INTERVIEW

- 14.02.2021

Interview mit einem Vertreter des Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum zum hundertsten Jahrestag der Zerstörung des Kalifats – Teil 1

Bei dem folgenden Interview handelt es sich um den ersten Teil einer Interviewreihe anlässlich des hundertsten Jahrestages der Zerstörung des Kalifats. Die Interviews sind Teil der globalen Kampagne von Hizb-ut-Tahrir, die ins Bewusstsein rufen soll, dass es sich bei dem Kalifat um ein vitales Interesse, ja um die Schicksalsfrage der Umma handelt. Die Kampagne soll einen Impuls aussenden und bei den Muslimen das Bestreben wecken, sich nach Kräften für die Wiedererrichtung des rechtgeleiteten Kalifats einzusetzen.

 

Kalifat.com: As-salamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuh. Herzlich willkommen Bruder. Normalerweise würde ich jetzt meine Freude ausdrücken, dich wieder bei uns begrüßen zu können, doch ich muss zugeben, dieses Mal sind meine Gefühle etwas gespalten. Denn der Anlass unseres heutigen Interviews ist der hundertste Jahrestag der Zerstörung des Kalifats – vielleicht das dunkelste Kapitel der islamischen Geschichte. Gleichwohl freue ich mich auf die Perspektiven, die unser Gespräch eröffnen wird inscha Allah.

Mediensprecher: Wa aleykum us-salam wa rahmatullahi wa barakatuh. Vielen Dank für die Einladung, lieber Bruder. Natürlich steht dieses Datum für ein schmerzliches Gedenken, daher kann ich deine gemischten Gefühle sehr gut nachvollziehen. Nichtsdestotrotz ist es von zentraler Bedeutung, sich gerade mit diesem bitteren Ereignis auseinanderzusetzen und dieses zu reflektieren. Ein solcher Reflektionsprozess stellt die Grundvoraussetzung für die Umma dar, die eigene Situation zu begreifen und hierauf danach zu streben, erneut jenen Platz einzunehmen, der dieser Umma gebührt. Vergessen wir nicht, dass Allah (swt) sagt:

﴿كُنْتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ

Ihr seid die beste Gemeinschaft, die je den Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet das Rechte und verbietet das Unrecht und glaubt an Allah. (3:110)

Es ist dieser Anspruch, dem wir gerecht werden müssen. Der Anspruch die führende Nation zu sein, die der Menschheit den rechten Weg weist und sie vor dem Verderben bewahrt, das heute allgegenwärtig ist.

Kalifat.com: Vielen Dank für diese einleitenden Worte. Ich möchte zunächst aber noch einen Schritt zurückgehen und auf das Ereignis – also die Zerstörung des Kalifats – etwas stärker fokussieren. Wie die meisten wissen, wurde am 28. Rağab 1342 n. H. das Kalifat durch den Verräter und kāfir Mustafa Kemal offiziell abgeschafft und durch einen laizistischen Nationalstaat – die türkische Republik – ersetzt. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis für uns?

Mediensprecher: In erster Linie ist das islamische Regierungssystem zerstört und damit die gesellschaftspolitische Umsetzung der šarīʿa außer Kraft gesetzt worden. Die Umma befindet sich damit seit 100 Jahren in einem Versäumniszustand, denn Allah (swt) hat sie dazu verpflichtet, einen Kalifen aufzustellen, der die Angelegenheiten der Menschen nach Seinen Ge- und Verboten regelt – also mit dem regiert, was Allah (swt) offenbart hat. Die diesbezüglichen Texte sind eindeutig und die Gelehrten waren sich über den absoluten Pflichtcharakter des Kalifats stets einig. Durch ihre Ausführungen ließen sie keinen Zweifel daran, dass jeder Muslim sich dieser Pflicht auch bewusst sein muss. Ibn Taimiya sagte: Jeder muss wissen, dass die Betreuung des Volkes eine der größten Verpflichtungen darstellt. In der Tat kann der dīn nur durch das Kalifat etabliert werden. Ausgehend von dieser Perspektive müssen wir uns mit der Zerstörung des Kalifats auseinandersetzen und sämtliche Implikationen und Dimensionen müssen unter dieser Prämisse diskutiert werden.

Kalifat: Ok, du hast jetzt die islamrechtliche Dimension angesprochen. Welche gilt es noch zu beachten?

