KOMMENTAR

- 01.07.2020

Die Opfer der Aufklärung

Die Tötung George Floyds in den USA während seiner Festnahme löste weltweite Proteste gegen Rassismus aus. Ein Vorfall wie dieser ist eigentlich nichts Neues in den USA, wo es fast schon alltäglich ist, dass Afroamerikaner von Polizisten einfach erschossen, erwürgt oder sonst wie drangsaliert werden und die weißen Täter ungestraft davonkommen. Es ist statistisch belegt, dass überproportional viele Afroamerikaner durch Polizeigewalt sterben, von denen nur die wenigsten Fälle so bekannt werden wie der Floyds. Ähnlich wie Floyd starb auch Eric Garner durch den Würgegriff eines Polizisten. Auch von Garners Ermordung kursierte ein Handyvideo, auf dem zu hören war, wie er verzweifelt sagt, dass er nicht mehr atmen könne, während der Polizist auf seinem Hals kniet. Bereits harmlose Fahrzeugkontrollen können in den USA für Afroamerikaner tödlich enden, wie im ebenfalls bekannt gewordenen Fall Falcon Heights, der von der Polizei wegen eines defekten Hecklichts angehalten und erschossen wurde. Floyd ist letztlich nur einer von vielen Afroamerikanern, die Opfer rassistischer Polizeigewalt wurden.

Die Ermordung Floyds hat jedoch größere Dimensionen angenommen als rassistische Vorfälle der Vergangenheit. Die Proteste waren früher lokal begrenzt, wie im bekannten Fall des Afroamerikaners Rodney King. Im Jahr 1991 schlugen vier Polizisten mit Schlagstöcken immer wieder auf ihn ein, als er längst wehrlos am Boden lag. Trotz eines existierenden Videos, das im Fernsehen öffentlich zu sehen war, wurden die vier Täter im darauffolgenden Jahr freigesprochen – die Jury bestand ausschließlich aus Weißen. Daraufhin kam es 1992 zu Unruhen, die bürgerkriegsähnliche Ausmaße annahmen. Diese waren jedoch lokal auf Los Angeles, den Ort des Verbrechens, begrenzt. Im Vergleich dazu gehen die Menschen für George Floyd weltweit gegen Rassismus auf die Straßen und sie protestieren nicht nur gegen den Rassismus in den USA. Die Rassismusdebatte wird derzeit in zahlreichen Ländern geführt. Doch gibt dies auch Anlass zur Hoffnung, dass ein Umdenken stattfindet?

Wer den Rassismus bekämpfen will, ob er nun zu dessen Opfern zählt oder aber zu den Privilegierten gehört, die den Rassismus verurteilen, ohne ihn je selbst erfahren zu haben, muss sich mit dem Konzept auseinandersetzen, das dahintersteckt. Es muss um die Frage gehen, warum die Menschen so hartnäckig an einem rassistischen Menschenbild festhalten, obwohl sowohl der gesunde Menschenverstand als auch die Wissenschaft ganz klar sagen, dass es keine unterschiedlichen Menschenrassen gibt und es falsch ist, von Rassen zu sprechen. Niemand glaubt mehr, dass die Erde eine Scheibe ist und die Sonne sich um die Erde dreht, aber an der Einteilung in Menschenrassen will man festhalten. Man muss sich mit der Entstehung des Rassenkonzepts und dessen Wurzeln auseinandersetzen, um zu verstehen, wie es im Jahr 2020 sein kann, dass George Floyd in einem demokratischen Land mitten in der Öffentlichkeit und vor Zeugen, die das Geschehen sogar filmen, von einem Polizisten ermordet wird, ohne dass jemand eingreifen und den Mord verhindern kann.

Rassismus ist ein Erbe der Aufklärung, die festlegte, dass nur der Weiße – im engeren Sinne der Nordeuropäer – vernunftfähig sei. Der Rassismus, wie wir ihn heute kennen, nahm in der Philosophie der Aufklärung seine Gestalt an. Die „heiligen Schriften“ der Aufklärungsphilosophen sind voll von pseudowissenschaftlichen Ideen von den Menschenrassen, mit denen sie das moderne rassistische Weltbild schufen. Kein Geringerer als Immanuel Kant legte den Grundstein und sorgte für die Verbreitung des Rassenkonzepts, das aus dem Bewusstsein des aufgeklärten Menschen nicht mehr wegzudenken ist. Nicht etwa ein „Intelligenztest“ entschied darüber, ob ein Mensch vernunftbegabt ist oder nicht, sondern äußerliche körperliche Merkmale. Eine dunkle Hautfarbe und Vernunft schließen sich auf der Grundlage von Kants Rassenkonzept kategorisch aus. Die Aufklärer waren der festen Überzeugung, dass nur der weiße Europäer ein vollkommener, vollwertiger Mensch sei. Alle anderen nichteuropäischen Völker wurden zu minderwertigen Menschenrassen erklärt. An dieser Vorstellung hat sich bis heute kaum etwas geändert. Viele sehen die Schwarzen noch immer mit den Augen Kants und halten sie für eine unterentwickelte Rasse.

