IM LICHTE DER OFFENBARUNG

- 02.07.2019

Koranexegese (tafsīr) der Sure al-ʿaṣr (die Zeit)

 

Koranexegese (tafsīr) der Sure al-ʿaṣr (die Zeit)

 

﴿وَالْعَصْرِ إِنَّ الْإِنسَانَ لَفِي خُسْرٍ إِلَّا الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ وَتَوَاصَوْا بِالْحَقِّ وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

Bei der Zeit! Der Mensch befindet sich wahrlich in Verlust, außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:1-3)

 

Einleitung

Die Sure al-ʿaṣr (die Zeit) findet sich im Koran zwischen zwei anderen Suren, die sich ebenfalls dem Versagen des Menschen widmen. In der vorherigen Sure, der Sure at-takāṯur (die Sucht, mehr zu haben) wird der Mensch von Allah (t) als Verlierer bezeichnet, da er stets dem diesseitigen Nutzen nacheifert, nur um dann zu sterben und das Höllenfeuer als Strafe zu erhalten.

Allah (t) sprach:

﴿لَتَرَوُنَّ الْجَحِيمَ ثُمَّ لَتَرَوُنَّهَا عَيْنَ الْيَقِينِ

Ihr werdet ganz gewiss den Höllenbrand sehen. Abermals: Ihr werdet ihn mit dem Auge der Gewissheit sehen. (102:6-7)

In der darauffolgenden Sure, der Sure al-humaza (der Stichler) verspricht Allah (t) jenen Menschen:

﴿كَلَّا ۖ لَيُنبَذَنَّ فِي الْحُطَمَةِ

Keineswegs! Er wird ganz gewiss in al- Ḥuṭama geworfen werden. (104:4)

Zu erkennen ist, dass Allah (t) den Menschen zunächst das Höllenfeuer sehen lassen wird, woraufhin Er ihn in das Feuer eintreten lässt. In der Sure al-qāriʿa (die Polternde), die der Sure at-takāṯur ebenfalls voransteht, wird erwähnt, dass die Menschen am Tag des Gerichts wie flatternde Motten, und die Berge wie zerflockte Wolle sein werden. Dies wird der Zustand sein, indem sich die Menschen befinden, kurz bevor sie das Höllenfeuer sehen werden.

In seiner Koranexegese Rūḥ al-Maʿānī schrieb der berühmte Exeget Maḥmūd al-Alūsī:

„Darin liegt ein Hinweis auf die Situation derer, die nicht miteinander um diesseitigen Nutzen wetteiferten, und daher auch nicht davon abgelenkt wurden. Aus diesem Grund ordnete man sie (diese Sure) nach der anderen (der Sure at-takāṯur) ein.“

﴿وَالْعَصْرِ

Bei der Zeit! (103:1)

Allah (t) schwört bei der Zeit. Hinsichtlich der Frage, was mit „der Zeit“ (al-ʿAṣr) gemeint sei, gibt es unter den Gelehrten viele verschiedene Meinungen. Einige waren der Ansicht, dass damit die Zeit selbst (ad-dahr) gemeint sei, da die Zeit selbst der beste Zeuge darüber wäre, dass sich der Mensch wahrlich im Verlust befände, wenn er nicht Allah (t) hätte, Der ihn (den Menschen) aus seiner Gnade heraus vor dem Verlust bewahrt hat.

Der Exegese (tafsīr) Ibn Kaṯīrs ist Folgendes zu entnehmen: „Mit al-ʿaṣr (der Zeit) ist jene Zeitspanne gemeint, in der alle guten und schlechten Handlungen der Söhne Adams begangen werden.“

 

Könnte mit al-ʿAṣr das Nachmittagsgebet gemeint sein?

Einige unter den Gelehrten waren der Ansicht, dass mit al-ʿaṣr (der Zeit) die Ära des Gesandten Allahs (s), sowie die von da an verbleibende Zeit bis zum Tag des Gerichts gemeint sei, wobei die verbleibende Zeit bis zum Tag des Gerichts wie die Zeitspanne zwischen dem Nachmittagsgebet und dem Sonnenuntergang ist.

