HISTORISCHES

- 12.07.2019

Der Völkermord in Bosnien sollte uns Muslimen eine Warnung sein (1)

An den Muslimen in Bosnien fand nur etwa zwei Flugstunden von Deutschland entfernt ein Völkermord statt. Obwohl solche Horrorszenarien für die Muslime, die sich im Westen in relativer Sicherheit wähnen, erst einmal fern klingen, müssen wir uns fragen, ob diese Geschichte eine Warnung für die muslimischen Minderheiten darstellt, die nicht ignoriert werden darf.

Vor etwas mehr als 20 Jahren wurden wir im Herzen Europas Zeugen eines Massenmordes mit Vertreibungen und systematischen Vergewaltigungen, die sich gegen zehntausende unschuldige Opfer richteten – nur weil sie Muslime sind.

Ein ganzes Netzwerk an Konzentrationslagern wurde eingerichtet, um Muslime zu inhaftieren, zu foltern und zu töten. Hunderttausende wurden gezwungen ihr Zuhause zu verlassen. Vergewaltigungszentren wurden errichtet, wo zehntausende Musliminnen inhaftiert und immer wieder von Soldaten vergewaltigt wurden. In Srebrenica wurden im Juli 1995 innerhalb von nur fünf Tagen 8000 muslimische Männer und Jungen von der serbischen Armee zusammengetrieben, ermordet und in Massengräbern verscharrt.

Dieses Vernichtungsvorhaben gegenüber den Muslimen in Bosnien weitete sich auf jede Spur muslimischer Religion und Kultur aus. Serbische Milizen sprengten Moscheen in den Gebieten, die sie besetzt haben, und die serbische Armee nahm Ziele mit großer kultureller Wichtigkeit für die Muslime wie das Orient-Institut in Sarajevo ins Visier, wo sie mehr als 5000 antike Manuskripte verbrannten. Die Völkermörder versuchten jede Erinnerung an das muslimische Leben in Bosnien auszulöschen.

Diese Muslime waren weiße Europäer, genauso wie ihre nichtmuslimischen Nachbarn. Sie sprachen die gleiche Sprache wie ihre nichtmuslimischen Nachbarn. Sie trugen die gleiche Kleidung wie ihre nichtmuslimischen Nachbarn und führten denselben Lebensstil. Trotzdem wurden sie zum Ziel eines grausamen Genozids, während die ganze Welt tatenlos zusah.

Wie konnte es in einer Gesellschaft, in der Muslime und Nichtmuslime jahrhundertelang friedlich zusammenlebten, nur so weit kommen?

Tatsächlich ereignet sich ein Völkermord nie plötzlich. Es gibt verschiedene Vorstufen, die das Fundament für solch ein extremes Verbrechen legen. Vorstufen, während derer sich ein solcher Genozid noch verhindern lässt. Dieser schrittweise Prozess wurde in Studien, die historische Völkermorde analysierten, in acht Stufen unterteilt. Die Übergänge zwischen den Stufen sind teilweise fließend, doch es ist ein eindeutiges Muster bei all jenen Verbrechen zu erkennen, egal ob sie in Deutschland, Ruanda, Bosnien oder anderswo stattfinden.

 

Die acht Stufen des Genozids:

1) Klassifizierung

2) Symbolisierung

3) Entmenschlichung

4) Organisation

5) Polarisierung

6) Vorbereitung

7) Vernichtung

8) Leugnung

Wenn man sich die ersten drei Stufen - Klassifizierung, Symbolisierung und Entmenschlichung – ansieht, wird die Idee vom „wir und sie“, die in den Köpfen der Menschen erzeugt wird, klar. „Sie sind anders als wir.“ Die Unterschiede werden hervorgehoben, während Gemeinsamkeiten bewusst ignoriert werden.

Danach greift man Symbole auf, mit denen diese Gruppe identifiziert werden soll – bei den Muslimen könnte man leicht Teile der islamischen Kleidungsvorschriften, wie den ḥiǧāb oder den Bart wählen.

Als drittes folgt die Entmenschlichung. Die andere Gruppe wird als minderwertig erachtet, ihre Leben werden nicht auf die gleiche Weise wertgeschätzt und schließlich werden sie als untermenschlich erachtet. Dies geschieht nicht über Nacht, sondern ist ein schleichender Prozess.

Diese ersten Schritte sind im Grunde genommen nicht mehr als Worte. Sie ebnen jedoch den Weg für die Enteignung aller Rechte und Freiheiten, um die abgestempelte Gruppe von Menschen letztlich ermorden zu können. Ferner stellen sie einen essenziellen Teil des Völkermordprozesses dar, denn erst durch diese drei Schritte können Verbrechen gegenüber der gebrandmarkten Personengruppe legitimiert werden. Dies weil es sich bei ihnen nicht um Menschen, sondern um eine furchtbare Bedrohung handelt, die es auszulöschen gilt.