Der Alltagsrassismus ist noch das geringste Problem, das das Rassenkonzept der Aufklärung hervorbrachte. Schlimmer als die individuelle Rassismuserfahrung ist nämlich die systematische Unterwerfung und Ausbeutung anderer Völker durch die Kolonialmächte, die das Rassenkonzept der Aufklärung als Instrument und Rechtfertigung nutzten. Der gesamte Kolonialismus baut auf diesem Rassenkonzept auf. Die Leistung der Aufklärer bestand nicht in der Emanzipation des Menschen, sondern in dessen Versklavung. Die meisten Menschen wurden dank der Aufklärung in die Knechtschaft getrieben, aus ihrem Land gejagt oder verschleppt und ihrer Schätze beraubt. Der Erfolg des Kolonialismus baut vor allem auf dem Rassenkonzept der Aufklärungsphilosophie auf.

Noch immer ehrt man die „Helden“ der blutigen Kolonialgeschichte Europas. Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Kolonialismus wurde aber inzwischen von vielen realisiert. In den USA, Großbritannien, Belgien oder den Niederlanden wurden im Rahmen der Black-Lives-Matter-Demonstrationen koloniale Denkmäler gestürzt, geköpft oder mit Farbe beschmiert. In Bristol beispielsweise landete die Statue des Sklavenhändlers Edward Colson im Hafenbecken und in London schrieb ein Aktivist auf das Denkmal von Winston Churchill „war ein Rassist“. „Ich hasse Menschen mit Schlitzaugen und Zöpfen“, hatte Churchill einmal gesagt, die er weder sehen noch riechen könne. Statuen von König Leopold II. wurden in Belgien mit Farbe übergossen oder umgestoßen. Auf die Statue des niederländischen Volkshelden Piet Hein, der ein Admiral der Niederländischen Westindien-Kompanie war, sprühten Aktivisten „Mörder“ und „Dieb“. In Boston wurde sogar ein Denkmal von Christopher Kolumbus geköpft. Die USA sind voll von Denkmälern weißer Sklavenhalter, vor allem in den Südstaaten, die in den Fokus der Black-Lives-Matter-Bewegung gerückt sind. Den Menschen scheint erstmals bewusst geworden zu sein, dass ein weltweiter Rassistenkult und eine Verehrung ungeniert betrieben werden, die in den Denkmälern zum Ausdruck kommen.

Die Erkenntnis, dass Kolonialismus und Rassismus miteinander zusammenhängen, führt aber noch nicht zur Lösung des Rassismusproblems von heute. Der entscheidende Aspekt ist der Zusammenhang zwischen Aufklärung und Rassismus. Erst die Aufklärung schuf ein Überlegenheitsgefühl des Weißen gegenüber nichteuropäischen Völkern, das in eine blutige koloniale Bevormundung mündete. Die Aufklärung gab der Ausbeutung, Versklavung und Ausrottung nichteuropäischer Völker eine Rechtfertigung und zementierte das rassistische Denken. Kant beispielsweise behauptete: „Die Einwohner des gemäßigten Erdstriches, vornehmlich des mittleren Theiles desselben ist schöner an Körper, arbeitsamer, scherzhafter, gemäßigter in seinen Leidenschaften, verständiger als irgend eine andere Gattung der Menschen in der Welt. Dazu haben diese Völker zu allen Zeiten die anderen belehrt und durch die Waffen bezwungen.“ Der europäische Fortschritt wird der Überlegenheit des Weißen zugeschrieben, obwohl er in Wahrheit auf den Raub der Reichtümer anderer Kontinente und die Sklavenarbeit zurückzuführen ist. Im Rassenkonzept der Aufklärung gilt der Schwarze als minderwertige Menschenrasse, so dass es nur naheliegend ist, ihn wie ein wildes Tier einzufangen, nach Europa oder Amerika zu verschiffen und wie Vieh zu halten und arbeiten zu lassen. So schrieb der französische Aufklärungsphilosoph Voltaire: „Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedene Menschenart. Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach anders geartet ist als die unsrige, sie ist ihr weit unterlegen.“ Wer nach den Ursachen für Rassismus sucht, findet sie in der Aufklärung. Doch man würde es nicht wagen, das Bild der Aufklärer zu beschädigen und sie als Rassisten zu bezeichnen. Ihre Einstellung wird oftmals damit in Schutz genommen, dass sie in einer Zeit lebten, in der Sklaverei normal war. Kant und Voltaire hätten wahrscheinlich noch nachgetreten, wenn George Floyd vor ihnen gelegen und nach Luft gerungen hätte.

