KOMMENTAR

- 21.06.2020

Der Anschlag auf Qasem Soleimani und die dubiose Maske des Iran

Am 03. Januar 2020 haben die Vereinigten Staaten Qasem Soleimani mittels eines Luftschlags getötet. Qasem Soleimani war seit 1998 Generalmajor der Armee der Wächter der Islamischen Revolution, auch iranische Revolutionsgarde genannt, und gleichzeitig Kommandeur der Quds-Einheit. Die Quds-Einheit ist bekannt dafür, dass sie Missionen auf fremdem Boden und insbesondere Geheimoperationen ausführt. Soleimani galt nach dem derzeitigen obersten Führer des Irans, Ayatollah Ali Hosseini Khamenei, als die machtvollste Person des Iran. Der Iran reagierte auf dessen Tötung mit einer militärischen Operation unter dem Namen Operation Märtyrer Soleimani. Die iranische Armee bombardierte den Luftstützpunkt Ayn al-Asad in der Al Anbar Provinz des westlichen Iraks und einen Luftstützpunkt in der Nähe Erbils mit mehreren ballistischen Flugkörpern. Diese Attacken führten jedoch ins Leere und fügten den Vereinigten Staaten von Amerika keine signifikanten Schäden zu. Dieses Ereignis hat die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen, sodass bei vielen die Befürchtung entstand, es könne womöglich sogar ein dritter Weltkrieg ausgelöst werden.

Deswegen ist es wichtig für die Umma, den richtigen Blickwinkel auf dieses Ereignis zu bewahren, um zu vermeiden, in eine von Emotionen getriebene Position zu fallen, die durch einen allgemeinen Kurs in der Gesellschaft vorgegeben wird.

Dieser allgemeine Kurs resultiert nämlich aus einer von Emotionen gelenkten Wahrnehmung, die ständig von diversen Medien beeinflusst wird. Aufschreie und Kriegsankündigungstiraden von mächtigen Führern wie die der Regierung der USA und des Iran befeuern jene Emotionen des Individuums, das nahezu schutzlos subjektiver und teils demagogischer Berichterstattung ausgesetzt ist. Zudem sieht die islamische Umma den Iran als einzigen muslimischen Staat an, der den USA von Angesicht zu Angesicht gegenübertritt, da er (der Iran) mit militärischen Attacken gegen die USA auf die US-Aggression reagiert hat. Dieser allgemeine Kurs gibt dem Iran eine fälschlicherweise stärkere Position als er in der Realität wirklich innehat.

Obwohl nun die Führer beider Seiten eine Deeskalationspolitik zum Ausdruck gebracht haben und auch so zu kommunizieren vermochten, vertraten Teile der Umma die Meinung, dass diese Situation in einem 3. Weltkrieg münden könnte und dass der Iran das einzige muslimische Land sei, das den USA in einem Krieg effektiv gegenüberstünde. Diese Perspektive ist jedoch nichts anderes als ein oberflächliches politisches Verständnis der Umma, das zu einer illusionistischen Wahrnehmung des Weltgeschehens führt.

Der Umma muss also bewusstwerden, dass eine gesunde Einordnung des politischen Geschehens ein essentieller Aspekt der Stabilisierung der Umma selbst ist; nur so kann nämlich nach dem Verlust des Kalifats die Arbeit zur Wiedererrichtung des Kalifats angegangen werden, um somit die Mission unseres Propheten Muḥammad (s), die ihm von Allah (t) auferlegt wurde, fortzuführen.

Um nun die korrekte Sichtweise in Hinblick auf den Anschlag auf Qasem Soleimani zu erlangen, sowie die politische Antwort auf die Frage nach dem Grund für seine Tötung, ist es notwendig, das Geschehnis aus politischer Perspektive zu betrachten. Außerdem spielt der spezifische Zeitpunkt seiner Tötung eine Rolle.

Dieser spezifische politische Standpunkt lässt sich aus der Untersuchung der anhaltenden regierungsfeindlichen Proteste im Iran, Irak und Libanon, der Politik und der Haltung der USA gegenüber diesen Ländern - speziell gegenüber dem Iran - und der Rolle der USA bei der Bildung der irakischen Verfassung bzw. des irakischen Parlaments, der Ziele der Einsetzung einer solchen Regierung und der Rolle von Qasem Soleimani bei den gemeinsamen Operationen mit den USA zum Angriff auf Syrien, Afghanistan und den Irak ableiten.

