KOMMENTAR

- 05.10.2020

Zersetzende Begriffe

Bekanntlich gehören Begriffe zu den wichtigsten Werkzeugen im politischen Diskurs. Mit ihnen können Ideen und Standpunkte formuliert und politische Gegner verbal attackiert werden. Sie dienen dazu, die Meinungsbildung genauso wie die Meinungsänderung der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Nicht umsonst hat sich die plakative Formel vom „Besetzen der Begriffe“ in der politischen Kommunikation längst durchgesetzt.

Mit Begriffen lassen sich aber auch soziopolitische Missstände beschreiben und zusammenfassen. Dann allerdings drücken sie häufig nicht nur den erkannten Missstand aus, sondern transportieren gleichzeitig ein bestimmtes Menschen- und Gesellschaftsbild. Exemplarisch hierfür können die diversen Frauenbewegungen des Feminismus herangezogen werden. Ihre Kritik erschöpfte sich nicht allein darin, die vermeintliche oder tatsächliche Unterdrückung der Frau in Europa lediglich zu benennen. Ausgehend von ihrem Menschenbild versuchte man die Problematik tiefgreifender zu beleuchten und warf die Frage auf, ob es denn überhaupt gravierende Unterschiede zwischen Männern und Frauen gäbe, die eine bestimmte Rollenverteilung in einem sozialen Gefüge rechtfertigen könnte. Aus dieser Überlegung heraus entwickelte sich allmählich die Idee der Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau. Ihr Kernargument bestand darin, dass die vorgefundenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern Konstrukte seien, die in Wirklichkeit gar nicht existierten und demzufolge sukzessive aufgehoben werden müssten. Nur auf diese Weise ließe sich das Ideal einer rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung der Frau mit dem Mann herstellen.

Dieses Beispiel macht zum einen deutlich, dass sich hinter Begriffen wie Feminismus, Gleichberechtigung oder Emanzipation konkrete Konzepte verbergen. Zum anderen erfolgt jegliche Kritik an soziopolitischen Verhältnissen keinesfalls wertneutral. Vielmehr wird sie auf Grundlage einer bestimmten weltanschaulichen Perspektive, einem Werteverständnis oder einem angestrebten Gesellschaftsideal geübt. Das eigene Menschen- und Gesellschaftsbild wurde im obigen Fall zum Ausgangspunkt sowohl für die kritische Auseinandersetzung mit der Stellung der Frau als auch für die daraus entstandenen Lösungsansätze. Gerade Muslime, die sich als politische Akteure begreifen, sollten sich diese Erkenntnis stets vor Augen führen, wenn es darum geht, Begriffe oder Narrative in das eigene politische Vokabular einfließen zu lassen. Denn übernehmen Muslime vorbehaltlos bestimmte Begriffe, übernehmen sie gleichzeitig die dahinterstehende Kritik und demzufolge auch das zugrunde liegende Menschen- und Gesellschaftsbild. Welche Gefahren das insbesondere für die eigene politische Agenda haben kann, soll an folgendem Beispiel illustriert werden.

Die derzeitige Integrationspolitik, die sich in jahrelanger Hetze, zahlreichen Verbotsdebatten und der Kriminalisierung von Muslimen widerspiegelt, wird auch innerhalb der Mehrheitsgesellschaft von einigen Seiten kritisch aufgegriffen und unterschiedlich bezeichnet. Neben Islamophobie oder Islamfeindlichkeit kursiert vor allem unter Soziologen seit einiger Zeit der antimuslimische Rassismus als alternativer Begriff und Versuch, die stetig wachsende Feindseligkeit gegenüber Muslimen präziser zu beschreiben. Neben dem Rechtsaußenspektrum sei der antimuslimische Rassismus mittlerweile in der bürgerlichen Mitte und sogar in linken Argumentationen zu finden. Obwohl die biologische Unterscheidung hier nicht im Vordergrund steht, sei auch diese Form der Diskriminierung als Phänomen zu begreifen, das auf dem Prozess der sogenannten Rassifizierung aufbaut – also der Konstruktion von Anderen. Der Rassismusbegriff wird hierbei jedoch weiter gefasst, indem Menschen neben phänotypischen Merkmalen zudem auf Basis kultureller und religiöser Zuschreibungen markiert werden und eine unüberbrückbare Differenz zur jeweiligen Mehrheitsgesellschaft behauptet wird. Daher sei der antimuslimische Rassismus ein Paradebeispiel für einen Rassismus ohne Rasse, wie es der französische Philosoph Etienne Balibar formulierte, dessen vorherrschendes Thema nicht mehr die biologische Vererbung, sondern die Unaufhebbarkeit der kulturellen Differenz ist.

