POLITISCHE F&As

- 19.05.2020

Die Erdölkrise und ihre Auswirkungen

Antwort auf eine Frage

Die Erdölkrise und ihre Auswirkungen

 

Frage:

Der plötzliche Preisabsturz des Erdöls, besonders der Sorte West Texas Intermediate, war Thema der Nachrichten in den Medien. Am Ende notierte ein Barrel sogar bei minus 30 Dollar. Selbst das Brent-Rohöl, das für seinen geregelten Handel bekannt ist, fiel um 9 % auf 25 USD pro Barrel. Dafür gibt es verschiedene Gründe, seien es die vollen, fast überlaufenden Öltanks oder die geschwächte Wirtschaft als Folge der Coronakrise, was zu einer rückläufigen Nachfrage nach Erdöl führte. Was sind nun die Ursachen dieser Erdölkrise? Wird sie weiter anhalten? Welche Auswirkungen hat sie auf die amerikanische und auf die globale Wirtschaft?

 

Antwort:

Um die Hintergründe der Ölkrise im Allgemeinen und der amerikanischen Ölsorte West Texas Intermediate im Besonderen zu verstehen und ihre Auswirkung sowohl auf die amerikanische als auch auf die globale Wirtschaft nachzuvollziehen, muss man drei Umstände wirtschaftlicher und politischer Art kennen sowie deren Auswirkung speziell auf das Öl der Sorte West Texas, ebenso auf die Sorte Brent und in der Folge sowohl auf die amerikanische als auch auf die globale Wirtschaft.

Erstens: Die Auswirkung des Coronavirus auf den Erdölkonsum

Seit Beginn des Jahres verbreitet sich das Coronavirus unaufhörlich, zunächst in China, dann in Europa bis es schließlich auch die USA erreichte, begleitet von staatlich verordneten Quarantänemaßnahmen, dem Stillstand ganzer Wirtschaftszweige und der Lähmung des Flugverkehrs aufgrund der aus Angst vor einer Ausbreitung der Infektion verhängten Einreiseverbote zwischen vielen führenden Ländern, insbesondere zwischen Europa und den USA. Hinzu kam die ziemlich verworrene Lage des Welthandels aufgrund des drastischen Nachfrageeinbruchs auf Non-Food-Produkte und auf Waren, die nicht in den medizinischen Bereich fallen. Das hat sich unmittelbar auf das Transportwesen ausgewirkt, so werden 68% des Erdölangebots für das Transportwesen zu Land und Luft verbraucht. (Independent Arabi, 24.04.2020) All das hat dazu geführt, dass aufgrund der Coronakrise die weltweite Nachfrage nach Erdöl dramatisch eingebrochen ist. Je mehr Länder von der Infektionskrankheit getroffen wurden, desto schlimmer war der Einbruch. Denn mit der Verbreitung der Epidemie ging parallel die Lähmung der Wirtschaftssektoren einher, wo auch immer die Seuche in einem Land zuschlug. Doch der Einfluss dessen auf das Erdöl war unterschiedlich. Als die Epidemie führende Staaten Westeuropas erfasste, führte das zu einem starken Rückgang der globalen Nachfrage nach Erdöl, da es sich bei ihnen um große Ölverbraucher handelt. Als das Virus auch die USA, ein Land, das 20% des weltweit angebotenen Erdöls konsumiert, erreichte und besonders schwer traf, begann sich die Ölkrise auf dramatische Weise zu offenbaren. Im Rekordtempo brach die Nachfrage um ca. 30% ein, in einer Welt, die fast 100 Millionen Barrel Öl pro Tag verbraucht. Von den vielen Äußerungen, die diesen Nachfrageeinbruch bestätigen, wollen wir lediglich zwei anführen:

1. Am 15.04.2020 prognostizierte die Internationale Energieagentur (IEA) für den April einen Rückgang der weltweiten Nachfrage nach Erdöl um 29 Millionen Barrel täglich, und zwar im Jahresvergleich, um einen Tiefstand zu verzeichnen, der seit 25 Jahren nicht mehr erreicht wurde. (Al-Wafd, 15.04.2020)

2. Der russische Energieminister Alexander Novak gab bekannt, dass die weltweite Nachfrage nach Erdöl um 20-30 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen sei und sagte: „Wir haben jetzt den Tiefpunkt der globalen Nachfrage nach Erdöl erreicht.“ (Alarabiya.Net, 22.04.2020)

Und so brach die Erdölnachfrage in einer Weise ein, die nur in Zeiten von Weltkriegen vorstellbar gewesen ist! Das alles passierte in einem Zeitraum von drei bis vier Monaten, d. h. während der Coronakrise, bis der Ölpreis der Sorte West Texas am 20.04.2020, dem Tag, der als „Black Monday“ eingehen wird, ein Rekordtief von minus 37 Dollar erreichte.

