HISTORISCHES

- 09.09.2020

Abdulhamid II.

Der islamische Staat nahm seinen Anfang, als der Prophet (s) 622 n. Chr. in Medina eintraf und die islamischen Gesetze in seiner Rolle als Staatsoberhaupt in allen Lebensbereichen anwendete. Mit diesem Ereignis beginnt die islamische Zeitrechnung, worin die Bedeutung des islamischen Staates für die Umma zum Ausdruck kommt. Dass es heute so viele Länder gibt, deren Bevölkerungsmehrheit aus Muslimen besteht, ist allein auf die Gründung des islamischen Staates durch den Gesandten Allahs (s) zurückzuführen. Wie sonst hätte sich der Islam so erfolgreich ausbreiten und über Generationen dauerhaft bei den Menschen verankern können? Die Muslime kannten im Grunde nie etwas anderes als das Kalifat, denn es hat seit seiner Gründung bis 1924 durchgehend existiert. Der Zustand ohne islamischen Staat, in dem die Muslime heute leben, ist daher nicht der islamische Normalzustand und besteht gerade einmal 96 Jahre, was ungefähr einem Menschenleben entspricht.

Das Kalifat hatte immer wieder Höhen und Tiefen, doch die Kalifen, die das Amt in der letzten Phase übernahmen, hatten grundsätzlich einen schweren Stand, weil die Rahmenbedingungen ganz andere waren als in den Jahrhunderten davor. Ein Beispiel hierfür ist das vom Kalifen Abdulhamid II., der 1876 die Regentschaft übernahm und bis 1909 als einer der letzten Kalifen den islamischen Staat regierte. Die Kolonialmächte hatten das Kalifat längst wie Raubtiere umzingelt und in vielen Teilen auch schon angefressen und warteten nur auf einen günstigen Augenblick, ihre auserkorene Beute in Stücke zu reißen. Abdulhamid II. saßen aber nicht nur die Kolonialmächte im Nacken. Während seiner Zeit als Kalif fassten die Zionisten unter ihrem Anführer Theodor Herzl den Beschluss, Palästina zur jüdischen nationalen Heimstätte zu machen. Als Druckmittel wollten sie die schlechte finanzielle Lage des Kalifats und den Einfluss der Kolonialmächte nutzen, ein Problem, womit Abdulhamid II. ebenfalls zu kämpfen hatte. Schon zu Beginn seiner Regierungszeit musste er sich außerdem mit der Balkankrise und den separatistischen Bestrebungen der Balkanvölker und der daran geknüpften Einmischung der europäischen Großmächte und Russlands auseinandersetzen. Im Jahr 1877, also schon zu Beginn der Regierungszeit Abdulhamids II., brach der Russisch-Osmanische Krieg aus, nachdem Russland den Krieg erklärt hatte und eimarschierte. Nicht zu vergessen ist zudem die politische Bewegung der Jungtürken, die als Instrument der Kolonialmächte gegen das Kalifat eingesetzt wurde. Im Jahr 1908 führten die Jungtürken eine Militärrevolte an und putschten Abdulhamid II. 1909 aus seinem Amt als Kalif.

Die Probleme des Kalifats, dessen Regentschaft Abdulhamid II. übernommen hatte, hatten viel bedrohlichere Ausmaße als beispielsweise die Besetzung einiger Teile des Kalifats durch die Kreuzfahrer im Mittelalter. Die Kreuzfahrerstaaten bedrohten das Kalifat nicht unmittelbar in seiner Existenz, für das Kalifat waren sie nicht schicksalshaft, obwohl ihr Eindringen natürlich eine Katastrophe für die Muslime darstellte. Ihre Bekämpfung war aber hauptsächlich eine militärische Angelegenheit. Der Sieg über sie ließ zwar lange auf sich warten, doch hatten sie am Ende keinerlei Einfluss auf die Muslime und ihr Denken, sondern hinterließen nur materielle Spuren, die heute allenfalls von historischem Interesse sind. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts hingegen nahmen die europäischen Großmächte das Denken der Muslime ins Visier und riefen Bewegungen wie die der Jungtürken ins Leben, die den islamischen Staat von innen heraus zerstören sollten. Es ging also nicht nur um die Eroberung von Gebieten des Kalifats, sondern um die Zerstörung des Denkens der Muslime, um nicht nur den Staat, sondern den Islam als dessen Grundlage zu zersetzen.

