KOMMENTAR

- 06.01.2020

Ḥalāl-Fleisch abermals auf der Schlachtbank

Die Region Flandern in Belgien verhing ihr lang erwartetes Gesetz bzgl. des Verbots von ritueller Tierschlachtung, das bereits im Juli 2017 verabschiedet wurde. Dies geht mit dem Vorhaben vieler europäischer Länder einher, welche auf die islamischen Schlachtriten abzielen, die sie unter dem Deckmantel des Tierschutzes als inhuman diffamieren.

Diese Angelegenheit kann allerseits emotionale Reaktionen hervorrufen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen nur selten Bildern von Tiertötungen oder Schlachtungen ausgesetzt sind.

Der Besuch eines Schlachthofs könnte eine Durchschnittsperson schockieren, unabhängig von der dort praktizierten Schlachtungsmethode. Wenn ein Tier betäubt wird, es schnell das Bewusstsein verliert und daraufhin getötet wird, scheint dies eine „humane“ Art der Tierestötung zu sein. Wenn ein Tier jedoch um sich tretend, gewaltsam zur Schlachtung gezerrt wird, es mit einem stumpfen Messer traktiert wird bis es letztlich stirbt, sieht dies schrecklich aus. Das ist der Vergleich der herangezogen wird, doch dieser ist nicht korrekt.

Welche Schlachtmethode auch immer angewandt wird, sie kann gut oder schlecht ausgeführt werden. Betäubungen erzielen nicht immer den gewünschten Effekt, wenn Tiere noch lange nach der Betäubung mit Krämpfen zu kämpfen haben oder wiederholte Versuche nötig sind. Die Idee, dass Hühner aus der Massentierhaltung mittels eines Förderbandes in ein elektrifiziertes Wasserbecken fallen gelassen werden, um sie durch den Stromschlag zu töten, wobei einige entfliehen und lebendig gekocht werden, hört sich ebenso wenig reizvoll an.

 

Tierquälerei im Westen

Der Tierschutz entstand stufenweise im westlichen Denken innerhalb der letzten 300 Jahre. Es ist nicht lange her, dass Bären- und Hahnenkämpfe übliche Unterhaltung in den Straßen Londons waren. Der Handel mit Elfenbein, Hörnern von Nashörnern und Tigerfellen nahm erst mit der Kolonialisierung Afrikas und Indiens wirklich zu, als diese Tiere gejagt wurden und infolgedessen heute zu den bedrohten Tierarten zählen.

Tiere werden heute weiterhin für Produkttests missbraucht, bevor diese von Menschen im Westen konsumiert werden. Diese Tierversuche finden nicht nur in der Pharmaindustrie für Medikamente statt, sondern ebenso für Kosmetika. Versuche an Mäusen, Ratten, Hasen und Meerschweinchen führen zu Haut- und Augenirritationen. Es werden Chemikalien ohne Einsatz von schmerzlindernden Mitteln auf rasierte Hautstellen gerieben oder in Augen getröpfelt. Weiterhin kommt es zu wiederholter Zwangsernährung über Wochen oder Monate, um allgemeine Krankheits- oder spezifische Gesundheitsrisiken auszumachen, weithin verurteilte „letale Dosis“-Tests, bei denen Tiere gezwungen werden, eine große Menge einer Testchemikalie zu schlucken, um die Dosis zu ermitteln, welche zum Tod führt. Tiere werden gefoltert für die einfachsten Produkte wie etwa Lippenstifte oder Eyeliner. Und obwohl weitreichende Kampagnen gegen die verschiedensten Arten der Tierquälerei stattfinden, die der Scharia allesamt widersprechen, wird weder die Pharma- noch die Kosmetikindustrie von der Regierung angegangen.

Wenn es um Fleisch geht, werden Tiere intensiv gezüchtet, oftmals in beengten und dreckigen räumlichen Verhältnissen, in denen sie die Überreste anderer Tiere fressen. Hieraufhin werden sie zur Schlachtung transportiert, gehäutet und so enden sie schließlich in den Supermarktregalen im ganzen Land. Im Großen und Ganzen führen sie kein angenehmes Leben, und der Versuch ihre Schlachtung reinzuwaschen, indem man behauptet sie mittels Stromschlägen zu töten sei „human“, ist hinterlistig. In Dänemark, einem Land, das Ḥalāl- und Koscherschlachtungen verboten hat, bleibt es legal, ein Tierbordell zu betreiben, vorausgesetzt die Kunden „verletzen“ die Tiere nicht!

