PERSÖNLICHKEITEN

- 16.05.2020

Die Führer von Hizb-ut-Tahrir - Teil 1 B - Die Gründung von Hizb-ut-Tahrir und das Voranschreiten mit der Partei

 

Die Führer von Hizb-ut-Tahrir

Teil 1 B

Die Gründung von Hizb-ut-Tahrir und das Voranschreiten mit der Partei

Scheich Nabhānī begann sich eingehend mit den Parteien, Bewegungen und Organisationen zu befassen, die seit dem 4. Jahrhundert n. H. entstanden sind. Er befasste sich mit ihren Vorgangsweisen und Ideen sowie mit den Gründen ihrer Ausbreitung und ihres Scheiterns. Der Scheich erachtete die Existenz eines politischen Blockes als notwendige Voraussetzung für die Wiedererrichtung des Kalifats. Aus diesem Grund befasste er sich intensiv mit den verschiedenen Parteien. Seit der Zerstörung des Kalifats durch den Verbrecher Mustafa Kemal waren die Muslime nicht imstande, das Kalifat wieder zu errichten. Und das trotz der Existenz aktiver islamischer Bewegungen. Die Entstehung des Zionistenstaates auf dem Boden Palästinas im Jahr 1948 und die zutage getretene Hilflosigkeit der Araber gegenüber den jüdischen Banden, die von derselben britischen Protektoratsmacht großgezogenen worden sind, die auch Jordanien, Ägypten und den Irak kontrollierte, ließ die Emotionen in Scheich Taqī ad-Dīn hochkochen. Und so begann er sich mit den Ursachen zu befassen, die zum Aufstieg der Muslime führen sollten. Zunächst versuchte Scheich Taqī ad-Dīn, die Umma durch die nationalistische Idee zu einem Aufstieg zu führen und schrieb dazu zwei Bücher: 1. Die Rettung Palästinas und 2. Die Mission der Araber. Beide Bücher wurden im Jahr 1950 veröffentlicht. Seine nationalistische Neigung, die in beiden Büchern zutage trat, war jedoch nicht von der wahren Idee, der wahren Überzeugungsgrundlage (ʿaqīda) und der wahren Mission der Umma auf Erden getrennt, nämlich der Botschaft des Islam. Und das war der Unterschied zwischen ihm und den Propagandisten des arabischen Nationalismus, welche die Umma ihrer offenbarten Ordnung beraubten und zu Lebensordnungen, Glaubenslehren und Ideologien aufriefen, die dieser Umma fremd sind und ihrem Überzeugungsfundament, ihrer Ethik und ihren Werten diametral widersprechen. Von diesem Weg, den er anfangs eingeschlagen hatte, wandte sich Nabhānī jedoch ab und begann sich mit allem auseinanderzusetzen, was an Ideen aufgeworfen wurde, doch konnte ihn nichts davon überzeugen.

Mit seinem beruflichen Wechsel ins Gerichtswesen begann er alle Gelehrte zu kontaktieren, die er in Ägypten kennengelernt oder getroffen hatte und unterbreitete ihnen die Idee zur Gründung einer politischen Partei auf Basis des Islam, um die islamische Umma zum Aufstieg zu führen und ihre würdevolle Macht sowie ihren Ruhm wiederherzustellen. Zu diesem Zweck reiste er durch die meisten Städte Palästinas und trug diese Idee, die in seinem Verstand schon ausgereift war, an die hervorstechenden Persönlichkeiten unter den Gelehrten und an die führenden Denker seiner Zeit heran. Er hielt Symposien ab und lud dazu Gelehrte aus ganz Palästina ein. Er debattierte mit ihnen über die richtige Methode, die zum Aufstieg der Umma führt. Oft diskutierte er mit den Vorsitzenden der islamischen Vereine und den Führern der politischen, nationalistischen und patriotischen Parteien. Dabei legte er ihnen die Falschheit ihres Weges und die Nutzlosigkeit ihrer Tätigkeit dar. Des Weiteren widmete er sich zahlreichen politischen Themen in seinen Ansprachen, die er zu religiösen Anlässen in der al-Aqṣā-Moschee, der al-Ḫalīl-Moschee in Hebron und in anderen Moscheen hielt. Er attackierte dabei die arabischen Regime, die er als Produkte des westlichen Kolonialismus bezeichnete und als eines seiner Instrumente, die dieser benutzt, um die Länder der Muslime unter seiner Kontrolle zu halten. Scheich Nabhānī deckte auch die politischen Verschwörungen und die anti-islamischen Pläne des Westens auf. Den Muslimen machte er ihre islamische Pflicht bewusst und rief sie dazu auf, eine rein auf dem Islam basierende Partei zu gründen.

