INTERVIEW

- 05.03.2020

Interview mit einem Vertreter des Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum zum Terroranschlag in Hanau

Kalifat.com: As-salamu alaykum, herzlich willkommen Bruder.

Medienbüro: Wa alaykum as-salam wa rahmatullahi wa barakatuhu.

Kalifat.com: Der Anschlag vom 19.02. in Hanau, bei dem 10 Menschen ermordet wurden, hat die Öffentlichkeit schockiert. Bist du überrascht, dass es dazu gekommen ist?

Medienbüro: Nein, natürlich nicht. Wenn man sich die Entwicklung der letzten zwei Dekaden anschaut, dann darf das im Grunde niemanden überraschen. Anschläge auf Muslime, Moscheen und andere Einrichtungen gehören mittlerweile zum deutschen Alltag. Erst am 06. Februar hat die Bundesregierung in einer Antwort auf eine große Anfrage aktuelle Zahlen veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass es allein im letzten Jahr 184 islamfeindlich motivierte Angriffe auf Moscheen, Religionsstätten und religiöse Repräsentanten gab. In Deutschland kommt es also fast täglich zu Angriffen auf muslimisches Leben. Diejenigen, die überrascht und schockiert über den Terroranschlag in Hanau sind, müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie die Augen vor der Realität verschließen oder ob sie bewusst relativieren. Tatsache ist, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber Muslimen längst kein Randphänomen mehr ist.

Kalifat.com: Kritiker könnten jetzt einwenden, dass in Hanau Shisha-Cafés und keine Moscheen angegriffen wurden. Von daher wäre es falsch, von einem islamfeindlichen Terroranschlag zu sprechen.

Medienbüro: Dass es im Fall von Hanau Shisha-Cafés getroffen hat, ist dem Klischee geschuldet, dass sich dort vor allem muslimische Jugendliche treffen. Auch sollte man an dieser Stelle nicht vergessen, dass solche Cafés in jüngster Zeit vermehrt im öffentlichen Diskurs thematisiert wurden. Islamfeinde wie Henryk M. Broder beispielsweise sprechen von „Blitzradikalisierung zwischen zwei Shishazügen“. Im Grunde genommen wurden auch diese Orte als Brutstätten von Extremismus markiert. Menschen wie Tobias Rathjen hören diese Dinge und lassen sich davon inspirieren. Zusammenhänge dieser Art konnte man ja schon im Manifest von Anders Breivik erkennen, der sich explizit auf Broder bezog. 

Kalifat.com: Kannst du etwas näher auf diese Zusammenhänge eingehen? In den Talkshows, Zeitungsartikeln und politischen Reden wird ja derzeit viel davon gesprochen, dass der Rechtsterrorismus mit islamfeindlicher Hetze im Zusammenhang steht, die vor allem von Akteuren wie der AfD ausgehen würde. Ist das der Zusammenhang, den du siehst?

Medienbüro: Nein, nein. Ich meine viel mehr als das. Monokausale Erklärungen dieser Art sind reduktionistisch und verzerren die Realität. Das Problem ist nicht nur die Islamfeindlichkeit im rechten Milieu und die damit im Zusammenhang stehende Hetze von einzelnen Akteuren.

