HISTORISCHES

- 15.07.2019

Der Völkermord in Bosnien sollte uns Muslimen eine Warnung sein (2)

Studien haben ergeben, dass der Anstieg von Islamophobie in Ländern wie den USA und Großbritannien nicht unbedingt mit den - oft in diesem Zusammenhang erwähnten – Anschlägen von Muslimen zusammenhängt und auch keine Antwort auf die kulturellen Unterschiede darstellt. Der größer werdende Hass manifestiert sich aus politischen Motiven, wie denen der serbischen Nationalisten. Letztlich wird die Meinung, dass der Islam eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt, immer stärker.

Wenn wir uns erneut die acht Stufen des Genozids ansehen, so ist der nächste Schritt nach der Entmenschlichung die Organisation. Sobald das „wir“ und „sie“ definiert ist und klar wird, dass „sie“ schlecht für „uns“ sind, beginnen Menschen oft organisiert auf die wahrgenommene Gefahr zu reagieren. Dabei werden sie entweder vom Staat unterstützt oder aber sie organisieren sich selbst, entweder zentral oder als örtliche Gruppierungen.

In Bosnien zum Beispiel begannen militante serbische Gruppen sich zu organisieren, auszubilden und auszurüsten. Auch in England ist zu sehen, wie sich Gruppen dieser Art, z.B. die English Defence League, organisieren und Muslime auf der Straße zusammenschlagen und ihre Geschäfte zu zerstören.

Der Aufstieg rechter Gruppen, die ihren Hass speziell gegen Muslime richten, wurde von einem Anstieg von Hassverbrechen, besonders gegen muslimische Frauen und Moscheen, begleitet. Am 29. April 2013 stach Pavlo Lapshyn den 82-jährigen Mohammed Saleem zu Tode, als sich dieser aus der Moschee kam und sich auf dem Weg nach Hause befand. Später sagte Lapshyn aus, dass er sich entschied Muhammed Saleem zu ermorden, „weil er Muslim war und es keine Zeugen gab.“

Etwas Ähnliches ereignete sich am 01. Juli 2009 in Dresden, als die 32-jährige Handballspielerin und Pharmazeutin Marwa El-Sherbini während einer Strafverhandlung im Landgericht Dresden vor den Augen ihres dreijährigen Sohnes kaltblütig erstochen wurde. Insgesamt stach der Täter 18-mal auf die Schwangere ein.

Doch der Prozess des organisierten Hasses gegen Minderheiten beschränkt sich nicht nur auf Gewalt auf der Straße. In den Jahren vor dem Genozid nahmen die serbischen Nationalisten viele einflussreiche Positionen in Politik und Medien ein. Die Britische Nationalpartei (BNP), die Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs (UKIP), die AFD (Alternative für Deutschland), die freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), die Norwegische Fortschrittspartei (FrP) und die französische Front National (FN) -  es besteht kein Zweifel daran, dass rechte Parteien in Europa ihren Fokus auf die Muslime und den Islam lenken. Neokonservative Think Tanks wie die im Jahr 2005 gegründete Henry Jackson Society versuchen mit ihrer anti-islamischen Agenda Einfluss auf die Regierung zu nehmen.

Natürlich bedeutet der größer werdende Einfluss und die Organisation der Islamophoben in Ländern wie dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Österreich und Frankreich kein bewusstes Hinarbeiten auf eine ethnische Säuberung, wenn man mal die extremen Rechten außer Acht lässt. Doch wenn die meistverkaufte britische Zeitung die Leser „Was sollen wir mit dem Muslimproblem tun?“ fragt, gibt das mehr als genug Anlass zur Sorge über die Zukunft.

