HISTORISCHES

- 16.10.2019

Die Osmanen und der Erste Weltkrieg

Die Entscheidung der osmanischen Führung, sich am Ersten Weltkrieg zu beteiligen, wird von vielen als letzter Nagel im Sarg des Osmanischen Reichs betrachtet. Diese verheerende Fehlentscheidung gab der sogenannten Triple Entente – ein Bündnis bestehend aus den drei Großmächten Frankreich, Großbritannien und Russland – einen Vorwand dazu, das, was von dem Osmanischen Reich übrigblieb, aufzuteilen und zu besetzen. Obwohl Deutschland als Hauptarchitekt des Krieges galt und die Osmanen nur eine Nebenrolle im Konflikt spielten, fielen die Forderungen, die man dem Osmanischen Reich durch den Vertrag von Sèvres stellte, paradoxerweise wesentlich härter aus als die Forderungen an Deutschland.

Im Auftakt des Krieges verstanden der zu dem Zeitpunkt regierende Kalif Mehmed V. Reşad und die Mehrheit seiner Regierung deutlich, dass das Osmanische Reich nach fast einem Jahrzehnt ununterbrochenen Krieges, einschließlich des katastrophalen Balkan- und Turko-Italien-Krieges (1911), erschöpft war und sich eine Beteiligung an einem weiteren langwierigen Konflikt kaum leisten konnte. Daher befürworteten der Kalif und die Mehrheit seiner Gefolgschaft eine Politik der Neutralität im unvermeidlichen Konflikt zwischen den Großmächten der damaligen Zeit. Dies sollte dem Kalifat der Osmanen Zeit geben sich zu erholen und seine Wirtschaft, sein Militär und seine Verwaltung zu modernisieren.

Nach der Revolution der Jungtürken im Jahr 1908, war die Macht des Kalifen aber stark eingeschränkt. So entsprang aus der politischen Bewegung der Jungtürken ein sogenanntes Triumvirat, also ein Bündnis von drei Personen, die gemeinsame Interessen verbinden. Dieses bestand aus den säkular-nationalistischen Paschas Mehmed Talaat Pascha, Ismail Enver Pascha und Ahmed Djemal Pascha, welche fortan die tatsächliche Regierung des Osmanischen Kalifats bildeten. Auf diese Weise wurde dem regierenden Kalifen sein Einfluss entzogen,

(1) was zur Folge hatte, dass sein Mitspracherecht in wichtigen staatlichen Angelegenheiten auf ein Minimum reduziert wurde.

(2) welcher dadurch in wichtigen staatlichen Angelegenheiten nur ein minimales Mitbestimmungsrecht hatte.

(3) wessen Mitspracherecht in wichtigen staatlichen Angelegenheiten dadurch auf ein Minimum reduziert wurde.

 

In seinen letzten Jahrzehnten hatte sich Blatt für das Osmanische Reich enorm gewendet. So hatten die Osmanen fast alle ihre territorialen Besitztümer in Europa und Nordafrika verloren, was dazu führte, dass die Kontrolle über den Nahen Osten fragil war, und sie den europäischen Mächten sowohl militärisch, als auch wirtschaftlich nicht länger gewachsen waren. Um die drohende Auflösung des Osmanischen Reichs zu verhindern, bemühte sich die osmanische Regierung um Bündnisse mit europäischen Mächten, weil sie naiverweise der Meinung war, dass genau diese Mächte dadurch daran gehindert werden würden, das Osmanische Kalifat zu unterteilen.

Die Briten und Franzosen machten von Anfang an deutlich, dass sie nicht an einem Bündnis oder Pakt mit dem Osmanischen Reich interessiert waren. Obwohl das Russische Kaiserreich ein gewisses Interesse zeigte, sollte das Osmanische Kalifat durch die von ihnen vorgeschlagenen Bedingungen auf einen Vasallenstaat reduziert werden. Deutschland hingegen machte positive Annäherungsversuche und schloss mehrere Verträge und Pakte mit dem sich anbiedernden Osmanischen Reich. Dazu gehörte unter anderem die Unterstützung für die Osmanen bei der Modernisierung ihrer Armee und Marine, sowie der Bau der Eisenbahn von Berlin nach Bagdad, welche Deutschland und den Nahen Osten effektiv miteinander verband.