Erstens gab es im Iran, Irak und Libanon massive regierungsfeindliche Proteste – selbst drei Monate vor der Ermordung von Qasem Soleimani – da die Bevölkerungen dieser Länder mit dem Kurs ihrer Regierungen unzufrieden waren. Die Intensität der Proteste lässt sich an der Ermordung von rund 1500 Demonstranten im Iran, mehr als 500 im Irak und auch im Libanon ablesen. Unter diesen Umständen wurden in Fortsetzung der regulären Sanktionspolitik gegenüber dem Iran Qasem Soleimani und einige andere Militärs des Iran durch einen US-Anschlag getötet. Allein durch die richtige Darstellung dieser Ereignisse, ohne auf Einzelheiten eingehen zu müssen, kann die muslimische Umma Klarheit in dieser Sache erlangen.

Selbst vor dem Anschlag auf Qasem Soleimani vertraten die Machthaber und Berater der US-Regierung drei Ansichten hinsichtlich der Frage, wie man mit dem Iran verfahren würde. Die erste Gruppe war der Auffassung, dass man dem Iran den Krieg erklären müsse. Die zweite Gruppe vertrat die Ansicht, dass man die Regierung austauschen sollte, während die dritte Gruppe die Intensivierung der Sanktionspolitik gegenüber dem Iran anstrebte, sodass die fortwährende Kontrolle über den Iran gesichert bliebe. Die USA entschieden sich demnach für Letzteres. Infolge dieser Entscheidung opferten die USA Qasem Soleimani. Dessen Tod war ausschlaggebend dafür, dass die regierungsfeindlichen Proteste ein Ende nahmen. Insofern ließen sich die gegenwärtigen Regierungen des Iran und des Irak durch die Tötung Qasem Soleimanis stabilisieren. Dieser Anschlag führte nämlich dazu, dass sich der Iran als Retter und Beschützer der Bevölkerung aufspielen konnte, indem er einen Gegenangriff auf die USA inszenierte. Somit befeuerte der Iran auch die Meinung jener, die behaupteten, er sei ein glorreiches, muslimisches Land, welches sich der Tyrannei der Vereinigten Staaten von Amerika entgegenstelle.

Warum aber musste ausgerechnet Qasem Soleimani sein Leben geben? Um diese Frage zu beantworten ist es wichtig zu verstehen welche Rolle Qasem Soleimani in den gemeinsamen Militäroperationen mit den USA in Syrien, Afghanistan und im Irak gespielt hat. Diese Rolle wird nämlich durch Aussagen von Regierungsbeamten und Regenten selbst deutlich. Der frühere Staatspräsident des Iran Mohammad Chātami sagte nämlich einst, dass Saddam Hussein ihr größter Feind sei und dessen Tötung oberste Priorität hätte. Er bat die USA um gemeinsame Militäroperationen gegen Saddam Hussein. Auf ähnliche Weise gingen sie schon vorher mit „Feinden“ in Afghanistan um. Durch diese Aussage gab er beispielsweise zu, dass der Iran auch in Afghanistan militärisch tätig war. Darüber hinaus hat ein Experte der CIA offenbart, dass der Iran an der Operation Enduring Freedom im „Krieg gegen den Terrorismus“ im Jahr 2001 in Afghanistan beteiligt war. Solche Aussagen bekräftigen also, dass der Iran an Auslandsoperationen der USA beteiligt war. Genauso war und ist dies in Syrien der Fall. Der Iran unterstützt die US-Syrienpolitik um den derzeitigen Terroristen und Tyrannen Baschar al-Assad zu stabilisieren. Diese Tatsachen und viele weitere Beweise belegen, dass der Iran des Öfteren mit den USA kooperierte, um diese bei Angriffen in Syrien, Afghanistan und im Irak zu unterstützen. In all diesen Fällen spielte der Iran eine Schlüsselrolle. Niemand geringeres als Qasem Soleimani war maßgeblich an solchen Operationen, die der Unterstützung der USA galten, beteiligt. Für diese Tatsache gibt es zu Genüge Beweise, wie seine unleugbare Position als Kommandeur der US-Offensive auf den IS im nördlichen Teil des Irak.

