KOMMENTAR

- 04.07.2020

Das Corona-Virus als Spielverderber

Die Hoffnung war groß, dass die Menschen in der Corona-Krise durch den Lockdown, d. h. durch den Wegfall aller Ablenkungen, zum Nachdenken kommen. Über Wochen blieben sie auf der ganzen Welt zuhause. Alle Orte, an denen sie ihre Freizeit unter Normalbedingungen verbracht hätten, ob Kino, Restaurant, Café, Kneipe, Fußballstadion oder Ähnliches, waren nicht mehr verfügbar. Niemand konnte mehr abends feiern gehen und sich betrinken. Das Corona-Virus zwang die Menschen sozusagen dazu, nüchtern und bei klarem Verstand zu bleiben – eine seltene Chance also, die Kapazitäten des Verstandes zu nutzen und darüber nachzudenken, was der Mensch ist und was von ihm bleibt, wenn Spaß und Vergnügen wegfallen und das daran geknüpfte flüchtige Glücksgefühl ausbleibt.

Das kapitalistische System macht es dem Menschen besonders schwer bzw. es hält ihn bewusst davon ab, über grundlegende Fragen der menschlichen Existenz nachzudenken, damit er nicht auf Antworten stößt, die sein Verhalten ändern und ihn von der kapitalistischen Lebensweise abwenden könnten. Selbst auf die besondere Situation der Corona-Pandemie, die dem Menschen seine Begrenztheit, Machtlosigkeit und Bedürftigkeit demonstriert und ihm die Mangelhaftigkeit des Kapitalismus sichtbar vor die Füße wirft, so dass er darüber stolpern muss, reagiert er mit kapitalistischer, nutzenorientierter Eindimensionalität. So war und ist in Corona-Zeiten eine seiner großen Sorgen, ob der Sommerurlaub 2020 noch möglich ist. Diese Frage beschäftigte viele schon zu Beginn der Pandemie, während man in den Nachrichten verfolgen konnte, wie in Italien Militärfahrzeuge reihenweise Särge abtransportierten und in New York Massengräber für die Corona-Toten ausgehoben wurden. Millionen von Menschen sind aufgrund der Corona-Krise weltweit ohne Arbeit und müssen täglich um das nackte Überleben kämpfen, und in Deutschland und anderen europäischen Ländern trauert man dem Fußball nach und dreht wegen leerer Stadien durch, statt das wahre Ausmaß der Corona-Pandemie zu realisieren. Nicht das Virus wird als eine Angelegenheit von Leben und Tod gesehen, sondern die Frage nach Freiheit und Vergnügen.

Diese Einstellung geht darauf zurück, dass das Konzept von Glück im Kapitalismus in der Verwirklichung materieller und körperlicher Genüsse besteht, wozu beispielsweise der Urlaub genau wie das Feiern in Clubs oder aber der Besuch im Fußballstadion gehören – mit Alkohol als Verstärker des Vergnügens. Ein radikaler Lockdown bedeutet zwangsläufig den Verlust des Glücks, sofern der Mensch dieses Glücksverständnis verinnerlicht hat. Die Virologen und Epidemiologen sind daher keine Experten, die vor einer realen Gefahr warnen, sondern Spielverderber, die das Glück der Menschen untergraben. Der Widerstand gegen sie liegt im kapitalistischen Verständnis von Glück begründet, das während eines Lockdowns nicht verwirklicht werden kann. Das Unglücklichsein ist im Grunde die Realität eines Menschen, der die kapitalistische Ideologie verinnerlicht hat. Ihm ist dieser Zustand jedoch nicht bewusst, solange der Kapitalismus durch materielle Reize davon ablenken und Glück vorgaukeln kann. Das Corona-Virus hat ihm allerdings diese Möglichkeit der Ablenkung der Menschen genommen oder zumindest stark eingeschränkt und den unglücklichen Menschen durchbrechen lassen, für den das dauerhafte Glück unerreichbar bleibt, solange er unreflektiert an dieser Ideologie festhält. Das materielle Glück ist trügerisch und hängt von äußeren Faktoren ab. Es muss durch ständige Stimulation aufrechterhalten werden. Die Corona-Pandemie als äußerer Faktor führte dazu, dass die Welt in den Ruhemodus gehen musste und die Gelegenheiten zur Erlangung des materiellen Glücks nicht mehr bestanden. Alle Menschen saßen zuhause fest, und in der Isolation wurde ihnen ihr „Unglück“ erst richtig bewusst. Der Unmut, der sich angesichts des ausbleibenden Glücks aufbaute, war so groß, dass Regierungen trotz unveränderter Corona-Gefahr und eines fehlenden Impfstoffes Zugeständnisse machten und viele Lockerungen vornahmen. Denn im kapitalistischen System kann ein Volk, das keinem Vergnügen mehr nachgehen und sich nicht mehr bespaßen lassen kann, gefährlicher sein als ein hungriges Volk. Die zahlreichen Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen sind Ausdruck dessen.

