AQIDA

- 25.04.2020

Das Verstehen der Herausforderung des Koran

Im Laufe der Menschheitsgeschichte entsandte Allah (t) zahlreiche Propheten in verschiedene Teile der Welt und zu allen Völkern. Propheten wurden aus dem Volk ausgewählt und unterschieden sich in ihrem natürlichen Menschsein nicht von anderen Menschen. Alle Propheten trugen im Wesentlichen die Botschaft der Einzigkeit Allahs (tauḥīd) in die Welt, während einigen Propheten zusätzliche Offenbarung gegeben wurde, die sie wiederrum ihrem Volk darlegten.

In jeder Generation im Laufe der Geschichte entwickelten viele Individuen viele Meinungen über den Sinn des Lebens, der Schöpfung und der göttlichen Führung. Infolgedessen erforderte jede Offenbarung von Allah (t) an einen Propheten einen Beweis für ihre Richtigkeit.

Viele Propheten vollbrachten Wunder, die die universellen physikalischen Gesetze brachen, wozu nur Allah (t) imstande ist. Auf diese Weise forderte Allah (t) das jeweilige Volk durch die gesandten Propheten auf, etwas Gleiches wie das von ihnen dargebotene Wunder zu vollbringen. Wenn das Volk die Herausforderung erfolgreich meistern konnte, so würde die Authentizität desjenigen, der von sich behauptet ein Prophet zu sein, in Zweifel geraten. Wenn das Volk jedoch nicht in der Lage war, die Herausforderung zu bewältigen, bewies dies ihre Unfähigkeit, der Herausforderung ebenbürtig zu sein. Dies führte dazu, dass die Botschaft des Propheten angenommen werden musste.

Der Koran ist das Wunder, das Muhammads (s) Prophetentum beweist und bestätigt. Schon zu Beginn des Islam haben viele die Wahrheit des Korans in Frage gestellt, während andere versucht haben, ihn als ein lyrisches Werk zu deklarieren, welches von vorherigen Kulturen kopiert wurde. Die Herausforderung des Korans muss grundlegend analysiert und verstanden werden, damit der Koran als wahrhaftiges Wort Allahs (t) angenommen werden kann. Auch ist dies eine Bedingung dafür, dass die Muslime die Botschaft des Koran mit Überzeugung an die Nichtmuslime herantragen.

 

Die Unnachahmlichkeit des Koran

Der Koran, den der Prophet (s) brachte, zeichnet sich durch seine Unnachahmlichkeit aus, d.h. dass er weder grammatikalisch, sprachlich, ästhetisch noch in der Komposition übertroffen oder gar verändert werden kann. Von allen Texten der Welt behauptet nur der Koran von sich, dass er sich bis in alle Ewigkeit in seiner ursprünglichen Form befinden wird. Gleichzeitig fordert Allah (t) die gesamte Menschheit dazu auf, dieses Wunderwerk zu imitieren.

Allah (t) sagt:

﴿وَإِن كُنتُمْ فِي رَيْبٍ مِّمَّا نَزَّلْنَا عَلَى عَبْدِنَا فَأْتُواْ بِسُورَةٍ مِّن مِّثْلِهِ وَادْعُواْ شُهَدَاءكُم مِّن دُونِ اللّهِ إِنْ كُنْتُمْ صَادِقِينَ

Und wenn ihr im Zweifel über das seid, was Wir Unserem Diener offenbart haben, dann bringt doch eine Sura gleicher Art bei und ruft eure Zeugen außer Allah an, wenn ihr wahrhaftig seid! (2:23)

﴿فَإِن لَّمْ تَفْعَلُواْ وَلَن تَفْعَلُواْ فَاتَّقُواْ النَّارَ الَّتِي وَقُودُهَا النَّاسُ وَالْحِجَارَةُ أُعِدَّتْ لِلْكَافِرِينَ

Doch wenn ihr es nicht tut - und ihr werdet es nicht tun - dann hütet euch vor dem Höllenfeuer, dessen Brennstoff Menschen und Steine sind. Es ist für die Ungläubigen bereitet. (2:24)

Auf dem ersten Blick scheint diese Herausforderung nicht im Geringsten anspruchsvoll zu sein. Schüler auf der ganzen Welt werden regelmäßig darin unterrichtet, Passagen aus den Werken Shakespeares in Prüfungen nachzuahmen. Auf dem indischen Subkontinent werden an Schüler regelmäßig ähnliche Anforderungen gestellt, indem diese dazu aufgefordert werden, die poetischen Werke Muḥammad Iqbāls nachzuahmen. Sobald die Gewohnheiten eines bestimmten Stils oder Genres festgestellt worden sind, ist es definitiv möglich jene nachzuahmen.