Scheich Taqī ad-Dīn kandidierte bei der Wahl des Repräsentantenhauses. Doch wegen seiner unbeugsamen Standpunkte, seiner politischen Tätigkeit, seinem ernsthaften Bemühen, eine auf dem Islam basierende Partei zu gründen, seinem starken Festhalten am Islam und auch wegen der Einflussnahme des Staates auf das Wahlergebnis fiel das Wahlergebnis nicht zugunsten Nabhānīs aus.

Doch hielten solche Rückschläge den Scheich weder von seiner politischen Tätigkeit ab noch konnten sie seine Entschlossenheit schwächen. Vielmehr setzte er seine Aktivitäten, seine Kontaktaufnahmen und Gespräche fort, bis es ihm schließlich gelang, einige namhafte Gelehrte, hervorragende Richter und hervorstechende politisch-intellektuelle Persönlichkeiten von der Gründung einer politischen Partei auf Basis des Islam zu überzeugen. Er präsentierte ihnen den Rahmen und die Ideen, die später das Gedankengut von Hizb-ut-Tahrir bilden sollten. Seine Ideen fanden den Gefallen und die Zustimmung dieser Gelehrten, und so krönte er seine politische Tätigkeit mit der Gründung von Hizb-ut-Tahrir.

Die gesegnete Stadt Jerusalem war der Ort, an dem das Fundament für die Partei gelegt wurde. Jene Stadt, in der Scheich Nabhānī als Richter am Berufungsgericht tätig war. Nabhānī kontaktierte eine Anzahl von Persönlichkeiten, unter anderem Scheich Aḥmad ad-Dāʿūr aus Qalqīliya, die beiden Herren Nimr al-Miṣrī aus Lydda und Dāwūd Ḥamdān aus Ramla, Scheich ʿAbd al-Qadīm Zallūm aus Hebron, ʿĀdel an-Nabulsī, Ġānim ʿAbdu, Munīr Šuqair, Scheich Asʿad Baiyūḍ at-Tamīmī und andere.

Die Treffen waren zunächst spontan und fanden unregelmäßig statt. Meistens trafen sie sich in Jerusalem oder Hebron, um sich auszutauschen und neue Leute zu gewinnen. Im Zentrum der Diskussionen standen jene islamischen Themen, die den Aufstieg der islamischen Umma betrafen. Diese Entwicklung setzte sich bis ins Jahr 1952 fort, als die genannten Personen die Form einer politischen Partei annahmen.

Am 17. November 1952 beantragten die fünf Gründungsmitglieder der Partei eine formelle Unbedenklichkeitsbescheinigung beim jordanischen Innenministerium, um eine politische Partei offiziell gründen zu dürfen.

 

Die fünf Gründungsmitglieder der Partei waren die Folgenden:

Taqī ad-Dīn an-Nabhānī, Vorsitzender der Partei

Dāwūd Ḥamdān, Stellvertretender Vorsitzender der Partei und Sekretär

Ġānim ʿAbdu, Schatzmeister

ʿĀdil Al-Nabulsī, Mitglied

Munīr Šuqair, Mitglied

Im Anschluss kam die Partei allen rechtlichen Formalitäten nach, die das osmanische Vereinsrecht für die Gründung von Parteien vorschrieb. Hizb-ut-Tahrir hatte seinen Sitz in Jerusalem und ordnungsgemäß eine „Kenntnisnahme und Benachrichtigung“ seitens der Behörden erhalten.

Durch die Gründungserklärung, welche die Partei gemeinsam mit ihren grundlegenden Satzungen bei der Regierung eingereicht hatte, und die Veröffentlichung der vorgenommenen Schritte auf ihre Veranlassung hin in der Zeitschrift aṣ-Ṣarīḥ vom 14. März 1953 (176. Ausgabe) war Hizb-ut-Tahrir von diesem Tag an, nämlich dem 28. Ğumādā aṯ-Ṯāniya 1372 n. H. / 14.03.1953, laut Gesetz eine anerkannte Partei. Von nun an hatte die Partei gemäß dem damals gültigen osmanischen Gesetz die legale Befugnis, parteilich aktiv zu werden und sämtliche Parteiaktivitäten zu unternehmen, die ihre grundlegenden Satzungen vorsahen.

