KOMMENTAR

- 20.08.2020

Demokratie und Netflix

Konventionelles Denken besagt, dass wenn ein Geschäft, eine Nation oder eine Ideologie ihr Ende erreichen, Indikatoren einem alles verraten, was man zu wissen braucht. Mittels KPIs und Quartals- oder Jahresberichten, die relatives Wachstum und Expansion aufzeigen, ist es leicht geworden, Warnungen vor einer nahenden Katastrophe zu widerlegen. Doch spricht die folgende Geschichte Bände.

Im Jahr 2000 flog Reed Hasting, der Gründer eines jungen Unternehmens namens Netflix nach Dallas, um dem Blockbuster CEO John Antioco eine Partnerschaft vorzuschlagen. Die Idee war, dass Netflix den Online-Verleih übernehmen würde und Antiocos Unternehmen für Netflix in seinen Filialen werben würde. Hastings wurde bloß ausgelacht.

Wir alle wissen, was als nächstes geschah. Blockbuster ging 2010 bankrott und Netflix ist heute ein Multimilliarden schweres Unternehmen, mehr als zehn Mal wertvoller als es Blockbuster je war. Netflix ist das, was als „disruptive Innovation“ bekannt ist, eine Erfindung, die einen neuen Markt und ein Wertschöpfungsnetzwerk erschafft, einen existierenden Markt und sein Wertschöpfungsnetzwerk zersetzt und letztlich marktführende Unternehmen, Produkte und Allianzen verdrängt. Heute wird Hastings weitläufig als Genie gefeiert, während Antioco als Idiot angesehen wird. Derart simpel ist es jedoch nicht.

Tatsächlich war Antioco eine sehr kompetente Führungskraft, einige sahen in ihm ein Handelsgenie mit einer langen Bilanz an Erfolgen. Trotz seines unternehmerischen Scharfsinns jedoch, war er nicht in der Lage zu sehen, dass Netzwerke unsichtbarer Verbindungen seinen Niedergang herbeiführen würden.

Das Modell Blockbusters besaß eine Schwachstelle, die zu jener Zeit nicht erkannt worden ist. Es brachte Unmengen an Geld ein, indem es Kunden Verspätungsgebühren berechnete, welche zu einem wichtigen Bestandteil ihres Geschäftsmodells wurden. Die hässliche Wahrheit und zugleich Achillesverse des Unternehmens war, dass seine Einnahmen stark von der Bestrafung ihrer Kunden abhingen. Mit dem Aufkommen einer Alternative, um auf eine bessere Art Filme zu schauen, ging Blockbuster zugrunde. Bis zu jenem Moment dominierte Blockbuster die Spitze des Filmverleihs. Mit tausenden Filialen, Millionen von Kunden, enormem Marketingbudget und einem effizienten Betrieb, beherrschte es den Markt.

Warum ist das wichtig? Weil heute das Argument im Raum steht, dass die Demokratie das dominierende System darstelle und keine Alternative sie herausfordern würde, weshalb jegliches Gerede von herannahenden Krisen vermeintlich übertrieben sei. Wie bei Blockbuster werden finanzielle Indikatoren genutzt, um die dubiöse Stabilität der Ökonomie, Wachstumsraten und wachsende Ausgaben im Sozialsektor eines Landes zu präsentieren, obwohl die harten Fakten eine andere Sprache sprechen. Das demokratische System versteckt seine Schwächen, indem es Stabilität und Erfolg vortäuscht, während es tatsächlich jedoch am Rand des Abgrunds steht. Das Buch „Temptations of the West“ von Pankaj Mishra beschreibt die aktuelle Situation trefflich:

„Ob katastrophale Kriege wie im Irak oder Afghanistan, desaströse Interventionen in Libyen, die Finanzkrise 2008, zunehmende Arbeitslosigkeit in Europa, welche einem unlösbaren Problem gleicht und wahrscheinlich die extremen Rechten im ganzen Kontinent stärkt, die ungelöste Krise des Euros, die scheußliche Einkommensverteilung in Europa und den USA, der weitverbreitete Verdacht, dass Geld den demokratischen Prozess korrumpiert, die absurde Dysfunktion des amerikanischen politischen Systems, Edward Snowdens Enthüllungen über die NSA oder die dramatische Aussichtslosigkeit junger Menschen – all dies hat nicht nur die moralische Autorität des Westens untergraben, sondern auch seine intellektuelle Hegemonie geschwächt. Deshalb kann die Botschaft an den Rest der Welt nicht mehr jene sein, dass der westliche Lebensstil der beste sei, den andere durch Nationsbildung und industriellen Kapitalismus fleißig nachahmen sollen (…) Doch es gibt und gab stets andere Wege den Staat, die Gesellschaft, die Wirtschaft und das gute Leben zu konzipieren.“