Der Gesandte Allahs (s) sprach:

«إِنَّمَا بَقَاؤُكُمْ فِيمَا سَلَفَ قَبْلَكُمْ مِنَ الأُمَمِ، كَمَا بَيْنَ صَلاَةِ الْعَصْرِ إِلَى غُرُوبِ الشَّمْسِ»

„Eure Zeitspanne, im Verhältnis zu den vorausgegangenen Generationen, ist wie die Zeitspanne zwischen dem Nachmittagsgebet und dem Sonnenuntergang.” (al-Buḫārī)

Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī schrieb in seinem Tafsīr al-Kabīr:

„Es ist die (verbleibende) Zeit der Welt, die sich stetig verringert, während der Tag des Gerichts näher rückt, ohne dass du dich auf diesen Tag vorbereitet hast.“

Allah (t) nahm Sich die Sure zum Anlass, um bei der Zeit (al-ʿaṣr) zu schwören, obwohl Er bei der Morgendämmerung (al-faǧr), beim Sonnenuntergang (al-maġrib), beim Vormittag (aḍ-ḍuḥā) oder einer der unzähligen anderen Zeiten hätte schwören können.

Der Grund dafür, weshalb Allah (t) bei der Zeit schwört, ist, dass ausreichend Zeit vergangen ist, damit die Zeit selbst zum Zeugen über die Taten des Menschen werden kann. Die Zeit selbst ist also der beste Indikator für das, worüber in diesem Fall ein Schwur geleistet wurde. Dies im Gegensatz zu all den anderen Tageszeiten. Zusätzlich dazu erinnert der Nachmittag daran, dass sich das Ende des Tages nähert, was übertragen für die Annäherung an den Tag des Gerichts steht.

Die bereits vergangene Zeit ist ausreichend, um als Zeugnis für das Versagen früherer Nationen vor dem letzten Gesandten (s) zu dienen. Die Geschichte selbst ist ein Beweis für das Versagen der Menschheit.

Immer dann, wenn Allah (t) bei einer Zeitangabe schwört, und daraufhin ein bestimmtes Volk erwähnt, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem, was der genannten Zeit vorausging, und dem erwähnten Volk.

So schwor Allah (t) bei der Morgendämmerung (al-faǧr) und erwähnte kurz darauf das Volk der ʿĀd. Allah (t) sprach:

﴿أَلَمْ تَرَ كَيْفَ فَعَلَ رَبُّكَ بِعَادٍ

Siehst du nicht, wie dein Herr mit den ʿĀd verfuhr (89:6)

Das Volk der ʿĀd ist ein uraltes Volk, bei dem es sich um die Nachkommen von ʿĀd handelt, der wiederum ein Nachfahre von Nūḥ (a) ist.

Nachdem Allah (t) bei der Sonne und ihrer Morgenhelle schwor erwähnte er die Ṯamūd.

Er (t) sprach:

﴿كَذَّبَتْ ثَمُودُ بِطَغْوَاهَا

Die Ṯamūd erklärten in ihrer Auflehnung (die Botschaft) für Lüge (91:11)

Die Ṯamūd waren ein Volk, welches nach dem Volk der ʿĀd lebte. Daher existiert auch in diesem Vers ein Zusammenhang zwischen dem genannten Volk und dem Schwur.

Imam Farāhī erklärte den Grund für das Leisten eines Eides unter Bezugnahme auf die Zeit selbst in seinem Werk Majmūʿa Tafāsīr wie folgt:

„Die Urteilssprechung Allahs (t), die über die früheren Völker ergangen ist, ist der exakte Lohn der Menschen für das, was sie an Taten vollbracht haben. Waren sie tugendhaft, so segnete sie der Allmächtige ihren Taten entsprechend, indem er ihnen eine überragende Ehre zuteilwerden ließ. Gehörten sie jedoch zu jenen Unterdrückern, die Unheil stifteten, so fanden sie durch Seine (t) Urteilssprechung ein Ende, nachdem Er (t) ihnen zuvor einen Aufschub gewährte. Während dieser Zeitspanne des Aufschubs wurde ihnen die Wahrheit derart klar offenbart, dass sie sie unmöglich hätten leugnen können. Allah (t) schwört bei der Zeit um die Menschen an diese Realität zu erinnern. Auf diese Weise erinnern sie sich daran, dass auch ihre Taten eines Tages vergolten werden.