Mediensprecher: Die Zerstörung des Kalifats war natürlich ein hochpolitisches Ereignis, das die Weltordnung nachhaltig verändert hat. Uns sollte bewusst sein, dass der Islamische Staat seit der hiğra des Propheten (s) existierte und in all seinen Ausformungen, also auch im Staat der Omaijaden, Abbasiden und Osmanen, die politische Struktur der Umma verkörperte. Im Kalifat manifestierten sich sämtliche politische Handlungen, seien sie innen- oder außenpolitischer, sozial- oder wirtschaftspolitischer Natur – im Grunde also alles, was einen Staat ausmacht. Es war ein ideologischer Staat, der die islamische Weltanschauung politisch etabliert, oder, anders ausgedrückt, die šarīʿa praktisch und vollumfänglich angewendet hat. Eine solche Struktur stellt die Grundvoraussetzung für die politische Handlungsfähigkeit der Umma dar.

Kalifat: Also keine Politik ohne Staat?

Mediensprecher: Jawohl, wenn es um kollektive Interessen geht, den Einfluss auf die internationale Politik, um zwischenstaatliche Beziehungen und darum, die globale Ordnung zu gestalten oder sogar zu dominieren, dann ist die staatliche Verfasstheit einer Nation die Grundvoraussetzung. Es geht also nicht um Individuen, politische Parteien oder Bewegungen, sondern um die politische Existenz einer ganzen Nation. Alle Akteure, die politische Wirkmechanismen tatsächlich begreifen, streben stets danach, ihre Ideen in eine ausführende Struktur zu überführen; in eine Struktur, durch die sie ihre politischen Aktivitäten auf die Metaebene heben können. Als Hizb-ut-Tahrir sind wir bereits jetzt – auch ohne Staat – politisch aktiv. Das stimmt. Aber unsere Arbeit zielt ja gerade darauf, diese zwingende Voraussetzung zu schaffen.

Kalifat.com: Das klingt etwas abstrakt und theoretisch. Wie sieht das in der Praxis aus?

Mediensprecher: Im Grunde geht es um das Verhältnis zwischen politischer Philosophie und politischer Handlung, zwischen Theorie und Praxis. Um mal ein konkretes Beispiel zu nennen: Was wäre Marx ohne Lenin? Der Sozialismus ohne die Sowjetunion? Marx und Engels haben die politische Philosophie entwickelt, sind aber über dieses Stadium nie wirklich hinausgekommen. Erst durch die Bolschewiki, die Oktoberrevolution und die politische Machtergreifung konnte diese Ideologie ihre gesamte Wirkkraft entfalten. Während Marx im politischen Exil dahinvegetierte, betraten seine geistigen Nachkommen als Staatsführer die politische Weltbühne. Aber auch der sogenannte Westen konnte nur deswegen aufsteigen, weil die Ideen der Aufklärung in staatliche Strukturen überführt wurden. Damit Ideen die Welt verändern, müssen sie sich auf gesellschaftspolitischer Ebene widerspiegeln, nicht nur in Einzelpersonen oder Gruppierungen. Das hierfür eindrucksvollste und für uns normativ bindende Beispiel ist natürlich der Prophet Muḥammad (sas), der den Islam nicht nur Individuen ans Herz legte, sondern ihn vollumfänglich zur Anwendung brachte. Die hiğra und die Gründung des Islamischen Staates in Medina zeigen in aller Deutlichkeit, dass der Islam nicht nur eine theoretische Anschauung vermittelt, sondern über eine konkrete Lebens- und Gesellschaftsordnung verfügt. Es war diese vollumfängliche Anwendung des Islam – im Rahmen staatlicher Strukturen – durch die sich eine unglaubliche Dynamik entwickelte und der Islamische Staat innerhalb kürzester Zeit zu einem Schwergewicht der internationalen Politik wurde und zur unangefochtenen Weltführungsmacht aufstieg. Egal in welcher Epoche, solange die Umma über staatliche Strukturen verfügte, war sie handlungsfähig und konnte ihren Interessen Nachdruck verleihen. Das müssen wir begreifen, um tatsächlich zu verstehen, was für ein massiver Einschnitt die Zerstörung des Kalifats darstellte und bis heute darstellt. Die katastrophalen Folgen sind ja nicht zu übersehen.

Kalifat.com: Du sprichst von katastrophalen Folgen. Kannst du das etwas ausführen?

