KOMMENTAR

- 22.02.2020

Das Rassenkonzept der Aufklärung (Teil 2)

Den Menschen fällt es schwer, eine Anschauung kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls aufzugeben, wenn sie von einem großen Aufklärungsphilosophen wie Immanuel Kant stammt, der eine falsche Ehrfurcht auslöst, sobald von ihm und seinen Ideen die Rede ist. Wir kennen Kant als den großen Philosophen der Aufklärung, der den Menschen aus seiner Unmündigkeit herausführen will. „Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ wurde durch Kant zum Leitspruch der Aufklärung. Bis heute gilt Aufklärung als Pflichtprogramm, um vom Westen als gleichwertiger Mensch anerkannt zu werden. Wer die Ideen der Aufklärung nicht teilt, steht unter Verdacht, die Menschenrechte zu missachten und Böses auszuhecken. Wer die Aufklärung ablehnt, hat sozusagen die letzte Entwicklungsstufe des Menschen nicht erreicht und hinkt der Menschheit hinterher.

Findet man bei Kant tatsächlich die uneingeschränkte Intention, den Menschen aus einer von ihm diagnostizierten Unmündigkeit herauszuführen? Diese Frage lässt sich mit einem klaren Nein beantworten, denn Kants Menschheit und die seiner philosophischen Zeitgenossen beschränkt sich auf den weißen Europäer – genau genommen auf den Nordeuropäer. Seine philosophischen Überlegungen, etwa der kategorische Imperativ, der ein gerechtes Zusammenleben der Menschen in Gleichheit und Würde ermöglichen soll und als Formel gegen Unterdrückung steht, gelten genau genommen nur für den weißen Europäer. Für den Rest der Menschen liefert Kant das Fundament, sie für unmündig zu erklären und zu beherrschen. Man muss Kant nämlich immer auch vor dem Hintergrund seines Jahrhunderts sehen, und das 18. Jahrhundert ist das Zeitalter europäischer Expansion und des Kolonialismus. Mit Kants Rassentheorie, von der die wenigsten trotz des prägenden Einflusses auf sie wissen, lässt sich die koloniale Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker rechtfertigen, ohne auf das Gleichheitspostulat der Aufklärungsphilosophie verzichten zu müssen.

Christian Geulen, Professor für Neuere Geschichte, greift diesen Aspekt auf, dass die Aufklärer auf der einen Seite „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ forderten, andererseits aber Menschen außereuropäischer Völker von diesen Idealen ausschlossen und versklavten: „Das widersprach sich jetzt massiv mit der faktischen Art und Weise, in der die Europäer mit den außereuropäischen Völkern umgingen, insbesondere natürlich mit den afrikanischen Völkern, die schon über ein, zwei Jahrhunderte lang versklavt worden sind, und hier kommt plötzlich der Rassenbegriff, erhält er zum ersten Mal eine echt ideologische Funktion, indem er nämlich jetzt versucht zu erklären, was die unterschiedliche Qualität und Wertigkeit dieser Rassen ist, um letztlich zu legitimieren, dass man mit den Europäern so umgeht, aber mit den außereuropäischen Völkern ganz anders umgeht.“ Wenn man beweist, dass andere Völker nicht vernunftbegabt und bildungsfähig sind, dann sind sie von Natur aus unmündig. Das ist keine selbstverschuldete Unmündigkeit, die man ablegt, indem man sich seines eigenen Verstandes bedient. Denn Kants Rassenlehre zweifelt im Grunde an, dass Menschen nicht europäischer Völker einen ausreichend entwickelten Verstand besitzen, dessen sie sich bedienen könnten. Deshalb kann man seine Rassentheorie nicht von seiner Philosophie trennen. Nichteuropäer sind aus kantscher Sicht zu einer auf Vernunft basierenden Selbstherrschaft gar nicht fähig.