Nach der Organisation folgt als fünfter Schritt die Polarisierung. An diesem Punkt ist die negative Berichterstattung über die „Anderen“ bereits gängig und massentauglich. Einflussreiche Personen aus Politik und Medien treiben einen Keil zwischen die Zielgruppe und den Rest der Gesellschaft, indem sie die „anderen“ als fundamental gegen „uns“ darstellen. Die Politik beginnt Gesetze zu erlassen, die die „Anderen“ auch anders behandeln. Außerdem werden beschwichtigende Stimmen, die die Zielgruppen in Schutz nehmen, an den gesellschaftlichen Rand gedrängt oder totgeschwiegen.

Dieser Prozess der Teilung der Gesellschaft äußerte sich in Bosnien durch die Bombardierung der Stari most, womit man die Muslime auch physisch vom Rest der Stadt trennte. An diesem Punkt wurden Serben oder Kroaten, die sich für ihre muslimischen Nachbarn einsetzten oder versuchten sie zu verteidigen bereits als Verräter beschimpft.

Es ist dieselbe Polarisation, die 2011 Anders Breivik veranlasste ein Sommercamp der norwegischen Arbeiterpartei anzugreifen, die er dafür hasste, dass sie Immigration befürwortete und Multikulturalismus förderte.

Polarisation geschieht jedoch nicht immer auf eine drastische und gewalttätige Weise. Viele Menschen haben überzeugend dargelegt, dass die britische Sicherheitspolitik, die sich auf einen „gewaltfreien Extremismus“ konzentriert, Muslime unter Generalverdacht stellt und mit zweierlei Maß misst. Durch die neuen Anti-Terrorgesetze werden Muslime umfassend überwacht und gravierend in ihren Grundrechten beschnitten, wenn man sie mit ihren Mitbürgern vergleicht.

Nichtmuslime, die Sympathien für die muslimische Community hegen, werden denunziert und im Vereinigten Königreich von Rechten sogar als „Islamophile“ beschimpft. Auch Briten, die zum Islam übertreten, werden bestenfalls als sehr merkwürdig beschrieben. Eine Konversion zum Islam würde nach Ansicht vieler nur aus einem Gefühl der Unzulänglichkeit heraus stattfinden oder aber einen offenen Verrat darstellen. Auch hier sind die Parallelen zu den Aussagen, die dem Genozid in Bosnien vorausgegangen sind, unverkennbar.

„Nur genetisch minderwertiges Material würde den Islam annehmen.“ (Serbische Präsidentin Biljana Plavšić)

„Was für eine Art Frauen konvertiert freiwillig zu einer Religion, die jedes Jahr weltweit Unterdrückung, Folter und Ermordungen tausender Christen, Homosexueller und selbstbestimmter Frauen unterstützt? Diese Art Frauen sind solche, die Serienmördern Liebesbriefe schreiben.“ (Die englische Schriftstellerin und Journalistin Julie Burchill über die Konvertierung von Lauren Booth, The Independent)

Sobald die Gesellschaft die Stufe der Polarisierung durchlaufen hat und zu Extremen gedrängt wurde, ist sie bereit für die letzten drei Stufen des Weges zum Genozid: Vorbereitung, Vernichtung und zuletzt Leugnung.

Die Stufe der Vorbereitung kann sich auf viele Arten manifestieren: Entziehen der Eigentumsrechte, Verfrachtung in Ghettos oder Einschränkungen der Rechte auf Heirat und Kinder. Der nächste Schritt ist offensichtlich: der Genozid an sich, das Massaker, die Morde, die sogenannte Vernichtung. Dies ist jedoch noch nicht der letzte Schritt.

Leugnung – es gab keinen Genozid. Oder es war kein Genozid, es war ein ausgeglichener Konflikt. Oder nicht wir haben sie getötet, sondern sie haben uns getötet. Beweise werden vernichtet, Zeugen werden eingeschüchtert, die Geschichte wird verzerrt. In Bosnien wird es gerne als Bürgerkrieg und nicht als gezielte Vernichtung der muslimischen Bevölkerung dargestellt. Leider lassen sich viele Gemeinsamkeiten zwischen den serbischen Nationalisten und Islamophoben im Westen ausmachen. Serbische Genozidleugner werden sogar von der Trump-Regierung umworben.

