SHARIA

- 23.09.2020

Die übergeordneten Ziele der Scharia (maqāṣid aš-šarīʿa) und wie diese zu verstehen sind – Teil 2

 

Die vorliegende Abhandlung ist ein Auszug aus dem Buch Al-Wāḍiḥ fī Uṣūl al-Fiqh von Muhammad Hussein Abdullah.

Die Meinungsverschiedenheit zwischen den Gelehrten (ʿulamāʾ) ist auf die Frage zurückzuführen, ob die islamischen Rechtssprüche (aḥkām šarʿīa) durch den Nutzen (maṣlaḥa) begründet (muʿallala) sind. Sie waren sich uneinig darüber, ob die islamischen Rechtssprüche stets durch einen Nutzen begründet sind. So entstanden unter den Gelehrten verschiedene Gruppen in Hinblick auf diese Frage.

1 – Die erste Gruppe

Diese Gruppe bestritt, dass die islamischen Rechtssprüche (aḥkām šarʿīa) stets auf einen Nutzen (maṣlaḥa) zurückzuführen sind, bzw. mit einem Nutzen (maṣlaḥa) begründet werden können. Mit anderen Worten ausgedrückt bestritten sie, dass der Nutzen (maṣlaḥa) das Motiv oder den Grund für die islamischen Rechtssprüche darstellt. Gemäß ihrer Meinung argumentieren sie, dass Allah (t) einen Rechtsspruch auch dann erlassen kann, wenn dieser keinerlei Nutzen beinhaltet. Diejenigen, die diese Ansicht vertreten, sind die Ašʿarīya (die Anhänger von Abū l-Ḥasan al-Ašʿarī) und die Ẓāhirīya (die Anhänger von Dāwūd aẓ-Ẓāhirī).

Jedoch stellten sie fest, dass eine Untersuchung der Texte und Urteile bestätigt, dass alle islamischen Rechtssprüche in eine der zuvor erwähnten fünf Kategorien fallen. Sie dienen also entweder dem Schutz des Glaubens (ḥifẓ ad-dīn), dem Schutz des Lebens (ḥifẓ an-nafs), dem Schutz des Verstandes (ḥifẓ al-ʿaql), dem Schutz der Abstammungslinie (ḥifẓ al-nasl) oder dem Schutz des Eigentums (ḥifẓ al-māl).

2 – Die zweite Gruppe

Zu dieser Gruppe gehören einige der Šāfiʿiten und einige der Ḥanafiten, welche bestätigten, dass der Nutzen (maṣlaḥa) einen Rechtsgrund (ʿilla) für die islamischen Rechtssprüche darstellen kann, unter der Vorraussetzung, dass er mit der Anwendung des Rechtsspruchs einhergeht, nicht aber das Motiv für den Rechtsspruch (ḥukm) darstellt. Gemäß ihrer Ansicht ist der Nutzen (maṣlaḥa) also mehr Ursache (sabab) als tatsächlich Rechtsgrund (ʿilla).

3 – Die dritte Gruppe

Zu dieser Gruppe zählen die Muʿtazila, die Māturīdīya und einige der Ḥanābila und Mālikīya. Sie vertraten die Auffassung, dass die islamischen Rechtssprüche ohne Einschränkung durch die Interessen (maṣāliḥ) begründet werden können, unter der Bedingung, dass die Begründung dem Offenbarungstext nicht widerspricht.

Was nun die Frage anlangt, ob der Nutzen im Allgemeinen einen Rechtsgrund für die islamischen Rechtssprüche darstellt, so lässt sich Folgendes sagen:

1 – Die Schlussfolgerung einiger Gelehrten (ʿulamāʾ), das Herbeiführen von Nutzen (ǧalb al-maṣāliḥ) und das Abwenden der Schlechtigkeit (darʾ mafāṣid) stellvertretend als Rechtsgrund (ʿilla) für die islamischen Rechtssprüche anzuerkennen, ist unzulässig.

Der Beweis dafür ist, dass sich in den Koranversen (āyāt), die sie als Beleg für ihre Schlussfolgerungen anführen, keinerlei Bezug zu dieser Schlussfolgerung finden lässt. Ganz gleich ob in direkter (sprachlicher) Form (ṣīġa) oder im Bezug zur Realität.