 

Die Beschaffenheit des Koran

Jeder Text, der sich auf göttlichen Ursprung beruft, muss vom Menschen überprüfbar sein. Damit dieser als das Ergebnis göttlicher Macht verstanden werden kann, muss er die Fähigkeiten eines begrenzten Menschen in irgendeiner Form übersteigen, sodass alle Ansprüche, die vom Schöpfer erhoben werden, für uns nachvollziehbar verbindlich werden. Der Koran widersetzt sich den Eigenschaften der Sprachen derart markant, dass er als Ausnahme von den Gesetzen der Sprache wahrgenommen wird. Dies ist es, was wir meinen, wenn wir vom Wunder des Koran sprechen.

Sprachen setzen sich aus Elementen wie Poesie, Prosa und Reimprosa zusammen. Die arabische Sprache hat sechzehn Stile der Lyrik (al-bīḥār), sowie Prosa (saǧǧ) und gereimte Prosa (mursal). Insgesamt ergeben sich daraus 18 Stile, wobei jeder von diesen Stilen einzigartige Eigenschaften hat.

Jedoch ergab sich aus dem sprachlichen Wunder des Koran ein weiterer Stil, nämlich jener sprachliche Stil, mit welchem Allah (t) die Menschheit herausgefordert hat. Der Stil des Koran zeichnet sich durch Eigenschaften aus, die in keiner Weise mit den anderen 18 Stilen übereinstimmen. Somit ist der neunzehnte lyrische Stil der arabischen Sprache jener sprachliche Stil, der im Koran verwendet wurde.

 

Die Herausforderung des Koran

Die Herausforderung des Koran an die gesamte Menschheit besteht darin, eine Sure des Koran zu imitieren. Die kürzeste Sure des Koran ist nur drei Verse bzw. zehn Wörter lang. Nur wenn jemand in der Lage ist, drei Verse hervorzubringen, die mit keinem der genannten arabischen Stile übereinstimmen, grammatikalisch korrekt sind, einen Sinn vermitteln, keine bloße Wortspielerei beinhalten und sich nicht bereits im Koran befinden, können wir davon ausgehen, dass die Herausforderung gemeistert ist. Außerdem besteht die Herausforderung darin, Verse zu komponieren und den Stil nachzuahmen, und nicht nur das bereits Offenbarte zu kopieren.

Seit der Offenbarung des Koran gab es zahlreiche Versuche diese Herausforderung zu meistern. Allerdings waren alle Versuche misslungen, da sie ohne Ausnahme in eine der Kategorien der bereits vorhandenen 18 lyrischen Stile fielen. Die Herausforderung besteht seit der Offenbarung des Koran im 7. Jahrhundert n. Chr. und ist seither ungemeistert.

Die arabische Sprache selbst ist keine Offenbarung. Geprägt wurde sie von den Arabern auf der arabischen Halbinsel. Sie legten ihre grammatikalischen Regeln fest und waren Meister darin, denn sie erfanden sie. Der Koran wurde in ihrer Sprache offenbart. Er forderte sie auf, etwas Gleiches hervorzubringen, da sie die Experten der Sprache waren. Wenn jemand in der Lage wäre seinen Stil nachzuahmen, dann wäre es an erster Stelle ein Araber. Um die Herausforderung noch mehr zu ihren Gunsten zu gestalten, wurde der Koran in den sieben verschiedenen Dialekten der damaligen arabischen Halbinsel offenbart. Trotzdem scheiterten die Araber ohne jeden Zweifel.

Dass dieses Meisterwerk trotz mehr als vierzehnhundert Jahren an Versuchen, Anstrengung und Bemühen nicht gemeistert wurde, deutet darauf hin, dass der neunzehnte Stil, der aus einer endlichen Menge von Wörtern, Phrasen und Sätzen besteht, die alle bereits im Koran enthalten sind, vom Schöpfer stammt. Die arabische Sprache wird immer noch von hunderten Millionen Menschen – von Muslimen wie Nichtmuslimen -verwendet. Die Bausteine der arabischen Buchstaben stehen zur Verfügung, und die festgelegten Regeln der Sprache existieren noch immer.