Mediensprecher: Zunächst muss uns bewusst sein, dass die Abschaffung des Kalifats nicht das Ergebnis eines sterilen politischen Prozesses war – eine friedliche Reform etwa, die die Menschen von einer Gesellschaftsform in die andere überführte. Vielmehr war es ein Gewaltakt und das Ergebnis eines feindlichen, kolonialistischen Komplotts, das vor allem von Großbritannien und Frankreich gesteuert wurde. Denn diese beiden Staaten standen dem Osmanischen Kalifat nicht nur als direkte Kriegsparteien gegenüber, sondern wendeten auch hybride Strategien an. Sie gründeten und unterstützten oppositionelle Gruppen, die im Osmanischen Staat nationalistisches und faschistoides Gedankengut verbreiteten und dadurch einen inneren Zersetzungsprozess forcierten. Großbritannien machte es sich zur Aufgabe, Kurden, Araber und Türken gegeneinander auszuspielen, Frankreich setzte vor allem auf christlichen Separatismus in der Levante und dem zaristischen Russland gelang es, christlich-orthodoxe Minderheiten gegen das Kalifat in Stellung zu bringen. In der Konsequenz war es dieses tribale und völkische Denken europäischer Prägung sowie die aktive Anstiftung zur Rebellion, die zu Massakern, Vertreibungen und ethnischen Säuberungen mit unzähligen Toten führte. Menschen, die jahrhundertelang friedlich unter dem Banner des Kalifats zusammenlebten, wurden zu Feinden gemacht und fielen übereinander her. Historikern zufolge starb in dieser Phase ein Viertel der Gesamtbevölkerung des einstmaligen Weltreiches – nicht nur durch direkte Gewalteinwirkung, sondern durch die Verwerfungen insgesamt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Grundversorgung durch diese zahlreichen Konflikte vollständig kollabierte und Menschen Hungersnöten und Seuchen massenweise zum Opfer fielen. Im Grunde wurde die ganze Gesellschaft gesprengt, um auf diesem Trümmerhaufen den Nahen und Mittleren Osten neu ordnen zu können. Der ungläubige Verräter Mustafa Kemal war in diesem Zusammenhang nur ein Vollstreckungsgehilfe westlicher Kolonialpolitik, die bis zum heutigen Tage nachwirkt.

Kalifat.com: Da du die Nachwirkung der Kolonialpolitik ansprichst; kann man sagen, dass die heutigen Konflikte in der islamischen Welt auch eine Folge der Zerstörung des Kalifats sind?

Mediensprecher: Absolut, die gegenwärtige Ordnung in der islamischen Welt ist auf dem kolonialen Reißbrett entstanden. Wir sehen über 50 Nationalstaaten, die weltpolitisch unbedeutend und in großen Teilen dysfunktional sind. Das Einzige wofür diese Staaten gut sind, ist die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung. Es handelt sich also um Unterdrückungsinstrumente, die den erneuten Aufstieg der Umma verhindern und die politische Spaltung aufrechterhalten sollen. Auf horizontaler Ebene geschieht dies durch Abgrenzungsmerkmale, die konstruiert und durch nationale Identitäten formalisiert wurden. Mir kann doch niemand erzählen, dass es so etwas wie ein jordanisches Volk gäbe, dass sich in nennenswerter Weise von einem vermeintlich irakischen oder palästinensischen Volk unterscheidet. Und auch die Vorstellung, dass die Ethnie oder Sprache wesentliche Abgrenzungsmerkmale darstellen würden, ist eine Entlehnung aus der europäischen Kultur und Weltanschauung. Natürlich versteht der Islam zum Beispiel auch phänotypische und andere Merkmale als Teil der Schöpfung – für die Abgrenzung politischer Identitäten legt er jedoch völlig andere Maßstäbe an. Das, was für uns den Menschen ausmacht und Menschen miteinander verbindet, sind ihre Ideen und Vorstellungen über das Leben. Ein Araber, ein Kurde oder ein Türke sind Teil ein und derselben Volksgemeinschaft bzw. Nation, wenn sie das islamische Überzeugungsfundament, die ʿaqīda, verinnerlicht haben; und sie sind Teil einer anderen Nation, wenn sie einer anderen Überzeugung anhängen. Wir operieren also nicht mit dem europäischen Volksbegriff, der auf kulturhistorische, ethnische und geographische Merkmale abstellt.

Kalifat.com: Gut, aber was haben diese Merkmale oder Identitäten mit Konflikten zu tun?