Die rechtgeleiteten Kalifen nehmen eine besondere Stellung unter den Kalifen ein und haben Vorbildfunktion. Das Kalifat, das die Muslime anstreben und für dessen Entstehung sie arbeiten, ist ein rechtgeleitetes Kalifat und kein Kalifat im Zustand der Herrscherzeit Abdulhamids II. Dennoch kann Abdulhamids II. politisches Handeln eine Vorbildfunktion für die Muslime haben, wenn man seine über dreißigjährige Regierungszeit betrachtet. Sein Anliegen war der Islam und er versuchte in der letzten Phase des islamischen Staates, das Kalifat vor den Ambitionen der europäischen Großmächte und der Zionisten zu schützen. Vor dem Hintergrund der erwähnten schwierigen und instabilen Situation des islamischen Staates – man nannte das Osmanische Reich inzwischen den kranken Mann am Bosporus – gewinnt die Reaktion Abdulhamids II. auf die Zionisten, die ihn bedrängten, ihnen Palästina zu überlassen, an Größe. Seine Weigerung, ihnen Palästina zu verkaufen, ist umso bedeutender, als das Kalifat zu diesem Zeitpunkt bereits um seine Zukunft fürchten musste und die Zionisten die europäischen Großmächte auf ihrer Seiter hatten und Geld als Druckmittel gegen das verschuldete Kalifat einsetzten. Die meisten Schulden hatte das Osmanische Reich bei den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien, die diesen Zustand bewusst herbeigeführt hatten, um ihren Einfluss im islamischen Staat unter anderem dadurch auszubauen, dass sie ihn wirtschaftlich kontrollieren. Die Schuldenverwaltung wurde unter ihrer Leitung von einem europäischen Bankenkonsortium gesteuert. Die Zionisten waren sich bewusst, dass viel Geld nötig war, den Plan einer Heimstätte in Palästina zu verwirklichen. Es musste so viel sein, dass Abdulhamid II. einwilligt, ihnen Palästina zu überlassen, und es musste reichen, um den europäischen Einfluss auf die Finanzen des Osmanischen Reiches zu verringern. Denn die Zionisten strebten eine Selbstverwaltung in Palästina an, die weder unter dem Einfluss des islamischen Staates noch unter dem der Kolonialmächte steht.

Das Schicksal Palästinas hing folglich vom Schicksal des Kalifats ab. Abdulhamid II. machte deutlich, dass Palästina zu seinen Lebzeiten nicht an die Zionisten fallen wird. Er schloss kategorisch aus, dass dies geschieht, solange das Kalifat existiert. Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus, ließ Abdulhamid II. ausrichten, er solle seine Bemühungen um Palästina einstellen, weil es unveräußerlicher Boden der Umma sei, auf dem ihr Blut geflossen sei. Seine Worte zeugen von seiner politischen Weitsicht, als er festhielt: „Die Juden können ihre Millionen behalten. Wenn der Tag kommt, an dem das Kalifat zerfällt, können Sie Palästina umsonst haben.“ Es ging Abdulhamid II. jedoch nicht darum, sich durch irgendwelche pathetischen Worte in den Mittelpunkt zu stellen und sich bei den Muslimen beliebt zu machen, wie man es heute von dem einen oder anderen Regenten in der islamischen Welt kennt, wenn es um Palästina geht. Er handelte auch, um Palästina zu schützen, indem er beispielsweise anordnete, keine Juden mehr in Palästina ansiedeln zu lassen. Vor allem schloss er keine Abkommen mit ihnen.

Abdulhamid II. regierte den islamischen Staat in der schwersten Krise. Vor diesem Hintergrund muss man sein politisches Handeln bewerten. Die Abschaffung des Kalifats erlebte er jedoch nicht mehr. Er starb 1918 in Istanbul.

(U. A.)