Könnte so etwas auch uns passieren?

Könnten solche Grausamkeiten, die den Muslimen in Bosnien widerfahren sind, auch Muslimen in Amerika, dem Vereinigten Königreich, Deutschland, Frankreich oder anderen westlichen Ländern geschehen?

Trotz der größer werdenden Angst und dem Hass gegenüber Muslimen im Westen, scheint den meisten ein Genozid unvorstellbar… Obwohl die Geschichte bewiesen hat, dass unter gewissen Umständen normale und unscheinbare Menschen „plötzlich“ beginnen, andere zu verfolgen und ihnen abscheuliche Gräueltaten zuzufügen, denken viele, dass unsere Gesellschaften dagegen aus irgendeinem Grund immun sind… Und das, obwohl wir nur zwei Jahrzehnte nach dem Horror in Bosnien wieder einen Völkermord gegen Muslime in Myanmar mitansehen müssen. Islamophobie wird selten als tödliche Gefahr angesehen. Sind wir sicher, dass uns nicht das gleiche Schicksal wie unsere muslimischen Geschwister in Bosnien ereilen könnte, die auch einst friedlich mit ihren nichtmuslimischen Nachbarn zusammenlebten?

Wir leben in ungewissen Zeiten, in denen die Weltgeschehnisse immer mehr einer Prognose bedürfen. Wir sind Zeugen einer Instabilität, die durch verschiedene Faktoren, wie die wirtschaftlichen Umwälzungen oder drohende Klimakrisen begünstigt wird. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, dass durch das politische und wirtschaftliche Chaos, das durch den Zusammenbruch des Kommunismus in Europa aufkam, jene Zustände entstanden, die letztlich zu einem blutigen Völkermord in Bosnien führten.

Milton Friedman formulierte treffend wie schockierende Ereignisse die Bedingungen dafür schaffen, das scheinbar Unvorstellbare zum scheinbar Unvermeidbaren zu machen: „Nur eine Krise – sei sie tatsächlich da oder nur scheinbar – führt zu einer wahren Veränderung. Wenn es zu dieser Krise kommt, hängen die Reaktionen von den Ideen ab die herumschwirren.“ Im Zuge dieser Beobachtung ist es sinnvoll, einen ernsten Blick auf die gegenwärtig „herumschwirrenden“ Ideen zu werfen:

„Es gibt einen eindeutigen Drang – verspüren Sie ihn nicht? Man hat den Drang zu sagen, dass die muslimische Gemeinschaft zu leiden hat, bis sie ihr Haus in Ordnung gebracht hat. Was für eine Art von leiden? Sie nicht reisen zu lassen. Deportation – mehr noch. Beschneidung ihrer Freiheit. Leibesvisitationen von Menschen, die so aussehen als würden sie aus dem Nahen Osten oder Pakistan kommen… Diskriminierungen bis es die gesamte Gemeinschaft schmerzt.“ (Martin Amis, preisgekrönter Autor, in einem Interview mit The Times)

„Muslime sind eine Gefahr für unseren Lebensstil.“ (Sunday Telegraph)

„Der Islam ist die größte Quelle des Bösen unserer Zeit“ (Professor Richard Dawkins)

„Der Islam ist das Problem“ (Boris Johnson, Politiker und Journalist)

„Die Verhältnisse der Muslime müssen in Europa flächendeckend härter gemacht werden“ (Douglas Murray, Denkfabrikdirektor und politischer Berater)

„Wir brauchen eine endgültige Lösung.“ (Katie Hopkins, Radiosprecherin)

Eine Sache ist sicher in diesen unsicheren Zeiten: Wir können es uns nicht leisten passiv zu sein, während die Islamophobie zunimmt und einfach untätig abzuwarten, bis wir am eigenen Leib spüren, wie schnell sich Ereignisse überschlagen und wie schlimm die Realität für uns oder unsere Kinder werden kann.