In Bosnien spielten, wie bei allen Völkermorden der Moderne, die Medien eine entscheidende Rolle bei den ersten Stufen des Völkermordes. Genauso wie Politiker und Personen des öffentlichen Lebens. Erschreckend ist jedoch wie ähnlich die islamophoben Ideen, die der Unterstützung und Rechtfertigung des Völkermordes an den Muslimen Bosniens dienten, jenen Vorstellungen und Stereotypen sind, die heute in Deutschland und überall in Europa über die Muslime herrschen.

Der serbische Führer Slobodan Milošević (später für den Völkermord angeklagt) begann damit die Flammen des Hasses zu schüren, indem er an eine berühmte serbische Schlacht gegen eine muslimische Armee erinnerte. Genauso wie die Rechten in Großbritannien oft das Bild der Kreuzritter nutzen.

Prinz Lazars Kampf vor 600 Jahren war ein Kampf, durch welchen er Europa zu beschützen versuchte. Serbien ist heute noch eine Bastion der europäischen Kultur und Religion.“ (Slobodan Milošević, 1989)

Muslime werden in Großbritannien oft als fremde Invasoren wahrgenommen, die die britische Kultur und ihre Werte gefährden. Die bosnischen Muslime wurden auch oft als „Türken“ abgestempelt, die fremd sind und die europäische Zivilisation bedrohen, obwohl sie eine vollständig integrierte Gemeinschaft bildeten, die jahrhundertelang friedlich mit den bosnischen Christen koexistierte.

„Die Muslime wollen ein weites Mal ein türkisches Bosnien mit Scharia und anderen Werten, die in der modernen Zeit inakzeptabel sind, gründen.“ (Informationsministerium in Belgrad, Serbien, 1993)

„Muslime stellen ein Element in unserem Leben dar, das schwierig in eine westliche Gesellschaft zu integrieren ist.“ (Zoran Đinđić, späterer serbischer Premierminister, 1994)

Während der Zeit des Genozids propagierte der Großteil der serbischen staatlichen Massenmedien das Bild des Muslims als gewalttätige Gefahr, indem sie sowohl Falschmeldungen als auch übertrieben dargestellte Übergriffe gegen Serben ausstrahlten. Heute wird das Bild des gewalttätigen Muslims vor allem von der Berichterstattung über den Terrorismus genährt. Des Weiteren wird auch heute noch gern auf Falschmeldungen zurückgegriffen. So berichtete beispielsweise The Sun, dass einer von fünf Muslimen in Großbritannien „jihadistische Gruppen wie den IS unterstützen würde“. Obwohl es sich dabei offensichtlich um eine Lüge handelt, verbreitet man derlei Informationen, um den Hass den Muslimen gegenüber weiter zu schüren.

Das serbische Radio propagierte während der Zeit des Genozids auch, dass muslimische Männer versucht hätten, serbische Frauen für ihre Harems zu entführen. Auch heute versucht man, alle muslimischen Männer mit Vergewaltigung und Pädophilie in Verbindung zu bringen, indem man Schlagzeilen wie „Muslim Grooming Gangs“ (zu Deutsch: „muslimische Missbrauchbanden“) abdruckt. Rechtsradikale verbreiten das Gerücht, dass muslimische Männer weißen Frauen hinterherjagen würden.

Egal ob es um die Beziehungen zwischen muslimischen Männern und einheimischen Frauen, den IS, Ḥalāl-Fleisch und den Schächtungsprozess, den Gesichtsschleier (niqāb) oder andere Themen geht, es handelt sich immer um das gleiche dominante Narrativ (das immer wieder in verschieden feinen Tönen variiert) des Muslims als Gefahr für „unseren Lebensstil“ und „unsere Freiheiten“. Dieses markante Narrativ wurde genauso von der serbischen Propaganda genutzt: Muslime sind anders und fremd, rückständig und gewalttätig, sie teilen unsere aufgeklärten Werte nicht und sie stellen eine Gefahr für unseren Lebensstil dar… eine Gefahr, die es auszumerzen gilt.

In den britischen Medien lässt sich eine Schlagzeile nach der anderen finden, die sich mit dem Islam und den Muslimen befasst.

Ein ähnliches Bild lässt sich bei deutschen Medien und Zeitschriften erkennen.

Eine ausführliche Artikelreihe zum Thema „Der Islam in den Medien“ lässt sich unter den folgenden drei Links finden:

kalifat.com/artikel/2140-der-islam-in-den-medien/

kalifat.com/artikel/2160-der-islam-in-den-medien-2/

kalifat.com/artikel/2226-der-islam-in-den-medien-3/