KOMMENTAR

- 09.09.2019

Der kapitalistische Klimaschutz – oder: wie man den Bock zum Gärtner macht

Niemand kann mehr leugnen – mit Ausnahme des US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump natürlich –, dass das Klima einem Wandel unterliegt. Deshalb steht für viele Menschen der Klimaschutz an erster Stelle. Dies kommt beispielsweise in den Fridays-for-Future-Demonstrationen zum Ausdruck. Der Klimaschutz ist zur Zeit das beherrschende Thema, weil die Menschen von den Folgen unmittelbar betroffen sind. Es geht hier nicht mehr „nur“ um den Regenwald, der weit entfernt auf einem anderen Kontinent gerodet wird. Es geht auch nicht um ein Ozonloch, das man nicht sieht. Der Klimawandel ist in der westlichen Welt direkt wahrnehmbar, wie etwa im extrem heißen Sommer oder im ausbleibenden Regen, der beispielsweise für die Landwirtschaft fatale Folgen hat und nicht nur den Profit schmälert, sondern die Existenz der Landwirte gefährdet. Das Dumme am Klimawandel ist, dass er eine globale Angelegenheit darstellt, keine nationalen Grenzen kennt und niemanden verschont. Er gefährdet die westliche Welt genauso wie den Rest der Menschen.Die westliche Welt denkt in Sachen Klimaschutz in erster Linie kapitalistisch und somit nur an sich. Den Menschen geht es im Westen hauptsächlich darum, dass sie in ihren eigenen Ländern saubere Luft atmen. Ob der Inder, der Ägypter oder der Kongolese intakte Umweltbedingungen vorfindet, ist unerheblich. Welche Opfer andere für den westlichen Klimaschutz aufbringen müssen, ist den Menschen in den reichen Industriestaaten egal. Das „klimafreundliche“ Elektroauto ist ein klassisches Beispiel dafür. Für die Herstellung benötigt man Kobalt, das ein wesentlicher Bestandteil der Lithium-Ionen-Batterien ist. Der Abbau von Kobalt ist sehr aufwendig und belastet die Umwelt. Das ist aber noch nicht das Schlimmste. Moralisch verwerflich ist vor allem, dass es unter anderem durch Kinderarbeit gefördert wird, und zwar unter unzumutbaren Bedingungen und unter Gefährdung der Gesundheit der Arbeiter. Das meiste Kobalt stammt aus der Demokratischen Republik Kongo, wo man die Arbeiter zu einem Hungerlohn in die Minen schicken kann, um dem Westen das Kobalt zur Verfügung zu stellen, damit man am Ende in den westlichen Ländern saubere Luft atmet. Abgesehen davon ist die Ökobilanz eines Elektroautos schlecht, denn der Strom, den ein Elektroauto benötigt, stammt größtenteils aus Kohlekraftwerken. Aber nicht nur der hohe Stromverbrauch ist ein Problem, sondern auch die Produktion der großen Batterie. Wenn also ein Elektroauto während des Fahrens kein CO2 ausstößt, heißt das nicht, dass es keine hohe CO2-Belastung verursacht. So sieht der kapitalistische Klima- und Umweltschutz aus: Er geht auf Kosten der Armen und suggeriert dabei Klima- und Umweltfreundlichkeit. Kapitalistischer Klimaschutz ist Augenwischerei.Auch giftiger Elektromüll aus westlichen Industriestaaten landet bei den Ärmsten der Armen. In Ghana gibt es eine der größten Mühlkippen für Elektroschrott, wo Kinder die Elektrogeräte aus den Industriestaaten zum Teil verbrennen, um an die Rohstoffe zu kommen. Giftige Dämpfe werden dabei freigesetzt, die von den Kindern und Jugendlichen eingeatmet werden. Auch die Suche nach Gold, Coltan oder Kupfer in den Altgeräten, die sich auf einer giftigen Müllkippe befinden, ist extrem gesundheitsschädlich. Solange man seinen Elektromüll in Ländern wie Ghana loswird, sieht man aber keinen Handlungsbedarf. Man nimmt leichtfertig in Kauf, dass andere sich ihre Gesundheit mit den ganzen Giftstoffen ruinieren. Oder soll man etwa gegen kapitalistische Prinzipien verstoßen und die Menschen in den reichen Industriestaaten dazu animieren, ihren Konsum zu drosseln und weniger Elektromüll zu produzieren?Solange der Müll, der in westlichen Industriestaaten in Unmengen produziert wurde, nach China verschifft werden konnte, war alles in Ordnung. Doch seit Ende 2017 importiert China nur noch hochwertige Plastikabfälle, nachdem eine strenge Verunreinigungsgrenze festgelegt wurde. Doch der Westen blieb dadurch nicht auf seinem Müll sitzen, sondern suchte sich andere Länder wie Malaysia und Indonesien. Aber auch diese Länder sind inzwischen nicht mehr bereit, als Müllhalde für die Industriestaaten herzuhalten und auf minderwertigem, nicht recycelbarem Plastikmüll sitzen zu bleiben. So wird vor allem der Plastikmüll zu einem immer größeren Problem, zumal vieles davon ins Meer gelangt und über die ganze Welt verteilt wird. Auf diese Weise landet Mikroplastik möglicherweise in Form eines Fischfilets auf dem eigenen Teller und im eigenen Magen.Es ist der Kapitalismus, der die Welt geradewegs in eine globale Klimakatastrophe steuert. Das Problem ist Teil dieser Ideologie, denn sie lehrt den Menschen, seine Handlungen auf einer Maximierung des eigenen Nutzens aufzubauen. Wie soll man Menschen, die verinnerlicht haben, dass Profit und Nutzen der Handlungsmaßstab sind, dazu bringen, weniger zu fliegen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren, das Auto stehen zu lassen und dergleichen, um das Klima zu schützen? Da helfen auch keine gesetzlichen Vorgaben, wie der Dieselskandal gezeigt hat. Trotz der Grenzwerte für den Stickoxid-Ausstoß von Dieselautos hat die Autoindustrie sich nicht daran gehalten und durch illegale Abschalteinrichtungen in der Motorsteuerung die Abgaswerte manipuliert und verfälscht. Die Wirtschaft als Hauptmerkmal des Kapitalismus wird immer versuchen, den Klimaschutz mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln zu umgehen, weil Klimaschutz in der Regel weniger Profit bedeutet.Erkennt man den Zusammenhang zwischen dem kapitalistischen System und der Zerstörung unseres Planeten, wundert es nicht, dass ein kernkapitalistisches Land wie die USA, das in Trump seinen wahren Repräsentanten gefunden hat, aus dem Klimaabkommen ausgestiegen ist und den größten Ressourcen-Raubbau betreibt. Geht man von dem „Bedarf“ an Energie und Rohstoffen aus, so bräuchten die USA laut Global Footprint Network fünf Erden. Deutschland kommt mit drei Erden nicht viel besser weg. Würden weltweit alle so leben wie die Menschen in den Industriestaaten, gäbe es die eine Erde schon nicht mehr. An dieser Stelle muss man sich ernsthaft fragen, ob Klima- und Umweltschutz innerhalb des kapitalistischen Systems überhaupt möglich ist, wenn doch der Kapitalismus selbst die Ursache des Problems bildet.

(Autor: Um Ahmad)