Zweitens: Der zweite - politische - Umstand

Nachdem es sich bei Erdöl um einen strategischen Rohstoff handelt, wird er von Staaten oft als Waffe gegen andere Staaten eingesetzt. Die Rede ist hier von der Politik der USA, mit der sie Saudi-Arabien vor nur einem Monat zu einem Preiskrieg mit Russland angestiftet hatten. Die Erläuterung dazu sieht folgendermaßen aus:

1) Die USA hatten Russland zur Produktionskürzung genötigt, damit das hohe Preisniveau aufrechterhalten bleibt und amerikanische Frackingkonzerne auf den Märkten konkurrenzfähig werden. Denn die amerikanische Schieferölproduktion ist mit immensem finanziellen Aufwand verbunden. Im Zuge dieser Politik gelang es Saudi-Arabien, Russland als Partner in der sogenannten Opec Plus-Gruppe drei Jahre lang dazu zu bringen, die Fördermenge um 2,1 Millionen Barrel pro Tag zu senken. Die zwischen Russland und Saudi-Arabien geschlossene Vereinbarung ist im März 2020 ausgelaufen, stammt also noch aus der Vor-Corona-Zeit und lief nun einhergehend mit der Ausbreitung des Coronavirus aus.

2) Mit der Ausbreitung des Coronavirus in China und dem Beginn der Verbreitung in Italien begannen die Erdölpreise abzurutschen, wobei das Brent-Öl auf 45 Dollar pro Barrel sank. Dieses Preisniveau mit absteigender Tendenz stellt für die Produzenten amerikanischen Erdöls eine Gefahr dar, da sie bedroht sind, vom Markt verdrängt zu werden. Daher mussten die Ölpreise unbedingt in die Höhe getrieben werden. Dazu haben die USA Saudi-Arabien angestiftet, permanenten Druck auf Russland auszuüben, um die Produktion weiter zu drosseln, um dem anhaltenden Rückgang der Nachfrage nach Erdöl, verursacht durch die Epidemie, entgegenzuwirken. Beim Opec Plus-Treffen am 06.03.2020 weigerte sich Russland allerdings, einer zusätzlichen Produktionskürzung zuzustimmen, da es befürchtete, dass die USA die fehlende Menge durch amerikanisches Schieferöl kompensieren würden!

3) Mit dem Scheitern des erwähnten Opec Plus-Treffens brachen die Erdölpreise um 10% ein, da die Nachricht über Differenzen in der Opec Plus-Gruppe schnell die Runde machte.

4) Nur wenige Tage nach dem gescheiterten Gipfel zettelte Saudi-Arabien einen Preiskrieg gegen Russland an, um es zu erneuten Förderkürzungen zu zwingen. Dazu ging man in fünf Schritten vor:

a) Schritt 1: Das Aufkündigen des Abkommens (der Drosselung um 2,1 Millionen Barrel), trotz der Zusage Russlands, sich an den früheren Deal zu halten.

b) Schritt 2: Die deutliche Anhebung der Fördermenge ab dem 1. April (dem Tag, an dem das Abkommen mit Russland zum Förderlimit auslief) um bis zu 12-13 Millionen Barrel Öl pro Tag, trotz des durch das Coronavirus ausgelösten weltweiten Problems des Nachfragerückgangs.

c) Schritt 3: Preisnachlass für Kunden aus Asien um sechs Dollar pro Barrel, was beispiellos in der Geschichte ist.

d) Schritt 4: Ein gezielter und zusätzlicher Rabatt für Kunden, die mit russischem Erdöl handeln, um russische Marktanteile zu übernehmen.

e) Schritt 5: Das Mieten von Öl-Supertankern, um sie als schwimmende Tanks auf See zu nutzen, damit der Markt mit überschüssigem Öl überflutet wird.

