KOMMENTAR

- 10.07.2020

Das Verstehen des politischen Bewusstseins – Eine Angelegenheit von Leben und Tod

 

Zwei kürzlich stattgefundene Ereignisse haben die Wichtigkeit eines richtigen politischen Bewusstseins eindrucksvoll zur Schau gestellt und aufgezeigt, welche Gefahren ein falsches Verstehen politischer Angelegenheiten birgt.

Über das Wochenende vom 29. Februar zum 1. März 2020 wurde nach fast zwei Jahrzehnten des Kriegs ein Friedensabkommen zwischen den USA und den Taliban unterzeichnet. Nach ganzen 17 Monaten an Verhandlungen zwischen Repräsentanten der Trump-Regierung und den Taliban kam es letztlich zu einer Einigung.

Unweit von Afghanistan kommt es in Syrien zum finalen Kampf um das letzte umkämpfte Gebiet - Idlib.

Die Truppen Baschar al-Assads werden von iranischen Milizen und russischen Akteuren unterstützt. Diese umgehen die sogenannten Eskalationszonen, in denen die Türkei Beobachtungsposten unterhält.

Die Einwohner Idlibs, die zu einem Großteil aus Flüchtlingen aus anderen Landesteilen bestehen, da ihre Städte von den Regierungstruppen in Schutt und Asche gelegt wurden, waren nun gezwungen zur türkischen Grenze zu flüchten.

Verlieren obwohl man gewinnt

In Afghanistan haben sich zuletzt auch die USA in den Friedhof der Supermächte eingereiht. Sie wurden vom afghanischen Volk trotz ihrer deutlich überlegenen militärischen Macht gedemütigt. Drei US-Präsidenten sind daran gescheitert einen Sieg in dem Land zu erringen oder auch nur die ineffektive Marionettenregierung und Sicherheitskräfte, denen jegliche Kontrolle jenseits der Hauptstadt fehlt, zu stärken.

Der Grund für den Sinneswandel der Amerikaner und ihr Bestreben, neuerdings auf Gespräche zu setzen, liegt schlicht an ihrem Versagen, den Feind im Kampf zu besiegen und eine ihnen loyale Regierung mit eigenen Sicherheitskräften zu installieren. Der lange Krieg hat natürlich auch immense Kosten für die Amerikaner verursacht. Als die Verantwortlichen der USA sich eingestanden haben keinen Sieg erringen zu können, wurde die militärische Strategie durch eine politische Strategie ersetzt, die besagt mit dem Feind zu verhandeln und den Konflikt zu beenden, wobei die strategischen Ziele der USA jedoch gewahrt werden.

Für die Taliban gibt es schlicht und ergreifend keinen Grund sich auf Gespräche mit den Amerikanern einzulassen, da sie die Oberhand haben. Sie würden die USA, wenn alles weiterhin wie bisher verlaufen würde, einfach ausbluten lassen. Die Kontrolle über ganz Afghanistan wäre nur noch eine Frage der Zeit. Es sind die Taliban und nicht die USA, die die Oberhand haben. Die USA befinden sich in einer demütigenden Position der Schwäche.

Die USA haben ihre gesamte politische List aufgefahren, um die Taliban zu Gesprächen zu bewegen. Sie haben Zalmay Khalilzad als offiziellen Unterhändler entsandt, der afghanische Wurzeln hat und gemeinsam mit vielen der Taliban und der afghanischen Regierung aufgewachsen ist. Es wurde Druck auf Katar, Pakistan und Saudi-Arabien ausgeübt, damit sie die Taliban davon überzeugen an den Gesprächen teilzunehmen. Die USA lockten sie mit Versprechungen an den Verhandlungstisch. So versprachen sie ihnen, sie als legitime Bewegung zu akzeptieren, die Sanktionen gegen sie aufzuheben und ihre gefangenen Mitglieder freizulassen.