Wie aber zuvor schon beschrieben, besteht das derzeitige Ziel der USA darin, den Iran als solches zu erhalten, um maximalen Profit aus dieser Region der Welt zu schlagen. Um dieses Ziel zu erreichen müssen die Vereinigten Staaten das politische Geschehen so geschickt einfädeln, dass die iranische Regierung am Ende als großer Gewinner und zugleich mächtiger Gegner der USA auftritt, um somit die regierungsfeindlichen Gesinnungen einzudämmen. Teil dieses Plans war die Tötung Qasem Soleimanis. Da die Aktivitäten Soleimanis im Irak zum Teil über die Toleranzgrenze der USA hinausgingen, kam ihnen seine Tötung gerade gelegen. Gleichzeitig würde man die iranische Bevölkerung gegenüber der vermeintlich nicht einzuschüchternden Regierung des Iran positivstimmen. Auf diese Weise stellten die USA sicher, dass sich der Iran weiterhin unter ihrer Kontrolle befindet.

Auf ähnliche Weise kam die Dominanz der USA gegenüber dem Irak von Beginn an zustande. Paul Bremer, ein US-Diplomat, war es, der die Verfassung des Iraks formulierte und das irakische Parlament zusammenstellte, nachdem Saddam Hussein im Jahr 2003 gestürzt wurde. Doch entschied sich das irakische Parlament nun für den Abzug der US-Truppen und verabschiedete vor diesem Hintergrund eine Resolution. Der Staatssekretär der USA, Mike Pompeo, lehnte diese Anfrage des Iraks ab und kündigte an, dass die USA ihre militärische Mission im Irak fortsetzen werde.

Es ist also mehr als nur offensichtlich, dass die USA gemeinsame militärische Operationen mit dem Iran ausführen, sofern die Zusammenarbeit mit dem Iran gegen andere muslimische Länder notwendig wird, und, dass die USA ihre Sanktionen gegenüber dem Iran in solchen Situationen vorübergehend aufheben. Vor allem wurde das in den gemeinsamen Operationen der beider Länder in Syrien klar. Folglich ist klar, dass der Iran ein positives Verhältnis zu den USA hegt und pflegt.

Sollte allerdings das Bedürfnis bestehen, den Iran wieder einzuschränken, bedienen sich die USA ihrer altbewährten Methode der Sanktionierung. Die USA halten sich diese Option stets für den Fall frei, dass der Iran außerhalb der Grenzen agiert, welche ihm von den USA auferlegt wurden. Dabei setzen die USA je nach Situation auf umfassendere oder weniger umfassende Sanktionen, um ihr Verhältnis zum Iran nach Bedarf zu lockern oder den Iran gegebenenfalls unter Druck zu setzen. Henry Kissinger sagte einst, dass es für die Vereinigten Staaten von Amerika weder langfristige Feinde noch langfristige Freunde gibt. Diese Aussage bringt das Verhältnis der USA zum Iran auf den Punkt.

Darüber hinaus sollte man wissen, wie sich der Iran verhält und welche Sichtweise der Iran hat, insbesondere deshalb, weil sich die iranische Regierung wegen einer Abmachung zwischen Ayatollah Khamenei und den USA durchsetzen konnte. Außerdem von Wichtigkeit ist, dass der Iran seine schiitische Identität zugunsten der USA bis heute zu wahren versucht. Das Hauptziel des Iran besteht darin, seinen Einfluss im Mittleren Osten zu festigen. Zu diesem Zweck unterstützt er bewaffnete Gruppen wie die Huthi-Miliz im Jemen und die Hisbollah im Libanon mit Rüstungsgütern. Auch die Regierung Baschar al-Assads in Syrien beliefert er mit solchen. Das Ziel des Iran bestand nie in der Errichtung eines aufrichtigen Islamischen Staates, sondern vielmehr darin, seinen Einfluss im Mittleren Osten durch Ausbeutung des Schiitentums zu stärken und zu festigen. Folglich wird ein Staat wie der Iran, dessen Sichtweise äußerst beschränkt ist, niemals die Anforderungen erfüllen, die der Islam an einen Islamischen Staat hat. Die Umma muss daher verstehen, dass sich der Iran niemals zum Ziel gesetzt hat das durchzusetzen, was der Islam verlangt!

Weiterhin muss die Umma verstehen, dass immer dann, wenn eine Gruppe oder eine politische Partei in einer bestimmten Region ein Abkommen mit einer Supermacht eingeht, um die Regentschaft über eine Region in die Hand zu nehmen, diese niemals auf demselben Podest der Macht stehen wird wie die Supermacht selbst. Stattdessen wird eine Regierung, die unter solchen Voraussetzungen gebildet wurde, für immer der Dominanz durch ebenjene Supermacht ausgeliefert sein. Sie wird den Anweisungen der Supermacht stets Folge leisten. Sollte eine solche Regierung außerhalb des von der Supermacht vorgegebenen Rahmen agieren, so wird sie von der Supermacht fallengelassen werden, unabhängig davon, wie unterwürfig und gehorsam sie bis dato war. Was nun den Fall von Qasem Soleimani anlangt, so ist es eine Schande, dass die derzeitigen Machthaber in den muslimischen Ländern keinerlei Lehre aus solchen Vorfällen ziehen. Das Ende derjenigen, die sich einer tyrannischen Großmacht wie den USA unterworfen haben, ist nämlich stets dasselbe: das Verderben im Diesseits und Jenseits.

