KOMMENTAR

- 29.04.2020

Das Menschenbild in Corona-Zeiten

Das Corona-Virus hat die Unzulänglichkeiten des kapitalistischen Systems innerhalb kürzester Zeit offengelegt. Der Kapitalismus verschärfte die Krise und ließ sie zu einem Desaster werden. Deshalb bestand die existentielle Notwendigkeit, von den sonst üblichen kapitalistischen Mechanismen abzurücken und die Wirtschaft, das Hauptmerkmal des Kapitalismus, auf unbestimmte Zeit in ein künstliches Koma zu versetzen. Mehr noch, die kapitalistischen Staaten mussten und müssen ihr Gesundheitssystem kostspielig instand setzen, nachdem sie es über Jahrzehnte auf ein Minimum heruntergefahren hatten, um Kosten zu sparen – der eine Staat mehr, der andere weniger. Die kapitalistischen Staaten stehen also erstmals vor der Situation, sich jenseits wirtschaftlicher Faktoren um ihre Bürger kümmern und tief in die Staatskasse greifen zu müssen. Das kannten sie sonst nicht, und deshalb wurde die Bewältigung der Corona-Krise nach nur kurzer Zeit von der Frage beherrscht, wann der Shutdown aufgehoben werden könne und ob es verhältnismäßig sei, die Wirtschaft lahmzulegen, um die sogenannte Risikogruppe zu schützen. Denn das Wohl des Menschen stand noch nie im Zentrum kapitalistischer Überlegungen, sondern nur das Wirtschaftswachstum.

Wovon man auch in Corona-Zeiten nicht abgerückt ist, ist das kapitalistische Menschenbild, auch wenn es zunächst so scheint, als hätte sich der Blick auf den Menschen positiv verändert. In der Corona-Krise legen die Menschen nämlich ein ungewohntes Verhalten an den Tag: Sie stehen am Fenster oder auf ihren Balkonen und applaudieren für Krankenschwestern und Pfleger, die sonst keinerlei Beachtung oder Wertschätzung in der Gesellschaft fanden. Sie bedanken sich bei einfachen Angestellten im Supermarkt, auf die sie immer herabblickten und deren Arbeit sie nie schätzten. Und plötzlich kommt die Erkenntnis, dass der rumänische Erntehelfer unverzichtbar ist, den man sonst aus dem Land jagen wollte. Sind das Hinweise auf ein verändertes und besseres Menschenbild? Fast könnte man das glauben, doch so schnell erliegt das kapitalistische Menschenbild nicht dem Covid-19.

Jede Handlung basiert im Kapitalismus auf Nutzen und Profit. Auf dieser Grundlage erfolgt auch die Bewertung des Menschen. Deshalb gibt es drei Hauptgruppen, von denen nur eine Gruppe eine Wertschätzung erfährt, nämlich die Gruppe, die einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leistet. Je größer dieser Beitrag ist, desto höher ist das Ansehen. Solange der Mensch Teil dieser Gruppe ist, hat er einen Wert, weil er nach kapitalistischem Maßstab Profit bringt. Sobald er aber aus dem Berufsleben ausscheidet, verliert er seinen Nutzen, auch wenn er über Jahrzehnte Steuern gezahlt hat. Er wird vielmehr zur finanziellen Belastung, und nur das zählt am Ende und nicht die Tatsache, dass jemand ein Leben lang geschuftet hat. Daran wird der Mensch gemessen und dementsprechend behandelt. Ein Staat wie Deutschland lässt seine Rentner leere Flaschen sammeln, obwohl er in der Lage wäre, mehr Geld für sie bereitzustellen. Auch das hat die Corona-Krise gezeigt: Plötzlich steht ganz viel Geld zur Verfügung. Der Staat hätte also durchaus die finanziellen Möglichkeiten, seine Rentner ausreichend zu versorgen, so dass sie nicht gezwungen wären, in Mülltonnen nach Pfandflaschen zu stochern oder als Rentner zu arbeiten. Es ist keine Frage des Nichtkönnens, sondern eine des Nichtwollens des Staates. Auch Kinder werden genau wie alte Menschen danach beurteilt, wie viel Kosten sie verursachen. Denn auch sie tragen zunächst einmal nichts zum Bruttoinlandsprodukt bei. Sie unterscheiden sich jedoch dahingehend von der Gruppe der Rentner, dass sie irgendwann in die Gruppe der Erwerbstätigen nachrücken und profitabel werden. Für das kurzfristig denkende Individuum ist ein Kind aber in erster Linie ein Verlustgeschäft. Es kostet nicht nur Geld, sondern verringert den Profit, wenn ein Elternteil beispielsweise seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Das kapitalistische System führt auf diese Weise zwangsläufig zu einer sinkenden Geburtenrate, obwohl ein kapitalistischer Staat darauf angewiesen ist, dass seine Bürger Kinder bekommen. Das ist das Dilemma des kapitalistischen Handlungsmaßstabs. Dass die Menschen im kapitalistischen System überhaupt noch Kinder bekommen, hat einzig mit dem im Menschen verankerten Arterhaltungsinstinkt zu tun.

An diesem Menschenbild hat sich in der Corona-Krise grundsätzlich nichts verändert. Die Menschen, denen der Kapitalismus einen Wert beimisst, heißen jetzt einfach nur systemrelevant. Das Corona-Virus hat jene Menschen in den Vordergrund treten lassen, auf die man zur Zeit nicht verzichten kann. Ihre Arbeit war vor der Corona-Krise nicht anders als in der Corona-Krise. Nur jetzt gilt ihre Arbeit als systemrelevant, obwohl sie in Wahrheit schon immer relevant war. Vorher war es aber das Gehalt, an welchem man den Wert des Menschen bemessen hat, jetzt ist es seine Systemrelevanz. Wessen Arbeit für das Funktionieren des Systems gebraucht wird, fällt in diese Kategorie. Das heißt, die Bewertung des Menschen erfolgt selbst in der Corona-Krise über seinen Nutzen. Weil der Profifußballer in Corona-Zeiten nutzlos ist, ist er gegenwärtig natürlich bedeutungslos, da nicht systemrelevant, während das einfache Pflegepersonal, die Supermarktkassiererin oder der Postbote zu „Helden des Alltags“ aufgestiegen sind. Der Dank des Staates und der Applaus der Bevölkerung gelten ausnahmsweise ihnen und nicht den sonst gefeierten Stars. Ist die Corona-Krise aber erst einmal überwunden, werden die systemrelevanten „Helden“ wieder zu schlecht bezahlten Durchschnittsbürgern, deren Nutzen sich auf ein normales Niveau einpendelt und vom Nutzen der Besserverdiener überschattet wird. Wer also meint, das Corona-Virus hätte einen Sinneswandel bei den Menschen bewirkt, unterliegt dem Irrtum, dass die Einteilung in systemrelevant und nicht systemrelevant außerhalb des Maßstabs von Nutzen und Profit liege. Eine Gleichwertigkeit der Menschen kennt der Kapitalismus nicht, woran auch das Corona-Virus nichts ändern wird.

(U. A.)