Mediensprecher: Das liegt auf der Hand! Schau dir doch mal das sogenannte Kurdenproblem an. Durch die Verschiebung dieser Maßstäbe und die Übernahme des europäischen Volksbegriffs entfremdeten sich Menschen, die sich über Jahrhunderte als Brüder und Teil einer einzigen Gemeinschaft begriffen haben. Wenn Blut und Boden im Zentrum stehen, sind Konflikte dieser Art vorprogrammiert. Und hier möchte ich noch einen weiteren Aspekt ansprechen, der ungemein wichtig ist. Das Kalifat bietet als politische Struktur nicht nur einen gemeinsamen Rahmen für Muslime, sondern auch für Menschen mit anderen Bekenntnissen, die als Bürger im Islamischen Staat leben. Denn der Islam verlangt von ihnen nicht, sich mit einer sogenannten Leitkultur, der Verfassung oder mit den Werten der Mehrheitsgesellschaft zu identifizieren. Entscheidendes Kriterium ist das Verhalten – solange sie die öffentliche Ordnung achten, sind sie Schutzbefohlene, denen in bestimmten Bereichen sogar Sonderrechte und judikative Strukturen gemäß ihrer eigenen Glaubensordnung zugestanden werden. Während sich Muslime im Kalifat also ungeachtet ihrer Herkunft oder Sprache als Teil einer Umma begriffen und in Frieden mit Menschen anderen Glaubens zusammenlebten, sehen wir heute überwiegend Hass und Gewalt zwischen den sogenannten Völkern in der islamischen Welt.

Kalifat.com: Du hast von Konflikten auf der horizontalen Ebene gesprochen. Gibt es auch eine vertikale Konfliktline?

Mediensprecher: Ja, die gibt es. Denn die politische Organisation in Form von Nationalstaaten führt nicht nur zu horizontalen Bruchlinien, sie bildet auch eine Struktur zur Unterdrückung und Bekämpfung religiöser Weltanschauungen. Dem modernen Nationalstaat geht ja ein spezifischer und historischer Entstehungskontext voraus.

Kalifat.com: Du sprichst von der Aufklärung?

Mediensprecher: Richtig, in Europa ging es ja darum, den gesellschaftspolitischen Einfluss des Christentums zurückzudrängen und in eine, wie auch immer geartete, private Sphäre zu verbannen. Der Nationalstaat ist also eine politische Struktur, der zwangsläufig eine säkulare und in diesem Sinne religionsfeindliche Weltanschauung zugrunde liegt. Durch die säkulare Neuordnung der islamischen Welt wurde diese vertikale Konfliktlinie – also das Spannungsverhältnis zwischen Staat und religiöser Bevölkerung – in die islamische Welt exportiert und institutionalisiert. Vor diesem Hintergrund möchte ich meine Formulierung verstanden wissen, dass es sich bei den Nationalstaaten in der islamischen Welt um Unterdrückungsinstrumente handelt, die den Aufstieg der Umma zu verhindern suchen. Konkret äußert sich das in der Bekämpfung des Islam bzw. jener Bevölkerungsteile und Gruppierungen, die die säkularen Ordnungssysteme ablehnen und nach einer fundamentalen Umgestaltung streben. Proteste, Aufstände und Revolutionen – wie wir sie zuletzt im arabischen Frühling gesehen haben – sind Entladungen dieses Spannungsverhältnisses und in diesem Sinne nur die logische Konsequenz einer oktroyierten Nachkriegsordnung, die im diametralen Gegensatz zu unserer Kulturhistorie, Identität und Lebensweise steht. Deine eingangs gestellte Frage, ob die gegenwärtigen Konflikte in der islamischen Welt auch auf die Zerstörung des Kalifats zurückzuführen sind, möchte ich daher noch einmal mit einem klaren „Ja“ beantworten!

Kalifat.com: Das klingt alles sehr einleuchtend, aber ich vermisse einen Aspekt, der in deiner Analyse bisher kaum vorkommt – die westliche Interventionspolitik. Gibt es hier auch einen Zusammenhang?