Ich versuch’s mal bildhaft zu erklären. Was wir im Moment erleben, ist ein islamfeindlicher Gesamtklang im öffentlichen Diskurs. Man muss sich das vorstellen wie ein großes Orchester, in dem unterschiedliche Instrumente zum Einsatz kommen. Am Ende aber, entsteht eine harmonische Sinfonie, ein Gesamtklang, wie ich sagte. Im Islamdiskurs gibt es also unterschiedliche Akteure aus verschiedenen Disziplinen und Bereichen. Wir haben Journalisten, die regelmäßig Artikel über den Islam veröffentlichen, in denen der Islam bzw. das Kopftuch, der neue Moscheebau, die Beschneidung, das Fasten und so weiter grundsätzlich als Problem dargestellt werden. Wir haben Intellektuelle, die über eine vermeintliche Unfähig- oder Rückständigkeit der Muslime sprechen. Die durch ihre eurozentrische Brille den Islam betrachten und behaupten, er passe in seiner eigentlichen Form nicht mehr in diese Zeit und müsse dementsprechend modifiziert werden. Wir haben Wissenschaftler – und ich meine damit Akteure, die ihre Agenda sozusagen hinter dem weißen Kittel verstecken – die mit ihren vermeintlich neutralen Deutungsmustern den Islam und das muslimische Leben untersuchen. Wir haben Künstler, die in ihren Karikaturen, Filmen und Theaterstücken den Islam schmähen. Auch haben wir sogenannte Islamexperten, die gefährliche Frames und Narrative konstruieren und in den öffentlichen Diskurs einbringen. Ebenso gelten diese Leute plötzlich als Referenz, wenn es darum geht zu bestimmen, was der Islam legitimerweise sein kann und was nicht. Obwohl diese „Experten“ oft über keine wirkliche Expertise verfügen und in der Regel noch nicht mal einen Bezug zur islamischen Community haben. Und ganz oben haben wir den Dirigenten, der das Einsatzsignal gibt und dem Ganzen Struktur verleiht. Erst hierdurch entsteht der Gesamtklang, von dem ich sprach. Dieser Dirigent ist die Politik. Das sind Entscheidungsträger wie der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, der gemeinsam mit Hans-Georg Maaßen die Integrationspolitik erdacht und ausgestaltet hat. Der das Verhältnis zur muslimischen Minderheit mit dem Satz „Die beste Form der Integration ist die Assimilation“ umschrieben hat. Es sind Akteure wie Friedrich Merz und die Union insgesamt, die darauf pochen, dass sich Muslime einer wie auch immer gearteten deutschen Leitkultur zu unterwerfen hätten. Und Politiker wie der amtierende Bundesinnenminister Seehofer, der die Migration als „Mutter aller Probleme“ bezeichnet und klarstellt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland.

Die Politik ist hauptverantwortlich, denn sie stellt die Weichen, sie definiert und gestaltet Rahmenbedingungen. Alles andere geschieht im Fahrwasser einer übergeordneten politischen Agenda. Dennoch kann keiner der anderen Akteure behaupten, er trage keine Verantwortung für die islamfeindliche Grundstimmung in der Gesellschaft. Keiner kann sagen, ich habe doch nur ein Buch oder einen Artikel geschrieben. Oder ich mache doch nur Satire, ich bin Künstler und kein Politiker. Denn sie alle sind Teil des Orchesters. Und sie alle spielen mit in der Sinfonie namens Leitkultur, Integration & Assimilation!

Kalifat.com: Sehr interessant. Du verortest das Problem also nicht im rechten Milieu?

Medienbüro: Nicht ausschließlich und ganz sicher nicht ursächlich. Sicherlich stellt das rechte Milieu insofern ein Problem dar, als das es ganz explizit gegen Muslime hetzt. Aber im Grunde spitzen sie nur zu und greifen in ihrer Polemik nur das auf, was an islamfeindlichen Narrativen ohnehin schon in der Gesellschaft verankert und im öffentlichen Diskurs präsent ist. Die politische Mitte spricht vom demographischen Wandel und sie sprechen von Umvolkung. Die Mitte spricht vom kulturellen Gleichgewicht, die Rechten nennen es Islamisierung des Abendlandes. Politiker der Mitte sprechen von Flüchtlingswelle und Einwanderung in die Sozialkassen, das rechte Lager spricht von Invasion und Sozialschmarotzern. Die AfD hat die Islamfeindlichkeit genauso wenig erfunden, wie Adolf Hitler den Antisemitismus!

Kalifat.com: Ok, du sprichst von einer islamfeindlichen Grundstimmung, aber weshalb schlägt diese immer häufiger in Gewalt um? Woher kommt diese Militanz?

Medienbüro: Die Islamdebatte wurde nach den Anschlägen vom 11. September auch immer im Kontext der Sicherheitspolitik geführt. Es fand also eine gefährliche Vermengung unterschiedlicher Politikfelder statt. Es ging nicht mehr nur darum, wie die Mehrheitsgesellschaft ihr Verhältnis zu einer weltanschaulich-religiösen Minderheit definiert. Es ging um potentielle Feinde! Um Muslime, die sich über Nacht „radikalisieren“ könnten, um Schläfer, die unauffällig unter uns leben und nur darauf warten, ihren Angriff auf die „freie und offene“ Gesellschaft zu starten. Der Islam- und Integrationsdebatte lag nach den Anschlägen also eine militärische Logik zugrunde. Das äußert sich auch regelmäßig in der Rhetorik führender Politiker. So spricht Emmanuel Macron ganz aktuell von „Separatisten“ im eigenen Land und einer „Strategie der republikanischen Rückeroberung“! Er meint damit Muslime, die „westliche Werte ablehnen“, also ihre islamische Identität und Lebensweise erhalten wollen.