Die Unnachahmlichkeit des Koran lässt sich etwas besser erklären, wenn wir untersuchen, wer den Koran hätte schreiben können. Es gibt vier Möglichkeiten, wer den Koran hätte schreiben können:

 

1. Ein Nichtaraber

2. Ein Araber

3. Der Prophet Muhammad (s)

4. Der Schöpfer

 

Der Koran ist jenseits aller anderen Literatur und einzigartig in seinem Arabisch. Noch heute gilt er als der Höhepunkt des geschriebenen Arabisch. Aus diesen Gründen ist es unmöglich, dass der Koran von jemandem geschrieben wurde, der kein Araber war. Es wäre nicht ernst zu nehmen, wenn jemand behauptet, dass eine solche Arbeit ohne Zugang zur Sprache selbst erreicht werden könnte. Daher kann die erste Option, nämlich, dass der Koran von einem Nichtaraber verfasst wurde, mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Sollte der Koran von einem Araber verfasst worden sein, so würde die Herausforderung der Unnachahmlichkeit nicht wirklich eine Herausforderung darstellen, was für jede Sprache gilt. Was auch immer an sprachlicher Finesse von einem Menschen niedergeschrieben wird, kann von einem anderen studiert und imitiert werden. Die Herausforderung wurde im Laufe der Geschichte von führenden arabischen Autoritäten angegangen und hat Unmengen an Kapazitäten beansprucht. Wann immer ein Araber eine Passage zu kopieren versuchte, blieb der neunzehnte Stil völlig ungreifbar, sodass wir mit Sicherheit behaupten können, dass der Autor des Koran kein Araber gewesen sein kann.

Muhammed (s) war trotz seiner Großartigkeit nur ein Araber wie alle anderen. Es ist bekannt, dass der Prophet Mohammed (s) nie beschuldigt wurde, den Koran unter Zuhilfenahme von anderen geschrieben zu haben. Nicht einmal diejenigen, die seinen Tod ersuchten und ihn zugrunde richten wollten, warfen ihm vor, den Koran selbst verfasst zu haben. Die einzige übrigbleibende rationale Antwort auf die Frage, wer den Koran hätte verfassen können, ist der Schöpfer.

 

Das Wunder des Koran verstehen

Der Koran ist weder Lyrik noch Prosa, sondern eine einzigartige Rede, die in der Geschichte der arabischen Literatur ihresgleichen sucht. Inhaltlich befasst sich der Koran mit dem gesamten Spektrum an menschlichen Bedürfnissen, Problemen und verschiedenen Ansichten seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte. Jedoch kann die wunderbare Natur des Koran, die auf seiner Eloquenz und seinem einzigartigen Stil beruht, nur von jemandem erfasst werden, der die arabische Sprache versteht.

Dass das Verstehen der arabischen Sprache eine Voraussetzung für das Erfassen und Wertschätzen der wundersamen Eloquenz des Korans ist, schließt nicht zwingend aus, dass ein Nichtaraber einige Aspekte der Beredsamkeit des Koran durch ein tiefgründiges Studium seiner Verse begreifen könnte.

Allah (t) sagt:

﴿وَقِيلَ يَا أَرْضُ ابْلَعِي مَاءكِ وَيَا سَمَاء أَقْلِعِي وَغِيضَ الْمَاء وَقُضِيَ الأَمْرُ وَاسْتَوَتْ عَلَى الْجُودِيِّ وَقِيلَ بُعْداً لِّلْقَوْمِ الظَّالِمِينَ

Und es wurde gesagt: "O Erde, schlucke dein Wasser! O Himmel, halt ein!" Das Wasser nahm ab, und die Angelegenheit war entschieden. Es saß auf dem (Berg) Gudi auf. Und es wurde gesagt: "Weg mit dem ungerechten Volk! (11:44)

