KOMMENTAR

- 06.09.2020

König der Bestien

Adolf Hitler hat die Messlatte für Gräueltaten sehr hoch gelegt. Aber heißt das auch, dass sie im Laufe der Menschheitsgeschichte nie höher lag und Hitler weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart je übertroffen wurde? Wenn es um die großen Menschheitsverbrechen der jüngeren Geschichte geht, stehen die Verbrechen der Nationalsozialisten immer an erster Stelle. Die Geschichtsschreibung vermittelt den Eindruck, dass es nie etwas Schlimmeres gegeben hätte als den Holocaust. Doch was ist der Maßstab? Ist es die Zahl der Opfer oder vielleicht der Grad der Grausamkeit und Menschenverachtung?

Schon ein oberflächlicher Blick auf die belgische Kolonialgeschichte im Kongo offenbart, dass eine Steigerung möglich ist. Den Verbrechen des belgischen Königs Leopold II. fielen viel mehr Menschen zum Opfer als denen Hitlers. Leopolds II. Kolonialherrschaft im Kongo kostete 8 bis 10 Millionen Menschen das Leben. Was im Kongo unter belgischer Kolonialherrschaft geschah, zählt zu den großen Menschheitsverbrechen der Geschichte. Warum also ist ein Denkmal Leopolds II. in Belgien moralisch vertretbar, ein Denkmal Adolf Hitlers in Deutschland aber nicht? Weshalb hat man so lange gewartet, die Entfernung seiner Statuen zu fordern, und zwar nachdem der Afroamerikaner George Floyd wegen rassistischer Polizeigewalt in den USA zu Tode kam und das Verbrechen weltweite Proteste gegen Rassismus lostrat?

Die belgische Schreckensherrschaft im Kongo und die Menschheitsverbrechen, die die Belgier dort verübten oder verüben ließen, sollten bewusst in Vergessenheit geraten, denn sie sind Teil des europäischen Kolonialismus, auf dem der ganze Wohlstand und der Reichtum Europas gründen. Hierzu vernichteten belgische Beamte massenhaft Dokumente, die belastendes Material enthielten. Die Archive des belgischen Außenministeriums wurden lange Zeit unter Verschluss gehalten, um die Verbrechen zu vertuschen. Die Gräuel aus der Zeit der Kolonialherrschaft Leopolds II. im Kongo wurden vom belgischen Staat vollkommen totgeschwiegen. Und so verherrlichen nicht nur Denkmäler den Massenmörder Leopold II., sondern auch Straßen, die seinen Namen tragen. Höhepunkt der Verfälschung der Geschichte war die Rede von Belgiens König Baudouin bei der Verkündung der „Unabhängigkeit“ des Kongo am 30. Juni 1960, als er pathetisch erklärte: „Die Unabhängigkeit des Kongo ist der Erfolg des Werkes des genialen Leopold II. Von ihm begonnen, mit hartnäckigem Mut, und von Belgien mit Ausdauer zu Ende geführt.“ Leopold II. ging als Beschützer des Christentums, als Modernisierer und als Kämpfer gegen die Sklaverei in die Geschichte ein. Kein Wunder also, dass die kolonialen Verbrechen im Kongo weitgehend unbeachtet blieben und weder das historische noch das politische Interesse weckten.

Leopold II. ist keineswegs ein Nestbeschmutzer des Kolonialismus, nur weil er so überaus grausam vorging. Er hat lediglich die Möglichkeiten maximal ausgeschöpft, die die europäische Kolonialpolitik zuließ. Alle europäischen Kolonialmächte wendeten in ihren Kolonien Gewalt und Terror an und verübten zu ihrer Bereicherung und zur Wahrung ihrer Interessen die schlimmsten Verbrechen. Die Kolonialpolitik Frankreichs und Großbritanniens trieft nur so vor Grausamkeit und Unrecht. Wie viele Verbrechen verübte beispielsweise Frankreich in Algerien? Selbst an Deutschlands kolonialen Händen klebt Blut, doch bis heute ignoriert Deutschland den Völkermord an den Herero und Nama in seiner ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika Anfang des 20. Jahrhunderts. Leopold II., auch „König der Bestien“ genannt, ist also nicht die Ausnahme von der Regel, sondern die Regel selbst. Zwar stellte der Kongo seit 1885 eine Privatkolonie des belgischen Königs dar, doch für die Bevölkerung einer Kolonie spielt es keine Rolle, ob sie von einem Staat versklavt, ausgebeutet und massakriert wird oder von einem König, der die Kolonie als seinen Privatbesitz betrachtet. Als die exzessiven Gräueltaten des Königs im Kongo öffentlich bekannt wurden, musste Leopold II. den Kongo 1908 an den belgischen Staat abtreten. Für die Bevölkerung änderte sich dadurch nur, dass sie nicht mehr Privatbesitz Leopolds II. war, sondern von der Kolonialmacht Belgien terrorisiert wurde.

