KOMMENTAR

- 20.11.2019

Die Rolle von Moscheen und Politik

Politik (siyāsa) bedeutet die Betreuung der Angelegenheiten der Leute nach innen wie nach außen auf Grundlage der islamischen Rechtssprüche. Diese Definition ist eine allgemeingültige Definition, da sie die Realität der Politik an sich beschreibt. Sie wird aus der Summe der ahādīṯ vom Gesandten Allahs (s) abgeleitet, die zur Tätigkeit des Herrschers und zur Rechenschaftsforderung von ihm ergangen sind sowie darüber, sich der Angelegenheiten der Menschen anzunehmen. Es sprach der Gesandte Allahs (s) in einem übereinstimmend tradierten ḥadīṯ:

«كَانَت بَنُو إسرَائِيلَ تَسُوسُهُمُ الأَنْبياءُ، كُلَّما هَلَكَ نَبِيٌّ خَلَفَهُ نَبيٌّ، وَإنَّهُ لا نَبِيَّ بَعدي، وسَيَكُونُ بَعدي خُلَفَاءُ فَيَكثُرُونَ، قالوا: يَا رسول اللَّه، فَما تَأْمُرُنَا؟ قَالَ: أَوفُوا بِبَيعَةِ الأَوَّلِ فالأَوَّلِ، ثُمَّ أَعطُوهُم حَقَّهُم، وَاسأَلُوا اللَّه الَّذِي لَكُم، فَإنَّ اللَّه سائِلُهم عمَّا استَرعاهُم»

„Das Volk Israel wurde von Propheten betreut. Immer wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer nach. Nach mir wird es aber keinen Propheten mehr geben. Es werden jedoch Kalifen kommen, und sie werden zahlreich sein.“ Sie fragten: „Was befiehlst du uns?“ Er (s) antwortete: „Erfüllt die baiʿa des jeweils Ersteren und gebt ihnen ihr Recht, denn Allah wird sie darüber zur Rechenschaft ziehen, was Er in ihre Obhut gelegt hat!“

Die nationale wie auch die internationale Politik ist derart schmutzig und spalterisch, dass die Moscheen politische Aktivitäten, Vorträge und Diskussionen größtenteils nicht zulassen. Oftmals liegt dies darin begründet, dass die gegenwärtige politische Praxis eng mit Lügen und Verleumdungen verknüpft ist, was als in der Lage angesehen wird, die heilige Moschee zu beschmutzen. Aus diesem Grund herrschen das Missverständnis und die Annahme, dass Politik im Allgemeinen schmutzig sei und keinesfalls in der Moschee propagiert werden sollte. Spricht der Islam etwa nicht über politische Themen? Mit Sicherheit doch, denn der Islam deckt mit seinen Lehren alle Aspekte des menschlichen Lebens ab – Politik, Wirtschaft und Bildung miteingeschlossen. Wirft man einen Blick auf das Leben unseres geliebten Propheten (s), so erkennt man, dass die Moschee zu seiner Zeit ein politischer Ort war, der als Wegweiser für die Öffentlichkeit fungierte.

Die Moschee ist ein vornehmer Ort, eine Institution, die von den Muslimen genutzt wird, um Allah (t) anzubeten. So sprach Allah (t):

﴿وَأَنَّ الْمَسَاجِدَ لِلَّهِ فَلَا تَدْعُوا مَعَ اللَّهِ أَحَدًا

Und die Gebetsstätten gehören doch Allah; so ruft neben Allah niemanden an. (72:18)

Die Gebetsstätte dient nicht ausschließlich nur dem Gebet (ṣalāh). Vielmehr ist die Gebetsstätte ein Ort der Anbetung, der einen sehr breiten Bereich an gottesdienstlichen Handlungen abdeckt. Mit anderen Worten ausgedrückt ist die Moschee ein Ort, an dem alle Arten von Aktivitäten von Muslimen stattfinden sollten, die mit Gottesfurcht (taqwā) einhergehen oder zur Gottesfurcht führen. Aus diesem Grund beabsichtigte der Gesandte Allahs (s) nach seiner Ankunft in Medina als erstes den Bau einer Moschee. Die Moschee dient also in erster Linie als Institution, in der die Muslime versuchen Gottesfurcht zu erlangen und diese Gottesfurcht zu stärken.

Die Prophetenmoschee, welche vom Gesandten Allahs (s) in Medina errichtet wurde, ist nicht nur eine Stätte des Gebets gewesen. Vielmehr stellte diese Moschee einen Punkt des Umschwungs dar. Daher sollten die Muslime die Biografie des Propheten (s) studieren und aus ihr entnehmen, dass die Moschee für die Muslime mehr zu bieten hat und einen wichtigeren Zweck erfüllt als die Synagoge für die Juden.

Zur Zeit des Propheten (s) war die Moschee ein Ort der Botschaftsverkündung (daʿwa) und der islamischen Wissenschaft. Darüber hinaus diente sie als Gemeindezentrum und Ort für die Lösung individueller und gemeinschaftlicher Probleme. Obwohl es sich bei ihr um einen äußerst bescheiden eingerichteten Ort handelte, empfing der Prophet (s) ausländische Botschafter und Abgesandte an diesem Ort. Ferner trafen sich Regenten und islamische Führungspersönlichkeiten in der Moschee, den sie als Studienort und Ort des Wissens im Allgemeinen nutzten, um zusammenzukommen und die Lehren des Islam zu studieren.

Moscheen sind ein wesentlicher Bestandteil der islamischen Geschichte und ebenso ein wesentlicher Bestandteil des islamischen Aufschwungs. Als eines der zentralen Elemente des islamischen Glaubens nimmt die Moschee noch immer eine wichtige Rolle ein. Insbesondere der symbolische Charakter der Moschee ist gewaltig, weswegen die Moschee noch immer universell genutzt wird. In Zeiten der Globalisierung sollte die Moschee umso mehr zu einem Bezugspunkt für Geschehnisse aus aller Welt werden. Es ist sehr bedauerlich, dass die Moscheen, die einst Zentren der religiösen und gesellschaftlichen Entwicklung waren, nun schon fast auf die Funktionen einer Synagoge reduziert wurden. Uns allen sollte klar sein, dass die Betreuung der Angelegenheiten der Menschen ein wesentlicher Bestandteil der Moschee und Politik damit eine Aktivität sein sollte, die in den Moscheen stattfindet.

Politik ist nicht schmutzig. Tatsächlich handelt es sich bei der politischen Tätigkeit um eine Tätigkeit, die vom Islam als sehr vornehm erachtet wird.

 

M. J.