SHARIA

- 20.09.2020

Die übergeordneten Ziele der Scharia (maqāṣid aš-šarīʿa) und wie diese zu verstehen sind – Teil 1

 

Die vorliegende Abhandlung ist ein Auszug aus dem Buch Al-Wāḍiḥ fī Uṣūl al-Fiqh von Muhammad Hussein Abdullah.

Allah (t) entsandte Muhammad (s) mit dem islamischen Recht (šarīʿa) als Barmherzigkeit für die Menschheit. Er (t) sprach:

﴿وَمَا أَرْسَلْنَاكَ إِلَّا رَحْمَةً لِّلْعَالَمِينَ

Und Wir haben dich nur als Barmherzigkeit für die Weltenbewohner gesandt. (21:107)

Auch sagte Allah (t):

﴿وَنُنَزِّلُ مِنَ الْقُرْآنِ مَا هُوَ شِفَاءٌ وَرَحْمَةٌ لِّلْمُؤْمِنِينَ ۙ وَلَا يَزِيدُ الظَّالِمِينَ إِلَّا خَسَارًا

Und Wir offenbaren vom Koran, was für die Gläubigen Heilung und Barmherzigkeit ist; den Ungerechten aber mehrt es nur den Verlust. (17:82)

Er (t) entsandte ihn (s) mit dem Islam als Barmherzigkeit (raḥma) für die Menschheit, um sie vor der Anbetung falscher Gottheiten zu schützen und sie zur Anbetung Allahs (t) hin zu führen. Allah (t) ist es, der die Angelegenheiten der Menschen mit dem Besten aller Systeme regelte.

Somit stellen Ziel und Zweck des islamischen Rechts (šarīʿa) in ihrer Gesamtheit eine Barmherzigkeit für die Menschheit dar. Dies bedeutet, dass die Implementierung der Scharia in ihrer Gesamtheit die Interessen (maṣāliḥ) der Menschheit sichert, ihnen Nutzen bringt und Schlechtigkeiten (mafāṣid) abwendet. Die islamrechtlichen Belege (adilla) sind eindeutig im Bezug auf die Barmherzigkeit, die das übergeordnete Ziel oder die Zielsetzung des islamischen Rechts (šarīʿa) in seiner Gesamtheit darstellt. Dies gilt auch, wenn es innerhalb dieser allgemeinen Beweise keinen Hinweis darauf gibt, dass die Barmherzigkeit das Ziel oder die Zielsetzung jedes einzelnen individuellen Urteils an sich oder jeder Überlieferung aus den Texten der Scharia darstellt.

Gesamtheitlich betrachtet stellt das übergeordnete Ziel (maqṣad) der Scharia also die Verwirklichung oder Vollendung der Interessen der Diener (ʿībād) dar. Allerdings gleichen diese Interessen nicht dem, was der Mensch unter dem Begriff Nutzen (maṣlaḥa) versteht. Der Mensch beugt den Begriff Nutzen gemäß seinen Launen und Wünschen. Nutzen (maṣlaḥa) findet sich jedoch vielmehr in dem, worin Allah (t), der Gesetzgeber (šāriʿ), einen Nutzen sieht. Der Nutzen kann nicht anhand der eigenen Launen und Wünsche festgemacht werden. Die Gelehrten (ʿulamāʾ) haben diese Interessen (maṣāliḥ) in drei Kategorien unterteilt:

 

1) Notwendigkeiten (aḍ-ḍarūrīyāt):

Damit sind die Interessen (maṣāliḥ) gemeint, auf denen das Leben des Volkes, der Aufbau der Gesellschaft und ihrer Stabilität beruht. Werden diese Interessen (maṣāliḥ) nicht erfüllt oder verwirklicht, werden die Lebenssysteme fehlerhaft und Chaos und Korruption werden vorherrschen. Die Menschen werden im Diesseits (dunyā) Not und Leid erfahren und im Jenseits (āḫira) bestraft. Die Notwendigkeiten (aḍ-ḍarūrīyāt) lassen sich in diese fünf Kategorien eingliedern: der Schutz des Glaubens (ḥifẓ ad-dīn), der Schutz des Lebens (ḥifẓ an-nafs), der Schutz des Verstandes (ḥifẓ al-ʿaql), der Schutz der Abstammungslinie (ḥifẓ an-nasl) und der Schutz des Eigentums (ḥifẓ al-māl). Der Islam hat islamische Rechtssprüche (aḥkām šarʿīya) für den Schutz jeder dieser Notwendigkeiten gesetzlich verankert.