In der Geschichte der Menschheit hat es der Islam als einzige Ideologie geschafft, den Rassismus erfolgreich zu bekämpfen. Er bekämpfte und beendete das Stammestum auf der Arabischen Halbinsel, das permanent für Konflikte und Kriege unter den einzelnen Stämmen sorgte, und stellte unter den Menschen eine gesunde und beständige Verbindung her, die der Herkunft und Volkszugehörigkeit keinerlei Bedeutung beimisst. Die Hautfarbe und andere äußerliche Merkmale spielen keine Rolle; eine Hierarchie der Menschen auf Basis ihrer Einteilung in Völker existiert nicht. Im Koran sagt der Erhabene:

﴿يَا أَيُّهَا النَّاسُ إِنَّا خَلَقْنَاكُمْ مِنْ ذَكَرٍ وَأُنْثَى وَجَعَلْنَاكُمْ شُعُوباً وَقَبَائِلَ لِتَعَارَفُوا إِنَّ أَكْرَمَكُمْ عِنْدَ اللَّهِ أَتْقَاكُمْ إِنَّ اللَّهَ عَلِيمٌ خَبِير

Ihr Menschen! Wir haben euch aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr euch kennenlernen möget. Wahrlich, der Edelste vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch. Wahrlich, Allah ist Allwissend, Allkundig. (49:13)

Und vom Propheten Muhammad (s) ist überliefert:

«لا فضلَ لِعربِيٍّ على عجَمِيٍّ ولا لِعجَمِيٍّ على عربيٍّ ولا لأحمرَ على أسْودَ ولا لأسودَ على أحمرَ إلَّا بالتَّقوَى إنَّ أكرَمكمْ عند اللهِ أتْقاكُمْ»

[…] Es gibt keinen Vorzug eines Arabers gegenüber einem Nichtaraber und auch nicht eines Nichtarabers gegenüber einem Araber und auch nicht eines Roten gegenüber einem Schwarzen oder eines Schwarzen gegenüber einem Roten außer durch Gottesfurcht. Der Ehrenvollste bei Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch. (Bei al-Baihaqī und Abū Nuʿaim tradiert) Der Rassismus gegen Schwarze war in der Zeit der ğāhilīya (vorislamische Zeit der Unwissenheit) normal, so dass für die Menschen die Idee vollkommen neu war, dass ein Schwarzer auf gleicher Stufe steht mit allen anderen Menschen und sie ihm sogar zu Gehorsam verpflichtet sind, wenn seine Stellung dies erfordert. So sagte der Prophet (s):

«اسْمَعُوا وأَطِيعُوا وإنِ اسْتُعْمِلَ حَبَشِيٌّ كَأنَّ رَأْسَهُ زَبِيبَةٌ»

Hört und gehorcht, selbst wenn euch ein Abessinier vorgesetzt wird, dessen Kopf einer Rosine gleicht! Der Islam akzeptiert keine Unterscheidung der Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale, Herkunft, Sprache oder Ähnlichem. Er verbindet die Menschen als gleichwertige Geschöpfe miteinander, ohne dass Herkunft oder körperliche Unterschiede über den Wert des Menschen entscheiden. Denn in ihrer Natur sind alle Menschen gleich. Doch der Islam geht darüber hinaus gegen jede Form von Rassismus vor und weist explizit darauf hin, dass Rassismus und Islam einander ausschließen. Jede Form des Stolzes auf die Zugehörigkeit zu einem Volk oder einer Nation und ein darauf aufbauender Rassismus und ein daraus resultierendes Überlegenheitsgefühl anderen Menschen gegenüber erhält im Islam eine Abfuhr und wird als unislamisch verurteilt.

Die islamische Bedeutung einer Person ist nicht an ihre Hautfarbe gebunden. Der bekannteste Schwarze in der islamischen Geschichte ist der Prophetengefährte Bilāl ibn Rabāḥ (r). Doch es ist nicht seine Hautfarbe, die dafür den Ausschlag gab, sondern seine Standhaftigkeit, als sein Besitzer Umaiya ibn Ḫalaf ihn durch Folter dazu bewegen wollte, dem Islam abzuschwören. Obwohl Bilāl (r) - bevor er freigekauft wurde – als Sklave Umaiyas dessen Willkür ausgeliefert war, hielt er an dem Bekenntnis fest, dass es nur einen Gott gebe, und lehnte damit die Vielgötterei seines Besitzers ab. Dieser hätte ihn dafür jederzeit töten können. Bilāl (r) war zudem der erste Gebetsrufer in der islamischen Geschichte. Dass die Muslime ihn heute noch kennen und ihm als Vorbild nacheifern, hat nicht mit seiner Hautfarbe zu tun, sondern mit seinem Verhalten und seiner islamischen Persönlichkeit. Seine Hautfarbe ist weder ein Privileg noch ein Nachteil.

(U.A.)