Das Problem, dass sich der Mensch seines unglücklichen Daseins bewusst wird, weil ihm die Ablenkung fehlt, äußert sich zudem in der steigenden Zahl depressiver Menschen. Eine Studie der Privaten Fachhochschule Göttingen, an der ein internationales Forscherteam beteiligt war, kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Depressiven in der Pandemie zugenommen hat. Das Auftreten depressiver Symptome lag im Test fünfmal höher als bei vergleichbaren Tests vor der Pandemie. Die Menschen fühlen sich zunehmend unglücklich während der Pandemie, was eine logische Konsequenz der kapitalistischen Ideologie ist, die nur das materielle Glück kennt, das dem Menschen im Zustand des Lockdowns verwehrt bleibt.

Der Islam hat eine völlig andere Sicht auf das Glück. Die materielle Befriedigung und die Verwirklichung körperlicher Genüsse stehen mit dem islamischen Konzept von Glück in keinem Zusammenhang. Die islamische Überzeugung führt sogar dazu, dass der Mensch trotz des Verzichts auf materielle Befriedigung glücklich ist. Ein Muslim verzichtet beispielsweise auf Zinsen und ist gerade dadurch glücklich, weil er ein islamisches Gebot eingehalten hat, das ihm das Wohlgefallen Allahs (t) sichert. Aus genau diesem Grund lehnt z. B. eine muslimische Frau eine Arbeitsstelle ab, die an die Bedingung geknüpft ist, dass sie das Kopftuch abnimmt. Was für den Außenbetrachter nach Pech aussieht, wertet die Muslima als Glück, da sie standhaft geblieben ist und das Wohlgefallen Allahs (t) der Arbeit vorgezogen hat. Das Glück im islamischen Sinne hat aber nichts mit dem Gefühl zu tun, das vielleicht der Kauf eines neuen Autos auslöst. Die kurzfristige Freude, die ein solcher Kauf hervorruft, wird von einem Muslim nicht als Glück verstanden und empfunden. Vielmehr geht es um die Zufriedenheit, so gehandelt zu haben, wie Allah (t) es von einem erwartet. Die Beständigkeit dieses Glücks besteht darin, dass eine Handlung Jahre zurückliegen kann und die Zufriedenheit weiter anhält, weil das Wohlgefallen Allahs (t) darüber fortbesteht. Das alles bedeutet jedoch nicht, dass die Corona-Pandemie und der Lockdown Muslimen nichts ausmacht, keine Belastung bedeutet und ihnen keine Sorgen bereitet. Sie sind genauso betroffen wie alle anderen Menschen und auch sie hoffen auf ein Ende der Pandemie. Aber für sie hängt das Glück nicht von der Pandemie und der Überwindung dieser ab. Im Vergleich dazu steht und fällt das materielle Glück der Nichtmuslime mit den Lockerungen, die eine ernste Gefahr für die Gesundheit darstellen. Deshalb sind die Menschen im Kapitalismus während der Corona-Pandemie hin- und hergerissen zwischen Glück und Gesundheit und sie müssen sich für eins davon entscheiden. Einige „Glückliche“ konnten sich auch schon wieder ins Flugzeug Richtung Mallorca setzen, um ihr materielles Glück zu finden.

(U.A.)