 

– Der Schutz des Glaubens (ḥifẓ ad-dīn)

Die islamische Rechtssprechung zwingt oder nötigt niemanden dazu, den Islam anzunehmen. Allah (t) sprach:

﴿لَا إِكْرَاهَ فِي الدِّينِ ۖ

Es gibt keinen Zwang im Glauben. (2:256)

Und dies galt und gilt noch immer, auch nach dem Eintritt der arabischen Götzendiener (mušrikūn) in den Islam.

Bezüglich des Muslims jedoch, der aus dem Islam austritt und zum Abtrünnigen (murtadd) wird, so wird mit diesem drei Tage lang diskutiert und seine Reue ersucht. Sollte er danach an seiner Abtrünnigkeit festhalten, wird er getötet. Der Gesandte Allahs (s) sprach:

«مَنْ بَدَّلَ دِينَهُ فَاقْتُلُوهُ»

„Wer seinen dīn wechselt, den tötet!“ (al-Buḫārī)

Dies liegt daran, dass das islamische Überzeugungsfundament (ʿaqīda) im Einklang mit der natürlichen Veranlagung des Menschen (fiṭra) ist und auf dem Verstand beruht. Als solches gleicht der Abtrünnige (murtadd) von diesem Überzeugungsfundament (ʿaqīda) der Manifestation einer Krankheit, die entwurzelt werden muss, damit sie nicht den Rest der islamischen Gesellschaft infiziert. Auf diese Weise wird der Schutz des Glaubens (ḥifẓ ad-dīn) sichergestellt.

Der Islam hat Zwist (fitna) im Glauben als schlimmer und gravierender eingestuft als Töten. Allah (t) sprach:

﴿وَالْفِتْنَةُ أَشَدُّ مِنَ الْقَتْلِ

Und Al-Fitna ist schlimmer als Töten! (2:191)

Als solches hat der Islam die folgenden Gesetze zum Schutz des Glaubens erlassen: das Tragen der islamischen Botschaft (daʿwa), die Abwehr von Angriffen oder Aggressionen gegen den Glauben und die Verpflichtung der Beseitigung materieller Hindernisse auf dem Weg zum Islam (ǧihād). Allah (t) sprach:

﴿وَقَاتِلُوهُمْ حَتَّىٰ لَا تَكُونَ فِتْنَةٌ وَيَكُونَ الدِّينُ لِلَّهِ ۖ

Und kämpft gegen sie, bis es keine Verfolgung mehr gibt und die Religion (allein) Allahs ist. (2:193)

 

– Der Schutz des Lebens (ḥifẓ an-nafs)

Zum Schutz des Lebens hat der Islam all das gesetzlich verankert, was für den Fortbestand des Menschen oder sein Überleben notwendig ist, wie Essen, Trinken und die Bestrafung desjenigen, der eine Bedrohung für das Leben darstellt. Allah (t) sprach:

﴿وَلَكُمْ فِي الْقِصَاصِ حَيَاةٌ

Und in der Wiedervergeltung liegt Leben für euch (2:179)

Außerdem wurde uns der Selbstmord für verboten (ḥarām) erklärt.

 

– Der Schutz des Verstandes (ḥifẓ al-ʿaql)

Um den Verstand zu schützen, hat der Islam das Trinken von Berauschendem (ḫamr) oder den Konsum von Drogen (Rauschmitteln) verboten. Gleichzeitig fördert er und drängt zum Streben nach Wissen, zur Kontemplation und zum iǧtihād. Dies sind Angelegenheiten, die die intellektuellen Fähigkeiten des Menschen entwickeln. Der Islam lobt die Wissenden und diejenigen, die danach streben, Wissen zu erlangen:

﴿قُلْ هَلْ يَسْتَوِي الَّذِينَ يَعْلَمُونَ وَالَّذِينَ لَا يَعْلَمُونَ

Sag: Sind etwa diejenigen, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen, gleich? (39:9)

 

– Der Schutz der Abstammungslinie (ḥifẓ al-nasl):

Zum Schutz der Abstammungslinie hat der Islam Unzucht (zinā) verboten und eine Bestrafung für diejenigen gesetzlich verankert, die sich nicht an dieses Verbot hielten. So sind auch die Verleumdung (al-qaḏf) verboten und für den Verleumder (al-qāḏif) gesetzlich geregelte Strafen erlassen worden. Abtreibungen ohne einen islamrechtlichen Entschuldigungsgrund (ʿuḏr šarʿī) verbot der Islam und förderte gleichzeitig die Schließungen von Ehen und das Hervorbringen von Nachkommenschaft.

 

– Der Schutz des Vermögens (ḥifẓ al-māl)

Um das Vermögen zu Schützen, hat der Islam den Diebstahl verboten und die von Gott festgelegte Grenzstrafe (ḥadd) für einen Dieb gesetzlich verankert. Selbst das bloße Beschädigen von (fremdem) Eigentum ist verboten. Außerdem wurden Gesetze zum Schutz des Vermögens der Toren (sufahāʾ) und Geisteskranken (maǧanīn) erlassen, privates Eigentum zulässig gemacht und die Vermehrung von Vermögen gefördert.