5) Mit diesen Schritten des saudischen Staates, die nur wenige Tage nach dem 06.03.2020 (dem Tag des gescheiterten Opec Plus-Treffens) angekündigt wurden, brachen die Erdölpreise um ein Drittel ein. Die Erdölpreise verloren am Montag bis zu einem Drittel ihres Wertes, dem größten Tagesverlust seit dem Golfkrieg von 1991, nachdem Saudi-Arabien signalisiert hatte, die Produktion zu steigern, um seine Marktanteile zu erhöhen, während der Corona-Ausbruch faktisch zu einem Überschuss des Marktangebots geführt hatte. In der Folge gingen die Future-Kontrakte auf die Rohölsorte Brent um 22% auf 37.05 Dollar pro Barrel runter, nachdem sie zuvor um 31% auf 31.02 Dollar gefallen waren, dem niedrigsten Wert seit dem 12. Februar 2016 (Reuters, 09.03.2020) Das Rohöl der Sorte Brent Crude wird aus der Nordsee gefördert und ist ein Mix, der sich aus dem Öl von den Feldern Brent, Forties, Oseberg und Ekofisk zusammensetzt. Diese Sorte wird als Standard für die Preisgestaltung von zwei Dritteln der weltweiten Erdölproduktion verwendet, insbesondere auf dem europäischen und afrikanischen Markt. Es kommt auch vor, dass es in die USA und in einige afrikanische Länder exportiert wird, wenn der Preis unter Berücksichtigung der Frachtkosten angemessen ist. Gehandelt werden die Brent-Röhol-Futures an der Warenterminbörse Intercontinental Exchange (ICE) in London. Somit hat Saudi-Arabien durch die genannten Maßnahmen die Ölpreise nach unten gedrückt. Als die saudischen Maßnahmen nach dem 1. April, also nach Ablauf des Deals mit Russland Ende März, zu Greifen begannen, machte sich der Ölüberschuss an den Märkten bemerkbar, wodurch die Preise (analog zum Brent-Öl) im Monat April und noch vor dem 20. desselben Monats unter die 30 Dollar-Marke fielen.

6. Diese saudische Politik war im Grunde eine amerikanische, um Russland unter Druck zu setzen. Allerding hat Washington diese Politik vor ca. zwei Monaten konzipiert, d. h. bevor die neuen Auswirkungen der Pandemie, die in den USA besonders stark wütete, sichtbar wurden. Gemeint ist die eingebrochene Nachfrage nach Erdöl. Diese beiden Faktoren (die von den USA gepushte saudische Politik und der Nachfragerückgang) hatten zur Folge, dass der Schlagstock, den die Regierung Trump konzipiert hatte, um damit Russland zu treffen, nun in alle Richtungen schlägt und auch nicht vor den eigenen Schieferölfirmen haltmachte! Mit anderen Worten: Bei der amerikanischen Planung, einen Preisverfall des Erdöls herbeizuführen, hatte man nicht damit gerechnet, dass ein solches Tief erreicht werden wird. Es war das Resultat eines Zusammenspiels beider Faktoren: der amerikanischen (saudischen) Politik, die gegen Russland gerichtet war, und der weltweit einbrechenden Nachfrage nach Erdöl in einer Dimension, die nicht vorhersehbar war, als diese amerikanische Politik ausgearbeitet wurde.

In den USA gerieten die Frackingfirmen immer stärker unter Druck. Das Unternehmen „Whiting Petroleum“ meldete am 2. April Insolvenz an und Hunderte weitere Schieferölfirmen stehen kurz davor, da die Produktionskosten die Marktpreise überstiegen. Denn die Mindestkosten für ein Barrel Schieferöl liegen bei ca. 35 Dollar. (Al-Aswaq al-arabiya, 11.03.2020) Laut Independent Arabic vom 24.04.2020 bewegten sich aber die Öl-Futures auf West Texas am 23.04. zwischen 15 Dollar für ein Auslieferungsdatum im Juni und 27 Dollar für ein Auslieferungsdatum im September. Auch pendelten sich sämtliche Terminkontrakte bis Ende 2020 unter 30 Dollar pro Barrel ein. Und das setzt das Schieferöl gehörig unter Druck.

