KOMMENTAR

- 24.08.2020

Kommentar: Sind Abkommen eine Lösung für Palästina?

Jedes Mal, wenn ein arabischer Staat ein Abkommen mit „Israel“ schließt, brodelt es in uns. Ägypten beging als erstes arabisches Land diesen Tabubruch. Der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat unterzeichnete 1979 - natürlich in Washington – einen Friedensvertrag und signalisierte damit seinem Vertragspartner „Israel“, dass ihm die Regenten der islamischen Welt zu Diensten sind. Nun haben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ein Abkommen mit „Israel“ geschlossen und gelten neben Ägypten und Jordanien als dritter arabischer Staat, der „Israel“ anerkennt – als hätten alle anderen arabischen Staaten dies nicht längst getan, nur weil sie es noch nicht in einem Abkommen mit „Israel“ offiziell gemacht haben. Und wenn ein Staat wie die Türkei das Abkommen zwischen den VAE und „Israel“ verurteilt, sollte er sich zunächst seine eigenen Abkommen mit „Israel“ ins Bewusstsein rufen und erst einmal mit sich ins Gericht gehen. Die Umma ist sich des Verrats ihrer Regenten durchaus bewusst, die sich über den „israelischen“ Tisch ziehen lassen, weil am Ende nicht sie dafür zahlen, sondern die Umma mit ihrem Boden, ihrem Eigentum und ihrem Leben. Jedes neue Abkommen, dessen Sinn und Zweck ist, „Israel“ den Rücken für seinen Raub freizuhalten, muss von der Umma teuer bezahlt werden.

Es können noch so viele Abkommen zwischen den islamischen Ländern und „Israel“ geschlossen werden, sie können nicht über die wahre Geschichte hinwegtäuschen, dass mit der Staatsgründung „Israels“ Menschen ihres Landes beraubt und vertrieben wurden und ein politisches Unrecht im Raum steht, das nicht verbalisiert werden darf. Allein die Andeutung, die Gründung „Israels“ sei nicht „koscher“, wird von der westlichen Welt verurteilt und geahndet, weil sie ihre Finger mit im Spiel hatte, allen voran Großbritannien, und „Israel“ für sie von Interesse ist in der islamischen Welt. Man darf es – allen Fakten zum Trotz – nicht denken und vor allem darf man es nicht äußern. Bei dem Thema „Israel“ und Palästina fühlt man sich fast wie Winston Smith, der Protagonist aus George Orwells „1984“, der meint: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, das zwei plus zwei vier ist.“ Im Verhör wird ihm jedoch nahegelegt: „Manchmal, Winston, gilt zwei plus zwei gleich fünf.“

Für die Umma geht diese Rechnung jedoch nicht auf, denn die Geschichte Palästinas beginnt nicht erst mit dem 14. Mai 1948, als David Ben-Gurion einen Staat „Israel“ ausrief, als wäre Palästina ein unbevölkertes Land gewesen und die Juden Pioniere, die es neu erschlossen und besiedelt hätten. Sie trafen nicht auf ein primitives Volk, das man mit ein paar wertlosen Glasperlen täuschen konnte, um im Tausch ihr kostbares Gold zu rauben, wie einst auf dem amerikanischen Kontinent. Die Geschichte Palästinas beginnt auch nicht erst mit dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in welchem Großbritannien und Frankreich die Provinzen des islamischen Kalifats unter sich aufteilten. Das Abkommen sah für Palästina, das seit 638 n. Chr. Teil des Kalifats war, eine internationale Verwaltung vor, was die Grundsteinlegung des Unrechts in Palästina darstellt. Palästina wurde zum Spielball der Großmächte und am Ende den Zionisten – und nicht etwa den Juden – in die Hände gespielt, als Großbritannien ihnen in der Balfour-Deklaration von 1917 die Zusage machte, ihnen in Palästina eine „nationale Heimstätte“ zu errichten. Es war das Jahr, in welchem die Briten die Herrschaft in Palästina übernahmen. Aber an dem Unrecht war nicht nur Großbritannien beteiligt. Im Jahr 1922 bestätigte der Völkerbund das britische Mandat über Palästina.

Die Zionisten gründeten einen Staat in Palästina, weil die Großmächte ihnen dies ermöglichten, und nicht, weil es den Holocaust gab. Die Staatsgründung steht mit dem Nationalsozialismus in Deutschland in keinem Zusammenhang, da die Zionisten Palästina bereits Ende des 19. Jahrhunderts ins Auge gefasst und es als Heimstätte der Juden propagiert hatten. Es wurde lediglich der passende Zeitpunkt abgewartet und dieser ergab sich mit der Herrschaft der Briten in Palästina und der Zerstörung des Kalifats. Entscheidend war vor allem, dass Mustafa Kemal Atatürk im Auftrag der Kolonialmächte das Kalifat zerstört hatte, wodurch Palästina seinen Schutz verlor. Nicht die Juden waren das Problem, denn schon immer lebten Juden im Kalifat und konnten ihre Religion unbehelligt ausüben, während sie in Europa permanent verfolgt wurden. Das Problem waren und sind vielmehr die Zionisten und ihre Ziele in Palästina. Die spätere Verfolgung der Juden in Deutschland und Europa förderte das zionistische Vorhaben zusätzlich, weil es keiner großen Überzeugungsarbeit mehr bedurfte, um die Juden zum Auswandern zu bewegen.