Kant liefert letztlich eine Rechtfertigung für den Kolonialismus und die Ausbeutung fremder Völker außerhalb Europas, wenn er konstatiert: „Die Einwohner des gemäßigten Erdstriches, vornehmlich des mittleren Theiles desselben ist schöner an Körper, arbeitsamer, scherzhafter, gemäßigter in seinen Leidenschaften, verständiger als irgend eine andere Gattung der Menschen in der Welt. Dazu haben diese Völker zu allen Zeiten die anderen belehrt und durch die Waffen bezwungen.“ Dass der Fortschritt in Europa und die Industrialisierung nur möglich waren, weil Europa die Reichtümer anderer Kontinente raubte und die Menschen versklavte, unterschlägt die Aufklärung und sieht vielmehr den Grund in der Überlegenheit der Rasse der Weißen. Ohne die Ausbeutung anderer Völker und die Sklavenarbeit hätte Europa eine ganz andere Entwicklung genommen. Kants Rassenbegriff fällt im 18. Jahrhundert auf so fruchtbarem Boden und findet schnell Verbreitung, weil der Kolonialismus stets für alle Konzepte offen ist, die dazu beitragen, Nichteuropäer effizient zu unterwerfen und wirtschaftliche Interessen zu verfolgen.

Der Sklavenhandel ist zweifelsfrei älter als die Aufklärung, aber die Versklavung der Schwarzen erscheint vor diesem Hintergrund nicht nur legitim, sondern notwendig. Die Rassentheorie stellt die Schwarzen, wie man im Folgenden sehen wird, als Untermenschen dar, die keinen Anspruch auf Gleichbehandlung haben, weil sie die unterste Stufe der Hierarchie der Menschenrassen besetzen und erst noch zivilisiert werden müssen. Man erhob es zur moralischen Pflicht des weißen Europäers, dies zu tun. Auf diese Weise erhält die jahrhundertelange Verschleppung und Versklavung unzähliger Menschen und der Handel mit ihnen als Ware eine moralische Rechtfertigung. Der vernunftbegabte weiße Europäer hat sich lediglich der armen Kreaturen angenommen, um sie im Namen der Aufklärung zu erziehen. Tatsächlich war aber das Rassenkonzept der Aufklärer ein politisch und wirtschaftlich willkommenes und nützliches Konzept in Zeiten des florierenden Sklavenhandels und der europäischen Expansion zur Ausbeutung fremder Kontinente und Völker.

Kants Rassenlehre ist nicht irgendeine unter den vielen Rassentheorien des 18. Jahrhunderts; Kant nimmt vielmehr eine Vorreiterstellung auf diesem Gebiet ein und prägtث den Begriff Rasse in Deutschland. Er trug wesentlich dazu bei, dass das Konzept von den Rassen aus der Zoologie Eingang in die Anthropologie fand. So, wie man Tiergattungen unterscheidet, sollen auch Menschenrassen unterschieden werden. Kant wollte die Rassenunterschiede, von denen er ausgeht, wissenschaftlich fundieren. Seine Ideen hierzu finden sich unter anderem in seiner Königsberger Vorlesung über „Physische Geographie“, die zu seinen bekanntesten zählt und die er vier Jahrzehnte 48 Mal hält. Sein Rassenkonzept etablierte sich auf diese Weise an den deutschen Universitäten und fand dort Verbreitung. In seinen Ausführungen beschreibt Kant die Menschen am Beispiel des Pflanzenwachstums. „Ihr Körper ist im Wachsthume dem der Bäume ähnlich“, behauptet er. Bei dem großen Aufklärer heißt es außerdem: „In den heißen Ländern reift der Mensch in allen Stücken früher, erreicht aber nicht die Vollkommenheit der temperierten Zonen. Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht der Theil der amerikanischen Völkerschaft.“ Dieses Zitat hätte ohne Weiteres von einem Rassisten wie Thilo Sarrazin stammen können. Kant versucht pseudowissenschaftlich zu begründen, warum der Weiße an der Spitze der Menschheit steht und eine Vormachtstellung genießt. Die Natur selbst hat quasi durch die günstigen geographischen und klimatischen Bedingungen für die Vollkommenheit der weißen Rasse gesorgt und vor allem auch den Deutschen begünstigt. Die Idee vom Einfluss des Klimas auf die Rassenunterschiede findet sich schon bei dem französischen Philosophien Montesquieu, an den sich Kant anlehnt. Bei seiner Einteilung der Menschen in Rassen geht Kant von einer Ordnung aus, die durch das Klima bedingt ist, wodurch er sie zu einem unumstößlichen Naturgesetz macht. Die Beherrschung fremder Völker durch den Weißen ist angesichts der „aufgeklärten“ Rassentheorie keine von Gott gewollte Ordnung, sondern eine von der Natur vorgegebene, der Kant dadurch Geltung verschaffen möchte. Gegen die göttliche Ordnung kann sich der Mensch auflehnen, nicht aber gegen die Ordnung der Natur. Für alle Nichtweißen heißt das, dass ihre Unterordnung unter die weiße Rasse von der Natur determiniert ist. Damit wird das Rassenkonzept regelrecht zementiert. Wenn also Kant postuliert, dass der Mensch sich seines eigenen Verstandes bedienen solle, um sich gegen jede Form der Fremdherrschaft zu emanzipieren, dann meint er damit nur den weißen Nordeuropäer, den er für die einzige Rasse hält, die aufgrund günstiger klimatischer Bedingungen überhaupt dazu imstande ist, den Verstand zu gebrauchen und nach vernünftigen Grundsätzen zu handeln. Menschen mit anderer Hautfarbe sind vor dem Hintergrund von Kants Rassentheorie nicht vernunftbegabt genug und bringen nicht die nötige Bildungsfähigkeit mit. Auf der Grundlage von Kants Rassenlehre wäre ein dunkelhäutiger Mensch, der in einer heißen Klimazone aufwächst, niemals imstande, das Bildungsniveau eines Weißen zu erlangen. Ein Schwarzer ist durch Kant dazu verdammt, auf ewig die Rolle des dummen Eingeborenen einzunehmen.