7. Angesichts dieser Gefahr, in der sich die US-Ölindustrie durch die Corona-Epidemie befindet, kam von der US-Administration immer öfter die Ankündigung, sich in den russisch-saudischen Konflikt einschalten zu wollen, um zu einem Förderlimit zurückzukehren. So telefonierte der US-Präsident mit seinem russischen Amtskollegen Putin, der versessen darauf war, wieder in Kontakt mit den USA zu treten und danach gierte, in Sachen Erdöl direkt mit ihnen (und nicht mit Saudi-Arabien) zu kooperieren. Auch mit Saudi-Arabien telefonierte Trump. „Wir hatten ein ausgezeichnetes Gespräch mit Präsident Putin. Und wir hatten ein ausgezeichnetes Gespräch mit dem Kronprinzen.“ (Euronews, 01.04.2020) Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Trump-Administration eine russisch-saudische Einigung über eine Verringerung der Fördermenge um 10 Millionen Barrel Öl pro Tag, also so viel wie noch nie in der Geschichte, betreut hat. Die Organisation Erdöl produzierender Länder (Opec) und ihre Partner erzielten eine Rekord-Einigung zur Senkung der globalen Erdölproduktion um 10%, nachdem die Nachfrage zurückgegangen war (…) Sicher ist bis jetzt, dass die Opec und ihre Partner die Produktion um 9,7 Millionen Barrel pro Tag reduzieren werden. (BBC, 12.04.2020) Dieser Vertrag tritt am 01.05.2020 in Kraft und soll zunächst für zwei Monate gelten. Danach werden die Unterzeichnerstaaten erneut auf die globale Nachfrage blicken, um über die anschließenden Schritte zu entscheiden. Es handelt sich um eine kurzzeitige Vereinbarung für die Dauer von zwei Monaten, in Erwartung einer gestiegenen Nachfrage nach Erdöl Ende Juni. Doch hat die Ölpreiskrise, wie zu beobachten ist, ein derart tiefgreifendes Ausmaß erreicht, dass die Märkte auf diese sehr gewichtige Vereinbarung nicht reagierten und die Preise nur geringfügig anzogen. Mehr noch, der Preis für die Brent-Marke begann erneut unter die 30 Dollar-Marke zu sinken. Das lässt sich damit erklären, dass die globale Nachfrage um dreißig Millionen Barrel pro Tag gefallen war, sodass 10 Millionen Barrel weniger pro Tag den Preis auch nicht retten würden!

Drittens: Der dritte Umstand ist die US-Ölreserve

Es gibt zwei Arten der Ölvorräte in Amerika: Zum einen die strategische Reserve des Staates und zum anderen Vorräte, die Unternehmen anlegen. Dieser Faktor zusammen mit den beiden vorangegangenen Faktoren hat zur Verschärfung der Ölkrise beigetragen. Teils hängt das mit dem Stand der strategischen Reserve zusammen und teils mit der amerikanischen Erdöl-Sorte West Texas. Um das zu verdeutlichen soll Folgendes erläutert werden:

1. Bei der strategischen Ölreserve (des Staates) handelt es sich allgemein um meist unterirdisch angelegte Depots, in denen Ölvorräte für Krisensituationen gespeichert sind. Diese Lagertanks haben zahlreiche Staaten auf Anweisung der Internationalen Energieagentur (IEA) als Folge der Erdölkrise von 1973 eingerichtet. Ferner haben alle führenden Erdöl verbrauchenden Staaten das Öl in einer Menge auf Lager, mit der im Falle eines Versorgungengpasses 30-90 Tage überbrückt werden sollen.

2. 1975 hatte der US-Kongress ein Gesetz verabschiedet, mit dem die US-Bundesregierung dazu verpflichtet wurde, Standorte zur Lagerung ausreichender Mengen Rohöl zu schaffen, um die Nachfrage nach Öl zu decken für den Fall, dass der Staat vom Nachschub abgeschnitten wird. Die amerikanischen Öllager befinden sich an den Küsten der Bundesstaaten Texas und Louisiana. Der Staat ist für deren strenge Bewachung zuständig. Die maximale Menge dieser strategischen Vorräte in den USA lag 2009 bei 727 Millionen Barrel. Zusätzlich zu den Federal Reserves speichern auch Energieunternehmen eigene Reserven, die insgesamt den Mengen der staatlichen Ölreserven entsprechen. Viele dieser oberirdischen Depots der Firmen befinden sich in Texas, dem größten Bundesstaat der USA, in dem seit Jahrzehnten Öl, das sogenannte West Texas Intermediate (WTI), gefördert wird, ebenso im benachbarten Bundesstaat Oklahoma, von wo aus das WTI-Öl ins Inland Amerikas transportiert wird.

