KALIFAT

- 24.07.2019

5 Gründe, weshalb wir über das Kalifat reden müssen

 

Dr. Abdul Wahid, seines Zeichens Publizist zu islamischen Themen, aktuellen Geschehnissen und Fragen der islamischen Identität, hat im vergangenen Jahr, 94 Jahre nach der Zerstörung des Kalifats, die Gründe erörtert, weshalb wir über das Kalifat reden müssen. Dr. Abdul Wahid ist derzeit Vorsitzender des Exekutivausschusses von Hizb-ut-Tahrir / Großbritannien. Seine Artikel wurden in der Times Higher Education, auf foreignaffairs.com, opendemocracy.net, newcivilisation.com und im Prospect veröffentlicht.

Am 03. März 1924 n. Chr. – dem 28. Raǧab 1342 n. H. – schaffte Mustafa Kemal das osmanische Kalifat ab und schickte Abdülmecid II. ins Exil. Dies waren die letzten in einer Reihe von Schritten, durch die man die legitime politische Autorität des Islams untergraben und die säkulare Ordnung in der islamischen Welt durchzusetzen versuchte.

Trotz dessen fordern immer mehr Muslime auf der ganzen Welt die Wiedererrichtung des Kalifats. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage unter prominenten Muslimen in Großbritannien ergab, dass 69% der Befragten der Ansicht waren, dass das „wahre Kalifat aus islamischer Sicht die ideale Regierungsform für alle Menschen ist.“ Die gleiche Umfrage ergab, dass 94% der Befragten der Meinung waren, dass „ISIS nicht die muslimische Mehrheitsmeinung repräsentiere und sich unrechtmäßig als Islamischer Staat bezeichne.“

Nun, 92 Jahre später, ist der Kemalismus kaum noch existent, während das Verlangen nach dem wahren Kalifat weiter anwächst.

Trotzdem scheint es noch immer einige Muslime im Westen zu geben, die behaupten, dass die Muslime nicht über die Gründung des Kalifats in der islamischen Welt sprechen sollten. Im besten Fall halten sie dies für irrelevant. Andere meinen, dass die Diskussion rund um ein Kalifat von dringenderen lokalen Problemen ablenkt. Einige wenige befürchten sogar, dass das Narrativ vom extremistischen Islam durch ein solches Thema weiter angeheizt werden könnte – insbesondere nach dem Aufstieg des IS und seiner vermeintlichen Proklamation eines „Kalifats“.

Wir glauben, dass diese Sichtweise aus vielerlei Hinsicht falsch ist. Daher möchten wir fünf starke Gründe dafür liefern, weshalb wir über das Kalifat reden müssen.

1) Die Wiedererrichtung des Kalifats ist eine islamrechtliche Verpflichtung, da wir als Muslime dazu verpflichtet sind, mit dem zu regieren, was uns Allah (t) als Offenbarung herabgesandt hat. Ferner müssen wir unter einem gemeinsamen Regenten geeint werden, der sich der Betreuung der Angelegenheiten der Menschen gemäß den Vorgaben des Islams annimmt. Auch muss das Kalifat errichtet werden, damit es die islamischen Länder schützen und die Botschaft des Islams in die Welt tragen kann. Die Pflicht zur Erfüllung all dieser Punkte lässt sich dem Koran und der Sunna des Gesandten Allahs (s) zweifelsfrei entnehmen. Dies wird darüber hinaus dadurch untermauert, dass sich die Gelehrten der vergangenen vierzehn Hundert Jahre in Hinblick auf die islamrechtliche Verpflichtung zur Erfüllung dieser Punkte einig waren – ungeachtet einiger weniger revisionistischer Akademiker, welche die islamische Rechtsprechung zu verdrehen versuchten. Wie bei allen islamischen Verpflichtungen obliegt es uns nicht, ihre Relevanz anhand unseres Verstandes zu rationalisieren. Vielmehr müssen wir so gut wie nur möglich zur Umsetzung dieser Pflicht beitragen.