Wenn westliche Befürworter des Verbots von Ḥalāl- und Koscher-Fleisch ihre Ansicht bezüglich des Tierleids propagieren, macht es dann nicht mehr Sinn, die Schlachtung von Tieren insgesamt zu verbieten? Sie argumentieren damit, wie viele Sekunden es dauert, bis das Tier bewusstlos wird, wofür es keinerlei wissenschaftliche Nachweise gibt, sind jedoch zufrieden damit, dass Tiere für das Testen von Seife zu tausenden zu Tode gefoltert werden.

 

Weshalb essen Muslime Ḥalāl-Fleisch?

Allah sagt im Koran:

﴿حُرِّمَتْ عَلَيْكُمُ الْمَيْتَةُ وَالدَّمُ وَلَحْمُ الْخِنزِيرِ وَمَا أُهِلَّ لِغَيْرِ اللَّهِ بِهِ وَالْمُنْخَنِقَةُ وَالْمَوْقُوذَةُ وَالْمُتَرَدِّيَةُ وَالنَّطِيحَةُ وَمَا أَكَلَ السَّبُعُ إِلَّا مَا ذَكَّيْتُمْ وَمَا ذُبِحَ عَلَى النُّصُبِ

Verboten ist euch (der Genuss von) Verendetem, Blut, Schweinefleisch und dem, worüber ein anderer (Name) als Allah(s) angerufen worden ist, und (der Genuss von) Ersticktem, Erschlagenem, zu Tode Gestürztem oder Gestoßenem, und was von einem wilden Tier gerissen worden ist - außer dem, was ihr schlachtet - und (verboten ist euch,) was auf einem Opferstein geschlachtet worden ist (…)(5:3)

Kaʿb bin ʿUġra (r) überliefert, dass der Prophet (s) sagte:

«إنه لا يربو لحم نبت من سحت إلا كانت النار أولى به»

Kein Körper wächst durch Verbotenes genährt heran, ohne, dass dieser das Feuer am ehesten verdiene.“ (at-Tirmiḏī)

Und Saʿd überliefert, dass der Prophet (s) sagte: „O Saʿd! Reinige deine Nahrung! Du wirst (als Resultat dessen) zu denjenigen gehören, deren Bittgebete akzeptiert werden. Ich schwöre bei Dem, in Dessen Händen die Seele Muḥammads liegt, wahrlich ein Diener tut einen Bissen von dem, was verboten ist, in seinen Magen, wodurch für 40 Tage keine guten Taten von ihm akzeptiert werden.“ (aṭ-Ṭabarānī)

Es ist also essentiell, dass Muslime sich ausschließlich von Erlaubtem ernähren, was mit einem Rechtsrahmen einhergeht, der sicherstellt, dass Tiere auf die Weise behandelt werden, wie es Allah (t) vorschreibt.

Der Prophet (s) befahl den Muslimen explizit jegliches Leid bei der Schlachtung zu vermeiden. Abū Yaʿla Šaddād ibn Aus überliefert: „Zwei Aussprachen des Propheten (s) sind es, an die ich mich erinnere: ‚Wahrlich, Allah hat in allen Dingen die beste Art und Weise vorgeschrieben. Wenn ihr tötet, so tötet auf die beste Weise und wenn ihr schlachtet, so schlachtet auf die beste Weise. Ein Jeder von euch sollte sein Messer schärfen und das Schlachttier in angenehmer Weise sterben lassen.‘“ (Muslim)

Der Prophet (s) verurteilte damalige Praktiken, welche Tierleid mit sich zogen. Durch Ibn ʿUmar wird überliefert: „Der Prophet (s) verfluchte denjenigen, der ein Tier verstümmelte oder ihm schwerwiegende Pein zufügte.“ (al-Buḫārī)