3. Mit dem vorhergehenden Ölpreisabsturz (vom 06.03.2020) und dem anschließenden Preiskampf zwischen Saudi-Arabien und Russland sind viele Staaten, allen voran die USA und China, dazu übergegangen, ihre strategische Ölreserve aufzustocken. Damals zeigte sich Trump angesichts des niedrigen Preises noch höchst erfreut und die USA machten sich daran, Saudi-Arabien und anderen Ländern billiges Erdöl abzukaufen. Die Lager in Texas waren daher vor dem „Black Monday“ nahezu randvoll. Das Problem der Lagerkapazitäten eskalierte also und artete in eine Krise aus, sodass der weitere Nachschub an gefördertem Erdöl (sollten sich keine Käufer finden) die Frage der Lagerung verkomplizierte. Teilweise war kein Lagerplatz mehr vorhanden, was bedeutet, dass für die Erdölproduzenten die Möglichkeit der Speicherung des geförderten Öls, insbesondere in Texas, verschlossen war.

4. Die strategischen US-Ölreserven wurden also großzügig aufgestockt. Öltanker fungierten auf See als schwimmende Speicher. Das Problem der Lagerkapazität verschärfte sich und verlagerte sich auch auf die Speicheranlagen in Cushing/Oklahoma (nördlich von Texas), dem Auslieferungszentrum für die WTI-Sorte. Die Mengen des gespeicherten Rohöls in den Vereinigten Staaten, insbesondere in Cushing, dem Auslieferungszentrum für die amerikanische Rohölsorte West Texas in Oklahoma werden angesichts des gedrosselten Betriebes der Raffinerien, die auf den Nachfragerückgang reagierten, immer größer. (Aljazeera.net, 20.04.2020) Die Gesamtkapazität der Rohöllager von Cushing liegt bei 76 Millionen Barrel Öl. In Cushing wird im Normalfall den Anlegern in Futures das physische Öl am Fälligkeitsdatum übergeben, die es dort bis zum Weitertransport in die einzelnen Bundesstaaten über den Landweg zu den normalen, gängigen Preisen lagern können. Doch was passierte, war, dass vor allem in Cushing, im Bundesstaat Oklahoma, wo die amerikanische Referenzölsorte WTI gelagert wird, die Lagerbestände um fast fünf Millionen Barrel anstiegen, sodass man der Maximalkapazität nahekam. Ebenfalls stiegen die amerikanischen Vorräte an Kraftstoff und Raffinerieprodukten, während der Wochenverbrauch auf Jahressicht aufgrund der Quarantänemaßnahmen um mehr als 25% zurückging. (Ra’i al-Yaum, 25.04.2020) Man kann also sagen, dass dieser beispiellose globale Nachfrageeinbruch um geschätzt 30% (also rund 30 Millionen Barrel Öl pro Tag) der Hauptgrund für die aufeinanderfolgenden Preiseinbrüche ist, die wir gerade beobachten. Und da die amerikanisch-saudische Politik, die darin bestand, Russland unter Druck zu setzen, zwar zu normalen Zeiten funktionieren kann, jedoch nicht in Zeiten einer solchen Krise, resultierte daraus eine Verschärfung des Ölpreis-Problems auf äußerst dramatische Weise!