Den Hass und die Hetze als antimuslimischen Rassismus zu bezeichnen, kann für Muslime auf den ersten Blick durchaus sinnvoll erscheinen. Schließlich lehnt der Islam rassistische Vorstellungen vehement ab, besitzen doch Rasse, Hautfarbe oder die Herkunft – also die phänotypischen Merkmale eines Menschen – im Islam keinerlei Relevanz für das soziale Zusammenleben. Doch die Rassismuskritik, wie sie hierzulande geübt wird, setzt an einem ganz bestimmten Punkt an, was sich auf die gesellschaftliche Betrachtung insgesamt auswirkt. Durch den Prozess der Rassifizierung werden zunächst Unterschiede konstruiert. Diese sozial hergestellten Unterschiede lassen sich anschließend in entsprechende Deutungsmuster einbetten, womit eine Auf- und Abwertung der jeweiligen Menschenrasse einhergehe. Dem Rassismusforscher Rudolf Leiprecht zufolge werden auf diese Weise Menschen, die einer konstruierten Gruppe angehören, als homogene Gruppe und nicht mehr als individuelle Akteure verstanden.

Der antimuslimische Rassismus funktioniere in gleicher Weise. So würden die hierlebenden Muslime auf kultur- bzw. religionsspezifische Merkmale reduziert und dadurch homogenisiert, ohne dabei die ganze Bandbreite an verschiedenen Interpretationen und Ansichten über den Islam zu berücksichtigen, die innerhalb der muslimischen Community existieren. So unterschieden sich Muslime hinsichtlich ihrer Religiosität stark voneinander. Auch spiele der Islam für den Einzelnen Muslim nicht immer eine zentrale Rolle im Leben, vor allem wenn es um die Identitätsbildung geht. Entscheidend an dieser Stelle ist jedoch, dass derartige Markierungen auf Basis kultureller- und religiöser Aspekte genauso wie im biologischen Rassismus als soziale Konstrukte aufgefasst werden, die ihren Ausdruck in der inzwischen fest etablierten Plattitüde findet, es gebe nicht den Islam. Die Gefahr, die sich für die politisch aktiven Muslime daraus ergibt, ist offenkundig; existieren nicht der Islam und die Muslime, so existiert auch nicht die muslimische Gemeinschaft. Die logische Konsequenz wäre, dass Muslime in so einem Fall ungeachtet ihrer Differenzen und Meinungsverschiedenheiten nicht als Kollektiv wahrgenommen werden würden. Sie könnten nicht als Repräsentanten ihrer eigenen Community fungieren und in ihrem Namen sprechen. Ebenso wenig ließen sich vitale Interessen definieren, wie zum Beispiel der Schutz der islamischen Identität.

Es ist nicht zu übersehen, dass hier zwei unterschiedliche gesellschaftliche Betrachtungen aufeinanderprallen. Die tatsächlich bestehende innerislamische Pluralität stellt aus Sicht des Islam nicht das Problem dar, solange sie nicht den dafür vorgesehenen Rahmen sprengt. Denkt man die Gesellschaft jedoch vom Individuum her, wird diese Pluralität über die muslimische Community gesetzt – was zu den oben genannten Folgen führen könnte. Der antimuslimische Rassismus ist somit nicht nur ein Konzept, dass die Diskriminierung von Muslimen zu beschreiben versucht, sondern es transportiert das linksliberale bzw. postmoderne Gesellschaftsbild, welches das Individuum ins Zentrum der Betrachtung rückt und jegliche Formen kollektiver Identität als Konstrukte abwertet und unterdrückt.