Als Beleg dafür ziehen sie nämlich die folgende Aussage des Erhabenen heran:

﴿وَمَا أَرْسَلْنَاكَ إِلَّا رَحْمَةً لِّلْعَالَمِينَ

Und Wir haben dich nur als Barmherzigkeit für die Weltenbewohner gesandt. (21:107)

Dieser Vers (āya) weist darauf hin, dass die Entsendung des Propheten (s) eine Barmherzigkeit (raḥma) für die Menschheit darstellt, also, dass Ziel und Zweck des islamischen Rechts (šarīʿa) in seiner Gesamtheit darin besteht, Interessen, Nutzen und Wohlergehen (maṣāliḥ) herbeizuführen und Schlechtigkeiten (mafāṣid) abzuwenden. Gleichzeitig bedeutet dieser Vers (āya) aber nicht, dass das Herbeiführen von Nutzen (maṣāliḥ) sowie das Abwenden von Schlechtigkeiten (mafāṣid) den Rechtsgrund (ʿilla) des islamischen Rechts in seiner Gesamtheit repräsentiert, oder dass es den Rechtsgrund (ʿilla) für jeden einzelnen Rechtsspruch (ḥukm) darstellt.

Das liegt daran, dass der Vers über das spricht, was aus der Anwendung des islamischen Rechts in seiner Gesamtheit resultiert, nämlich das Herbeiführen von Nutzen und das Abwenden von Schlechtigkeiten. Dies ist die direkte Folge der Anwendung des islamischen Rechts. Es besteht ein Unterschied zwischen dem Ergebnis und dem Rechtsgrund (ʿilla), da das Ergebnis die Folge der Anwendung des Rechtsspruchs (ḥukm) darstellt, während der Rechtsgrund (ʿilla) der Grund oder das Motiv (bāʿiṯ) für die Entscheidung selbst ist, also der Grund, aus dem der Rechtsspruch (ḥukm) gesetzlich erlassen wurde. Mit anderen Worten ausgedrückt stellt der Rechtsgrund (ʿilla) die Absicht Allahs (t) dar. Es besteht daher ein klarer Unterschied zwischen diesen beiden.

Außerdem ziehen sie die folgende Aussage des Gesandten (s) als Beleg heran:

«لَا ضَرَرَ وَلَا ضِرَارَ فِي الإِسْلَم»

„Kein Schaden und keine Schädigung im Islam“

Dieser ḥadīṯ kann höchstens auf die Negation der Schlechtigkeiten (mafāṣid) im islamischen Recht in seiner Gesamtheit hinweisen. Gleichzeitig deutet er aber nicht auf einen Rechtsgrund hin, weder in Bezug auf das islamische Recht in seiner Gesamtheit, noch auf einen spezifischen islamischen Rechtsspruch.

Außerdem wurde dieser ḥadīṯ damit in Verbindung gebracht, den Schaden von den Menschen abzuwenden, während die Formulierung „im Islam“ darin nicht vorkommt. Ibn ʿAbbās (r) berichtet, dass der Gesandte Allahs (s) sagte:

«لَا ضَرَرَ وَلَا ضِرَارَ، وَلِل رجُلِ أَنْ يَضَعَ خَشَبَه فِي حَائِطِ جَارِهِ، وَإِذَااخْتَلَفْتُمْ فِي ال طرِيقِ فَاجْعَلُوه سَبْعَة أَذْرُع»

„Weder darf man schädigen noch vergeltend schädigen. Und ein Mann hat das Recht, ein Holzbrett an der Mauer seines Nachbarn anzubringen. Und wenn ihr hinsichtlich des Weges uneinig seid, so macht ihn sieben Ellen breit.” (Aḥmad)

Der genannte ḥadīṯ fällt daher nicht in den Themenbereich der übergeordneten Ziele der Scharia (maqāṣid aš-šarīʿa). Vielmehr hat er mit der Verhinderung der Schädlichkeit zu tun. Folglich gibt es in dieser Überlieferung keinerlei Indikation (dalāla) in Bezug auf das Thema, Interessen (maṣāliḥ) zu bringen und die Schlechtigkeiten (mafāṣid) abzuwenden. Auch enthält genannter ḥadīṯ keinen Hinweis darauf, dass dies einen Rechtsgrund (ʿilla) für die islamischen Rechtssprüche im Allgemeinen darstellt.