Viertens: Das alles hatte Einfluss auf die US-Rohölsorte West Texas Intermediate. Die Speichertanks in Oklahoma quollen fast über und Speicherplatz gab es nur noch zu horrenden Preisen. Die Anleger mussten daher die Öl-Kontrakte um jeden Preis loswerden, und so wurde der 20.04.2020 für das US-Öl West Texas zum „Schwarzen Montag“, nachdem das Öl zum Negativpreis von minus 37 Dollar pro Barrel notierte und die Anleger und Händler am US-Börsenmarkt massive Verluste machten. Dass es so weit kam und dass sich die Situation verschärfte, liegt also, wie oben dargelegt, an den vollen Rohölspeichern in Cushing. Denn sobald sich die Lagerkapazität dem Maximum nähert, was sehr selten vorkommt, schnellen die Preise für die Lagerung in die Höhe. Und weil aufgrund der brachliegenden Wirtschaft noch immer keine klare, vorhersagbare Perspektive bezüglich des Ölverbrauchs vorlag, sind die Lagerpreise in den Anlagen von Cushing sprunghaft in die Höhe gegangen, was ein weiterer Faktor war, der die Händler der Mai-Kontrakte unter Druck setzte. Und so versuchten sie die Futures, zu welchem Preis auch immer, loszuwerden, sodass die Futures von zehn, dann weiter auf fünf und schließlich - wie in einer tragischen Szene - noch tiefer auf null Dollar absackten, um kurz darauf sogar auf unter null zu fallen und der letzte Mai-Kontrakt zum großen Schock der Anleger und auch der Börsenhändler zu einem Negativpreis von minus 37.6 Dollar notierte. Der 20.04.2020 wurde so zum „Schwarzen Montag“ des West Texas Öls. Alle diese Effekte zusammen haben die akute Krise ausgelöst, im Zuge derer auch das US-Öl West Texas in die Krise stürzte. Trumps Jubel über die Opec Plus-Vereinbarung zwischen Saudi-Arabien und Russland war also umsonst, als er am 12.04.2020 verkündete: „Das wird in den USA Hunderttausende Jobs im Energiebereich schaffen. Ich möchte dem russischen Präsidenten und dem saudischen König Salman bin Abdulaziz danken und gratulieren.“ (CNN, 21.04.2020) Die Freude Trumps war fern jeder Realität. Denn der Preiskollaps von solch einer Dimension hat weltweit große Ängste ausgelöst, nicht nur in den Vereinigten Staaten. Die Wirtschaftskrise verstärkte sich als Folge noch weiter, ganz zu schweigen vom Energiesektor, dessen Blase nun zu platzen droht!

Zur Information: West Texas Intermediate ist eine US-amerikanische Rohölsorte. Sie wird hauptsächlich aus den Ölquellen gefördert, die in den Bundesstaaten Texas, Louisiana und North-Dakota liegen. Von dort wird das Öl über Pipelines nach Cushing, Oklahoma, transportiert, wo die Auslieferung erfolgt. Die Termingeschäfte mit den WTI-Kontrakten werden an der New Yorker Warenterminbörse „Nymex“ gehandelt, die zur CME Group gehört, der größten Terminbörse der Welt mit Sitz in Chicago.

Fünftens: Andererseits haben die USA seit Beginn der Coronakrise auf Hilfs-, Rettungs-, und Konjunkturmaßnahmen gesetzt, die stufenweise verabschiedet wurden. Das erste Paket in Höhe von 8,3 Milliarden Dollar war von eher kleinem Umfang und war als Nothilfe zur Unterstützung der Gesundheitsprogramme gedacht, um die Ausbreitung der Krankheit in den USA in den Griff zu bekommen. Nachdem die Epidemie die Wirtschaft auch abseits des Gesundheitssektors zu treffen begann, senkten die USA den Leitzins auf fast Null und legten ein Konjunkturprogramm in Höhe von 700 Milliarden Dollar auf, um zu versuchen, die Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft abzufedern. (BBC, 16.03.2020) Eine Dollarschwemme überzog die Märkte, um den Liquiditätsengpass zu stoppen. Am 27.03.2020 wurde schließlich ein Konjunkturpaket in Höhe von sagenhaften 2,2 Billionen Dollar geschnürt, das größte Hilfspaket in der Geschichte der USA. Ein erheblicher Teil davon ist für ein Kreditprogramm für insolvenzgefährdete Unternehmen vorgesehen. Die Federal Reserve kündigte Ankäufe von Staatsanleihen im Wert von mindestens 500 Milliarden Dollar und von hypothekenbesicherten Wertpapieren in Höhe von mindestens 200 Milliarden Dollar an. Die US-Notenbank kündigte zudem die Auflegung eines neuen Programms an, mit dem bis zu 300 Milliarden Dollar an neuen Finanzmitteln bereitgestellt werden sollen, um den Kreditfluss an die Arbeitgeber, die Verbraucher und die Firmen zu stützen. (Traders App, 24.03.2020) Die Ausgaben für die medizinische Versorgung der Corona-Infizierten werden vermutlich katastrophale Ausmaße für die USA annehmen und könnten Versicherungsunternehmen, also Riesenkonzerne, in den Ruin treiben. Amerika leidet darüber hinaus unter einem erheblichen Arbeitslosenproblem, da rund 30 Millionen Amerikaner infolge der Coronakrise ihre Jobs verloren haben. Und da die Betriebe, in denen sie angestellt waren, in einer finanziell hoffnungslosen Lage sind, werden die Menschen in diesem Jahr nicht so schnell wieder ihre Arbeit aufnehmen können. Die hohe Arbeitslosenquote wird sich auch im öffentlichen Haushalt wiederspiegeln, da massenhaft Anträge auf staatliche Hilfe gestellt wurden. Mehr als 22 Millionen arbeitslose Amerikaner ließen sich dafür bereits registrieren, und ein Ende ist nicht in Sicht! Wenn das Land weiterhin so gewaltige Rettungspakete schnürt, könnte der US-Währung ein katastrophaler Absturz bevorstehen, an dem sowohl die USA als auch alle Staaten und Völker, die mit dem Dollar arbeiten, großen Schaden nehmen würden.