2) Über bestimmte Angelegenheiten zu Schweigen kann äußerst gefährliche Konsequenzen zur Folge haben. So hat Großbritannien mit seiner Antiterrorstrategie „Prevent“ dafür gesorgt, dass sich viele Muslime von Diskussionen rund um wichtige islamische Thematiken grundsätzlich fernhalten. Zu diesen Thematiken zählt z.B. auch die Frage nach den Vorgaben des Islams zu Regierungsangelegenheiten. Die Muslime schweigen sich zu solchen Themen aus, da sie befürchten als extremistisch abgestempelt zu werden. Diese Schweigespirale führt dazu, dass viele junge Muslime über bestimmte Themen im Unklaren gelassen werden und nicht weiterwissen. Nun gelangen diese entweder zu der „Erkenntnis“, dass das Kalifat sinnbildlich dafür steht, dass man sich als Muslim generell für das Gute bzw. unseren Planeten einsetzen sollte, oder aber sie schließen sich einer bewaffneten Miliz an, die von sich behauptet in der von ihnen eroberten Zone eines Kriegsgebiets mit dem zu regieren, was Allah (t) als Offenbarung herabgesandt hat. Den meisten Muslimen wurde schließlich nie erklärt, weshalb die Behauptung eines selbsternannten Führers ohne einen gültigen Treueeid (baiʿa) der Muslime als unrechtmäßig zu betrachten ist – ebenso wie ihre Staatsdeklaration, solange es an tatsächlicher Kontrolle über ein Territorium mangelt.

Sich über derartige Themen auszuschweigen hat zur Folge, dass ein bedrohliches Vakuum mit einer Reihe von unbeantworteten Fragen entsteht, die gefährlicherweise von Fremden im Internet oder aber durch šaiḫ Google beantwortet werden.

3) Das Kalifat stellt jenes Werkzeug dar, welches die Lösungen des Islam für die Probleme in der islamischen Welt umzusetzen vermag. Die Muslime im Westen sorgen sich um ihre Brüder und Schwestern, die in Kriegsgebieten leiden oder aus diesen fliehen müssen und ebenso um jene Geschwister, die in Armut leben oder deren Länder besetzt wurden. Die Muslime bringen ihre Besorgnis über den Zustand ihrer Geschwister in der Regel über wohltätige Hilfsmaßnahmen zum Ausdruck. Sich jedoch mit dem zugrundeliegenden Problem und dessen Lösung auseinanderzusetzen ist stets besser als nur die Symptome des Problems zu lindern.

Der Islam verfügt über Lösungen für all unsere Probleme. Traurigerweise sind sich viele derjenigen Muslime, die über die islamischen Rechtssprüche bescheid wissen, nicht darüber im Klaren, dass die Umsetzung dieser zur Lösung unserer Probleme beiträgt. Der Islam bietet den Menschen Sicherheit und Stabilität – die bewaffneten Streitkräfte des Islamischen Staates haben die Aufgabe, die Menschen zu schützen, statt, dass sie gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt werden, wie es heutzutage der Fall ist. Die militärische Stärke der islamischen Länder ist mehr als ausreichend um das gesegnete Land (Palästina) zu befreien, das Assad-Regime zu stürzen und den Jemen zu stabilisieren. Jedoch mangelt es den Muslimen am politischen Willen. Die Regierungen in den islamischen Ländern weigern sich den Menschen im vom Krieg zerrissenen Syrien zu helfen. Darüber hinaus nehmen einige von ihnen nicht einmal Flüchtlinge aus Syrien auf. Die Institutionen im Staate des Kalifats ergeben eine unabhängige, repräsentative Regierung, die zu jeder Zeit für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden kann. Das Gerichtswesen des Islamischen Staates entscheidet notfalls zugunsten des einfachen Bürgers und zuungunsten des Regenten. Das islamische Wirtschaftssystem sieht vor, dass Reichtümer nicht gehortet werden und natürliche Ressourcenvorkommen als öffentliche Eigentümer behandelt werden.

4) Nicht nur die Muslime brauchen das Kalifat, sondern die gesamte Welt! Sowohl das Kalifat als auch der Islam im Allgemeinen beschränken sich nicht nur auf die Probleme der islamischen Welt. Vielmehr widmet es sich allen Problemen, mit denen sich die Welt konfrontiert sieht, da der Islam an die gesamte Menschheit gerichtet ist. Ob globale Armut, wirtschaftliche Instabilität, politische Unsicherheit, Verletzungen der Grundrechte von Völkern, Umweltfragen, die Gefahr einer globalen Pandemie oder die Frage nach der Ausrottung von Malaria – die Muslime sehnen sich nach einer Beteiligung an all diesen Kämpfen des 21. Jahrhunderts. Dies, weil sie den Islam als Rechtleitung für den Menschen betrachten – für Muslime wie Nichtmuslime gleichermaßen. Wir sind der festen Überzeugung, dass der Islam die Lösung für all diese Probleme darstellt, unabhängig von ihrer Komplexität.