Auch wenn die Texte des Koran und der Sunna zu dem Ergebnis geführt haben, das sich aus der Umsetzung der Anwendung des islamischen Rechts ergibt, welches sich wiederum in der Verwirklichung von Nutzen und im Abwenden von Schlechtigkeiten (mafāṣid) manifestiert, deuten sie dennoch nicht darauf hin, dass sie einen Rechtsgrund (ʿilla) für die Gesetzgebung der Scharia oder einen Rechtsgrund (ʿilla) für jeden islamischen Rechtsspruch darstellen. Infolgedessen ist die auf diesen Beweisen beruhende Schlussfolgerung nicht gültig und fällt in Bezug auf dieses Sachgebiet weg.

2 – Das Ziel (ġāya) oder Resultat (natīǧa) des islamischen Rechts, Nutzen zu verwirklichen und Schaden abzuwenden, wird erst durch die Scharia in ihrer Gesamtheit verwirklicht. Was einzelne Rechtssprüche betrifft, so können die Ziele der Scharia durch die Einhaltung bzw. Umsetzung dieser verwirklicht werden aber auch ausbleiben. So sieht man heutzutage beispielsweise in den muslimischen Ländern und unter der Herrschaft der von Menschenhand geschaffenen Systeme, die sich dort etabliert haben, dass der verbotene Zins (ribā) ein wesentlicher Teil des Wirtschaftslebens des Volkes geworden ist und so jeder Händler oder Fabrikbesitzer, der nicht mit Zins (ribā) handelt, einen wirtschaftlichen Schaden erleidet. Wie genau kann also in einem solchen Fall von (weltlichem) Nutzen gesprochen werden? Und worin genau liegt der Nutzen in Bezug auf die Umsetzung des Rechtsspruchs (ḥukm), der sich aus der folgenden Überlieferung (ḥadīṯ) ableiten lässt:

«سَي د الشُّهَدَاءِّ حَمْزَة بْ ن عَبْدِّ الْ مطَّلِّبِّ وَرَ جلٌ قَامَ إِّلَى إِّمَامٍ جَائِّرٍ فَأمَرَه وَنَهَاه فَقَتَلَه»

„Der Herr der Märtyrer ist Ḥamza ibn ʿAbd al-Muṭṭalib, sowie ein Mann, der sich gegen einen ungerechten Imam erhebt, ihm das Rechte gebietet und sein Unrecht anprangert und dafür von ihm getötet wird.“ (at-Tirmiḏī; al-Hākim)

Daher stellen die Verwirklichung der Interessen (maṣāliḥ) oder das Abwenden von Schlechtigkeiten (mafāṣid) nicht das Ziel (ġāya) oder das Ergebnis der Anwendung von jedem einzelnen islamischen Rechtsspruch dar, sondern vielmehr das Ziel (ġāya) oder das Ergebnis des islamischen Rechts in seiner Gesamtheit.

3 – Was die Interessen (maṣāliḥ) betrifft, die sich aus der Anwendung spezifischer Rechtssprüche ergeben, so können diese nicht beispielhaft als Beleg (dalīl) herangezogen werden, um zu untermauern, dass die Rechtssprüche im Allgemeinen durch einen Nutzen begründet (muʿallala) sind. Aus der Heirat, einem Handel oder der Anstellung kann in gewissen Fällen ein Nutzen resultieren, während der Nutzen in anderen Fällen ausbleibt. Jemand könnte heiraten und keinerlei Nutzen daraus ziehen, oder er könnte jemanden einstellen und deshalb Verluste machen, genauso wie er einen verlustreichen Handel eingehen könnte. Die Verpflichtung zur Einhaltung der islamischen Rechtssprüche ergibt sich aus den islamrechtlichen Belegen (adilla), die dem spezifischen Rechtsspruch zugrundeliegen. Dabei ist ein möglicher Nutzen, der sich aus der Einhaltung der Rechtssprüche womöglich ergeben könnte, unerheblich. Ebenso unerheblich ist ein Schaden, der sich aus der Anwendung der Rechtssprüche ergeben könnte.