Mediensprecher: Das ist ein guter Punkt. Natürlich steht die westliche Kolonialpolitik im elementaren Zusammenhang mit der Zerstörung des Kalifats und der anschließenden Umgestaltung der islamischen Welt – das hatte ich bereits angesprochen. Darüber hinaus müssen wir aber sehen, dass die Kolonialstaaten die Region nach Vollendung ihres Komplotts und der Etablierung säkularer Nationalstaaten nicht einfach verlassen haben; eine sogenannte Dekolonialisierung hat also nie wirklich stattgefunden. Bis heute pflegen Staaten wie Frankreich, Großbritannien und natürlich auch die USA enge Beziehungen zu unterschiedlichen Bewegungen, Parteien und Herrschern in der islamischen Welt. Und damit das klar ist; ich rede hier nicht von Beziehungen auf Augenhöhe, sondern von ausgeprägter Dominanz und Abhängigkeitsverhältnissen. Die westlichen Staaten betrachten ihre „Verbündeten“, wie es immer so schön heißt, im Grunde als Proxys, als Handlanger, um ihre eigenen geopolitischen und ökonomischen Interessen zu verwirklichen. Über die personelle Ebene hinaus verfügen diese Staaten über Instrumente und Strukturen, durch die sie ihre Dominanz in den jeweiligen Einflusssphären aufrechterhalten. Das reicht von bilateralen Handelsabkommen und wirtschaftlichen Vertragswerken über politische Dialogformate bis hin zu strukturellen Verflechtungen auf sicherheitspolitischer Ebene, also durch nachrichtendienstliche Verkoppelungen, militärische Rüstungs- und Verteidigungsabkommen sowie durch direkte Militärpräsenz in den zahlreichen Stützpunkten und Häfen in der islamischen Welt. Auch auf kultur- und bildungspolitischer Ebene sehen wir in Form von Universitäten, NGOs, Think Tanks und parteinahen Stiftungen eine extreme Präsenz westlicher Institutionen; die das Ausmaß der kulturellen Hegemonie klar vor Augen führen. Und um noch etwas deutlicher auf deine Frage einzugehen, will ich erneut die Unterscheidung von horizontalen und vertikalen Konfliktlinien bemühen. Denn hinter zwischenstaatlichen Konflikten oder Auseinandersetzungen der verschiedenen Ethnien stehen in der Regel Machtkämpfe westlicher Staaten, die zuweilen direkt intervenieren oder ihre jeweiligen Handlanger mit strategischer Beratung, Finanzmitteln und Waffenlieferungen unterstützen. Beispiele hierfür sind der erste Golfkrieg, die sogenannte Kurdenfrage oder die Abspaltung des Südsudan. Aber auch in vertikalen Konflikten, also bei der Niederschlagung islamisch motivierter Aufstände oder Revolutionen, erhalten die säkularen Unterdrückungsregime umfassende Unterstützung. Während der Westen zu Anfang des arabischen Frühlings noch bemüht war, einen demokratischen Umbruch herbeizureden, unterstützte er schließlich die brutale Niederschlagung der Revolutionen – insbesondere in Ägypten und Syrien -, da sich dort ein islamisches Potenzial bildete, das die säkulare Ordnung umzuwerfen drohte. Zusammenfassend muss also konstatiert werden, dass auch die westliche Interventionspolitik eine Folge der Zerstörung des Kalifats und der darauffolgenden Neuordnung der islamischen Welt ist. Sämtlichen Konflikten, Verwerfungen und aggressiven Fremdeinwirkungen können wir effektiv nur etwas entgegensetzen, wenn wir unsere politische Handlungsfähigkeit in Form eines Kalifats wiedererlangen. Ein Kalifat, das sich bedingungslos für die Interessen der Umma einsetzt und sich der Worte des Gesandten (s) würdig erweist:

«إِنَّمَا الْإِمَامُ جُنَّةٌ، يُقَاتَلُ مِنْ وَرَائِهِ، وَيُتَّقَى بِهِ»

„Der Imam ist ein Schild. Man kämpft hinter ihm und schützt sich durch ihn.“ (Von Muslim überliefert)

Kalifat.com: Vielen Dank, lieber Bruder. Ich denke, wir können das als Schlusswort für unser heutiges Interview stehen lassen. Die Leser möchte ich noch darauf hinweisen, dass wir unser Gespräch zeitnah fortführen werden, um weitere Aspekte zu reflektieren, die im Zusammenhang mit der Zerstörung des Kalifats stehen. In diesem Sinne verabschiede ich mich und freue mich auf unser nächstes Treffen.

Wa-s-salāmu ʿaikum wa raḥmatullāhi wa barakātuh!

 

Weiter zu Teil 2:

Interview mit einem Vertreter des Medienbüros von Hizb-ut-Tahrir im deutschsprachigen Raum zum hundertsten Jahrestag der Zerstörung des Kalifats – Teil 2