KOMMENTAR

- 04.01.2021

Die Impfstrategie des Kalifats

Die Menschen hatten schon immer mit Seuchen zu kämpfen. Besonders gefürchtet waren die Pocken, die durch das Pocken bzw. Variolavirus ausgelöst werden. Über Jahrtausende wurden die Menschen von dieser Krankheit heimgesucht, die bis in die Neuzeit die häufigste Todesursache war. Als die Europäer Amerika eroberten, brachten sie auch das Pockenvirus mit und löschten teilweise ganze Völker damit aus, die im Gegensatz zu den Europäern mit dieser Krankheit noch nicht in Berührung gekommen waren und deshalb niemand immun dagegen war. Wer sich infizierte und die Pocken überlebte, war oftmals für sein Leben gezeichnet, denn der Körper war mit Narben übersät. Hätten sich die Menschen damals ihre Seuche aussuchen können, hätten sie wahrscheinlich Corona den Pocken vorgezogen. Denn die Pocken waren für Menschen aller Altersstufen gefährlich, vor allem aber für Kinder, die häufig an Pocken starben. Mit einer internationalen Impfstrategie konnten die Pocken schließlich ausgerottet werden, nachdem auch der letzte Mensch, der sich mit dem Pockenvirus infiziert hatte, geheilt war. Im Jahr 1979 verkündete die WHO daher die Ausrottung dieser Seuche, die nur von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts führte das Kalifat, in welchem die Pocken - wie in anderen Teilen der Welt auch - regelmäßig ausbrachen, den seinerzeit fortschrittlichsten Feldzug gegen diese Seuche und legte den Grundstein für das Impfen in Europa. Impfpraktiken gab es schon, aber die Muslime haben erstmals Massenimpfungen gegen die Pocken durchgeführt. Die Pockenimpfung sollte sich dadurch in der ganze Welt verbreiten. Anlass war der Ausbruch einer Pockenepidemie in Konstantinopel, durch die jedes zehnte Kind starb. Als der Kalif Ahmad III., der zwischen 1703 und 1730 regierte, von einer in Europa noch unbekannten Methode hörte, bei der Ärzte gesunde Menschen mit dem Pockenvirus infizierten, um sie immun zu machen, ließ er sie im Kalifat in großem Rahmen durchführen. Dies geschah in Form der Inokulation, später auch Variolation genannt, bei der die Haut des Gesunden angeritzt wird, um über kleine Wunden die Krankheitserreger zu übertragen, die man zuvor den Wunden Pockenkranker entnommen hatte. Das Virenmaterial stammte von nur leicht Erkrankten, so dass die Geimpften ebenfalls nur leichte Krankheitssymptome zeigten, ohne dass die Krankheit tödlich verlief, da das Immunsystem aktiviert wurde. Dadurch wurden sie dauerhaft immun gegen die Pocken. Ahmad III. ließ tausende Kinder erfolgreich impfen. Das Vorpreschen des Kalifen gibt die islamische Einstellung wieder, die auf dem folgenden Hadith basiert:

«إن الله عز وجل لم ينزل داء إلا أنزل له شفاء»

Allah hat keine Krankheit herabkommen lassen, ohne dass Er für sie zugleich ein Heilmittel herabkommen ließ. (al-Buḫārī) Auf diese Weise setzte es sich durch, dass selbst Mütter ihre Kinder gegen Pocken impften. Für diese Methode war nicht einmal ein Mediziner nötig.

