ANALYSE

- 24.11.2013

Tendenziöse Schreckensgeschichten

Nach beinahe drei Jahren Aufstand ist es nun amtlich: Nachdem zu Anfang des Syrienkonflikts das Assad-Regime in den Augen der internationalen Gemeinschaft als nicht mehr tragbare Diktatur und die Opposition als Hoffnungsträger galt, hat sich diese Einteilung mittlerweile in das Gegenteil verkehrt.

Selbst vermeintliche Unterstützer der Revolution distanzieren sich zunehmend von den kämpfenden Oppositionellen und beäugen argwöhnisch die unerwartete Schlagkraft islamischer Brigaden sowie ihre Entschlossenheit, die gewonnene politische Autarkie nicht zu Gunsten westlicher Planspiele preisgeben zu wollen. Der Hoffnung, via der Türkei, Katar und Saudi-Arabien die Führungszirkel der Mujahedin zu korrumpieren und ihre Aktivitäten entsprechend eigener Ziele zu kanalisieren, ist der ernüchternden Erkenntnis gewichen, dass der ideologisch aufgeladene Konflikt resistent gegen westliche Einflussnahme ist.

Vor diesem Hintergrund war es nur eine Frage der Zeit bis sich die Türkei offiziell gegen den bewaffneten Aufstand stellt und laut nach einem politischen Kompromiss verlangt, um der zunehmenden Destabilisierung an seinen Grenzen entgegenzuwirken. So betonte der türkische Staatspräsident Abdullah Gül in einem Interview mit dem Guardian vom 03.11.2013, dass die einzige Lösung in diplomatischen Initiativen zu suchen sei. Er lobte das jüngste Treffen der Freunde Syriens in London und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, den endgültigen Durchbruch durch die zweite Friedenskonferenz in Genf zu erzielen. Gleichzeitig warnte er vor der zunehmenden Radikalisierung kämpfender Gruppen, denn letztlich würden „unter solchen Umständen auch normale Menschen immer extremer und dies ist nicht nur eine Gefahr für die Türkei, sondern für alle." Weiter könne in der Region nicht „so etwas wie Afghanistan" akzeptiert werden und so sei eine solide Positionierung der internationalen Gemeinschaft in der Syrienfrage umso wichtiger. Mit dieser verächtlichen Äußerung stieß Abdullah Gül in dasselbe Horn wie zahlreiche Experten, Politiker und Medienvertreter: Ein Sieg der Extremisten münde wie in Somalia und Afghanistan unweigerlich in einem gescheiterten Staat, in dem Warlords und kriminelle Banden dominieren würden. Darüber hinaus würde sich das Gebiet durch die Implementierung der Shari'a in eine Brutstätte des internationalen Terrorismus verwandeln.

Abgesehen von diesem undifferenzierten Vergleich völlig verschiedener Regionen und Entwicklungen, ist er ein Indikator für den eigentlichen Standpunkt in diesem Konflikt. Schließlich zielen Güls Aussagen sowie die Darstellung internationaler Medien darauf ab, Ängste zu schüren und die kämpfende Opposition in die Isolation zu treiben. So werden die Mujahedin als zusammengewürfelter Haufen verschiedenster Strömungen dargestellt, welche sich auf keine politische Agenda einigen könnten und daher auch nicht im Stande seien, die eroberten Gebiete zu verwalten. Anstatt Ordnung herzustellen, seien sie nicht einmal in der Lage, die Grundversorgung zu gewährleisten. Die Bilder friedlicher Demonstranten, die vor dem Beschuss der Assad-Truppen Deckung suchen, sind Bildern verwahrloster Straßenkinder, an denen die Pick-Ups bis an die Zähne bewaffneter und finster dreinblickender Kämpfer vorbeifahren, gewichen. Ständig erscheinen Berichte, die beschreiben, wie bewaffnete Aufständische alle Nahrungsmittel und medizinischen Ressourcen für sich beanspruchen und auf dem Rücken der leidenden Zivilbevölkerung einen Krieg austragen würden, in dem es keinen Sieger gebe. Der Hauptangriffspunkt gilt dem angeblichen Zerwürfnis der Kämpfer, welches sich immer häufiger in blutigen Auseinandersetzungen äußere. Auf ebendiese Darstellung hat sich seit geraumer Zeit neben zahlreichen weiteren Printmedien und Onlineplattformen auch die Spiegel Redaktion eingeschossen. In einem Artikel vom 20.09.2013 heißt es dazu: „Die Aufständischen in Syrien, die seit zweieinhalb Jahren gegen das Assad-Regime kämpfen, haben sich in unzählige Gruppen aufgesplittert. Sie sind vereint im Hass auf den Diktator, doch von der Zukunft ihres Landes haben sie völlig unterschiedliche Vorstellungen. Immer öfter wird die Rivalität zwischen den Fraktionen mit Waffengewalt ausgetragen. Ausgerechnet nahe der Grenze zum Nato-Land Türkei sind die Kämpfe in dieser Woche eskaliert. Kämpfer der Gruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien, kurz Isis, hatten die Stadt Asas tagelang beschossen und am Donnerstag eingenommen." In dem Artikel „Dead Man Walking", welcher am 14. August auf Kalifat.com erschien, wurde bereits konstatiert, dass Schießereien zwischen Rebellengruppen von westlichen Beobachtern wiederholt als Sargnagel der Rebellion interpretiert wurden.