Muslime waren aufgefordert sicherzustellen, dass Schlachttiere gut behandelt und in einer beruhigenden Weise gehalten werden. Der Prophet (s) sagte: „Wenn ihr schlachten müsst, so schlachtet auf die beste Weise, schärft eure Messer vor jeder Schlachtung, jedoch nicht im Beisein der Tiere, die geschlachtet werden sollen. Schlachtet keine Tiere im Beisein von anderen Tieren und füttert und beruhigt die Tiere bevor ihr sie schlachtet.“ (al-Buḫārī)

Ǧābir ibn ʿAbdullāh überliefert vom Propheten (s) ebenfalls, dass erverbot, dass ein Tier getötet wird, nachdem es gefesselt worden ist. (Muslim)

Diesen Prinzipien folgend, legte der Islam ein Fundament dafür, wie Tiere zu halten sind. Dieses Fundament ist an unseren īmān an Allah (t) gekoppelt. Wir werden demnach am Tage des Gerichts zur Verantwortung gezogen dafür, wie unser Umgang mit den Tieren aussah.

 

Wie steht der Islam zum Tierwohl im Allgemeinen?

Unser Prophet (s) sprach über die Güte zu Tieren bereits ein Jahrtausend bevor die Royal Society for the Prevention of Cruelty to Animals (RSPCA, „königliche Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeiten an Tieren“) – eine Tierschutzorganisation in England und Wales, oder eine andere Tierschutzorganisation überhaupt existierte. Hišām bin Zayd bin Anas bin Mālik überliefert:

„Ich besuchte das Haus Al-Ḥakam bin Aiyūbs mit meinem Großvater Anas bin Mālik, (wo) einige Leute sich eine Henne zum Ziel nahmen und sie mit Pfeilen beschossen. Daraufhin sagte Anas, dass der Gesandte Allahs (s) es verbot Tiere festzubinden (und sie zur Zielscheibe zu nehmen etc.). (Muslim)

Ibn ‘Abbas berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«لاَ تَتَّخِذُوا شَيْئًا فِيهِ الرُّوحُ غَرَضًا»

Nehmt nichts Lebendes zur Zielscheibe.“ (Muslim)

Auch berichtet er, dass der Gesandte Allahs (s) verbot, Tiere aufeinander zu hetzen. (Abū Dāwūd; at-Tirmiḏī)

Unser Prophet (s) verbot es auch, den Tieren zur Unterhaltung oder beim Sport Leid zuzufügen. Ebenso bei der Schlachtung.

Muslime werden für ihren Umgang mit den Tieren von Allah (t) zur Rechenschaft gezogen

Der Prophet (s) preiste die Güte zu Tieren sehr. Einer Person können dafür sogar ihre Sünden vergeben werden. Es wird über Abū Huraira (r) überliefert, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«غُفِرَ لاِمْرَأَةٍ مُومِسَةٍ مَرَّتْ بِكَلْبٍ عَلَى رَأْسِ رَكِيٍّ يَلْهَثُ، قَالَ كَادَ يَقْتُلُهُ الْعَطَشُ، فَنَزَعَتْ خُفَّهَا، فَأَوْثَقَتْهُ بِخِمَارِهَا، فَنَزَعَتْ لَهُ مِنَ الْمَاءِ، فَغُفِرَ لَهَا بِذَلِكَ»

Eine Prostituierte sah einen Hund an einem heißen Tag, der um einen Wasserbrunnen umherging und dessen Zunge aus Durst heraushing. Da zog sie für ihn das Wasser mit ihrem Schuh heraus. Für dieses wurden ihr (die Sünden) vergeben.“ (Muslim)

Er sorgte sich sogar um das emotionale Wohlbefinden von Tieren. Es wird von ʿAbd ar-Raḥman ibn ʿAbdullāh überliefert, dass sein Vater (ʿAbdullāh ibn Masʿūd) sagte: „Wir waren mit dem Gesandten Allahs (s) auf Reisen. Er entfernte sich, um Wasser zu lassen. Wir sahen einen Vogel mit zwei Küken, die wir an uns nahmen. Der Prophet (s) kehrte zurück und sprach: „Wer verängstigte diesen Vogel, indem er ihm seine Jungen wegnahm? Gebt sie ihm zurück.“ (Abu Dawud)