Sechstens: Diese Krise hat nicht nur die USA erfasst, auch wenn sie am schwersten getroffen wurde, sondern auch andere Staaten der Welt:

1. Was Europa betrifft, so ist die Lage dort nicht besser als in den USA. Denn die Coronavirus-Pandemie stellt, abgesehen von der ökonomischen Dimension, auch eine Bedrohung für die politischen Grundfeste Europas dar. Und was man aufgrund der Corona-Pandemie an Krisen in Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland und Großbritannien sehen kann, spricht eine deutliche Sprache. Frankreichs Präsident Macron warnte auf einer telefonisch geführten Pressekonferenz am 26.03.2020 davor, dass der Ausbruch des Coronavirus die zentralen Säulen der Union bedrohe. „Das Überleben des europäischen Projektes ist in Gefahr (…) Wir riskieren den Tod von Schengen“, so Macron weiter. (Russia Today, 26.04.2020). Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte: „Aus meiner Sicht steht die Europäische Union vor der größten Bewährungsprobe seit ihrer Gründung.(…) Wichtig ist, dass die Union stark aus der Bewährungsprobe hervorgeht.“ (Reuters, 07.04.2020) Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez mahnte am 05.04.2020: „Die gegenwärtigen Umstände sind außergewöhnlich und erfordern feste Positionen. Entweder sind wir den Umständen gewachsen oder wir scheitern als Union.“ (Frankfurter Allgemeine, 05.04.2020) Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union einigten sich am 23.04.2020 während eines Videogipfels auf ein sofortiges Corona-Rettungspaket in Höhe von rund 500 Milliarden Euro. Allerdings verlegten sie die Ausgestaltung der umstrittenen Details zum Finanzierungspaket auf den Sommer. Zur Diskussion standen die Einrichtung eines Hilfsfonds und gemeinschaftliche Corona-Anleihen. Doch Deutschland, die Niederlande, Österreich und Finnland lehnen solche Bonds kategorisch ab und waren gegen die Idee eines solchen Fonds, während die am stärksten betroffenen Länder Frankreich, Italien und Spanien ein solches Projekt befürworteten. Deutschlands Weigerung hat mit dem Ansinnen zu tun, Kredite im eigenen Namen zu vergeben, damit die Staaten zu Schuldnern Deutschlands werden und es somit das Sagen über die übrigen Staaten Europas hat!

2. Was China betrifft, so warnt die Weltbank, dass die Auswirkungen der Weltwirtschaft dazu führen könnten, dass Chinas Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf 2,3% gegenüber 6,1% im Jahr 2019 schrumpfen könnte. (Alhurra.com/usa, 10.04.2020) Die Seite zitiert einen Verantwortlichen der chinesischen Zentralbank, wonach er Peking dazu riet, angesichts der großen Unsicherheiten, mit denen man konfrontiert sei, kein Wachstumsziel festzulegen. Die amtliche Zeitung Economic Daily zitierte Ma Jun, Mitglied des währungspolitischen Ausschusses der Volksbank Chinas mit den Worten: „Es wird schwierig werden, ein Wachstum von 6% zu erreichen.“ Ergänzend mahnte er: „Ein Ziel festzulegen, könnte die offiziellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Auswirkungen des Virus einschränken.“