Darüber hinaus gibt es einen weiteren Punkt, der in Hinblick auf diesen Schwur erwähnt werden muss: Ein Mensch investiert im Grunde genommen immer in die Zeit, während eine der Eigenschaften der Zeit die ist, dass ihr Voranschreiten unumkehrbar ist. Wie naiv muss eine Person sein, wenn sie sich dieser Treulosigkeit der Zeit zwar bewusst ist, ihr aber trotz dessen vertraut und sich der Vergänglichkeit des diesseitigen Lebens, und der Tatsache, dass sie eines Tages Rechenschaft über ihre Taten ablegen muss, gleichgültig zeigt?“

Daraufhin erwähnt Imam Farāhī ein bezeichnendes Beispiel, um dies näher zu erläutern:

„In diesem Punkt ähnelt der Mensch einem Händler, der mit Eis handelt: Anstatt das Eis schnellstmöglich zu verkaufen und aus diesem Handel somit Gewinne zu erzielen, hortet er all das Eis und erfreut sich dem Glanz seiner Waren. Es ist mehr als nur offensichtlich, dass ein derart kurzsichtiger Händler seine Gleichgültigkeit eher früh als spät beklagen würde.“

Manche Zeiten, wie beispielsweise die Morgendämmerung (al-faǧr) oder der Vormittag (aḍ-ḍuḥā), sind nicht geeignet, um einen Verlust aus ihnen zu schlussfolgern, da für eine solche Schlussfolgerung nicht genügend Zeit verstrichen ist. Was nun den Sonnenuntergang (al-maġrib) anlangt, so ist auch diese Zeit für eine derartige Schlussfolgerung nicht geeignet, da der Sonnenuntergang das Ende des Tages darstellt und damit jenen Zeitpunkt, an dem sich die Menschen zurückziehen.

Allah (t) sprach:

﴿إِنَّ الْإِنسَانَ لَفِي خُسْرٍ

Der Mensch befindet sich wahrlich in Verlust (103:2)

Die Bedeutung dieses Verses ist, dass der Mensch in Verlust geraten ist. Dieser Verlust umgibt ihn von allen Seiten. Ausgenommen davon ist nur jene Person, die Allah (t) vor diesem Schicksal bewahrte.

Er (t) sagte:

﴿فِي خُسْرٍ

in Verlust (103:2),

obwohl er statt der Formulierung fī ḫusr das Wort ḫāsr hätte verwenden können, um den Menschen als Versager zu beschreiben. Doch wählte Er (t) die erstere Formulierung, um das Ausmaß des Versagens des Menschen deutlich zu machen.

Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī schreibt in seinem Tafsīr al-Kabīr weiter:

„Wisse, dass Allah (t) viele Indizien in diesen Versen platzierte, die allesamt die Aufgabe haben, auf den Schwerpunkt der Verse – den Verlust des Menschen – hinzudeuten.

Erstens: Allah (t) sagte:

﴿لَفِي خُسْرٍ

in Verlust (103:2)

Diese Formulierung deutet darauf hin, dass der Mensch in Verlust begraben wird, sodass ihn dieser Verlust von allen Seiten umgibt.

Zweitens: Allah (t) verwendet den Ausdruck

﴿إِنَّ

wahrlich (103:2),

um die darauffolgende Aussage zu bekräftigen.

Drittens: Der arabische Buchstabe Lām vor dem Wort fī dient ebenfalls der Betonung, da es sich bei dem Buchstaben Lām um einen betonenden Partikel handelt.

Ferner spricht Allah (t) von dem Verlust in unbestimmter Form („in Verlust“ statt „in dem Verlust“). Dies deutet auf einen absoluten und endgültigen Verlust hin, unabhängig davon, ob dieser Verlust klein oder groß, bedeutend oder unbedeutend ist. (…)

Allah (t) verwendet an dieser Stelle das Wort ḫusr anstelle von al-ḫusrān oder al-ḫasār. Jedes einzelne dieser Wörter wird im Koran in einer bestimmten Position und in einem bestimmten Kontext verwendet.