Allerdings gab es ein grundlegendes Missverständnis im Kern der osmanischen Politik, auf das der damalige osmanische Botschafter in Paris, Rifat Pascha, hinwies. So war er davon überzeugt, dass weder das Triple Entente, noch die Zentralmächte Europas damit zögern würden, das Osmanische Reich bei der nächsten Gelegenheit zu zerteilen und die Kontrolle über die einzelnen Gebiete zu übernehmen. Außerdem war er der Meinung, dass Deutschland die Osmanen nur als Spielfigur in einem größeren Spiel betrachtete, und, dass das Osmanische Kalifat kein Bündnis mit einer der beiden Seiten eingehen sollte. Das Kalifat hätte verstehen müssen, dass die europäischen Mächte ihre eigenen, kolonialen Interessen verfolgten und dass diese für sie von größter Bedeutung sind. Kein Vertrag, Pakt oder moralischer Kodex würde

(1) sie jemals an der Verfolgung ihrer wirtschaftlichen und strategischen Interessen hindern können.

(2) ihnen jemals bei der Verfolgung ihrer wirtschaftlichen und strategischen Interessen im Wege stehen.

Jede europäische Macht hatte trotz Zusicherungen konkrete Pläne ausgearbeitet, wie sie den territorialen Besitz der Osmanen nutzen würden. Vor allem weil der strategisch wichtige Rohstoff Öl in reichlichem Maße im Osmanischen Reich vorhanden war.

Während die nördlichen Häfen des Russischen Kaiserreichs um St. Petersburg im Winter inoperabel waren, gab es auf Sewastopol auf der Halbinsel Krim zentrale Warmwasserhäfen, die das ganze Jahr über in Betrieb genommen wurden. Für die Russen war es wichtig, die Kontrolle über den Bosporus, welcher einen natürlichen Würgegriff auf den russischen Handel und das russische Militär bildete, und so ein Problem für sie darstellte, zu übernehmen, um auf diese Weise eine mögliche Einschränkung ihrer Interessen zu verhindern.

Die Franzosen hatten Pläne für die osmanischen Gebiete Nordafrikas, Ägyptens und östlich des Mittelmeeres. So versuchten sie durch die Kontrolle dieser Territorien einen Vorstoß des Britischen Reichs in Richtung Osten, insbesondere Indien, zu verhindern. Der Suezkanal wurde im Jahr 1869 eröffnet und später durch die Briten erobert. Der Kanal bildete einen wichtigen Wasserweg für das Britische Reich, da die Reise für britische Schiffe durch seine Nutzung um über 7.000 Kilometer verkürzt wurde. Frankreich war stets bestrebt, durch die Besetzung osmanischer Gebiete östlich des Mittelmeeres, die Kontrolle über den Suezkanal zurückzuerlangen.

Nach Einschätzungen des Britischen Reichs war die Sicherung der osmanischen Gebiete im Nahen Osten mit seinem Mineralreichtum von größter Bedeutung. Der Mittlere Osten bot seinen Besatzern einen einfachen Zugang zu britischen Territorien in Persien und Indien. Darüber hinaus würde die Besetzung des Nahen Ostens durch einen seiner europäischen Rivalen die britischen Handelsrouten nach Indien, dem Juwel in der Krone des britischen Reichs, erschweren. Daher wurde die Besetzung des Nahen Ostens von ihnen als unerlässlich angesehen, um potenzielle Konkurrenten, insbesondere die Deutschen, auszuschließen.

Das Österreichisch-Ungarische Reich formte die osmanischen Gebiete im Balkan um und hatte Bosnien-Herzegowina im jüngsten Balkankrieg von den Osmanen erobert.

Obwohl die Deutschen augenscheinlich Verbündete des Osmanischen Reichs zu sein schienen, hatten sie in Wirklichkeit nur ihre eigenen Interessen vor Augen. So war es ihr Ziel, ein deutsch-dominiertes Mittel- und Osteuropa zu erschaffen und zu einem kolonialen Weltreich aufzusteigen. Der deutsche Pakt mit dem Osmanischen Kalifat war einfach ein zynischer Trick, um russische Streitkräfte von der Ostfront abzulenken, und Bulgarien und Rumänien in den Nexus der Zentralmächte zu locken. Die Teilnahme am Eisenbahnprojekt Berlin-Bagdad sollte den Nahen Osten für deutsche Industriegüter öffnen und die Verlagerung der deutschen Streitkräfte an die Grenzen des Britischen Imperiums erleichtern. Das Wohlergehen des Osmanischen Reichs stand nicht auf der Prioritätenliste der Deutschen.