Daher darf weder das Verwirklichen von Interessen noch das Abwenden von Schlechtigkeiten als allgemeiner Rechtsgrund oder als Ergebnis der einzelnen Rechtssprüche verstanden werden. Eine solche Betrachtungsweise zieht grobe Fehler nach sich, die zur Folge haben, dass sich die Menschen und insbesondere die Muslime von der genauen Einhaltung der islamischen Rechtssprüche entfernen. Sie bringt Nachsicht mit sich, aber ebenso Fehler in Bezug auf die Gesetzgebung und die Herleitung der Rechtssprüche. Diese Fehler resultieren aus der Verknüpfung des Rechtsspruchs mit dem Nutzen.

4 – Was die Rechtsgründe (ʿilal) anbelangt, so ergibt eine Untersuchung der Offenbarungstexte, dass es Rechtssprüche gibt, die begründet (muʿallala) sind und damit einen Rechtsgrund (ʿilla) haben, ebenso wie es Rechtssprüche gibt, die keinen Rechtsgrund (ʿilla) haben.

Bei den gottesdienstlichen Handlungen (ʿībādāt) lässt sich kein Rechtsgrund (ʿilla) finden. Folglich wurde die kleine rituelle Waschung (wuḍūʾ) und die große rituelle Waschung (ġusl) im Fall der rituellen Unreinheit (ǧanāba) nicht zum Zweck der Sauberkeit erlassen, da die Ansprache des Gesetzgebers (t) in diesem Fall nicht auf einen Rechtsgrund (ʿilla) hindeutet. Ebenso wurde das Gebet nicht gesetzlich verankert, um den Körper zu trainieren, und das Fasten wurde nicht gesetzlich vorgeschrieben, um die Gesundheit des Fastenden zu verbessern. Tatsächlich könnte jemand durch das Fasten sogar erkranken.

Anderen Rechtssprüchen liegt ein Rechtsgrund (ʿilla) zugrunde. So z.B. in den Rechtsbeziehungen (muʿāmalāt) und den Strafen (ʿuqūbāt). Allah (t) hat uns den Handel zur Zeit des Freitagsgebets verboten. Dieses Verbot ist an einen Rechtsgrund (ʿilla) geknüpft, nämlich die Ablenkung (al-ilhāʾ) vom Gebet. Außerdem hat der Gesetzgeber (t) den Besuch von Gäbern verboten und dann wieder erlaubt, wobei die Erlaubnis an einen Rechtsgrund gekoppelt ist, nämlich, dass das Besuchen der Gräber eine Person an das Jenseits erinnert. Allah (t) verbot dem Richter zu richten, während er wütend ist, weil seine Wut sein Urteilsvermögen trübt. Diese Rechtsgründe (ʿilal) könnten vom Gesetzgeber (t) im Text entweder explizit erwähnt (ṣarāḥatan) oder aus der Ansprache des Gesetzgebers abgeleitet werden (istinbāṭan). Das liegt daran, dass es sich um Rechtsgründe (ʿilal) der Scharia handelt und diese ihren Ursprung nicht in der Ratio haben. So ist jeder Rechtsgrund (ʿilla) spezifisch an einen bestimmten Rechtsspruch (ḥukm) gebunden und erstreckt sich nicht über diesen hinaus auf einen anderen Rechtsspruch.

Aus diesem Grund ist die Aussage oder Meinung, dass das Verwirklichen von Nutzen (ǧalb al-maṣāliḥ) und das Abwenden von Schlechtigkeiten (darʾ mafāṣid) einen allgemeinen Rechtsgrund (ʿilla) für jeden islamischen Rechtsspruch darstellt gegenstandslos, weil dem islamischen Rechtsspruch, der einen Rechtsgrund hat, ein Offenbarungstext zugrundeliegen muss, der auf diesen Rechtsgrund hindeutet.

Die Verwirrung und der Irrtum bezüglich der Extraktion und Deduktion der islamischen Rechtssprüche führten zu einer Schwäche im Hinblick auf das allgemeine Verständnis über den Islam, was wiederum zur Schwächung der Muslime und dann schließlich zur Schwächung des Islamischen Staates und zu dessen Untergang zur Zeit der Osmanen führte. Daher sind Präzision und penible Forschung notwendig, wenn man den islamischen Rechtsspruch aus den ihm zugrundeliegenden Belegen abzuleiten versucht. Auch hat man sich dabei strikt an die korrekte Methode der Ableitung von Rechtssprüchen (iǧtihād) zu halten, nämlich jene Methode der Rechtsableitung, gemäß der die Prophetengefährten (r) Rechtssprüche abgeleitet haben.