Diese Berichte über Zerfallserscheinungen und interne Machtkämpfe waren 2011 noch exemplarisch für die Beschreibung der syrischen Streitkräfte, Geheimdienste und Regierungsanstalten. Meldungen über die Solidarisierung ganzer Armeeeinheiten mit dem Volk sowie die Fahnenflucht ranghoher Offizieller dominierten die Schlagzeilen jener Tage und wurden durchweg positiv kommentiert. Medien und Politiker sahen das Regime bereits in seinen letzten Atemzügen und diskutierten offen über ein mögliches Exil für Bashar al-Assad im Iran oder Russland. Nachdem sich jedoch immer deutlicher der islamische Charakter der Revolution abzeichnete, warf der Westen den politischen Defibrillator an und versucht seither, dem totgeweihten Assad-Regime neues Leben einzuhauchen. Dies äußert sich deutlich in der aktuellen Berichterstattung, die von Erfolgsmeldungen und einer erstaunlichen Renaissance der Schlagkraft und Stabilität des Regimes geprägt ist. Eine Lösung des Konflikts sei daher nur unter Einbindung der damaszener Regierung möglich, sei sie doch der einzig homogene Ansprechpartner im Land, so die Behauptung westlicher Kommentatoren.

Durch die Zerfallserscheinungen, mit denen das Regime besonders im Jahre 2011 konfrontiert war, sahen sich die syrischen Militärs tatsächlich gezwungen, durch eine radikale Umstrukturierung die Streitkräfte vor dem totalen Kollaps zu bewahren. Der Einsatz regulärer Truppen an den Frontlinien barg die Gefahr weiterer Desertierungen in sich und so entschieden sich die Generäle, sie entweder in den Kasernen zu belassen, oder in entfernte Gebiete zu verlegen, in denen es keinerlei Kampfhandlungen gab. Die Hauptlast wird seitdem von einem Konglomerat syrischer Nationalgardisten und paramilitärischer Söldnergruppen getragen. Auch desinformierte Freiwillige aus dem Iran, Irak, Afghanistan und dem Libanon, welche sich im Kampf gegen den Zionismus wähnen, werden zunehmend von dem syrischen Regime in blutigen Häuserkämpfen verheizt. Bereits an dieser Vielschichtigkeit lässt sich ablesen, dass von Homogenität und Eintracht keine Rede sein kann. Die Aufteilung der Streitkräfte in privilegierte Spezialeinheiten und Kanonenfutter hat in der jüngsten Vergangenheit zu handfesten Auseinandersetzungen geführt. Während syrische Nationalgardisten mit schwerer Artillerie aus sicherer Distanz feuern, haben Kämpfer der Hisbollah vornehmlich die Aufgabe, sich an gefährdeten Stellungen einzugraben und diese zu verteidigen. Die undankbarste aller Aufgaben übernehmen heimische Milizen sowie ausländische Söldnertruppen, welche sich Hals über Kopf in die Gefechte stürzen müssen. In diesem Kontext häufen sich Berichte über den rücksichtslosen Artillerieeinsatz syrischer Truppen, bei dem die aufgehetzten Legionäre durch sogenanntes friendly fire getötet werden. Zusätzlich scheinen sich auch unter den regimetreuen Milizen zunehmend Fronten aufzutun, die mit bewaffneten Auseinandersetzungen einhergehen. In einer aktuellen Analyse berichtet die Denkfabrik Stratfor von einer Schießerei in der Nähe von Damaskus zwischen der libanesischen Hisbollah und der irakischen Abu l-Faddl al-Abbas Miliz, bei der es mehrere Tote gab. Dem vorausgegangen tobte ein heftiger Streit, bei dem die Hisbollah ihren Führungsanspruch über die von ihnen als primitiv bezeichneten Iraker geltend machen wollte. Stratfor sieht darin gar einen möglichen Auftakt von Kompetenzkämpfen und prognostiziert weitere Aufteilungen in Hoheitsgebiete unter der Vorherrschaft der unterschiedlichen Kampfverbände.