Die Verbrechen der „kultivierten“ Belgier im Kongo sind das eine, das historische Unterschlagen dieser das andere. Wenn die Geschichte die unbeschreiblichen Menschheitsverbrechen im Kongo verschweigt, dann ist auch das ein großes Menschheitsverbrechen. Denn die Geschichte drückt dadurch aus, dass die Opfer bis heute nur als wertlose Eingeborene betrachtet werden und der Blick auf diese Menschen unverändert geblieben ist. Der Erste, der die Gräuel Leopolds II. dokumentierte und öffentlich machte, war der Amerikaner George Washington Williams, der 1890 nach einer Begegnung mit dem belgischen König in den Kongo reiste, um die „Mildtätigkeit“ Leopolds II. zu erfahren, denn dieser gab sich als Wohltäter des Kongo aus und lud amerikanische Missionare ein, die Kolonie zu bereisen, wo er selbst nie gewesen ist. Was Williams vorfand, war das genaue Gegenteil von Wohltätigkeit, und obwohl er Anwalt, Politiker, Journalist, Schriftsteller und Prediger war, ging seine Kritik unter, denn er war schwarz. William Shepard, ebenfalls Amerikaner und schwarzer Missionar im Kongo, hielt die Grausamkeiten mit seiner Kamera fest und veröffentlichte diese. Berühmtheit erlangte aber erst das Foto des weißen Briten Edmund Dene Morel, das einen Kongolesen zeigt, der vor dem abgetrennten Fuß und der abgetrennten Hand seiner kleinen Tochter sitzt. Vor allem die Fotos, die die Grausamkeiten im Kongo zeigten, brachten die Öffentlichkeit gegen Leopold II. auf, so dass der belgische Staat die Kolonialherrschaft im Kongo übernahm. Die Fotografien schafften es aber nicht, dass die Verbrechen im historischen Gedächtnis blieben. Die Geschichte machte den Elefanten zur Mücke, weil es dabei um den Kolonialismus in Afrika geht, der noch immer fortbesteht, jedoch anders in Erscheinung tritt, etwa unter dem Tarnmantel der Entwicklungshilfe. Die Kolonialmächte wollen sich auch weiterhin an dem afrikanischen Kontinent bereichern. Da möchte natürlich niemand mit dem historischen Finger auf das Unrecht im Kongo zeigen, der noch immer so immens reich an Bodenschätzen ist und die unersättliche Gier der europäischen Kolonialmächte geweckt hatte.

Der Fortschritt in Europa war schon immer mit dem Leid der Menschen in Afrika verknüpft. Die rücksichtslose Kolonialpolitik war eine Voraussetzung für jede erfolgreiche Entwicklung in Europa. Für den Kongo unter der Tyrannenherrschaft Leopolds II. begann der koloniale Albtraum mit der Erfindung des Luftreifens im Jahr 1888, wodurch Kautschuk zum begehrten Rohstoff wurde, das im Kongo in großen Mengen zu finden war. Es entstand ein System der Zwangsarbeit, das an Grausamkeit und Brutalität seinesgleichen sucht. Ein Dorf musste eine bestimmte Lieferquote innerhalb einer bestimmten Frist einhalten. Um die geforderte Menge Kautschuk zu erzwingen, wurden die Frauen in Geiselhaft genommen und im Falle, dass die Männer nicht genug Kautschuk zusammenbekamen, getötet. Viele Frauen starben in dieser Zeit allein schon durch die Bedingungen ihrer Geiselhaft, in der Vergewaltigungen üblich waren. Dörfer, die sich weigerten, Kautschuk zu liefern, wurden vollständig ausgelöscht. Es gab also keine Alternative für die Menschen im Kongo, als für den weißen Mann Kautschuk zu sammeln.

Die Force Publique, eine Art Armee, wurde gegründet, um die Sklaverei und Ausbeutung zu überwachen und zu koordinieren. Sie bestand aus Schwarzen, während die Offiziere weiße Europäer waren. Die schwarzen Soldaten der Force Publique wurden bewaffnet, mussten jedoch für jede verschossene Patrone einen Beweis erbringen, dass die Munition nicht für die Jagd oder gar für Aufstände eingesetzt wurde. Als Beweis wurde die abgeschlagene rechte Hand des Getöteten gefordert, und weil die Munition nicht immer für den für sie vorgesehenen Zweck verschossen wurde, hackte man einfach den Lebenden massenhaft die Hände ab. Leopold II. kritisierte diese Praxis, denn er war daran interessiert, dass die Menschen für ihn Sklavenarbeit leisteten, was ohne Hände nicht möglich war. Daher schlug er vor, statt der Hände die Nase abzuschneiden.

Es wurde keine Grausamkeit ausgelassen, ob gegen Erwachsene oder Kinder. Kinder wurden beispielsweise ausgepeitscht, wenn sie nur in der Gegenwart von Weißen lachten. Ausgepeitscht wurden sie mit der sogenannten Chicotte, einer scharfkantigen Peitsche aus getrockneter und gezwirbelter Nilpferdhaut, die bleibende Narben hinterließ und schon nach wenigen Peitschenhieben selbst bei Erwachsenen zur Bewusstlosigkeit oder auch zum Tod führen konnte. Die Barbarei des Kolonialismus kannte im Kongo keine Grenzen, wenn es um die Bestrafung jener ging, die sich widersetzten. Menschen wurden an den Füßen aufgehängt und unter ihnen ein Feuer entfacht, um sie lebendig zu rösten. Mord, Verstümmelung, Vergewaltigung und Folter waren an der Tagesordnung und gehörten zum System der Zwangsarbeit.

Wie konnte die Geschichte diese Menschheitsverbrechen verheimlichen und herunterspielen? Die Antwort findet sich im Kolonialismus. Denn wie steht es heute um den Kongo – inzwischen Demokratische Republik Kongo? Statt Kautschuk müssen die Kongolesen heute reichlich Kobalt liefern, um dem Westen seinen Traum vom Elektroauto zu erfüllen. Arbeiter – Erwachsene wie Kinder – werden zu einem Hungerlohn in die gefährlichen Minen geschickt, wo sie sich ihre Gesundheit ruinieren und ihr Leben riskieren, um das Kobalt abzubauen. Es hat sich also nicht viel geändert an der Ausbeutung durch die Kolonialmächte, die dafür sorgen, dass die Menschen weiterhin unter einer Schreckensherrschaft leben und die gewünschten Bodenschätze liefern.

(U. A.)