KONZEPTION

- 20.10.2020

Spiritualität – Die emotionale Suche des Menschen nach Gott (Teil 1)

Die Suche nach Gott, ihn zu verstehen und ihm näher zu kommen, ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Geschichte der Menschheit. Die Religion ist daher schon seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte eine mächtige Kraft in den Gesellschaften. Die menschliche Neigung zur organisierten Religion ist ein klarer Ausdruck des menschlichen Verlangens, eine höhere Macht zu verehren. So lassen sich Berichte über die Suche nach Gott in verschiedenen Zivilisationen und unterschiedlichen Glaubenssystemen über viele Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg ausfindig machen, wobei viele Menschen durch diese Suche in die Irre geführt wurden. Die Existenz verschiedener Glaubenssysteme und Religionen ist mitunter auf die unterschiedlichen menschlichen Erfahrungen bei der Suche nach Gott zurückzuführen. Bei der Bestrebung, Gott zu finden, entwickelten die Menschen eine Vielzahl von Konzepten und Ritualen, die auf ihren persönlichen Erfahrungen bei dieser Suche beruhten. Im Zentrum dieser Suche nach Gott stand die Spiritualität – der emotionale Zustand, in dem sich die Menschen mit Gott verbunden fühlten.

Der Begriff der Spiritualität wurde von den verschiedenen Glaubenssystemen unter Heranziehung unterschiedlicher Interpretationen verwendet. Die am weitesten verbreitete und mehrheitlich verstandene Bedeutung bezieht sich auf den Menschen, der die Nähe zu Gott sucht. Daher wird der Begriff in der Regel dazu verwendet, um die persönlichen Empfindungen eines religiösen Menschen in Bezug auf Gott zu umschreiben.

Einige Personen verwendeten den Begriff der Spiritualität jedoch, um die Beziehung des Menschen zum Universum oder zu einer sogenannten „Naturgewalt“ zu beschreiben. Diese Personen glauben, dass das Universum, in dem der Mensch lebt, und welches lebendige und leblose Wesen und Dinge einschließt, eine besondere Beziehung oder Bindung zum Menschen hat. Sie sprechen also über die Beziehung des Menschen zur Natur und wie diese miteinander kommunizieren. Dieses Band wird häufig als ein geistiges Band betrachtet.

Ein anderes Verständnis von Spiritualität bezieht sich auf das erhabene Gefühl der Freude, das der menschliche Körper empfindet. Extreme Sinnesfreuden werden als Ausdruck der machtvollen Energie der Seele betrachtet. Obwohl auch einige alte, heidnische Glaubenssysteme diese Sichtweise der Spiritualität vertreten, hat der moderne westliche Liberalismus, der seinen Schwerpunkt auf die individuelle Freiheit legte, dieser Betrachtungsweise neue Impulse gegeben.

Unter anderem wird Spiritualität aber auch als die Beziehung des Menschen zu seiner Seele definiert. Die Vertreter dieser Sichtweise betrachten Meditation und das Verbringen von Zeit in Einsamkeit, um das eigene Selbst zu entdecken, als eine spirituelle Übung. Durch das Alleinsein wäre der Mensch in der Lage, seinen inneren Konflikt zu lösen und so Frieden und spirituelle Befriedigung zu erlangen.

Obwohl verschiedene Religionen, Glaubenssysteme und Denker unterschiedliche Ansichten über den Begriff der Spiritualität teilten, oder darüber, wie man Gott näherkommen kann, bezieht sich das weitverbreitetste Verständnis über Spiritualität jedoch auf die Beziehung des Menschen zu Gott. Aus diesem Grund ist es eben dieses Verständnis, das wir nun diskutieren und behandeln wollen.

Es gibt drei dominierende Themen, in denen sich fast alle Ansichten über den Begriff der Spiritualität überschneiden:

- Der in der Natur des Menschen vorhandene Dualismus, der besagt, dass der Mensch aus einem geistigen und einem materiellen Selbst So stellt der spirituelle Teil des Menschen seine Verbindung mit Gott dar und der materielle Teil des Menschen seine Verbindung mit dieser Welt. Dieser Ansicht zufolge stehen der geistige und der materielle Teil miteinander in Konflikt. Damit der Mensch Gott näherkommen kann, muss er seinen „materiellen Teil“ unterdrücken und seinen spirituellen Teil emporheben. Dieser Konflikt definiert die Suche des Menschen nach Gott. Wenn es ihm also gelingt, Herr über seinen materiellen Teil zu werden, wird er Gott finden. Wenn er dabei jedoch scheitern sollte, gehört er zu den Verdammten und ist auf dem Weg Gottes verloren.