Während der Verlust von Moral und intellektueller Autorität bei weitem nicht so greifbar ist wie schwächelnde militärische Fähigkeiten und wirtschaftliche Schwierigkeiten, so sind sie doch das wahre Alarmsignal eines Systems, das in einer Krise steckt. Ironischerweise veranschaulichte eine kürzliche Wahl, was die Briten vom Zustand ihres politischen Systems hielten. Mit 72,2 Prozent gingen die Briten in großer Anzahl an die Wahlurne, um über den Verbleib in der EU abzustimmen. Während die Zahlen als demokratischer Erfolg nach Jahren schwindender Wahlbeteiligung angesehen werden können, wird ein treffenderer Punkt missachtet: Die wütende, frustrierte und den politischen Entscheidungsträgern misstrauisch gegenüberstehende Mehrheit des Volkes erhob sich, um eine politische Granate in das vorherrschende System zu werfen. Auf der anderen Seite des Ozeans hinderten Trumps „undemokratische“ autoritäre Neigungen die Amerikaner, ja selbst jene aus der traditionell demokratischen Wählerschaft, nicht daran, ihn zu unterstützen. Während die Kampagnen zur Wahl am 12. Dezember in Großbritannien anliefen, wurden den Briten die sozialistische Politik Jeremy Corbyns und die merkwürdige Mischung aus Nationalismus und Neoliberalismus von Boris Johnson präsentiert. In Corbyn sahen die Menschen die letzte Chance die Demokratie zu „retten“ und den Ausverkauf des staatlichen Gesundheitsdienstes an private Unternehmen zu verhindern. In Johnson sahen sie den Mann, der den Brexit vollziehen würde. Für viele Muslime wurde der Wahlprozess zur Frage einer Kosten-Nutzen-Analyse, um die Abwärtsspirale zu verlangsamen. Jedoch muss das nicht so sein. Dies ist eine große Gelegenheit für die Muslime, um sich erstens kollektiv von säkularen Parteien loszusagen und zweitens als Block, allein auf islamischen Prinzipien basierend, tätig zu werden. Ein Block, der dem Rest der britischen Gesellschaft nicht nur seine Kultur und umfassende Lebensweise präsentiert, sondern auch mit der Regierung in Verhandlungen tritt ohne Kompromisse in der Religion hinzunehmen. Es ist unser Netflix Moment.

Als Blockbuster den Markt beherrschte, war der Wechsel nicht leicht. Einige Kunden zögerten zunächst. Sie mochten es, in der Lage zu sein in den Filialen nach Filmen zu suchen und jederzeit einen mitnehmen zu können. Andere jedoch stiegen sofort um. Und als mehr ihrer Freunde von Netflix schwärmten, versuchten es die Nachzügler ebenso, verliebten sich und überzeugten Leute, die sie kannten, es auszuprobieren. Soziologen sprechen hier vom Schwellenwertmodell kollektiven Verhaltens. Bei jedweder Idee wird es Menschen mit verschiedenen Stufen von Widerständen geben. Wenn diejenigen, die zur Annahme des neuen Konzepts eher geneigt sind, es anzunehmen beginnen, werden unweigerlich auch diejenigen es eher annehmen, die zur Annahme zuvor weniger bereit waren. Unter den richtigen Umständen tritt ein viraler Kaskadeneffekt ein.

Dies kann jedoch nicht geschehen ohne, dass Leute den „Markt stören“. Ein Markt, in dem Blockbuster und Netflix zusammen erfolgreich nebeneinander wachsen, konnte einfach nicht funktionieren. Es ist entweder die Wahl oder politischer Aktivismus. Eines verleiht einem zerstörten System neues Leben und das andere entzieht säkularen Politikern das Mandat. Auch aus diesem Grund sagen wir, dass einige Muslime, nämlich jene, die behaupten beide Optionen seien möglich, das Wesentliche nicht begreifen. Während die Anzahl der Wähler nicht unbedingt gesunken ist, deuten verschiedene andere Signale auf ein System hin, das in einer Krise steckt. Zerfallende Systeme und Ideologien sind jene, bei denen die Menschen nicht länger an ihren Hauptprinzipien, sowie deren Fähigkeit zu liefern und Probleme zu lösen, festhalten. Das Desinteresse gegenüber einem zerfallenden System manifestiert sich nämlich erst dann, wenn eine Alternative den Schwellenwert kollektiven Verhaltens erreicht. Bis dahin kann das vorherrschende System die Illusion von Stärke und Stabilität aufrechterhalten. Die Indikatoren, sagen sie, verraten einem alles, was man zu wissen braucht.

 

(E.D.)