Das Wort al-ḫusr steht für Verluste im Allgemeinen, unabhängig davon, ob es sich um große oder kleine Verluste handelt. Demgegenüber verwendet man das Wort al-ḫasār immer dann, wenn man auf eine Zunahme des Verlustes hinweisen will. So sagt Allah (t):

﴿وَنُنَزِّلُ مِنَ الْقُرْآنِ مَا هُوَ شِفَاءٌ وَرَحْمَةٌ لِّلْمُؤْمِنِينَ ۙ وَلَا يَزِيدُ الظَّالِمِينَ إِلَّا خَسَارًا

Und Wir offenbaren vom Qur'an, was für die Gläubigen Heilung und Barmherzigkeit ist; den Ungerechten aber mehrt es nur den Verlust. (17:82)

Das Wort al-ḫusrān wird für den größtmöglichen Verlust verwendet. So sprach Er (t):

﴿فَاعْبُدُوا مَا شِئْتُم مِّن دُونِهِ ۗ قُلْ إِنَّ الْخَاسِرِينَ الَّذِينَ خَسِرُوا أَنفُسَهُمْ وَأَهْلِيهِمْ يَوْمَ الْقِيَامَةِ ۗ أَلَا ذَٰلِكَ هُوَ الْخُسْرَانُ الْمُبِينُ

So dient nun, wem ihr wollt, anstatt Seiner. Sag: Die (wahren) Verlierer sind diejenigen, die am Tag der Auferstehung sich selbst und ihre Angehörigen verlieren. Sicherlich, das ist der deutliche Verlust. (39:15)

In diesem Zusammenhang ist die Verwendung des Wortes al-ḫusr korrekt und präzise.“

Was nun die folgende Aussage des Erhabenen anlangt:

﴿إِلَّا الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ وَتَوَاصَوْا بِالْحَقِّ وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:3),

so heißt es im tafsīr von Abī as-Suʻūd:

„Seine (t) Aussage:

﴿إِلَّا الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ

außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun (103:3)

ist eine Beschreibung der Perfektion ihrer (der angesprochenen Menschen) Selbst, während Seine (t) Aussage:

﴿وَتَوَاصَوْا بِالْحَقِّ وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:3)

eine Beschreibung der Perfektion anderer durch sie (die angesprochenen Menschen) ist. So gebieten einige Menschen anderen, in bestimmten Angelegenheiten standhaft zu sein, wobei diese Standhaftigkeit derart von Bedeutung ist, dass ihre gute Wirkung unmöglich verleugnet werden kann. Eine solche Standhaftigkeit wird im Diesseits und im Jenseits Früchte tragen. Der Grund für ein solches Verhalten (das Gebieten des Guten) ist der Glaube an Allah (t) und die Gehorsamkeit Ihm und Seinem Gesandten (s) gegenüber.“

Im tafsīr von ar-Rāzī heißt es zu diesem Vers:

„Der Vers

﴿وَتَوَاصَوْا بِالْحَقِّ

und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen. (103:3)

deutet auf die Wichtigkeit der Wahrheit hin und darüber hinaus auch darauf, dass diese Wahrheit mit Prüfungen einhergeht. Aus diesem Grund verknüpft Allah (t) die Wahrheit in diesem Vers mit der Standhaftigkeit im darauffolgenden Vers:

﴿وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:3)“

Allah (t) befiehlt uns an, dass wir einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen sollten, nachdem er uns zuvor anbefahl einander die Wahrheit eindringlich zu empfehlen. Dies weil das Gebieten der Wahrheit für die betroffene Person und andere um sie herum eine Erschwernis darstellen könnte. Auch könnte derjenige, der anderen die Wahrheit gebietet, dabei Schaden erleiden. Aus diesem Grund wurde das Gebieten der Wahrheit in diesem Vers mit dem Gebieten der Standhaftigkeit verknüpft.

Das flektierte Verb tawāṣau (einander Gebieten, empfehlen) wurde unter Verwendung der Präposition bi mehrfach verwendet, um sowohl die Wahrheit, als auch die Standhaftigkeit hervorzuheben.