- Der Glaube an eine mögliche Einheit mit Gott und der Versuch, die Beziehung zwischen dem Menschen, dem Universum und Gott vor dem Hintergrund dieser Einheit zu erklären. Dieser Glaube betrachtet das Universum und den Menschen als Teil der Einheit Gottes, wobei diese Beziehung zueinander mitunter nicht unbedingt physisch verstanden wird. Was genau diese Einheit bedeutet ist vage, aber es ist ein Versuch, die Beziehung zwischen dem Menschen, dem Universum und der Existenz Gottes zu erklären.

- Die Beziehung des Menschen zum Universum und die Beziehung des Universums zum Menschen und wie sich seine Beziehung bzw. Nähe zu Gott auf seine Beziehung zum Universum auswirkt. Das Universum wird entweder als Teil Gottes, oder aber als Ausdruck seiner Einheit oder seiner Schöpfung gesehen. So wird allgemein angenommen, dass die Nähe des Menschen zu Gott diesem hilft, die Naturgewalten zu beherrschen, oder dass das Universum oder die Natur mit dem Menschen kommuniziert, um diesem zu helfen, Gott näher zu kommen.

Der Islam hingegen hat eine sehr einzigartige und ausgeprägte Sichtweise auf die Spiritualität. Die rasche Ausbreitung des Islam brachte ihn mit verschiedenen Glaubenssystemen und Zivilisationen in Kontakt. Die Interaktion der Muslime mit diesen unterschiedlichen Glaubenssystemen und Zivilisationen führte zu einigen fehlerhaften Konzeptionen, die Teil dieser fremden Zivilisationen waren und von der islamischen Zivilisation absorbiert wurden. So wurde unter anderem die muslimische Sichtweise auf die Spiritualität durch diese fremden Konzeptionen beeinflusst.

Nun soll auf einige dieser fremden Konzeptionen eingegangen werden, die sich direkt oder indirekt auf die muslimische Sichtweise der Spiritualität auswirkten.

Im Zentrum des Hinduismus steht der Glaube an einen absoluten Gott, der als eine Art reiner Geist beschrieben wird. Die menschliche Seele, also das Geheimnis des Lebens, ist ewig und sie ist Teil dieses absoluten Gottes. Die Seele ist in allem und jedem gegenwärtig, wobei eine Einheit existiert, welche das gesamte Leben umfasst. Die sich auf der Erde befindende Seele muss jedoch einen Prozess der Reinigung durchlaufen, bis sie die Reinheit dieses absoluten Gottes annimmt oder ein Teil dieses Gottes wird. Die Idee der Wiedergeburt im Hinduismus beschreibt die Reise der Seele in diesem Universum, in dem sie einen Reinigungsprozess durchläuft. Die Seele wird also in einem schrittweisen Prozess, mit dem Ziel der endgültigen Reinheit, gereinigt, bis sie entweder den Reinheitsgrad Gottes selbst annimmt, oder zu einem Teil von ihm wird. Der spirituelle Mensch im Hinduismus gibt alle weltlichen Vergnügungen auf, prangert soziale Beziehungen an und strebt einzig nach der Reinigung seiner Seele.

Der Zoroastrismus, eine alte Religion, die in Persien noch vor der Ankunft des Islam praktiziert wurde und heute noch von einigen Anhängern praktiziert wird, glaubt an zwei Götter. Den Gott des Guten und den Gott des Bösen, zwischen denen es einen Konflikt gibt. Diesem Glauben nach, ist der Dualismus in der Natur des Menschen sowie des Universums das Ergebnis dieses Konflikts zwischen den beiden Göttern.

