KONZEPTION

- 21.07.2019

Das zunehmende Interesse an muslimischen Kindern

Die erste Generation der Muslime war für Deutschland nur als Arbeitskraft interessant. Der islamische Glaube war vollkommen irrelevant, zumal man davon ausging, dass der Aufenthalt der Muslime in Deutschland zeitlich begrenzt sei. Es bestand folglich keine Notwendigkeit, sich in irgendeiner Form mit dem Islam auseinanderzusetzen, von dem die meisten Deutschen in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ohnehin nie etwas gehört hatten. Sie bekamen lediglich mit, dass die muslimischen Gastarbeiter kein Schweinefleisch aßen und keinen Alkohol tranken, und darauf beschränkte sich dann lange Zeit ihr Wissen über den Islam. In der Wahrnehmung der Gastarbeiter gab es keinen großen Unterschied zwischen dem Türken oder dem Italiener, denn sie waren für den Deutschen in erster Linie Ausländer.

Die Kinder der ersten Generation waren zum größten Teil in Deutschland geboren. Diese zweite Generation der Muslime war auf das islamische Wissen der Eltern angewiesen und darauf, was diese ihnen übermittelten. Im Laufe der Zeit merkte die zweite Generation aber, dass ihr die erste Generation viele Fragen bezüglich des Islam nicht beantworten konnte. Denn die erste Generation war in einem islamischen Umfeld aufgewachsen, hielt vieles für selbstverständlich und musste sich nicht bewusst mit dem Islam auseinandersetzen, weil sie nicht mit den Fragen konfrontiert wurde, denen Muslime der zweiten Generation durch den täglichen Kontakt mit Nichtmuslimen zunächst in der Schule und später in Studium und Beruf begegneten. Der Kontakt mit der nichtislamischen Lebensweise kam bei ihnen also bereits im Kindes- und Jugendalter zustande, nicht erst im Erwachsenenalter. Die Muslime der zweiten Generation sollten anderen den Islam erklären und mussten ihn im Grunde erst einmal sich selbst erklären. Die Suche nach befriedigenden Antworten war mühselig, weil Literatur auf Deutsch, die nicht aus orientalistischer Sicht verfasst war, nicht verfügbar war und man sich den Islam nicht unbedingt aus der Feder Peter Scholl-Latours aneignen sollte. Eine anständige deutsche Übersetzung des Koran zu finden, war lange unmöglich.

Die Situation veranlasste viele Muslime der zweiten Generation dazu, sich tiefgründig sowohl mit den islamischen als auch mit den nichtislamischen Ideen auseinanderzusetzen. Zu den nichtislamischen Ideen gehört auch die Idee der Freiheit, wie sie der Westen vertritt. Die Nichtmuslime nahmen an, dass die Idee der Freiheit von den Muslimen der zweiten Generation bereitwillig angenommen werden würde und sie sich vom Glauben ihrer Eltern größtenteils lösen würden. Bei einem Teil der Muslime der zweiten Generation war dies auch der Fall. Aber es gab auch jenen Teil, der am Islam festhielt, und dieser Teil geriet in den Fokus, weil er die Unvereinbarkeit zwischen den islamischen und den westlichen Ideen erkannte. Es gab Konzepte wie den sogenannten Euro-Islam, um den Muslimen die Vorstellung von der Einheit der Umma auszureden und ihnen zu suggerieren, dass es möglich sei, eine Brücke zwischen den islamischen und den westlichen Ideen zu schlagen. Hauptsächlich ging es um die Idee der Trennung von Religion und Staat. Denn die Muslime der zweiten Generation, die am Islam festhielten, hatten begriffen, dass der Islam eine Lebensordnung ist.

