KOMMENTAR

- 02.10.2020

Die Welt nach der Corona-Pandemie

Die Menschheit wartet sehnsüchtig auf ein Ende der Pandemie. Kaum ein Mensch hätte gedacht, eine solche je zu erleben. Wir kannten Pandemien bislang nur aus apokalyptischen Filmen, in denen ein Virus die Menschen in menschenfressende Zombies verwandelt und die Menschheit auszulöschen droht. In der Realität scheint die Pandemie eine umgekehrte Wirkung zu haben, jedoch nicht, weil das Corona-Virus Zombies wieder in Menschen verwandelt, sondern weil die Pandemie das menschenfressende kapitalistische System ausbremst. Welche Welt wünschen sich die Menschen also zurück, wenn sie ein Ende der Pandemie herbeisehnen?

Es gibt kaum einen Bereich, der nicht von der Pandemie beeinträchtigt wurde. Gerade die Tourismusbranche ist in der Corona-Krise in besonders starkem Maße in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Tourismus wurde anfangs noch ins künstliche Koma versetzt und ist völlig zum Erliegen gekommen, bevor man ihn wieder aufwachen ließ, um den Menschen den Sommerurlaub zu ermöglichen. Mit steigender Zahl der Neuinfektionen durch die Urlaubsrückkehrer war allerdings klar, dass Tourismus in der Pandemie nicht funktioniert und man von Reisen abraten muss. Aber wollen wir überhaupt einen Tourismus wie vor der Pandemie – insbesondere in den islamischen Ländern?

In einigen Ländern der islamischen Welt ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftssektor, wie beispielsweise in der Türkei. Für die Türkei ist der Tourismus aber nicht nur ein wichtiger Wirtschaftszweig, sondern auch eine der wichtigsten Quellen für Devisen. Ähnlich sieht es für Ägyptens Wirtschaft aus, deren Haupteinnahmequelle der Tourismus ist. Der ägyptische Staat ist fokussiert auf die Tourismusindustrie und die Förderung dieser. Auch für Tunesien ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle. Diese islamischen Länder verbiegen sich geradezu für den Tourismus, um immer mehr Touristen anzulocken und alle ihre Bedürfnisse jenseits irgendwelcher islamischen Gebote zu befriedigen. Sie haben sich in eine wirtschaftliche Abhängigkeit gebracht, die dazu führte, dass ihre Wirtschaft durch die Pandemie zum Erliegen gekommen ist. Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Muslime vom Tourismus kann kein Zustand sein, den wir uns wünschen. Aber genau diesen Zustand streben die Staaten mit der Bekämpfung der Pandemie an.

Alles soll wieder so sein wie vor der Corona-Krise. Für einen Teil der Menschen heißt das, dass sie sich wieder voll und ganz ihrer Bedürfnisbefriedigung widmen und ihren Wohlstand auf der Ausbeutung anderer aufbauen können. Die westlichen Industriestaaten nehmen schon den Kopf wie ein Stier runter und scharren mit dem Fuß, damit sie wieder losstürmen können, sobald der Corona-Zaun fällt, der sie derzeit davon abhält, ihren sonst gewohnten Raub an Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft umzusetzen. Man möchte, dass der Konsum der Menschen wieder hochfährt, um die Produktion in den armen Ländern, in denen die Menschen für einen Hungerlohn und unter Voraussetzungen arbeiten, die ihre Gesundheit zerstören, wieder in großem Umfang aufzunehmen. Die Näherinnen in Bangladesch sollen, wie gewohnt, zu einem unfairen Lohn in Textilfabriken eingepfercht werden und für die reichen Industriestaaten Kleidung nähen. Die westlichen Industriestaaten wünschen sich nichts sehnlicher, als dass die Ausbeutung ihren gewohnten Lauf nimmt wie vor der Pandemie.

Die Welt vor der Pandemie ist eine kapitalistische Welt, die nur funktioniert, weil es Ausbeuter und Ausgebeutete gibt bzw. Kolonialmächte und Länder, die unter dem Einfluss dieser Kolonialmächte stehen. Diese Konstellation besteht auch während der Corona-Krise, jedoch geriet die Ausbeutung durch die Krise ins Stocken, so dass erstmals auch die Menschen in den reichen Industriestaaten erfahren mussten, dass nicht mehr alles unbegrenzt verfügbar ist. Die Krise setzte ihrem Wohlstand und ihrem Konsumverhalten in großem Umfang Grenzen. So standen sie plötzlich in den Supermärkten vor leeren Regalen und mussten um Nachschub fürchten. Zwar war das nicht eine direkte Folge der Corona-Pandemie, sondern der Hamsterei, aber dennoch war das Brot- oder Nudelregal in der Anfangszeit der Corona-Krise leer und um das letzte Toilettenpapier haben Menschen sich geprügelt. Mit dem Wunsch vieler Menschen nach einer Welt wie vor der Pandemie wünschen sie sich im Grunde nichts anderes als die gewohnten Verhältnisse zurück, in denen die einen auf der Seite der Ausbeuter stehen und die anderen die ihnen zugeordnete Rolle der Ausgebeuteten weiter einnehmen.

Für uns Muslime hängt viel mehr an der Frage nach der Welt nach der Corona-Pandemie als nur die Wiederherstellung von Wohlstand und unbegrenztem Konsum. Denn die islamischen Länder und ihre Bevölkerungen stehen auf der Seite der Ausgebeuteten. Es ist die islamische Welt, die sich unter dem Einfluss der Kolonialmächte befindet und den Diktatoren ausgeliefert ist, die in Vertretung der Kolonialmächte dafür sorgen, dass die Muslime unterdrückt werden und der Islam nicht angewendet wird. Und wenn ihre Vertreter die Lage nicht unter Kontrolle haben, schicken die Kolonialmächte ihre eigenen Armeen oder die ihrer Verbündeten in die islamischen Länder und bringen Tod und Verderben. Den Muslimen sollte bewusst sein, dass sie unter den Kolonalmächten viel stärker leiden als unter der Pandemie. Die Kolonialmächte sind für die islamische Umma weitaus tödlicher als irgendein Virus. Wir Muslime sollten uns daher nicht mit einer Welt nach der Pandemie zufriedengeben, die jener Welt vor der Corona-Krise entspricht, sondern einen Zustand für die islamische Umma anstreben, die nicht nur frei vom Corona-Virus ist, sondern auch vom zerstörerischen Kolonialismus. Dazu ist kein Impfstoff nötig, sondern ein richtiges Islamverständnis, das sich ausschließlich auf die Offenbarungstexte beruft. Die Welt, die wir Muslime anstreben, ist eine Welt vor der Zerstörung des Kalifats, ob während oder nach der Pandemie.

(U. A.)