Ebenfalls wäre es hier hilfreich, die christliche Sichtweise auf die Spiritualität zu verstehen. Muḥammad Asad beschreibt die christliche Sicht auf die Spiritualität in seinem Buch „Islam am Scheideweg“ wie folgt: „Dem christlichen Dogma zufolge strauchelt die Menschheit aufgrund einer von Adam und Eva begangenen Erbsünde, und folglich wird das gesamte menschliche Leben - zumindest in der dogmatischen Theorie - als ein düsteres Jammertal betrachtet. Es ist das Schlachtfeld zweier gegensätzlicher Kräfte: des Bösen, vertreten durch Satan, und des Guten, vertreten durch Jesus Christus. Mit Hilfe der körperlichen Versuchungen versucht Satan, den Fortschritt der menschlichen Seele zum ewigen Licht zu verhindern; und während die Seele zu Christus gehört, ist der Körper der Spielplatz satanischer Einflüsse. Man könnte es anders ausdrücken: Die Welt der Materie ist im Wesentlichen satanisch, während die Welt des Geistes göttlich und gut ist. Alles in der menschlichen Natur, was materiell oder ‚fleischlich‘ ist, wie die christliche Theologie es zu nennen pflegt, ist eine direkte Folge davon, dass Adam dem Rat des höllischen Fürsten der Finsternis und der Materie erlag. Um das Heil zu erlangen, muss der Mensch daher sein Herz von dieser Welt des Fleisches abwenden und sich der zukünftigen, geistlichen Welt zuwenden, in der die ‚Erbsünde‘ durch das Opfer Christi am Kreuz erlöst wird.“

Das Streben nach Spiritualität in der islamischen Zivilisation wurde insbesondere von sufistischen Bewegungen im Islam gefördert. Diese traten erstmals während des Kalifats der Abbasiden in Bagdad auf, wobei man ihre Befürworter mehrheitlich im islamischen Persien und auch in Zentralasien fand. Später wurden sie zu einer einflussreichen Macht auf dem indischen Subkontinent, noch während der Zeit der muslimischen Regentschaft. Die Lehren der Sufisten unterschieden sich zwar je nach Region und Person, dennoch kann man einige allgemeinere Themen innerhalb dieser Lehren finden. Eine der hervorstechendsten Ideen im Denken der Sufisten ist die der menschlichen Seele und ihrer Beziehung zu Allah. Die Sufisten beziehen sich auf den folgenden Vers aus dem Koran, um eine Verbindung zwischen der menschlichen Seele und dem Wissen über die Einheit Allahs (t) zu suggerieren:

﴿وَإِذْ أَخَذَ رَبُّكَ مِنْ بَنِي آدَمَ مِنْ ظُهُورِهِمْ ذُرِّيَّتَهُمْ وَأَشْهَدَهُمْ عَلَى أَنْفُسِهِمْ أَلَسْتُ بِرَبِّكُمْ قَالُوا بَلَى شَهِدْنَا أَنْ تَقُولُوا يَوْمَ الْقِيَامَةِ إِنَّا كُنَّا عَنْ هَذَا غَافِلِينَ

Und als dein Herr aus den Kindern Adams, aus ihren Rücken, ihre Nachkommenschaft nahm und sie gegen sich selbst zeugen ließ: "Bin Ich nicht euer Herr?" Sie sagten: "Doch, wir bezeugen (es)!" (Dies,) damit ihr nicht am Tag der Auferstehung sagt: „Wir waren dessen unachtsam“ (7:172)