Jedoch lud die Regierung alle fünf Gründungsmitglieder vor, verhörte sie und verhaftete vier von ihnen. Am 07. Raǧab 1372 n. H., dem 23. März 1953 n. Chr., veröffentlichte die Regierung eine Stellungnahme, in der sie die Partei für illegal erklärte. Die Stellungnahme enthielt außerdem die Anordnung, dass die Gründungsmitglieder der Partei sämtliche Aktivitäten mit sofortiger Wirkung einzustellen haben. Am 01. April 1953 wurden sämtliche Plakate, die am Büro der Partei in Jerusalem angebracht waren, auf Anordnung der Regierung entfernt.

Scheich Nabhānī räumte jedoch diesem Verbot keinerlei Bedeutung ein und setzte seine Tätigkeit fort. Er bestand darauf, jene Botschaft weiterzutragen, auf deren Grundlage er die Partei errichtet hatte. Als Dāwūd Ḥamdān und Nimr al-Miṣrī im Jahr 1956 aus der Parteiführung ausschieden, wurden sie durch Scheich ʿAbd al-Qadīm Zallūm und Scheich Aḥmad ad-Dāʿūr ersetzt. Von nun an bildeten diese beiden ehrwürdigen Gelehrten unter der Leitung des Großgelehrten Scheich Taqī ad-Dīn an-Nabhānī die Führung der Partei. Durch die Gunst Allahs und Sein Wohlwollen trug diese Führung die Bürde der Botschaft (daʿwa) auf die beste Weise.

Die Partei begann eine kollektive Kultivierungskampagne auf den Freiflächen der al-Aqsa-Moschee mit dem Ziel, das islamische Leben wiederaufzunehmen. Sie legte derart ausgedehnte Aktivitäten an den Tag, dass sich die Regierung genötigt sah, harte Maßnahmen zu setzen, um die Partei am Aufbau ihres Körpers und der Stärkung ihrer Organisation zu hindern. Das veranlasste Scheich Nabhānī Ende 1953 dazu, das Land von sich aus zu verlassen, doch wurde ihm danach die Rückkehr von staatlicher Seite verwehrt.

Im November 1953 war er gezwungen, nach Damaskus zu reisen. Kurz nach seiner Ankunft wurde er von der syrischen Regierung verhaftet und zur syrisch-libanesischen Grenze deportiert. Doch untersagte ihm auch die libanesische Regierung die Einreise. Als er den zuständigen Beamten der Polizeistation in Wādī al-Ḥarīr darum bat, einen Freund im Libanon anrufen zu dürfen, erlaubte der Beamte ihm dies. Nabhānī bat seinen Freund, Scheich Ḥasan al-ʿAlāyā anzurufen, den damaligen Mufti des Libanon. Als der Mufti über die Situation informiert wurde, setzte er sich sofort mit den libanesischen Verantwortlichen in Kontakt und verlangte von ihnen, Scheich Nabhānī unverzüglich einreisen zu lassen, ansonsten würde er im ganzen Land die Nachricht verbreiten, dass der Libanon, der vorgibt demokratisch zu sein, einem islamischen Gelehrten nicht gestatten, das Land zu betreten. Den libanesischen Behörden blieb nichts anderes übrig, als sich dem Willen des Muftis zu beugen und Scheich Nabhānī die Einreise zu erlauben.

Nach seiner Ankunft im Libanon gab sich Scheich Nabhānī vollständig der Verbreitung seiner Ideen hin. Bis 1958 sah er sich mit keinen nennenswerten Hindernissen konfrontiert. Als die libanesische Regierung allerdings merkte, wie gefährlich seine Ideen für sie waren, begann sie den Scheich unter Druck zu setzen. Aufgrund dessen musste der Scheich heimlich von Beirut nach Tripolis ziehen. Einer seiner vertrauenswürdigen Bekannten sagte über ihn: Der Scheich war die meiste Zeit über mit Lesen und Schreiben beschäftigt. Er pflegte ständig die Nachrichten aus aller Welt über das Radio zu verfolgen, um seine starken politischen Flugblätter zu verfassen. In seiner Gottesfurcht (arab. taqī – der Gottesfürchtige) machte er seinem Namen alle Ehre. Er war keusch im Blick und seine Zunge hielt er stets im Zaum. Man hörte ihn nie einen Muslim beschimpfen, ihn geringschätzen oder erniedrigen, insbesondere dann nicht, wenn es sich um Verkünder des Islam handelte, wie unterschiedlich ihrer Rechtsauffassungen auch sein mögen.

