und endete mit den Ürümqi-Aufständen im Jahr 2009.

Xinjiang ist eine der vier Pufferregionen des Landes, welche das Kernland Chinas schützend umgeben. Das chinesische Kernland ist in zwei Regionen unterteilt: eine südliche und eine nördliche Region. Diese beiden Regionen sind insbesondere wegen der unterschiedlichen Dialekte bekannt. So wird im nördlichen Gebiet Mandarin und im südlichen Gebiet Kantonesisch gesprochen. Das Herzgebiet Chinas wird durch zwei große Flüsse unterteilt, den Gelben Fluss im Norden und den Yangtze im Süden. Dieses Herzgebiet ist Chinas landwirtschaftliche Region. Die Han-Chinesen sind nicht gleichmäßig über das Land verteilt. Vielmehr sind sie aufgrund der geringen Niederschlagsraten im Westen des Landes eher im Osten konzentriert angesiedelt. Deshalb ist der bewohnbare Teil Chinas ein sehr schmales Gebiet mit einer sehr hohen Bevölkerungsdichte. Das Kernland Chinas ist kreisrund von Regionen umgeben, die von Nicht-Han-Chinesen besiedelt wurden: Tibet, Xinjiang, die Innere Mongolei und die Mandschurei. Diese Pufferzonen befanden sich seit jeher unter chinesischer Kontrolle, zumindest sofern China zur Annexion dieser Gebiete imstande war. Sie entzogen sich der Kontrolle Chinas immer dann, wenn es China an militärischer Macht mangelte oder ausländische Kräfte bis tief ins chinesische Kerngebiet einfielen. Historisch gesehen waren dies stets Gebiete, die eine Bedrohungsquelle für China darstellten. Neben dem Fakt, dass diese Regionen als Pufferzonen dienten, stellen diese eine Verteidigungslinie für China dar. So ist Xinjiang von essenzieller Bedeutung, wenn es um die territoriale Integrität Chinas geht.

Chinas wirtschaftliches Wachstum basiert auf dem Zugang zu Energie und Rohstoffen. Was die Wirtschaftsmaschinerie Chinas anlangt, so ist Xinjiang von äußerster Bedeutung für China. Ebenso ist es als Versorgungsroute von strategischer Bedeutung. Xinjiang beherbergt über 20% von Chinas Kohle-, Erdgas- und Ölreserven. Somit hat Xinjiang die höchste Konzentration an Reserven fossiler Brennstoffe des gesamten Landes. Das Ölfeld in Karamay ist eines der größten Ölfelder Chinas. Weiterhin verfügt die Region über immens große Vorkommen an Kohle, Silber, Kupfer, Blei, Nitraten und Zink. In Xinjiang wird der größte Anteil an Chinas Erdgas produziert. Gleichzeitig stellt diese Region eine bedeutende Handels- sowie Pipelineroute zu den Regionen Zentralasiens dar. Xinjiang ist ein integraler Bestandteil von Chinas Plan, die Ölreserven zu diversifizieren, da es eine der wichtigsten Transitrouten des Landes ist. Es ist darüber hinaus die einzige Region Chinas, die an die zentralasiatischen Republiken grenzt. Ein großer Teil des zentralasiatischen sowie des russischen Öls wird dem chinesischen Pipelinenetz über Xinjiang zugeführt. Die erste transnationale Ölpipeline mit diesem Zweck wurde von der Sino-Kazakh Oil Pipeline Co. Ltd. installiert und ab 2006 mit Öl gespeist. Diese Pipeline verläuft von Atasu, im Nordwesten Kasachstans, über Alashankou im Xinjiang Territorium an der kasachisch-chinesischen Grenze bis nach Dushanzi. Obwohl Xinjiang den chinesischen Aufschwung befeuert hat, weshalb der Region eine strategisch wichtige Position zukommt, kommt dieser Region nichts vom erreichten Wohlstand zugute.

Während des wirtschaftlichen Aufschwungs in China wurden sogenannte Special Economic Zones (SEZ) an den Küstenregionen errichtet, in welchen Güter hergestellt werden, die über den Seeweg in die gesamte Welt exportiert werden. Aus chinesischer Sicht besteht eine große Problematik darin, dass ihre Wirtschaft vollkommen von den Seerouten abhängig ist, obgleich China nicht die militärischen Kapazitäten besitzt, diese angemessen zu sichern. Dies liegt insbesondere daran, dass die US-Marine die Weltmeere kontrolliert und eine Blockade auch nur einer der kleinen Inseln, die China umgeben, die Wirtschaft lahmlegen würde.

In diesem Zusammenhang rückt Xinjiang in den Vordergrund, da diese Region eine historische Bedeutung in Bezug auf die Landroute Chinas zum Rest der Welt innehat. Westchina hat über Pakistan Zugang zum Arabischen Meer, zum Indischen Ozean und zum Persischen Golf. China könnte Pakistan, Zentralasien, den Nahen Osten und ganz Eurasien über Xinjiang erreichen, und Ressourcen über den Landweg transportieren, sodass es seine extreme Abhängigkeit von den unsicheren Seewegen minimieren könnte.

Aus diesem Grund steht Xinjinag im Fokus der Arbeit der großangelegten Belt and Road Initiative (BRI), um so das gesamte Land mit Eurasien verbinden zu können. So wurde Xinjiang zu einem geographischen Dreh- und Angelpunkt, wenn es um die wirtschaftliche Verbindung mit Eurasien geht. Das Projekt zielt darauf ab die chinesischen Handelsbeziehungen und den globalen Einfluss des Landes zu stärken. Im Mittelpunkt dieser Politik steht Xinjiang.

Aus strategischen, ökonomischen, demographischen und politischen Gründen ist Xinjiang von existenzieller Bedeutung für China. Doch obwohl die Regierung mit eiserner Hand in der Region vorgeht, ist bisher noch kein Sieg über die Muslime Xinjiangs erzielt worden. Während die westlichen Medien erst kürzlich damit begannen, das kriminelle Vorgehen der Regierung gegen die Bevölkerung medial zu verbreiten, folgt die Regierung einer bestimmten Taktik, die der des Westens sehr ähnelt. Diese Taktik dient dem Zweck, die muslimische Bevölkerung zu integrieren, was seit langem unmöglich scheint. Diese Strategie ist bereits im Westen gescheitert und wird es ebenso in China. Die Herausforderung für die chinesische Regierung besteht darin, dass die ökonomische und politische Zukunft des Landes durch eine Region, in der mehrheitlich Muslime leben, bestimmt wird. Bereits zuvor wurden die Muslime dieser Region seit über einem Jahrzehnt von Chinas Regierung bekämpft.

Adnan Khan