Der Aufklärungsphilosoph Kant verfasst 1775 seine Abhandlung „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrace“. Hierbei geht er, anders als in seiner „Physischen Geographie“, systematisch vor und begründet eine Rassenlehre, die von vier Grundrassen ausgeht: Weiße, Neger, Hunnen und Hindus. Zehn Jahre später nimmt er in seiner „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrace“ eine Änderung der Grundrassen vor und teilt die Menschen nach ihrer Hautfarbe ein in Weiße, Schwarze, Gelbe und Kupferrote. Daran erkennt man, dass die Rassentheorie weder ein Ausrutscher in Kants Biographie ist noch eine Laune von ihm darstellt, um einem Trend seines Jahrhunderts zu folgen. Das Thema beschäftigt ihn jahrzehntelang. Er verteidigt seine Einteilung hartnäckig. Als Georg Forster, der Revolutionär der Aufklärung, ihm in seiner 1786 verfassten Schrift „Noch etwas über die Menschenraßen“ dahingehend widerspricht, dass es nicht vier, sondern nur zwei Menschenrassen gebe, reagiert Kant 1788 mit einer dritten Abhandlung und verteidigt darin seine Rassentheorie. Dieser Streit zwischen Kant, dem führenden Rassentheoretiker seiner Zeit, und Forster war für die Forschung immer interessanter als die Frage, wie es sein kann, dass diese Aufklärer die Menschen hierarchisch in Rassen einteilen. Denn bei aller Unterschiedlichkeit findet sich bei allen Rassentheoretikern ein Konsens in der Vorstellung, dass der Weiße sich durch seine Überlegenheit auszeichne und insbesondere der Schwarze geistig und moralisch unterlegen sei. Bei Hegel heißt es beispielsweise: „Bei den Negern ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußtsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist […].“

Die Kantforschung blendet diese Seite Kants fast vollständig aus. Sie leugnet geradezu, dass seine Rassenlehre innerhalb seines gesamten Schaffens von großer Bedeutung ist und Generationen nach ihm nicht nur seinen Vernunft-, sondern auch seinen Rassenbegriff verinnerlicht haben. Die Auswirkungen von Kants Rassenverständnis sind heute mehr denn je zu spüren. Einigen wenigen dämmert zwar langsam, dass ihre großen Philosophen, auf die sie sich seit Jahrhunderten berufen, Rassisten waren, aber niemand möchte an dem Bild dieser „Heiligen“ der Aufklärung kratzen, um ihr Image als Verfechter von Menschenrechten und Gleichberechtigung nicht zu zerstören.

 

(U. A.)

 

Teil 1: Das Rassenkonzept der Aufklärung (Teil 1)

Teil 3: Das Rassenkonzept der Aufklärung (Teil 3)