Der Scheich widmete dem Prozess der materiellen Unterstützungsforderung (ṭalab an-nuṣra) im Irak extreme Aufmerksamkeit. Dafür reiste er mehrere Male in den Irak, um Scheich ʿAbd al-Qadīm Zallūm (Abū Yūsuf) bei einigen wichtigen Kontaktaufnahmen zu begleiten, wie z. B. den Kontakt mit ʿAbd as-Salām ʿĀrif und anderen. Auf seiner letzten Reise in den Irak wurde Scheich Nabhānī verhaftet und schwerer psychischer und physischer Folter ausgesetzt. Jedoch gelang es denjenigen, die ihn verhörten, nicht, etwas aus ihm herauszubekommen. Nach seiner Identität gefragt wiederholte Nabhānī immer nur die folgenden Worte: Ein Scheich der nach Behandlung sucht.“ Er gab dem Beamten zu verstehen, dass er ein alter Mann sei, der in den Irak gekommen war, um sich behandeln zu lassen. Und in der Tat war der Scheich wegen einer Behandlung im Irak: sein Ziel war es, die kränkelnde Umma durch die Wiedererrichtung des Kalifats von ihrem Leiden zu befreien. Schließlich wurden die irakischen Behörden seiner überdrüssig und schoben ihn über die syrische Grenze ab. Seine Hand war gelähmt und seine Kräfte hatten ihn, aufgrund der schweren, schrecklichen Folter, die er durch die irakischen Tyrannen erleiden musste, verlassen. Kurz nach seiner Abschiebung informierte der jordanische Geheimdienst den irakischen Geheimdienst darüber, dass der Gefangene, den sie gerade freigelassen hatten, Scheich Taqī ad-Dīn an-Nabhānī war, also jener Mann, den der irakische Geheimdienst suchte. Gott sei Dank war es da schon zu spät und der Scheich nicht mehr greifbar für sie.

Taqī ad-Dīn an-Nabhānī war in seiner Entschlossenheit unerschütterlich und errichtete die Partei auf einem soliden Fundament. Das Ziel war bereits zum Greifen nah, doch hat jede Angelegenheit ihre festgeschriebene Bestimmung.

Am Samstagmorgen, dem 01. Muḥarram 1398 n. H., dem 11. Dezember 1977 n. Chr., verstarb Scheich Taqī ad-Dīn an-Nabhānī. Er war fürwahr ein großartiger Führer, ein Quell des Wissens und zweifellos der größte Rechtsgelehrte der Neuzeit. Scheich Nabhānī war der Erneuerer des islamischen Denkens im 20. Jahrhundert, einer der größten Rechtsausleger (muǧtahid) und ein außerordentlicher Gelehrter. Er war der Gründer und amīr von Hizb-ut-Tahrir. Seine Beisetzung fand auf dem al-Auzāʿī-Friedhof in Beirut statt. Der Scheich konnte die Früchte seiner Mühen, denen er sein Leben gewidmet hatte, nämlich die Wiedererrichtung des Kalifats nach dem Plan des Prophetentums, selbst nicht ernten. Er überließ das Vermächtnis seinem Gefährten und Wegbegleiter, dem großen Gelehrten Scheich ʿAbd al-Qadīm Zallūm, und kehrte zu seinem Schöpfer zurück. Zwar wurde er selbst nicht Zeuge des Ziels, für das er sich nach Kräften eingesetzt hatte, doch fruchteten seine Bemühungen in der Gründung einer Partei, die sich in vielen Teilen der Welt ausbreitete. Abertausende haben sich ihr angeschlossen und tragen ihre Ideen, denen noch Millionen von Sympathisanten hinzuzurechnen sind. Ihre Anhänger verschlug es in alle Winkel der Welt, wie auch in zahlreiche Kerker der Ungläubigen, der Despoten und Tyrannen.

 

(E. D.)