Gemäß ihrer Interpretation ist sich die menschliche Seele also der Einheit Gottes bewusst, denn schließlich wurden alle menschlichen Seelen vor ihrer Geburt nach ihrem Herrn gefragt, und sie alle bezeugten, dass Allah (t) ihr Herr ist. Sobald sich die Seele jedoch mit den Begierden oder dem nafs des gläubigen Menschen vereint, wird das Wissen um das Wesen Gottes verhüllt, während der Ungläubige diese Verbindung zwischen der menschlichen Seele und der Einheit Gottes völlig vergisst. Ihrer Auffassung nach sind es die „Freunde Allahs (t)“ (auliyāʾ), die nämlich in der Lage sind, die Begierden des menschlichen Körpers zu beherrschen und so Gott näher zu kommen. Die Ṣūfī glauben, dass sowohl die Propheten als auch die auliyāʾ der Menschheit dazu verhelfen, die Nähe zu Allah (t) zu finden. Die Propheten und auliyāʾ vergessen den Tag, an dem der Mensch einen Pakt mit Allah (t) geschlossen hat, nicht, während das einfache Volk diesen Tag vergessen hat und daran erinnert werden muss. So sprechen die Ṣūfī von der Reise der Seele durch eine organisierte Hierarchie, bis die Seele in der Lage ist, die Einheit Gottes tatsächlich so zu begreifen, wie sie sie einst begriffen hatte. Diese Reise derjenigen, die Gott lieben, kann nur unter der Aufsicht von Meistern der Ṣūfī oder ihrer šuyūḫ unternommen werden, die ihnen dabei helfen, diese vollendete Wirklichkeit zu erreichen. Findet sich die menschliche Seele in der Realität des Göttlichen wieder, wird sie von dieser überwältigt, verliert ihre Identität und in manchen Fällen sogar das Bewusstsein über ihre Umgebung. Einige Ṣūfī haben versucht, diese „mächtige“ Begegnung mit der göttlichen Realität als die Verwirklichung der Einheit Gottes zu erklären, bei der die individuelle, menschliche Seele ihre Identität verliert und zu einem Teil der Einheit Gottes wird. Obwohl sich die Lehren der Ṣūfī auf die Suche der menschlichen Seele nach der Erfahrung mit der Einheit Gottes konzentriert haben, stellt man fest, dass sich ihre Ideen und ihr Vokabular auf den Dualismus im menschlichen Körper beziehen. So betrachten sie das Herz als eine Art Platz Gottes und das Selbst (nafs) als Zentrum körperlicher Begierden. Wenn ein Mensch seinem Herzen folgt, wird er Gott näherkommen. Sollte dieser jedoch seinem Verlangen folgen, so wird er sich von Gott entfernen. Die Reinheit der Seele ist also erst dann erreicht, wenn der geistige Aspekt des Menschen stärker ist, als sein materieller Aspekt (also die Begierden). Ihrer Auffassung nach erhalten die Ṣūfī und die Propheten als Freunde Allahs (t) Dessen (t) Zeichen, die im Falle der Propheten als Wunder und im Falle der Ṣūfī als karāmāt bezeichnet werden. Diese Zeichen helfen den Ṣūfī bei ihrer Aufgabe, der Menschheit zu helfen, bei dem Versuch, Allah (t) näher zu kommen.

Spiritualität ist ein emotionaler Zustand. Bezüglich der Frage, wie man den spirituellen Zustand definiert oder wie man versteht, was mit einem spirituellen Menschen geschieht, gibt es keine einzige und eindeutige Antwort von denjenigen, die sich zu diesem Thema geäußert haben. Unterschiedliche Menschen geben ihre spirituellen Erfahrungen unterschiedlich wieder. So weisen die verschiedenen Definitionen von Spiritualität auf eben diese Tatsache hin. Aus diesem Grund werden spirituelle Erfahrungen auch als Mystik bezeichnet. Jene Erfahrungen also, die nicht durch den rationalen Denkprozess erklärt werden können. Der große sufistische Dichter und Philosoph, Muḥammad Iqbāl, hat in seinem Buch „Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam“, das auf seinen Vorträgen über Philosophie basiert, auf genau dasselbe Phänomen hingewiesen. Im Kapitel „Wissen und religiöse Erfahrung“ stellt Iqbāl fest: „Für den primitiven Menschen war jede Erfahrung übernatürlich. Veranlasst durch die unmittelbaren Notwendigkeiten des Lebens wurde er dazu getrieben, seine Erfahrung zu interpretieren und dieser Interpretation entsprang allmählich der Begriff ‚Natur‘ in unserem Sinne des Wortes. Die Gesamtrealität, die in unser Bewusstsein eintritt und bei der Interpretation als empirische Tatsache erscheint, hat andere Wege um in unser Bewusstsein einzudringen und bietet weitere Möglichkeiten der Interpretation. Die offenbarte und mystische Literatur der Menschheit legt reichlich Zeugnis davon ab, dass die religiöse Erfahrung in der Geschichte der Menschheit zu beständig und dominant war, um als bloße Illusion abgelehnt zu werden. Es scheint also keinen Grund zu geben, die normale Ebene der menschlichen Erfahrung als Tatsache zu akzeptieren und ihre anderen Ebenen als mystisch und emotional abzulehnen. Die Tatsache der religiösen Erfahrung ist ein Fakt neben anderen Fakten der menschlichen Erfahrung und in der Fähigkeit, durch Interpretation Wissen zu vermitteln, ist ein Fakt so gut wie der andere […]“

Da die Qualität der mystischen Erfahrung direkt erlebt werden soll, ist es offensichtlich, dass sie nicht vermittelt werden kann. Mystische Zustände sind mehr wie ein Gefühl als ein Gedanke. Zwar können die Aussagen von Mystikern, ebenso wie die Aussagen des Propheten mystische Umstände betreffend, in Form von Satzkonstruktion weitergegeben werden, der Inhalt selbst hingegen kann auf diese Weise nicht einfach vermittelt werden.