Die Taliban waren lange auf dem Schlachtfeld siegreich aber scheiterten daran politische Lösungen hervorzubringen, da es ihnen an politischem Bewusstsein fehlt. Pakistan und Saudi-Arabien haben lange die politischen Ränke der USA umgesetzt und die Taliban haben das nicht erkannt. Außerdem sind die Taliban seit dem Tod Mullah Umars, dessen Tod sie jahrelang verheimlichten, keine einheitliche Bewegung mehr. Sie spalteten sich und es kam sogar zu offenen Gesprächen mit Russland und dem Iran!

Haben Sie denn aus vorherigen Verhandlungen mit ausländischen Mächten nichts gelernt?

Der schmale Grat zwischen Verbündeten und Feinden

Der Syrienkrieg wird dieses Jahr zehn Jahre alt. Die finalen Kämpfe um das letzte umkämpfte Gebiet Idlib scheinen im Gange zu sein. Es ist das letzte Gebiet, das nicht in Assads Hand gefallen ist. Vor nicht allzu langer Zeit hat Assad noch um Hilfe gebettelt, da er alleine nicht imstande war, die Kontrolle über das ganze Land zurückzuerlangen.

Der Mangel an politischer Weitsicht hat unsere Brüder und Schwestern einen hohen Preis zahlen lassen. Sie waren nicht in der Lage auszumachen wer Freund und wer Feind ist. Die Versorgungslinien des unterdrückerischen Assad-Regimes wurden außerhalb Syriens immer größer. Abgesehen vom heuchlerischen öffentlichen Verurteilen Assads wurde er von den westlichen Ländern immer unterstützt. Er wurde als Reformer dargestellt. So sagte Hillary Clinton man solle ihm in Syrien Zeit geben. Viele der Rebellen ließen sich vom Westen ausrüsten, in der Hoffnung sie würden sie gegen Assad unterstützen. In Wirklichkeit wollten sie die Revolution jedoch vereiteln. Die wahre Gefahr, die der Revolution den Stich in den Rücken versetzt hat, waren jedoch die regionalen muslimischen Länder. Jedes dieser Länder hat bestimmte Rebellengruppen in bestimmten Regionen unterstützt und sichergestellt, dass sie nicht über ihre Region hinauswachsen. Die Rebellen wurden nur mit leichten Waffen ausgestattet, niemals jedoch mit schweren Waffen, die einen Unterschied hätten ausmachen können. Die fehlende Bereitstellung schwerer Waffen zwang viele Rebellengruppen zu Waffenstillständen mit dem Regime, da sie Belagerungen vornahmen, Fassbomben einsetzten, Wasser und Strom kappten und sich an grauenhaften sadistischen Folterungen bedienten. Die Waffenstillstände beinhalteten eine Umsiedlung nach Idlib, das nun zerbombt wird! Je mehr die Lokalmächte in Syrien involviert wurden, desto mehr Gebiete haben die Rebellen verloren.

Im Falle der Türkei äußert sich die traurige Realität darin, dass vom Tag des Eintritts der Türkei in Nordsyrien die Rebellen nur noch Gebiete verloren haben und in Idlib nun um ihr Leben kämpfen. Erdogans Interessen beschränken sich auf die kurdische Enklave in Nordsyrien und den Flüchtlingsstrom in die Türkei, obwohl er sehr wohl in der Lage wäre die Geschehnisse in Syrien zu beenden.

Diese zwei Beispiele verdeutlichen die essenzielle Wichtigkeit politischer Weitsicht und des Verstehens, dass die Kolonialisten unseren Ländern niemals erlauben werden unabhängig zu werden. Unsere Herrscher sind abgesehen von ihren leeren Worten nur Marionetten der Kolonialisten. Sie repräsentieren nicht unsere Gefühle und Empfindungen und geben nur Lippenbekenntnisse ab. All dies zeigt auf, dass politisches Bewusstsein eine Angelegenheit von Leben und Tod darstellt. Solange unsere Umma sich kein richtiges politisches Bewusstsein aneignet, werden unsere Länder nur Schauplatz der fremden Mächte bleiben, die dort ihre eigenen strategischen Interessen verfolgen.

 

14. Šauwāl 1441 n. H.

06.06.2020 n. Chr.

(E.D.)