Emanuel Timonius, ein italienischer Arzt, der im Osmanischen Reich lebte, berichtete 1713 in einem Brief an die Royal Society von der Methode der Inokulation im Kampf gegen die Pocken. Er zeigte sich begeistert von ihrer Anwendung im Kalifat, denn die behandelten Menschen erkrankten nur leicht und zeigten nach ihrer Genesung keine Entstellungen, wie es bei der Pockenkrankheit üblich war. Die Europäer waren für diese Methode jedoch nicht offen, denn sie vertraten die Einstellung, dass es tödlich sei, jemanden mit dem Pockenvirus zu infizieren. Sie hielten es für eine völlig abwegige Idee, Gesunde mit einer so gefährlichen Krankheit anzustecken und sie der Gefahr auszusetzen, an Pocken zu sterben. Hierbei bedachten sie nicht, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich auf natürliche Weise ansteckten und schwer erkrankten und starben im Grunde höher lag als die Wahrscheinlichkeit, an der Pockenimpfung zu sterben. Denn die Pockenseuche war immer gegenwärtig.

Trotz allem fand die Pockenimpfung, die Ahmad III. anwenden ließ, ihren Weg vom Kalifat nach Europa. Jedoch gilt in Europa nicht Ahmad III. als Impfpionier, sondern Lady Mary Montagu, die die Impfmethode der „Türken“ in England propagierte. Sie war die Frau des englischen Botschafters im Osmanischen Reich und sah im Jahr 1717, wie Frauen in Konstantinopel ihre Kinder mit Pocken infizierten. Anfangs hielt sie diese Praxis für barbarisch, bis sie begriff, welcher Sinn dahintersteckt: „Die Pocken sind hier völlig harmlos - dank der Erfindung des 'Aufpfropfens', wie man es nennt. Alte Frauen haben es zu ihrem Beruf gemacht, die Operation auszuführen. Mit einer Nussschale voll der besten Pustelflüssigkeit kommt eine und fragt, wo man denn möchte, dass ein Kind geritzt wird. Dann öffnet sie ein Äderchen mit einer großen Nadel und gibt so viel Flüssigkeit hinein, wie auf der Nadelspitze Platz hat, und die kleine Wunde wird verbunden. Die gepfropften Kinder spielen zusammen, und sieben Tage bleiben sie bei bester Gesundheit. Am achten bekommen sie Fieber und hüten zwei, drei Tage das Bett. Im Gesicht haben sie kaum mehr als zwanzig oder dreißig Pusteln, die keine Narben hinterlassen, und nach einer Woche sind sie wieder gesund. Tausende unterziehen sich jährlich dieser Behandlung, und der französische Gesandte hat gesagt, hier in der Türkei erledigt man die Pocken zum Zeitvertreib, so wie man andernorts auf Kur fährt. Es gibt keinen einzigen Todesfall, und Ihr könnt mir glauben, dass ich das Experiment für äußerst unbedenklich halte, denn ich will es umgehend an meinem eigenen lieben kleinen Sohn ausprobieren." Lady Mary Montagu war fasziniert von der Pockenimpfung, denn sie hatte 1715 eine schwere Pockenkrankheit durchlebt und war von den Narben so gezeichnet, dass sie sich im Spiegel kaum wiedererkannte. Außerdem war zuvor schon ihr Bruder an Pocken gestorben.

Zunächst stieß die Idee von der Pockenimpfung nach dem Vorbild des Kalifats auf Widerstand in England. Man testete die Methode nach typisch englischer Art anfangs an Waisen und Verbrechern. Erst nachdem diese Versuche erfolgreich waren, konnte Lady Montagu König George I. überreden, seine Enkel impfen zu lassen. Das Pockenimpfen blieb jedoch ein Privileg des Adels und der Oberschicht, denn, anders als im Kalifat, nahmen Ärzte die Inokulation vor und ließen sich dafür gut bezahlen. Die Pockenimpfung kam in Mode und Lady Montagu wurde schlagartig berühmt. Bis heute wird die Inokulation in Europa auf sie zurückgeführt, statt den Kalifen Ahmad III. damit in Verbindung zu bringen, ohne den im 18. Jahrhundert die Pockenimpfung nie bis nach Europa vorgedrungen wäre. Darauf aufbauend konnte später die eigentliche Schutzimpfung gegen Pocken entwickelt werden, bei der Menschen mit harmlosen Kuhpockenviren infiziert werden.

(U. A.)