Es gibt viele andere aḥadīṯ das Wohlergehen der Tiere betreffend. Diese Angelegenheit wurde von Allah (t), dem Schöpfer der Tiere, Menschen und aller Dinge angeordnet. Von Yaḥyā Ibn Saʿīd wird berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) gesehen wurde, wie er mit seiner Schulterkleidung über das Gesicht eines Pferdes strich. Als er nach dem Grund gefragt wurde, sagte er: „Vergangene Nacht wurde ich (von Allah (t)) bzgl. dem Umgang mit den Pferden gerügt.“ (Malik in al-Muwaṭṭaʾ)

 

Sollten islamische Schlachtmethoden basierend auf wissenschaftlichen Empfehlungen reformiert werden?

Es liegt auf der Hand, dass der Schöpfer am besten darüber Bescheid weiß, wie ein Tier zu schlachten ist. Daher sollte die Basis aller Taten die Scharia und nicht die subjektive Entscheidung von Menschen sein. Selbst wenn wir wissenschaftliche Studien in Betracht ziehen würden, existiert noch immer kein definitiver Beweis dafür, dass die Schlachtmethode der Muslime den Tieren Leid zufügt. Es wurde vielmehr wiederholt aufgezeigt, dass Tiere wahrscheinlich nicht einmal den Schnitt fühlen und schnell und friedlich sterben, wenn die islamische Schlachtmethode korrekt ausgeführt wird. (Shulze 1974, Grandin 1993, Bager et al. 1992). Als Muslime sollten wir nicht selbstgefällig im Bezug auf das Tierwohl sein. Auch müssen wir uns für die Einhaltung höchster Standards in allen Schlachthöfen einsetzen, weil diese vielleicht nicht immer erreicht werden.

Auf der anderen Seite ist die westliche Schlachtmethode alles andere als gütig. Es wurde bereits aufgezeigt, dass Hirnaktivitäten betäubter Tiere denen von Tieren während eines epileptischen Anfalls ähneln und Tiere, die betäubt wurden, zwar bewusstlos erscheinen, tatsächlich jedoch weiterhin Schmerzen empfinden. Es kommt auch vor, dass Tiere ihr Bewusstsein zurückerlangen bevor sie geschlachtet werden. In einigen Fällen wurde berichtet, dass Betäubungen den Tieren Schmerzen bereiten und dass Tiere oftmals 20 Sekunden nach dem Halsaderschnitt bereits bei lebendigem Leibe gehäutet werden. Der Prophet (s) riet den Menschen vorsichtshalber eine kurze Weile abzuwarten, bevor das Tier gehäutet wird, um exakt diese Eventualität ausschließen zu können.

Der Westen möchte die Muslime davon überzeugen, ihre Religion zugunsten der westlichen Vorstellung von Richtig und Falsch aufzugeben, dabei behauptend, die Wissenschaft stütze seine Ansichten, was offensichtlich nicht der Fall ist. Der Westen besitzt kein Monopol bzgl. des Tierwohls. Die Geschichte zeigt klar auf, dass solche Thematiken tatsächlich bereits vor mehr als 1000 Jahren ein normaler Bestandteil islamischer Lehren waren. Wir haben es nicht nötig, uns nach anderen Ansichten umzuschauen.

Die Motivation für das Aufwerfen dieses Themas mag tatsächlich auf Sorgen in Hinblick auf das Tierwohl zurückzuführen sein. Jedoch stürzt sich die Presse auf diese Thematik, wobei man viele andere Hauptanliegen die Tierrechte betreffend außer Acht lässt. Es herrscht nämlich der Trend vor, die Muslime anzugreifen und ihren Lebensstil sowie ihre Riten als barbarisch abzustempeln. Dies stellt einen weiteren Teil des Kampfes dar, den die Muslime im Westen zu führen haben. Ob es nun um die Schlachtungsmethode der Muslime geht, den niqāb, das Kopftuch, den Umgang der muslimischen Männer mit den Frauen oder die Unterstützung der muslimischen Umma weltweit: in all diesen Angelegenheiten müssen wir den Angriffen des Westens standhalten und die intellektuelle Stärke des Islams, sowie die Schwäche des Säkularismus aufzeigen.

(E.D.)