Im Norden des Landes wird der syrische Ableger der PKK (YPG) ebenfalls zu einem Vorkämpfer gegen den politischen Islam und das damit vermeintlich einhergehende Chaos hochstilisiert. Während jeder von ihr eingenommene Zentimeter als Meilenstein „im Kampf gegen al-Qaida" gefeiert wird, scheinen Medien und Politik hierzulande zunehmend demente Züge anzunehmen. Noch vor wenigen Jahren wurde die PKK in Deutschland verboten und genau wie der militärische Flügel der Hisbollah als Terrororganisation gebrandmarkt. Oft heißt es dazu von westlicher Seite, dass die PKK jedoch den Volkswillen der Kurden repräsentiere und daher trotz ihrer Ächtung ein legitimer Ansprech- und Kooperationspartner in der Syrienfrage sei. Doch auch diese Darstellung wird von der Realität brutal entstellt, denn entgegen diesem Narrativ existieren selbstverständlich auch unter den Kurden divergente politische Strömungen. Eine Bruchlinie verläuft dabei zwischen den Barzani-Anhängern und der PKK. Beide Fraktionen rivalisieren in Syrien, vertreten durch den Kurdish National Council (KNC) auf der einen und dem PKK-Ableger Democratic Union Party (PYD) auf der anderen Seite. Letzterer warf in der Vergangenheit den Barzani-Anhängern aufgrund ihrer Zurückhaltung im Kampf gegen die Islamisten regelmäßig Verrat vor. Eine selten erwähnte, gleichwohl aber gravierende Bruchlinie verläuft zudem zwischen diesen beiden säkularen Strömungen und kurdisch-islamischen Gruppen wie der Salah al-Din Brigade, welche Seite an Seite mit ihren Brüdern von Jabhah al-Nussrah gegen kurdische Nationalisten kämpft. Darüber hinaus sind viele Kurden selbst Teil der islamischen Revolution und unterstützen aktiv den Widerstand gegen alle säkularen Kräfte.

Der evolutionäre Prozess der Berichterstattung der letzten Jahre im Syrienkonflikt, welcher durch wechselnde Positionierung gekennzeichnet war, offenbart wie zweckgebunden die Medien die Realität darstellen. Während das Konfliktpotential innerhalb der Assad-Koalition bewusst verschwiegen wird, blähen sie kleinste Differenzen der islamischen Brigaden künstlich auf und attestieren ihnen politischen Dilettantismus. Hierdurch zielen sie auf die Urängste der Menschen ab und suggerieren ihnen, dass ihre Bedürfnisse nach Sicherheit, Versorgung und vor allem Einheit in diesem Krieg keinesfalls von den Rebellen, sondern nur von Assad erfüllt werden könnten. Eine Darstellung, die von Heuchelei und Widersprüchlichkeit kaum zu überbieten ist, warnen sie doch immer wieder vor dem Bestreben der islamischen Brigaden, ein panislamisches Kalifat errichten zu wollen und nennen hierdurch die angeblich nichtexistente politische Agenda der Aufständischen selbst beim Namen. Die Medien trachten also danach, durch die Verbreitung tendenziöser Schreckensgeschichten über Hunger und Tod die Motivation der Muslime zu zerstören. Doch sie haben die Rechnung ohne die Gottesfurcht der Gläubigen gemacht, die den Hungertod jedem reichgedeckten Tisch vorziehen würden, an dem Bashar al-Assad der Gastgeber wäre. All jenen, die sich dennoch an seinen Tisch bitten und sich das Mahl von seinen blutverschmierten Händen servieren lassen, sei gesagt, dass sie schon bald mit ihm die gemeinsame Henkersmahlzeit genießen werden.

(Abu Osama & Malik al-Qudsi)