Abdulhamid II., der 1876 das Kalifenamt übernahm, war sich der Gefahr für Palästina durch die Großmächte und die Zionisten bewusst. Die Juden begannen bereits in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts nach Palästina auszuwandern und sich dort anzusiedeln. Der Kalif durchschaute das Vorhaben und forderte den Verwalter Jerusalems in einem Memorandum auf, keine russischen, rumänischen und bulgarischen Juden einreisen zu lassen, um die weitere Ansiedlung von Juden in Palästina zu verhindern. Theodor Herzl, der Begründer des Zionismus, bot Abdulhamid II. sogar 20 Millionen Pfund Sterling an, um die jüdische Einwanderung in Palästina zu fördern und den Juden Land zu geben, wo sie selbst autonom regieren konnten. Abdulhamid II. lehnte trotz leerer Staatskassen das Angebot mit der Begründung ab, dass jeder Zoll Palästinas unveräußerlicher Boden der islamischen Umma sei. Ihm war bewusst, dass Palästina mit dem Kalifat steht und fällt. Seine folgenden Worte bringen dies zum Ausdruck und sollten sich schließlich bewahrheiten: „Die Juden können ihre Millionen behalten. Wenn der Tag kommt, an dem das Kalifat zerfällt, können Sie Palästina umsonst haben.“

Aus der Abwesenheit des Kalifats erklärt sich die weitere Geschichte Palästinas und das Unrecht, das den Palästinensern von allen Seiten widerfahren ist und weiterhin wiederfährt. Noch vor der Ausrufung eines Staates „Israel“ beschlossen die Vereinten Nationen 1947 die Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Flickenteppich, wobei den Juden, die die Minderheit ausmachten, mehr als die Hälfte Palästinas zugesprochen wurde. Jerusalem sollte eine internationale Verwaltung erhalten. Aber zur Umsetzung dieses Teilungsplans sollte es nicht mehr kommen und am Ende bekamen die Palästinenser nichts. Und dieses Nichts nimmt man ihnen bis heute Stück für Stück weg und erklärt sie für antisemitische Terroristen, wenn sie sich der israelischen Siedlungspolitik widersetzen und sich nicht vertreiben und ihres Eigentums berauben lassen wollen. Diese Menschenrechtsverbrechen interessieren den Rest der Welt nicht und werden auch nicht als Verbrechen oder als Unrecht wahrgenommen.

Das Unrecht, das mit der Ausrufung eines Staates „Israel“ einherging, bezeichnet man inzwischen als Nahostkonflikt. Die internationale Welt mit den USA an der Spitze gibt vor, eine Lösung des sogenannten Nahostkonflikts anzustreben. Im Grunde geht es bei dieser Lösung darum, die Palästinenser dazu zu bewegen, die Brotkrumen, die man ihnen vorwirft, zu akzeptieren. Diese Brotkrumen reichen weder für die Palästinenser, die in Palästina geblieben sind, noch für die unzähligen Palästinenser, die von den Zionisten vertrieben wurden und vor deren Verbrechen fliehen mussten. Viele von ihnen leben noch immer in Flüchtlingslagern, etwa im Libanon, wo sie als Menschen zweiter Klasse leben, die weder arbeiten noch Eigentum besitzen dürfen. Wenn sie außerhalb der dicht besiedelten Lager siedeln, sind sie von Zwangsräumungen bedroht. Wer meint, aus einer Lösung des Nahostkonflikts wird irgendwann ein souveräner Nationalstaat der Palästinenser hervorgehen, sollte sich der politischen Realität stellen, dass es einen solchen niemals geben wird.

Der Nahostkonflikt ist Teil eines viel größeren Problems, das nicht nur die palästinensischen Muslime betrifft, sondern die gesamte Umma. Es besteht im fehlenden Kalifat. Geht es denn beispielweise den Syrern besser, weil sie einen Staat haben, oder aber den Irakern, den Libyern, den Jemeniten oder den Afghanen? Der schlimme Zustand in der islamischen Welt ist nichts anderes als ein Resultat des Zerfalls des Kalifats, wodurch die Muslime insgesamt den kapitalistischen Staaten schutzlos ausgeliefert sind. Dies spiegelt sich auch im Abkommen zwischen den VAE und „Israel“ wider. Die Regenten in der islamischen Welt geben die Muslime preis, statt sie nach dem Beispiel eines Abdulhamid II. zu schützen.

(U. A.)