Das Osmanische Kalifat befand sich im Zentrum dieser kolonialen Intrige, wobei alle Mächte ihre eigenen Pläne für osmanische Gebiete hatten. Einige Kommentatoren äußerten sogar die Vermutung, dass der Streit um die Aufteilung des Osmanischen Reichs zwischen den europäischen Mächten der eigentliche Grund für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs war.

Mit der Unterzeichnung des britisch-russischen Entente im Jahr 1907 schien ein kombinierter britisch-russischer Feldzug gegen die Osmanen ein wahrscheinliches Szenario zu sein. Das Osmanische Reich, das verzweifelt nach einem Ergebnis strebte, um seine territoriale Integrität zu bewahren, wurde in den Einflussbereich der Deutschen gedrängt. Der Kalif und seine engsten Berater befürworteten eine Politik der Neutralität. Andererseits war Enver Pascha, einer der drei Paschas und Anführer der Jungtürken, welcher auch für seine Extravaganz und Selbstverherrlichung bekannt war, dafür, einen Pakt mit den Deutschen zu schließen. Trotz einer Warnung von Rifat Pascha, dass die Deutschen ihre eigene Stärke hochspielen würden, schloss Enver Pascha am 14. August 1914 einen geheimen Pakt mit Deutschland und verpflichtete die Osmanen für die deutsche Sache. Die Existenz dieses Paktes war zu einem bestimmten Zeitpunkt nur fünf Personen im Osmanischen Reich bekannt.

Obwohl der deutsch-türkische Pakt ein Abkommen über gegenseitige Unterstützung war, war es für das Osmanische Kalifat nicht erforderlich, Feindseligkeiten mit einer Nation zu beginnen, als Deutschland am 2. August 1914 den Entente-Mächten den Krieg erklärte. Das Abkommen forderte lediglich die gegenseitige Unterstützung und keine Kriegserklärung. Es waren die ruinösen Handlungen des Nationalisten Enver Pascha und seines deutschen Admirals Wilhelm Souchon, die den Eintritt des Osmanischen Reichs in den Krieg auslösten.

Ohne Wissen des Marineministers Cemal Pascha, oder anderer Mitglieder der osmanischen Regierung, befahl Enver Pascha dem deutschen Admiral Wilhelm Souchon im Schwarzen Meer zu manövrieren und die russische Flotte anzugreifen, wenn sich ihnen eine geeignete Gelegenheit bot. Am 29. Oktober segelte Wilhelm Souchon auf seinem bevorzugten Kriegsschiff, der Goeben, wobei mehrere Zerstörer ihn begleiteten. Er eröffnete das Feuer auf Küstengeschütze in Sewastopol. Als Reaktion auf diesen Angriff erklärte Russland dem Osmanischen Reich am 1. November 1914 den Krieg, woraufhin Frankreich und Großbritannien sich anschlossen und am 5. bzw. 6. November ebenfalls den Osmanen den Krieg erklärten.

So erklärte der Finanzminister Mehmet Cavit Bey, welcher einer von vier Ministern war, die als Reaktion auf dieses Ereignis zurücktraten: „Es wird der Untergang unseres Landes sein - selbst wenn wir gewinnen.“

100 Jahre danach wird der Jahrestag des Ersten Weltkriegs gefeiert und den gefallenen Soldaten gedacht. Die Sieger des Ersten Weltkriegs haben die Geschichte des Konflikts geschrieben, welche nun in vielen Schulen auch so unterrichtet wird. Der Erste Weltkrieg war in Wirklichkeit ein Konflikt zwischen den Imperien, wobei das Britische Reich versuchte sein Imperium zu bewahren, während die Deutschen ihr eigenes Reich erweitern wollten. Die Osmanen wurden in diesen Konflikt verstrickt und ihr Reich unter den Siegern aufgeteilt.