 

2) Erfordernisse (al-ḥāǧīyāt)

Dies umfasst jene Dinge, die der Mensch benötigt, um sich von Nöten oder Schwierigkeiten zu befreien. Außerdem erleichtern sie dem Menschen den Vollzug oder das Unterlassen einer Handlung aufgrund der Aufforderung des Erhabenen. Allah (t) sprach:

﴿يُرِيدُ اللَّهُ بِكُمُ الْيُسْرَ وَلَا يُرِيدُ بِكُمُ الْعُسْرَ

Allah will für euch Erleichterung; Er will für euch nicht Erschwernis. (2:185)

﴿فَمَنِ اضْطُرَّ فِي مَخْمَصَةٍ غَيْرَ مُتَجَانِفٍ لِّإِثْمٍ ۙ فَإِنَّ اللَّهَ غَفُورٌ رَّحِيمٌ

Und wer sich aus Hunger in einer Zwangslage befindet, ohne zu einer Sünde hinzuneigen, so ist Allah Allvergebend und Barmherzig. (5:3)

Dem Strafrecht liegt beispielsweise das folgende Prinzip zugrunde:

„Das Durchführen der Grenzstrafen (ḥudūd) wird aufgrund von Zweifel ausgesetzt.“

Außerdem wurde das Blutgeld (ad-dīya) gesetzlich erlassen, um demjenigen, der jemanden unabsichtlich ermordet hat, etwas von seiner Last zu nehmen. Das Blutgeld wurde den Verwandten des Mörders auferlegt.

 

3) Die Verbesserungen (at-taḥsīnāt)

Dies sind die Angelegenheiten, die den Zustand des Volkes entsprechend den Anforderungen von Ehrgefühl, Würde und edler, tugendhafter Moral verbessern.

Folglich wurde in Bezug auf die gottesdienstlichen Handlungen (ʿībādāt) die Reinigung des Körpers, der Kleidung und des Ortes gesetzlich festgelegt, zusätzlich zur gesetzlich vorgeschriebenen Vorsicht hinsichtlich der Unreinheiten (naǧāsāt). Außerdem wurde den Muslimen auferlegt, stets auf ihr äußeres Erscheinungsbild Acht zu geben, so zum Beispiel durch das Tragen ansehnlicher Kleidung.

Allah (t) hat uns verboten, zu betrügen und zu täuschen. Außerdem hat Er (t) uns den verschwenderischen Umgang (isrāf) und Geiz für verboten (ḥarām) erklärt. Darüber hinaus ist der Umgang mit jeder Art von Unreinheit (naǧāsa) und Schädlichkeit (ḍār) verboten. Die Scharia verbot unter anderem auch, einen Handel an einen anderen Handel zu knüpfen und ebenso die Preisfestlegung (at-tasʿīr).

Ähnliches gilt hinsichtlich der Strafen (ʿuqūbāt). Das Töten von Geistlichen, Kindern und Frauen bei der Beseitigung der materiellen Hindernisse auf dem Weg zum Islam (ǧihād) wurde uns verboten. Auch die Verstümmelung, der Verrat, das Töten von Botschaftern und Abgesandten sowie das Verbrennen Toter oder Lebender wurde uns verboten.

Hinsichtlich der Tugenden (aḫlāq) verlangt der Islam, dass der Charakter einer Person durch Wahrhaftigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Geduld, Standhaftigkeit und Rechtschaffenheit gekennzeichnet ist, während Lügen, Betrug, Täuschung, Feigheit und unanständiges Reden verboten wurden. Der Gesandte Allahs (s) sagte:

«إن من أحبكم إلي وأقربكم مني مجلسا يوم القيامة أحاسنكم أخلاقا»

„Diejenigen, die ich am meisten liebe, und die mir am Tage des Gerichts am nächsten sind, sind diejenigen mit dem besten Benehmen.“ (al-Buḫārī; at-Tirmiḏī)

Der Gesandte Allahs (s) wurde darüber befragt, wegen welchen Eigenschaften die meisten Muslime das Paradies betreten dürfen, und antwortete:

«التَّقْوَى وَحُسْنُ الْخُلُقِ»

„Gottesfurcht und vornehme Tugenden“ (at-Tirmiḏī)

Die vornehmen Tugenden (al-aḫlāq al-ḥasana) als solche sind dafür verantwortlich Zuneigung, Respekt und Vertrauen unter den Individuen der Gesellschaft zu erzeugen.