Vor diesem Hintergrund werden die hiesigen Unzulänglichkeiten im Umgang mit weltanschaulichen Minderheiten erneut sichtbar. Im Grunde genommen kann die bundesdeutsche Gesellschaft lediglich mit zwei Ansätzen aufwarten, die im Kern allerdings auf dieselbe Problematik zurückgehen. Der erste Ansatz geht zunächst von der Existenz kultureller und weltanschaulicher Differenzen aus. Für ein friedliches Zusammenleben seien diese Differenzen jedoch ein Hindernis und müssten zwangsläufig aufgelöst werden. Je nachdem welche politische Strömung das Ruder in der Hand hält, werden die Minderheiten vor die Wahl gestellt, sich entweder zum Wertekanon der Mehrheitsgesellschaft zu bekennen oder die Heimreise anzutreten. Erstere äußert sich in der aktuellen Integrationspolitik und würde bei konsequenter Umsetzung in einen Ethnozid münden. Der linksliberale Ansatz dagegen erkennt die weltanschaulichen Differenzen zwar an. Allerdings als bloßen Ausdruck individueller Selbstentfaltung, aus der heraus keine Gruppenidentität entstehen darf, die sich über dem Primat der individuellen Freiheitsrechte stellen würde. Denn diese bilden das Wertegerüst, dem sich die Menschen mit ihren diversen Lebensentwürfen unterzuordnen haben. Die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Bekenntnisse sei somit nur unter diesen Voraussetzungen möglich, was jedoch eine kulturell-weltanschauliche Gleichmacherei zur Folge hätte. Deutlich abzulesen lässt sich diese Vorgehensweise an der Multi-Kulti-Idee, die der Soziologe Rainer Geißler wie folgt skizziert: Ein Kern von gemeinsamen Grundwerten garantiert den Zusammenhalt des Ganzen und setzt der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz und dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen. Der gemeinsame Rahmen hat klaren Vorrang vor den besonderen Teilkulturen. Beiden Ansätzen ist demzufolge gemein, dass sie kulturell-weltanschauliche Differenzen als Hindernis für die Funktionsweise und den Zusammenhalt einer Gesellschaft sehen. Ebenso sind sich beide Ansätze darin einig, diese Differenzen mittel- oder langfristig beseitigen zu müssen.

Um sich den gegenwärtigen Assimilierungstendenzen wirksam entgegenzustellen, ist es unverzichtbar, dass sich die muslimische Gemeinschaft als politischer Akteur in den Diskurs aktiv einbringt. Doch genauso unverzichtbar ist die kritische Auseinandersetzung mit Begriffen, die diese Tendenzen in welcher Art auch immer zu beschreiben versuchen. Der antimuslimische Rassismus ist ein hervorragendes Beispiel dafür, welche Tragweite eine unreflektierte Übernahme politischer Begriffe und Narrative für die eigene Agenda haben kann. Denn die Zukunft der Muslime in Deutschland kann sicherlich nicht darin bestehen, unter dem Deckmantel der Idee einer kulturellen Gleichwertigkeit die eigene Überzeugung den sogenannten Grundwerten unterzuordnen, bis diese sich komplett auflöst. Genau dieses linksliberale Gesellschaftskonzept steckt hinter dem antimuslimischen Rassismus.

Aus diesem Grund muss die muslimische Gemeinschaft damit beginnen, den Islam-Diskurs durch eigene Begriffe zu prägen, die ihre Standpunkte nicht nur präzise wiedergeben, sondern vor allen Dingen im Einklang mit ihren gesellschaftlichen Vorstellungen stehen. Denn im Gegenzug laufen Muslime Gefahr, die islamische Identität mit Hilfe von Begriffen schützen zu wollen, ohne dabei zu bedenken, dass es womöglich genau diese Begriffe sind, die ihre Identität zu zersetzen versuchen.

(Y. I.)