In den folgenden Versen des Koran wird also folglich die Psychologie und nicht der Inhalt der Erfahrung gegeben:

﴿وَمَا كَانَ لِبَشَرٍ أَنْ يُكَلِّمَهُ اللَّهُ إِلَّا وَحْيًا أَوْ مِنْ وَرَاءِ حِجَابٍ أَوْ يُرْسِلَ رَسُولًا فَيُوحِيَ بِإِذْنِهِ مَا يَشَاءُ ۚ إِنَّهُ عَلِيٌّ حَكِيمٌ

Und es steht keinem menschlichen Wesen zu, dass Allah zu ihm spricht, außer durch Eingeben (von Offenbarung) oder hinter einem Vorhang, oder indem Er einen Boten sendet, der (ihm) dann mit Seiner Erlaubnis (als Offenbarung) eingibt, was Er will. Gewiss, Er ist Erhaben und Allweise. (42:51)

Iqbāl argumentiert, dass die bloße Existenz von Menschen, die von einer spirituellen Existenz erzählen, genüge, um ihre Existenz zu belegen. Und selbst wenn die Menschen, die eine solch spirituelle Erfahrung durchlaufen würden, nicht in der Lage wären, sie in verständlicher Weise zu erklären oder wiederzugeben, bedeute dies nicht, dass die spirituelle Erfahrung keine Grundlage für ein Wissen bilden kann, welches dem Menschen nutzen bringt.

Wie also versteht man Spiritualität? Handelt es sich um ein Phänomen, das in der Menschheitsgeschichte so häufig beobachtet wird und doch unerklärlich ist? Im Mittelpunkt des Problemverständnisses der Spiritualität steht die Idee dessen, was als Wissen und Fakt qualifiziert wird. Mit anderen Worten: Welche Methode oder welchen Denkprozess wenden Menschen an, der ihnen hilft, zwischen Fiktion und unwiderlegbaren Beweisen zu unterscheiden, die von niemandem geleugnet werden können? Diese Methode bezeichnen wir als Empfindungslogik (Manṭiq al-Iḥsās), also das Verstehen der Realität mittel direkter Wahrnehmung. Konkretes Wissen ist nur jenes Wissen, welches auf einer Empfindung beruht bzw. dieser entstammt. Wissen sollte also durch direkte Wahrnehmung der Realität aufgebaut werden. Nur Schlussfolgerungen oder Prinzipien, die aus der direkten Wahrnehmung der Realität abgeleitet sind, können als Grundlage für die Analyse und den Aufbau weiteren Wissens verwendet werden. Der menschliche Geist darf sich nicht mit Dingen befassen, deren Natur er nicht durch direkte Empfindung wahrnehmen kann. Eine solche Zuwendung würde auf Spekulationen beruhen und den menschlichen Verstand über die wahre Realität der Dinge in die Irre führen. So erging es den Menschen, die versuchten, die Ursachen und Gründe der Spiritualität zu verstehen. Sie beschränkten ihr Verständnis nicht auf die direkte Wahrnehmung der Realität, sondern versuchten, über etwas zu spekulieren, das in ihren eigenen Worten unerklärlich ist.

Die Verwirrung über die Spiritualität entstand aus der Verwirrung über zwei verschiedene Phänomene, die vom menschlichen Verstand direkt durch die Empfindung wahrgenommen wurden. Die Menschen beobachteten die Realität des Lebens und kamen zu dem Schluss, dass es ein Geheimnis des Lebens gibt, das sie als Seele bezeichneten. Auch fühlten und beobachteten sie in anderen Menschen persönlich den emotionalen Zustand der Spiritualität. Ein Gefühl und ein emotionaler Zustand der bestand, wenn sie sich Gott nahe fühlten. Sie nahmen an, dass beide miteinander verbunden sind, ohne dass es Beweise dafür gab, dass sie es tatsächlich waren. Das Nachsinnen über das Geheimnis des Lebens verwirrte die Menschen. Da sie nicht im Stande waren, dieses zu erklären, schufen sie ein Mysterium rund um die Idee des Lebensgeheimnisses. Die Seele faszinierte sie so sehr, dass sie soweit gingen, diese zu verehren. Sie betrachteten sie als etwas Mächtiges, denn in ihr liegt das Geheimnis, das die Grundlage allen menschlichen Lebens bildet. Die Faszination, die die Seele in ihnen ausgelöst hat, ist das Gefühl der Ehrfurcht und Überwältigung.

 

(E. D.)