In Deutschland spricht man seit zwei Dekaden von einem asymmetrischen Krieg, den man mit herkömmlichen Mitteln nicht gewinnen könne. Dadurch entsteht eine diffuse Situation. Der Gegner trägt keine Uniform, hat aber bestimmte Marker, durch die er als möglicher Feind identifiziert werden kann. Dann heißt es: „Das Kopftuch als Flagge des Islamismus“. Oder: „Der lange Bart als Zeichen der Radikalisierung“. Die deutsche Öffentlichkeit ist also seit zwei Dekaden einem Diskurs ausgesetzt, in dem es nicht mehr um den Anderen, sondern um den Feind geht. Vor diesem Hintergrund muss man sich nicht über Hanau wundern, denn das ist das Ergebnis, wenn ein geistig labiler Mensch auf eine hysterische Gesellschaft trifft. Und das ist, wie gesagt, kein Einzelfall. Diejenigen, die hinter den zahlreichen Angriffen auf Muslime und Moscheen stecken, sind nicht einfach nur Rassisten. Die gab es schon immer, gerade in Deutschland. Aber nun wähnen sich immer mehr Menschen in einem kriegsähnlichen Zustand, in dem sie ihre Terroranschläge und Angriffe für angemessen halten.

Kalifat.com: Das sind wirklich wichtige Aspekte, über die wir reflektieren sollten. Leider scheint es in der muslimischen Community – zumindest hat man das Gefühl – oft am politischen Bewusstsein zu mangeln. Welche Perspektiven haben wir also?

Medienbüro: Das ist natürlich ein großes Feld, was ich in diesem Format nicht umfänglich abdecken kann, zumal es ja auch eine globale und ideologische Dimension besitzt. Aber ich versuche das anknüpfend an mein voriges Beispiel zu skizzieren. Wir haben von der islamfeindlichen Grundstimmung gesprochen, die ihre Durchschlagskraft deswegen besitzt, weil sie durch das Zusammenspiel unterschiedlicher und zahlreicher Akteure zustande kommt – der Gesamtklang. Und das fehlt unsererseits. Oder als Frage formuliert: Welchen Gesamtklang erzeugt die muslimische Community in Deutschland? Welche grundlegenden Positionen vertritt sie? Welche Standpunkte? Wir haben zahlreiche Akteure, unterschiedliche Gemeinden und unterschiedliche Denkströmungen mit verschiedenen Schwerpunkten. Das ist auch völlig natürlich und auch nicht negativ. Aber was uns fehlt, ist der Dirigent. Eine übergeordnete politische Idee, die unseren Standpunkt in der westlichen Gesellschaft bildet. Trotz der Unterschiedlichkeit der muslimischen Akteure müssen wir über einen gemeinsamen Nenner in den existenziellen Fragen verfügen. Wir müssen uns darüber einig sein, dass die islamische Identität und Lebensweise bewahrt werden müssen. Dass die Deutungshoheit über den Islam nicht bei der Mehrheitsgesellschaft liegt, sondern bei der Community selbst. Ebenso muss die Integrität der islamischen Gemeinschaft unter allen Umständen aufrecht erhalten bleiben. Wir stellen unsere Vertreter und unsere Imame. Wir formulieren unsere Standpunkte zu gesellschaftspolitischen sowie globalen Fragestellungen und kommunizieren diese. Erst wenn wir einen solchen Gesamtklang erzeugen, werden wir im politischen Diskurs auch als Kraft wahrgenommen. Erst dadurch werden wir zum Akteur. Das muss das Ziel sein und dazu rufe ich die islamische Community auf.

Kalifat.com: Vielen Dank Bruder, möchtest du zum Abschluss noch etwas hinzufügen?

Medienbüro: Ich möchte abschließend die Gelegenheit nutzen, den Hinterbliebenen in Hanau mein Beileid auszusprechen. Möge Allah (swt) euer Leid lindern und euch mit euren Geliebten im Paradies vereinen. Wir versprechen euch, alles in unserer Macht stehende zu tun, damit sie nicht umsonst gestorben sind.

﴿إِنَّا لِلَّهِ وَإِنَّا إِلَيْهِ رَاجِعُونَ

Wir gehören Allah und zu Ihm kehren wir zurück. (2:156)