Ebenso muss die Umma den offenkundigen Widerspruch zwischen den Handlungen und der Rhetorik der Führer solcher Staaten verstehen. Die Umma glaubt nämlich daran, dass Staaten wie der Iran zurzeit dazu in der Lage wären, mit den USA zu konkurrieren. Als Beleg für diese naive Behauptung wird das Verhalten des Iran herangezogen. So nehme sich der Iran das Recht heraus, den USA offenkundig den Tod zu wünschen und diese reaktionär zu attackieren. Diese Methoden sind jedoch nichts Geringeres als billige – aber kostenaufwendige – Ablenkungsversuche, um die Bevölkerung von ihrer Unzufriedenheit abzulenken. Solche Aktionen wie der angebliche militärische Schlag gegen die US-Streitkräfte im Irak richten den USA jedoch keinen signifikanten Schaden zu. Der Iran griff erst nach einer dreitägigen Trauer an, nachdem das gesamte Personal der USA von den potenziellen Einschlagsorten der Raketen abgezogen wurde. Dennoch wird behauptet, dass der Iran den USA Schaden zufügt. Eine solche Behauptung ist an Lächerlichkeit kaum zu übertreffen. Gleichzeitig hält der Iran der Welt vor, dass er keinen Krieg mit den USA möchte. Daher muss die islamische Umma verstehen, dass er Iran nicht beabsichtigt den Islam emporzuheben. Vielmehr strebt der Iran weltliche Ziele wie Macht an. Selbst die Regierungsstruktur des Iran ist nichts anderes als ein Konstrukt der USA. Sobald der Iran eigene Interessen und Ziele zu verfolgen versucht, wird er von den USA mit Sanktionen abgestraft und – sollte dies notwendig sein – militärisch zurechtgewiesen. Dies ist die wahre Realität des Iran, welche von seiner dubiosen Maske verschleiert wird.

Das Gesagte lässt sich nicht nur auf den Iran anwenden. Vielmehr trifft es auf alle muslimischen Länder zu. Sie alle werden von Sklaven regiert, die in den Diensten des Westens stehen. Zwar handeln sie nicht alle wie der Iran, doch stets im Rahmen der Möglichkeiten ihres regionalen Einflusses. So unterscheiden sich die Methoden Saudi-Arabiens von den Methoden des Irans und der Türkei, doch finden ihre Aktivitäten stets im Rahmen der Möglichkeiten ihres regionalen Einflusses statt.

Sie wenden einige wenige Aspekte des islamischen Systems an, richten rhetorische Reden gegen ihre eigentlichen Herren, führen vergebliche militärische Schläge ohne jeglichen Schaden oder Einfluss gegen sie aus und lenken so die Emotionen und die Stimmung in der islamischen Umma zu ihren Gunsten. Dies ist die traurige Realität solcher Ereignisse.

Deswegen muss sich die Umma darauf besinnen, diesen Agenten des Westens mit ihren dubiosen Masken und Machenschaften nicht zu verfallen. Sie muss ihre Gedanken, ihre Emotionen, ihre Stimmung, ihre Hoffnung und ihre Ambitionen auf die Wiedererrichtung des Kalifats gemäß dem Plan des Prophetentums ausrichten. Nur so können die Probleme der Menschheit gelöst werden. Einzig das Kalifat vermag der Menschheit den Frieden zu bringen, den sie sich sehnlichst wünscht. Nur durch die Wiedererrichtung des Kalifats können wir der Mission unseres Propheten (s) gerecht werden und das Wohlgefallen unseres Herrn, des Herrn der Welten, erlangen. Es gibt nichts und niemanden, der Ihm ebenbürtig ist. Nichts, was Er nicht weiß. Alles kommt von Ihm und alles kehrt zu Ihm zurück.

Allah (t) sagt:

﴿وَلَن يَجْعَلَ اللَّهُ لِلْكَافِرِينَ عَلَى الْمُؤْمِنِينَ سَبِيلًا

Und Allah wird niemals den Ungläubigen die Oberhand über die Gläubigen geben. (4:141)

(H. b. M.)