ANALYSE

- 18.08.2019

Das Präsidialsystem der Türkei unter der Führung Erdogans ist ein System des Unglaubens

 

Das Präsidialsystem der Türkei unter der Führung Erdogans ist ein System des Unglaubens

Rechenschaft von diesem zu fordern und das System zu missbilligen, ist eine Pflicht. Ihm gegenüber Wohlgefallen zu zeigen und sich auf ihn zu verlassen ist verboten

Autor: Abu Hanifa – im gesegneten Land (Palästina)

Teil 1

Die Ungläubigen werden nicht müde, die Völker mit hinterlistigen Mitteln in die Irre zu führen. Das tun sie, indem sie politischen Projekten Gewänder überziehen, die je nach Bedarf die muslimischen Massen anlocken sollen. Mal ist es das Gewand des „Nationalismus“, mal das der „revolutionären Befreiung“ und ein anderes Mal das Gewand des „Widerstandes“. Und heute kommen uns die Vereinigten Staaten von Amerika mit einem System, das durch und durch mit dem Säkularismus verflochten ist, nämlich jenes in der Türkei. Es ist ein System, das mit Parolen verhüllt wurde, von denen Manipulierte glauben, es seien islamische Parolen oder dem Islam entnommen. Und dabei haben sie mit dem Islam nicht das Geringste zu tun. Angefangen hat das Ganze vor sechzehn Jahren, als die „islamisch“ ausgerichtete Partei für „Gerechtigkeit und Aufschwung“ (AKP) die politische Bühne in der Türkei betrat.

Dass es dazu kam, war die Folge eines wirtschaftlichen Bebens, das die USA verursacht hatten, als sie 2001 in der Regierungszeit Ecevits (ein Vasall Großbritanniens) mehrere Milliarden US-Dollar der türkischen Zentralbank entzogen. Das hatte eine schwere Inflationskrise verursacht, die angesichts der wirtschaftlichen Lage zu großem Unmut in der türkischen Bevölkerung führte. Und genau das war die Intention Amerikas: Das Land sollte ein verheerendes wirtschaftliches Erdbeben erleben, das die Großbritannien-Vasallen - Ecevit und das Militär - nicht in den Griff bekommen sollten. Als Folge sollten Wahlen stattfinden, an denen sich die islamisch orientierte AKP unter Zuhilfenahme schlagkräftiger islamischer Parolen, die die Emotionen der Muslime in der Türkei ansprechen, beteiligen sollte. Und tatsächlich konnte die Partei mit großer Mehrheit einen Sieg erringen - auf Kosten der Kemalisten, die im Land nur Unheil und Verderben angerichtet und die ʿaqīda (Glaubensüberzeugung) der Muslime und deren Kultur sowie alles, was an die großen Leistungen der Osmanen erinnerte, verfälscht hatten. Und so geschah es, dass die türkische Bevölkerung die AKP wählte, von der sie dachte, sie würde sie vom Unrat der Kemalisten befreien. Haben nun die Menschen, die sich vor der Hölle der Erben Atatürks und den Wächtern des Laizismus retten wollten, in Erdogan und seiner „islamischen“ Partei das gefunden, wonach sich ihre Seelen sehnten?

Zunächst ist es uns wichtig, unsere Erörterung auf eine stabile, solide Basis zu stellen. Dabei muss besonders betont werden, dass es sowohl für das Individuum als auch für die Gemeinschaft eine islamrechtliche Pflicht und ein politisches Recht der Muslime ist, Rechenschaft von den Regierenden zu fordern. Der Erhabene sagt:

﴿وَٱلۡمُؤۡمِنُونَ وَٱلۡمُؤۡمِنَٰتُ بَعۡضُهُمۡ أَوۡلِيَآءُ بَعۡضٖۚ يَأۡمُرُونَ بِٱلۡمَعۡرُوفِ وَيَنۡهَوۡنَ عَنِ ٱلۡمُنكَر

Und die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind einer des Anderen Beschützer. Sie gebieten das Rechte und verbieten das Unrecht. (9:71)

Es ergeben sich daher folgende Fragen: Ist auch der Islam oder Teile dessen mit dem politischen Aufstieg Erdogans an die Macht gekommen? Hatte Erdogan überhaupt den Islam ganz oder teilweise in sein politisches Programm aufgenommen, ob vor oder nach der Regierungsübernahme? Hat er je in seinen Äußerungen signalisiert, darauf hinzustreben - und sei es in den nächsten hundert Jahren - das Gesetz Allahs vollständig oder fragmentarisch zu implementieren? Hat Erdogan den Muslimen in ihren Angelegenheiten beigestanden, sei es innerhalb der Türkei oder außerhalb, etwa in den muslimischen Ländern, in denen Leid und Elend herrscht? Ist jemals sichtbar geworden, dass Erdogan sich militärisch, wenn auch nur ansatzweise, in Bewegung gesetzt hätte, und zwar in Richtung Zionistenstaat, in Richtung USA oder in Richtung anderer ungläubiger Kolonialstaaten, die islamisches Land okkupieren, nachdem die Sultane Ertogruls diese mit ihrem Blut und ihren Seelen beschützt hatten? Um diese und andere Fragen drehen sich die Gedanken eines Muslim, in dessen Seele es angesichts der Lage und des Leids seiner Umma wie Feuer brennt. Er hofft, zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen, welche den Verstand überzeugt und das Herz mit Gewissheit erfüllt, sodass es zu einer inneren Veränderung kommt, entsprechend der Worte Allahs:

﴿إِنَّ ٱللَّهَ لَا يُغَيِّرُ مَا بِقَومٍ حَتَّىٰ يُغَيِّرُواْ مَا بِأَنفُسِهِم

Allah ändert den Zustand eines Volkes nicht, ehe sie das ändern, was in ihnen ist. (13:11)

So wird Allah (t) den Zustand der Muslime von der Niederlage zum Sieg, von der Erniedrigung zur Größe und von der Schwäche zur Stärke nicht ändern, solange sie an den ruwaibiḍāt, den dummdreisten Vasallenherrschern, festhalten, bei denen sie noch Gutes wähnen. Dabei sind letztere nichts anderes als das schrecklich Böse, eine furchtbare Plage, die sich wie ein Krebsgeschwür im Körper der Umma ausgebreitet hat, diese lähmt und sie seit einem Jahrhundert davon abhält, einen Aufstieg zu erfahren. Das Regierungssystem der Türkei unter Führung des Manipulators Erdogan ist nichts anderes als eine säkulare bösartige Zelle, die man den übrigen bösartigen Zellen der Systeme des Unglaubens, die den Körper der Umma verseuchen, hinzufügen kann. Der Aufstieg der AKP 2002 bis an die Spitze des Staates stellte nichts anderes als einen Hechtsprung der Amerikaner dar, mit dem sie die Jahrzehnte lang lodernden Auseinandersetzungen mit den britisch-loyalen Kemalisten in den Polit- und Militärkreisen überwinden konnten. Sie ergriffen die Chance und spielten das demokratische Spiel auf den Schultern einer Partei, die pseudo-islamische Parolen in die Höhe streckte. Für die USA verwirklichte sich der Wunsch nach Hegemonie über ein tief verwurzeltes, altehrbares Land, das zudem vier Jahrhunderte lang Schoß des Islam und seines Staates war.