Auch folgende Formulierungen wären möglich gewesen: wa tawāṣau bi-l- ḥaqqi wa aṣ-ṣabr bzw. wa tawāṣau bi-l-ḥaqqi wa bi-ṣ-ṣabr. Beide Formulierungen hätten denselben Inhalt vermittelt. Jedoch sprach Allah (t):

﴿وَتَوَاصَوْا بِالْحَقِّ وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

und einander die Wahrheit eindringlich empfehlen und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:3)

und wiederholte nicht nur die Präposition bi, sondern auch das Verb tawāṣā in seiner flektierten Form. Der Grund dafür ist die zusätzliche Bedeutung und die zusätzliche Betonung, die mit ebendieser Formulierung bezweckt wurde.

Die Formulierung

﴿وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:3)

ist in allgemeiner Form ergangen. Damit könnte sowohl die Standhaftigkeit in Hinblick auf das Fernhalten von Sünden, die Standhaftigkeit in Hinblick auf den Gehorsam gegenüber Allah (t), die Standhaftigkeit in Zeiten der Schwere, als auch die Standhaftigkeit in Hinblick auf das Gebieten der Wahrheit gemeint sein.

Al-Zamaḫšarī schreibt in seiner Koranexegese Al-Kaššāf ʿan ḥaqāʾiqi at-tanzīl:

„(…) Mit den Worten

﴿وَتَوَاصَوْا بِالصَّبْرِ

und einander die Standhaftigkeit eindringlich empfehlen. (103:3)

ist gemeint, dass man einander Standhaftigkeit in Hinblick auf das Fernbleiben von Sünden, Standhaftigkeit in Hinblick auf den Gehorsam gegenüber Allah (t) und Standhaftigkeit in Hinblick auf Prüfungen durch Allah (t) empfiehlt.“

Und in Rūḥ al-Maʿānī heißt es:

„(...) und einander die Standhaftigkeit in Hinblick auf das Fernbleiben von Sünden eindringlich empfehlen, da das menschliche Wesen diesen zugeneigt ist. Standhaftigkeit in Hinblick auf den Gehorsam (gegenüber Allah), da dieser für das menschliche Wesen schwer zu leisten ist. Und Standhaftigkeit in Hinblick auf alles, womit Allah (t) Seine Diener prüft. Das Wort al-ḥaqq enthält diese Bedeutung bereits implizit, doch wiederholte Allah (t) dies (unter Verwendung eines weiteren Wortes) und in Verknüpfung mit einer Präposition. Er (t) wiederholte das Verb um der vollen Aufmerksamkeit willen.“

Nun stellt sich die Frage, weshalb Allah (t) das Gebieten der Wahrheit und der Standhaftigkeit im Zusammenhang mit dem Glauben und rechtschaffenen Taten nicht auch an anderen Stellen erwähnt hat. So sprach Allah (t) in der Sure at-tīn (die Feigenbäume):

﴿ثُمَّ رَدَدْنَاهُ أَسْفَلَ سَافِلِينَ إِلَّا الَّذِينَ آمَنُوا وَعَمِلُوا الصَّالِحَاتِ فَلَهُمْ أَجْرٌ غَيْرُ مَمْنُونٍ

hierauf haben Wir ihn zu den Niedrigsten der Niedrigen werden lassen, außer denjenigen, die glauben und rechtschaffene Werke tun; für sie wird es einen Lohn geben, der nicht aufhört. (95:5-6)

Worin besteht der Unterschied zwischen den beiden Versen? Der Unterschied besteht darin, dass die Verse der Sure al-ʿaṣr auf den Verlust des Menschen bezogen sind, während die Sure at-tīn inhaltlich darum handelt, wie sich der Mensch der Tiefe des Höllenfeuers entziehen kann. Der Glaube und das Verrichten rechtschaffener Werke allein können zwar verhindern, dass der Mensch von Allah (t) auf die niedrigste aller Stufen degradiert wird, doch schützen diese beiden allein den Menschen nicht davor in Verlust zu sein. Um sich vor dem Versagen zu schützen muss der Mensch Wahrheit und Standhaftigkeit gebieten. Tut er dies nicht, so entgeht ihm etwas von dem Lohn, den er erhalten würde, wenn er dies geboten hätte.