3. Was Russland betrifft, so ist das Land zu 60% von Öl- und Gasexporten abhängig. Erdöl gilt als Lebensader der russischen Wirtschaft. Daher leidet es besonders stark unter den damit einhergehenden Verlusten. Der russische Rubel hat einen äußerst schlechten Stand. Sein Wert ist soweit abgestürzt, dass der Dollar nach dem Ölpreiskrieg einen Gegenwert von 79 Rubel hatte. Laut Berichten der Nachrichtenagentur Reuters zur Situation in Russland erklärte eine russische Bank: „Das Bruttoinlandsprodukt könnte um 15% schrumpfen, wenn der Ölpreis unter zehn Dollar pro Barrel fällt.“

Siebentens: Der Kapitalismus hat nun noch deutlicher seine Blöße gezeigt. Die Unfähigkeit und die Überforderung des Kapitalismus im Umgang mit der Coronakrise sind offen zutage getreten. Auch ist der Egoismus der einzelnen Staaten untereinander sichtbar geworden, und die schweren Schläge, von denen diese Staaten getroffen wurden, haben sie zu Boden gehen lassen. Übrig bleibt nur die altehrbare, einzig richtige Ideologie, die Ideologie des Islam. Es bietet sich nun die Chance für ein erneutes Aufbrechen der islamischen Umma. Doch die Regime und ihre Verantwortlichen in den Ländern der Muslime stehen einer Bewegung der Umma als Hindernis im Weg. Diese Herrscher beharren auf ihrer Feindseligkeit gegenüber der Umma und auf ihrer Abhängigkeit von den Kolonialstaaten. Die Umma bedarf einer rechtschaffenen, aufrichtigen Führung, die sie gemäß dem noblen Islam führt und leitet. Sie weiß zweifellos, dass Hizb-ut-Tahrir der Lotse ist, der seine Leute nicht belügt. So soll sie sich dieser Partei in Aufrichtigkeit anschließen und mit ihr tätig werden.

﴿وَلَيَنْصُرَنَّ اللَّهُ مَنْ يَنْصُرُهُ إِنَّ اللَّهَ لَقَوِيٌّ عَزِيزٌ

Und Allah wird gewiss diejenigen unterstützen, die Ihm zur Seite stehen. Denn wahrlich, Allah ist stark und mächtig. (22:40)

 

Ehrenwerte Geschwister! Die Geschehnisse deuten darauf hin, dass die weltpolitische Lage nach Corona anders aussehen werden wird als vor Corona. Jene Staaten, die sich selbst als Götter auf Erden erachteten und eine Rechts- und Gesetzesnorm erließen, die dem widerspricht, was Allah (t) Seinem Gesandten (s) offenbart hat – sie, die das Falsche für richtig und das Richtige für falsch erklärten, scheitern nachweislich an einem winzig kleinen, fast unsichtbaren Geschöpf, das sie in die Knie gezwungen hat. Auf der Suche nach einem Heilmittel und einem Stopp der Pandemie irren sie ratlos umher! Sie werden weiter in den Finsternissen ihrer Ungerechtigkeit umherirren, bis sie die folgende Aussage Allahs, des Gewaltigen und Mächtigen, erfassen wird:

﴿وَقُلْ جَاءَ الْحَقُّ وَزَهَقَ الْبَاطِلُ إِنَّ الْبَاطِلَ كَانَ زَهُوقاً

Und sag: Die Wahrheit ist gekommen, und das Falsche geht dahin; wahrlich das Falsche ist dazu bestimmt, dahinzugehen. (17:81)

Die Sonne des Kalifats wird erneut erstrahlen. Sie wird die Erde erleuchten und das Gute über den gesamten Erdball verbreiten.

﴿وَيَقُولُونَ مَتَى هُوَ قُلْ عَسَى أَنْ يَكُونَ قَرِيباً

Und sie sagen: „Wann wird das sein?“ Sprich: „Vielleicht wird es schon bald geschehen. (17:51)

 

06. Ramaḍān al-Mubārak, 1441 n. H.

29. April 2020 n. Chr.