Dieser Vers spricht über die Zeit des Propheten Nūḥ (Noah). Im Arabischen besteht der Vers aus nur 17 Worten, inhaltlich deckt er jedoch das gesamte Geschehen der Sintflut ab. Allah (t) erzählt uns in diesem Vers davon, dass die Erde mit Wasser gefüllt war und die Wolken am Himmel standen, woraufhin Allah (t) der Erde befahl, das Wasser aus dem Land und dem Himmel zu entziehen. Auch befahl Er dem Himmel frei von Wolken zu sein. Dann folgten Erde und Himmel diesem Befehl, sodass das Land nicht mehr überflutet wurde und das Schiff von Nūḥ auf einem Berg ruhte. Dann informiert uns Allah (t) darüber, dass die Anhänger von Nūḥ vor ihren Unterdrückern gerettet wurden, und, dass diese Unterdrücker vernichtet wurden. Alle diese Ideen werden in nur einem einzigen Vers wiedergegeben, der darüber hinaus aus sehr kurzen Sätzen und nur sechs Konjunktionen besteht, ohne, dass etwas wiederholt oder die außerordentliche Eloquenz der anderen Verse untertroffen wird. Es wird berichtet, dass Ibn al-Muqaffaʿ, jemand der von einigen Arabern beauftragt wurde, etwas wie den Koran hervorzubringen, diesen Vers von einer Person hörte, seine Bemühungen aufgab, und sich der Überlegenheit der Eloquenz des Koran (balāġa) unterwarf. 

In der Sure Al-ʿĀdiyāt sagt Allah (t):

﴿وَالْعَادِيَاتِ ضَبْحًا فَالْمُورِيَاتِ قَدْحًا فَالْمُغِيرَاتِ صُبْحًا فَأَثَرْنَ بِهِ نَقْعًا فَوَسَطْنَ بِهِ جَمْعًا

Bei den schnaubend Rennenden, den (mit ihren Hufen) Funken Schlagenden, den am Morgen Angreifenden, die darin Staub aufwirbeln, die dann mitten in die Ansammlung eindringen! (100:1-5)

Hier beschreibt Allah (t) die Energie der Pferde, während sie in Erwartung schnauben, sowie die Funken, welche durch den Zusammenprall der Pferdehufe mit Steinen auf dem Boden während ihres heftigen Angriffs auf den Feind entstehen. Die Situation wird weiter ausgeschmückt, indem Allah (t) das erste Licht der Morgendämmerung als Kulisse für den Angriff offenbart. Die Taktik der Angreifer ist es, den Feind zu überraschen. Der Staub sammelt sich hinter ihnen, während eine große Truppe den Wüstensand entlang wütet. Die Pferde zeigen vollsten Gehorsam gegenüber ihren Reitern, während sie furchtlos und diszipliniert in die Reihen der Feinde reiten. Die Eloquenz, mit der der Koran dieses Ereignis wiedergibt, ist außergewöhnlich.

Der Koran liefert uns mit wenigen Worten anschauliche Beschreibungen komplexer Ereignisse wie im Fall der oben genannten Schlacht. In dieser Sure beschreibt Allah (t) die Szene einer Schlacht so, dass der Leser nicht nur eine Momentaufnahme davon, sondern den gesamten Verlauf der Schlacht visualisieren kann. Allah (t) benötigte nur zehn Wörter, um diese Szenerie im Koran derart detailliert zu beschreiben. Eine umfassende Erklärung ihrer Bedeutung würde – unabhängig davon, ob diese auf Arabisch oder in einer anderen Sprache verfasst werden würde - mehrere Seiten erfordern.

 

Fazit

Während es der westlichen Welt an einer wahrhaftigen Führung durch den Schöpfer mangelt und sie dem Chaos der Gier und des Eigeninteresses verfallen ist, sahen sich viele dazu genötigt, auf die Führung durch Sekten wie bspw. Scientology zurückzugreifen. Der Koran stellt einen Text dar, dessen Authentizität rational überprüft werden kann. Es ist ein Text, der für das Verstehen seines Wunders keinen Vertrauensvorschuss erfordert. Verschiedene Kopien aus verschiedenen Generationen sind erhalten geblieben und können miteinander verglichen werden.

Der Koran zeichnet sich durch seine einzigartige Verwendung der arabischen Sprache aus. Dies ist auf seine unvergleichliche literarische Form, seinen Sprachstil, seine einzigartige Eloquenz und seine rhetorische Finesse zurückzuführen. Die Einzigartigkeit der Sprache des Koran bildet das Fundament für die Lehre des Wunders des Koran. Die Unnachahmlichkeit des Koran steht im Mittelpunkt des Anspruchs des Korans auf göttlichen Ursprung.

(E. D.)