Die meisten Muslime sind sich nicht darüber im Klaren, welche Lösungsansätze der Islam für derartige Probleme vorsieht, weswegen sie auf die Lösungsansätze der kommunistischen oder kapitalistischen Ideologie zurückgreifen. Dies in Ermangelung an Alternativen. Vielleicht sind sich die Muslime nicht einmal ihrer Verantwortung als Kollektiv bewusst.

Allah (t) beschreibt diese Umma als die beste Umma: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist.“ (3:110)

Dieser kollektiven Pflicht können wir nur nachkommen, wenn wir über eine einheitliche Führung verfügen. Was also jene Muslime anlangt, die sich mit grenzübergreifenden Problemen befassen, so ist die Wiedererrichtung des Kalifats die für sie vorgeschrieben Methode – da derartige Probleme nicht von Einzelpersonen oder schwachen Nationalstaaten gelöst werden können. Die Ursachen dieser Probleme sind systematischer Natur und liegen in der internationalen Ordnung verborgen. Es bedarf eines Staates, der auf der internationalen Weltbühne präsent ist, um die Ursachen dieser Probleme gemäß den Vorgaben des Islams angehen zu können und die globale Vorherrschaft des Kapitalismus anzufechten.

5) Anzunehmen, dass die Wiedererrichtung des Kalifats eine utopische Zukunftsvision ist, ist schlichtweg falsch. Die islamische Welt ist von Problemen befallen, die keinesfalls zu unterschätzen sind. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Kalifat unmöglich zurückkehren kann. Auch bedeutet es nicht, dass die ersehnte Einheit, die Stabilität von der wir sprechen, sowie die Stärke, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit des Islams rein utopische Vorstellungen sind. Der medinensische Staat des Gesandten Allahs (s) wurde zu einem Zeitpunkt gegründet, als seine (s) Feinde sich gegen ihn verschworen hatten, um ihn zu ermorden. Yaṯrib – so hieß Medina in der vorislamischen Zeit – war eine Stadt die von Bürgerkriegen und Fehden zwischen Stämmen gezeichnet war. Jedoch war es ebendiese Feindschaft, die die Menschen dieser Stadt dazu ermutigte, eine Lösung für ihre Probleme anzustreben.

Dies ist bei weitem nicht das einzige Beispiel der Geschichte. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das Ergebnis eines erbitterten Unabhängigkeitskrieges. Die Sowjetunion, die im 20. Jahrhundert als Erzrivale der USA und Supermacht galt, wurde aus dem Blutvergießen des Ersten Weltkriegs geboren.

Darüber hinaus gilt es zahlreiche Beispiele für Situationen, in denen Allah (t) den Menschen eine Verpflichtung auferlegte, sie den Zweck oder Wert dieser jedoch erst im Nachhinein erkennen konnten. Dem Prophet Nūḥ (a) und seiner kleinen Gruppe von Anhängern wurde anbefohlen ein Schiff inmitten eines Binnengebiets zu bauen. Sie verpflichteten sich zum Gehorsam, ohne dabei zu erkennen, dass dies ihre Rettung sein würde.

Es ist bizarr, dass die Menschen es für vernünftig oder realistisch halten, eine angepasste Form des westlich-liberalen Säkularismus für die islamische Welt zu fordern – wobei dies nicht im Einklang mit den Überzeugungen und der Geschichte der Region ist. Dabei ignorieren sie die Worte des Gesandten Allahs (s), der die Rückkehr des rechtgeleiteten Kalifats im Anschluss an eine Gewaltherrschaft vorhersagte, ohne zwischen diesen beiden Zeitabschnitten weitere Herrschaftsformen zu erwähnen.

„Das Prophetentum wird unter euch weilen, solange Allah es weilen lässt. Dann wird Allah es aufheben, wenn Er es aufheben will. Sodann wird ein Kalifat gemäß des Prophetentums entstehen. Es wird weilen, solange Allah es weilen lässt. Dann wird Allah es aufheben, wenn Er es aufheben will. Sodann wird eine bevorrechtete Herrschaft folgen. Sie wird weilen, solange Allah sie weilen lässt. Dann wird Allah sie aufheben, wenn Er sie aufheben will. Sodann wird eine Gewaltherrschaft folgen. Sie wird weilen, solange Allah sie weilen lässt. Dann wird Allah sie aufheben, wenn Er sie aufheben will. Sodann folgt ein Kalifat gemäß dem Plan des Prophetentums.“ Dann schwieg er.

 

(Von Ahmad überliefert)