Die Generationen, die folgten, d. h. die dritte und teilweise schon die vierte Generation, zeigen sich weiterhin unbeeindruckt von der Idee der Freiheit – nicht alle Muslime, aber viele. In Deutschland hatte man eigentlich damit gerechnet, dass spätestens die dritte Generation vollständig assimiliert sei. Doch das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr muslimische Mädchen entscheiden sich beispielsweise für das Tragen des Kopftuchs in der Schule. Das Kopftuch gehört inzwischen zum normalen Erscheinungsbild junger Musliminnen. Mehr noch, sie verteidigen es und fordern ein, es tragen zu dürfen. Am verpflichtenden Schwimmunterricht nehmen sie einfach mit einem Burkini teil, statt sich nötigen zu lassen, das Kopftuch während des Schwimmens abzulegen und in einem Badeanzug zu erscheinen oder als Außenseiter die Teilnahme zu verweigern. Muslimische Schülerinnen und Schüler möchten ihr Gebet auch in der Schule verrichten dürfen. Auch das Fasten ist für sie eine Selbstverständlichkeit. Das Interesse junger Muslime am Islam hat insgesamt nicht ab-, sondern zugenommen. Je mehr Druck von außen auf sie ausgeübt wird, desto mehr möchten sie an ihrer islamischen Identität festhalten.

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi, von dem die Idee des Euro-Islam und der Leitkultur stammt, stellte fest, dass der „Kopftuch-Islam“ den Euro-Islam besiegt habe, wobei er mit der Wahl des Begriffs „Kopftuch-Islam“ natürlich mit böser Absicht dem Kopftuch eine negative Symbolfunktion für einen aus seiner Sicht schlechten Islam zuschreibt. Worum es aber eigentlich geht, ist, dass die Muslime sich nicht assimilieren lassen wollten, was bedeutet hätte, den islamischen Glauben aufzugeben. Deshalb fährt man inzwischen andere Geschütze auf, indem man aktiv in die Erziehung muslimischer Kinder eingreifen und diese kontrollieren will.

Da das Kopftuch natürlich sofort ins Auge sticht und die Religionszugehörigkeit zum Ausdruck bringt, möchte man vor allem hier ansetzen und muslimischen Eltern verbieten, ihren Töchtern zu erlauben, ein Kopftuch in der Schule zu tragen. Hierbei geht es gar nicht um jene muslimischen Schülerinnen, die unfreiwillig ein Kopftuch tragen, sondern um eine direkte Einmischung in die Erziehung muslimischer Eltern. Indem man das Kopftuch an Grundschulen verbietet, wie es in Österreich der Fall ist, oder aber darüber diskutiert, Mädchen unter 14 Jahren das Tragen des Kopftuchs an Schulen zu untersagen, wie in Deutschland, möchte man muslimischen Eltern Steine in den Weg legen, ihre Kinder islamisch zu erziehen. Man unterstellt ihnen Kindswohlgefährdung und stellt sie als schlechte Eltern hin, die ihre Kinder nach einem Glauben erziehen, dem man grundsätzlich eine Kindswohlgefährdung anlasten möchte, um einen Grund zu haben, muslimische Eltern zu bevormunden. Es geht hierbei nicht nur um das Kopftuch. So erhielten muslimische Eltern vor und während des Fastenmonats Briefe von der Schule, in denen sie aufgefordert wurden, darauf zu achten, dass ihre Kinder nicht fasten. In allem liegt der Vorwurf, dass muslimische Eltern in der Erziehung ihrer Kinder weder auf das psychische noch auf das physische Wohl ihrer Kinder Rücksicht nähmen. Auf diese Weise nimmt man sich das Recht heraus, ihnen Vorschriften zu machen.

Das Kindswohl ist mit Sicherheit nicht der Aspekt, um den es eigentlich geht. Es gibt zahlreiche Beispiele für Kindswohlgefährdung, für die sich niemand interessiert. Vielmehr geht es bei dem Eingriff in die Erziehung um den Prozess der Assimilation, den man bei den Muslimen vorantreiben möchte. Da eine automatische Assimilation misslang, verbietet man muslimischen Eltern ganz einfach, ihre Kinder islamisch zu erziehen, und zwar in der Hoffnung, dass sich das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ erfüllt. Das Kopftuchverbot wird mit Sicherheit nicht die einzige Einmischung bleiben, um die Ausformung einer islamischen Identität bei Muslimen zu verhindern.

 

(Autorin: Um Ahmad)